Iran Nr. 3

Aus der Feder von Chris:

9.12.

Was war ich froh, dass wir das mit der sternenklaren Nacht in der Wüste doch noch hinbekommen haben, denn die Jule hat schon die ganze Zeit davon geschwärmt wie gern sie das erleben würde. 🙂

Der kalte Morgen danach war leider weniger erfreulich. Bei einer solchen Kälte macht das Frühstücken einfach keinen Spaß: Es frieren einem bald die Finger ab, das Wasser ist so kalt, dass die Zähne wehtun und die Gaskartuschen können das teilweise gefrohrene Wasser kaum erwärmen. Zu allem Überfluss hatten wir nicht einmal genügend Brot dabei.

Unsere Drahtesel haben wir dann dennoch bestiegen und die relativ menschenleere Steppe (andere mögen es Wüste nennen) entschädigte für das karge Morgenmahl. Nur ab und an begegnete uns ein LKW, während wir auf der immer besser werdenden Schotterstraße unterwegs waren. Dann schließlich kamen wir zu einem Bautrupp, hinter dem die geteerte Straße anfing. Eines Tages wird wohl auch die restliche Piste befestigt sein und der Verkehr auch durch diese Gegend rollen. Bis dahin kann allerdings noch eine gewisse Zeit vergehen, denn die Bauarbeiten schreiten recht langsam voran, zumindest deutet der geteerte Teil der Straße darauf hin, da dieser vom ersten Kilometer an schon wieder mit Löchern durchsetzt ist.

Die Straße führte uns lange Zeit vorbei an einem riesigen Salzsee, an verlassenen Häusern und an viel Nichts. So leer wie die Gegend waren auch unsere Mägen, denn außer ein paar Keksen konnten wir ihnen Leider nichts anbieten. Nach insgesamt 58 Kilometern sind wir dann endlich in Varzaneh angekommen. Das war der erste Ort seit über 100km und er hatte auch gleich eine Imbissbude, wo wir uns mit Falafel und Pizza eindeckten. Mit gefüllten Mägen sind wir dann locker flockig weitergeradelt. Mittlerweile gab es auch wieder mehr Verkehr und grüßende Menschen um uns herum.

Heute sollte dann auch endlich einmal der große Tag sein, an dem wir in einer Moschee übernachten wollten. Wir hatten schon so oft gehört, dass diese Gotteshäuser auch Reisende aufnehmen würden. Wir hatten allerdings keinen Erfolg. Es versammelte sich zwar ein beachtliche Anzahl an Menschen um unser herum, die Räume blieben aber verschlossen. Stattdessen lud uns eine der herumstehenden Personen zu sich nachhause ein. Wie sich später herausstellen sollte, war es nicht sein Haus, sondern dass seines Schwagers. Wir haben natürlich trotzdem dankend angenommen. Sogleich wurde noch die Schwiegermutter herbeigeholt, die auch für uns kochte. Besonders interessant war, dass sie auch in der Wohnung den Tschador (der traditionelle schwarze Umhang) anbehielt. Wir hielten uns dementsprechend ebenfalls mit dem entledigen der Kleidungsstücke zurück und das obwohl unsere Gastgeber die Räumlichkeit wirklich beachtlich einheizten. Nach gefühlten 100 Tassen Tee und einem regen Austausch mittels der mitgebrachten Farsi – Deutsch-Vokabelliste, ging es mit über 100km Radstrecke in den Beinen, ins Bett.

10.12.

Heute also der letzte Radtag in diesem Jahr, an dessen Ende wir immerhin auf 68km kommen sollten. Erstmal galt es allerdings etwas für das Fotoalbum zu tun, denn schließlich hatten wir unseren 5000. Kilometer absolviert. Schon Mittags erreichten wir Esfahan, die mit 2 Millionen Einwohnern drittgrößte Stadt des Irans. An einer Ampel wurde ich von Jule und Marcel getrennt. Als ich wieder herankam, quatschten die Beiden mit einer Frau, was im Iran absolut nichts unübliches ist. Als ich dann allerdings noch näher heran kam, sah ich, dass unter dem Kopftuch Jules Mutter Britta steckte. Sie ist uns extra besuchen gekommen und wird uns die kommende Woche begleiten.

Als erstes rollen wir zu ihrem Hotel, welches sich auf der anderen Straßenseite befindet. Aufgrund der schwierigen Bebauung, müssen wir mit unseren Rädern aber einen kleinen Bogen machen. Als wir vor dem Hotel ankommen, steht Britta immer noch auf der anderen Straßenseite. Wir müssen lachen, denn so haben wir im Iran auch angefangen. Man muss lernen, dass man hier eben nicht wartet bis der Verkehr abreist oder ein Auto anhält um einen über die Straße zu lassen, denn beides wird nicht passieren. Stattdessen muss man einfach selbstbewusst und in konstanten Tempo über die Straße gehen, sobald es eine kleine Lücke gibt. Die Autos und Motorräder bremsen dann schon. Britta wird diese Lektion bereits am ersten Tag lernen. Fürs erste holt Jule ihre Mutter aber noch von der anderen Straßenseite ab, um sie mit hinüber zu nehmen.

Unser Besuch hatte auch dringend erwartetes Material mit. So konnten wir mal wieder eine richtige Brotzeit machen mit veganen-bio-Aufstrichen, Brot und Brötchen sowie selbst gebackenen Keksen. Richtig Klasse! Vielen Dank dafür! 😉

Nach dem Essen gab es erst einmal einen kleinen Stadtspaziergang zum angeblich zweitgrößten Platz der Welt. Eingerahmt wird dieser von herrlich verzierten Häuserzeilen, in denen sich eine Menge Verkaufsstände befinden. Aber nicht nur das. Der Platz scheint auch ein Magnet für zahlreiche Touristen zu sein. So habe wir u.a. eine Frau, die wir in Yazd kennengelernt hatten, wiedergetroffen und den griechischen Reiseradler Konstantin kennengelernt, von dem uns bereits unser Host in Tabriz berichtet hatte. Während ich noch mit dem Pedaleur quatschte besichtigten die anderen drei eine anliegende Moschee, in der sie die Japaner sahen, die wir sowohl in Trabzon, als auch in Yazd getroffen hatten. Wie klein ist doch die Welt?!

Konstantin ist ein außergewöhnlicher Reiseradler. Trotz seiner geschätzten 60 Jahre begibt er sich alleine auf einem Zweirad in Richtung Indien und das mit einem herkömmlichen Rad für schlappe 300€!!! Besonders unfair: Mit seinem billigen Fahrrad hatte er bislang keinerlei Problem. Nicht zu fassen.

Abends ging unsere Reisegruppe dann getrennte Wege. Während Jule und Britta im Hotel eincheckten, suchten Marcel und ich unseren Host (Mehmet) auf. Schnell hatten wir ihn gefunden, doch wir mussten erfahren, dass wir nicht bei ihm, sondern bei einem Kumpel (Ali) übernachten würden. Auch wohnt dieser nicht in der Nähe des Treffpunktes, sondern 5km den Berg rauf. Wir haben also unsere Räder nach oben gebuckelt während die beiden Hosts Taxi gefahren sind.

Ali zeigte uns im Laufe unseres Aufenthalts seine Bilder, die er gemalt hat. Viele dieser Werke verkauft er wohl auch als Zuverdienst zu seinem Studium (Teppichdesign). Nach einigen netten Gesprächen ging es für uns ab in die Heia.

11.12.

Große Städte und Sightseeingprogramm, das ist so eine Sache mit Christian. Würde Jule jetzt schreiben, dann würden bestimmt detaillierte Bilder von wunderschönen Moscheen und Palästen in euren Köpfen entstehen. In der tat sind Gebäude wie die Blaue Moschee auch unglaublich aufwendig und schön verziert. Es ist wirklich spannend so etwas mal zu sehen und an einem Platz zu sein, der so viele Menschen von höchster Bedeutung ist. Bei Palästen aber schalte ich weitgehend ab. Für mich sind das ein paar protzige Hütten, die sich die reichen Herrscher einst hingestellt haben, während die Bevölkerung kaum genug zum Essen hatte. Das ist für mich in etwa so, als würde ich heute zu den Villen der Aldi-Familie Pilgern oder das Anwesen der kik-Manager besichtigen. Ihr mögt vielleicht lachen, aber ich bin mir absolut sicher, dass die Menschen in 100 Jahren eben das machen werden.

Zum Mittag Essen hat uns Britta heute in ein traditionell iranisches Restaurant eingeladen, welches interessanter Weise sogar einen Weihnachtsbaum besaß. Das Essen war gut und den Deutschen Gästen wurde auch gleich eine Deutsche Fahne auf den Tisch gestellt.

Am Abend sind Marcel und ich mit unseren Hosts durch die Straßen gezogen. Folgt man ihnen nur 15 Minuten, so drängt sich bereits das Gefühl auf, dass Mehmet und Ali in Esfahan ungefähr die Hälfte der Menschen kennen. Überall halten sie einen kurzen Plausch und quatschen mit den Leutchen, die wohl vornehmlich Künstler sind.

12.12.

Heute ist wieder nichts spannendes passiert bei Marcel und mir. Einzig erwähnenswert ist, dass wir im Internet waren, weil das nicht alle Tage klappt.

Britta und Jule hatten da schon mehr Action, da sie noch einmal das Hotel gewechselt haben. Während wir Jule auf dem Fahrrad begleitet haben, hatte Britta noch eine ungewollte Stadtführung mit dem Taxi bekommen. Vielleicht wird Britta noch einen Gastbeitrag für unsere Homepage schreiben. Dann bekommt ihr einige Geschichten noch ausführlicher zu lesen, da die beiden Damen ja doch oft ein etwas anderes Programm als wir hatten.

Am Abend noch eine böse Überraschung. Mehmet, der inzwischen mit seinen Freunden nach Shiraz gefahren war, hat uns angerufen und gesagt, dass wir für die Übernachtungen Geld zahlen sollen an Ali. Das ist natürlich eine Unart, denn so etwas macht Plattformen wie Couchsurfing kaputt. Dazu wollten wir auf keinen Fall einen Beitrag leisten, was wir Ali (bei dem wir ja eigentlich übernachteten) auch klar machten. Er hatte damit kein Problem. Dennoch machte es die gute Stimmung zwischen uns etwas kaputt. Die letzten Tage waren eigentlich recht lustig und so hatte Ali unter anderem auch einige kleine Bilder extra für uns gemalt. Um uns dennoch irgendwie erkenntlich zu zeigen, haben wir ihm dann unsere Peace-Fahne dagelassen, welche den weiten Weg von Freiberg bis nach Esfahan zurückgelegt hatte. Ali, welcher selber mit vielen Peace-Symbolen hantiert, hat sich darüber auch sehr gefreut. Vielen Dank für die tolle Zeit!

Eine Geschichte bleibt noch, die zu unserem Host erzählt werden muss: Am ersten Abend hat er uns den Kreidekasten hingereicht und jeder durfte eine Farbe wählen. Dann hat er an seine Wand ein Rechteck gezogen und wir konnten frei drauf losmalen. Das ganze wurde noch signiert und fertig. 🙂

13.12.

Heute sollte es nun also mit dem Bus wieder nach Teheran gehen. Um Jules Mutter auch mal etwas anderes als immer nur die großen Städte zu zeigen, haben wir noch einen Zwischenstopp in Kashan eingelegt. Das Städtchen hat eine ähnliche alte Bausubstanz wie Yazd, hab ich mir von den Anderen sagen lassen. Gesehen habe ich das Städtchen nämlich nicht, da ich auf das Gepäck und die Räder auf dem Busterminal aufgepasst habe. War auch mal schön einige Stunden Zeit zum lesen und Postkarten schreiben zu haben.

Die Weiterfahrt nach Teheran war dann sehr staureich. Grund dafür war ein Feiertag, der dem Imam Hussein gilt, welcher vor vielen Jahrhunderten ermordet wurde und einer von 12 Nachfolgern Mohammeds ist. Ihm galten auch all die Schwarzen Trauerfahnen, welche wir während unserer Reise durch den Iran gesehen hatten.

In Teheran kamen wir dann auch sehr spät an und wurden am Busterminal von Ursula und Ali, bei denen wir die restlichen Tage verbringen sollten, in Empfang genommen. Ursula ist eine alte Freundin von Britta und vor mehr als 20 Jahren zusammen mit Ali (gebürtiger Perser) und den beiden Töchtern in den Iran ausgewandert.

Die Beiden hatten einen Pick-Up bestellt, auf den unsere Räder und das Gepäck verladen wurden. In einen weiteren Minibus wurden dann wir verladen. 🙂

Ali und Ursula haben uns eine Hälfte ihrer wunderschönen Wohnung zur Verfügung gestellt. Besonderes Highlight für den geplagten Radreisenden war eine europäische Toilette und eine Badewanne. Super Sache!

Da es schon spät war und am nächsten Tag die indische Botschaft auf uns wartete, ging es dann husch husch ins Bett.

14.12.

Die zweite Nacht in Folge viel zu zeitig aufstehen. Obwohl wir in Teheran ja fast schon U-Bahn-Profis sind, hat uns Ali bis zum Gleis gebracht. Das ist nur ein Beispiel der Fürsorglichkeit die uns in den nächsten Tagen noch zu Teil werden sollte. Es war fast ein bisschen wie Zuhause bei den Eltern und Großeltern. 🙂

Weniger fürsorglich ging es auf der indischen Botschaft zu. Es herrschte die gewohnt miserable Stimmung, ohne die Anscheinend keine Visa-Ausstellung abläuft. Immerhin bekommen wir heute ein festes Datum gesagt, wann unsere Visen abholbereit sind. Einziges Manko: Es ist nach unserem Abflug. Nach kurzen Verhandlungen können wir es aber wohl auch 2 Tage eher bekommen. In der Botschaft spricht Jule außerdem noch mit einem Niederländer der gleich wieder geht, als er hört wie schwierig man hier sein Visum bekommt.

Nachdem der wichtigste Tagespunkt absolviert ist, besorgen sich Jule und Marcel nach einer langen Odyssee durch die Stadt Bücher. Später gehen dann Ursula, Britta und Jule ins Juwelen-Museum, während Marcel und ich die alte Amerikanische Botschaft anschauen. Letztere wurde nach der islamischen Revolution (Ende der siebziger) besetzt und geschlossen. Heute verziert antiamerikanische Hetze die Botschaftsmauern. Allerdings hatten wir uns die deutlich umfangreicher vorgestellt. Da haben wir einige Male schon schlimmere Sachen gesehen.

Beim Kaffee trinken waren wir dann wieder vereint und hatten auch noch Zuwachs bekommen. Fatima hatte sich uns angeschlossen. Das junge Mädchen war sehr aufgeweckt und trug das Kopftuch kaum noch über den Haaren. Immer wieder rutschte es sogar komplett runter und das war nicht ungewollt.

Am Abend hat dann der liebe Ali für uns gekocht und wir haben zusammen gegessen.

15.2.

Keine 72 Stunden her und mir fällt auf Anhieb nicht ein was wir gemacht haben. Ah doch da kommt es. Ich hab nachts noch lange mit Zuhause geskypt. Lieben Gruß an die Mama und die Schwester. 🙂

Entsprechend lange hab ich dann auch am Morgen geschlafen und den Tag für Internetrecherche genutzt, was ich mir schon sehr lange vorgenommen hatte. War mal wieder richtig schön. Die anderen sind noch vor dem Sonnenaufgang aufgestanden und in Richtung der Berge aufgebrochen, die direkt an Teherans Norden angrenzen. Marcel und Fatima sind eine etwas größere Strecke gelaufen und wohl relativ einsam in den Bergen gewesen. Ab und an zeigen Totenkopfsymbole, dass die Strecke wohl recht gefährlich ist, was aber nicht stimmt. Ein Highlight war eine 200m Rutschpartie über den Schnee. Eine schöne Aussicht über Teheran hatten Fatima und Marcel aber wohl nicht, denn über Teheran lag eine riesige Smogwolke, die bloß bei Regen und Wind durchbrochen wird.

Jule, Ali und Britta sind auch ein Stückchen gewandert, aber nicht all zu viel. Sie hat es stattdessen auf den Basar gezogen. Am Abend haben die lieben dann berichtet, dass sie Jule fast verheiratet hätten. Das ist tatsächlich kein Scherz und war richtig ernst. Jedenfalls von der Partei des Mannes. Ein Ladenbesitzer auf dem Basar hatte anscheinend gegenüber Ali geäußert, das er Jule für seinen Sohn als passend empfinden würde. Eben jener wurde dann auch kurz hergewunken, ehe der Vater nach einer Minute seinen Sohn wieder weggeschickt hat, da er nicht so lange auf Jule schauen sollte. Es wurde noch geklärt, dass beide die Sprache des jeweils anderen binnen 3 Monaten lernen sollten und dann kann geheiratet werden. Letztendlich sind Britta, Jule und Ali dann aber doch gegangen. Die beiden Mädels hatten die Unterhaltung wohl nicht richtig verstanden und Ali hatte anscheinend Spaß daran, auch wenn er Jule natürlich niemals verheiratet hätte. Kann er auch nicht, denn sie muss ja schließlich noch ein bisschen mit uns radeln. Was dann in 5 Monaten passiert ist mir egal. 🙂

16.12.

Heute war nun also der große Tag des Visum Abholens. Das ganze hat dann auch ratzbatz und zügig geklappt. Einziges Manko wir haben nur 30 Tage Visa bekommen anstatt der beantragten 90 Tage. In der kurzen Zeit müssen wir auch noch das Myanmar-Visum beantragen und Besuch bekommen wir ja auch. Damit steht dann wohl auch fest, dass wir auch in Indien mal wieder den ÖPNV testen müssen. Besonders ärgerlich ist, dass es seit November in Indien ein Visa on arrivel für 30 Tage gibt. Wir hätten uns den ganzen Ärger mit der indischen Botschaft in Teheran also sparen können. Nun ja, so ist das Leben eben. Beeindruckend ist auch, dass die äußerst unfreundliche Dame, die die Visen bearbeitet sich innerhalb von zwei Wochen eine regelrechte Festung gebaut hat. War bei unserem ersten Besuch nur ein Fenster zwischen uns, hatte sie beim zweiten bereits ein Gitter davor und Tresen so vor das Fenster gestellt, dass nur noch eine Person durch den schmalen Gang nach vorne treten konnte. Bei unserem letzten Besuch wurde dann sogar noch das Gitter mit Papier abgeklebt, so dass man die Person mit der man redet nicht mehr sehen kann, außer wenn man sich bückt und durch einen Schlitz schaut. Unglaublich!

Die Botschaften haben aber auch einen Vorteil: Man trifft immer nette Reisende. Dieses Mal war es der Pedaleur Sascha, welcher gut einen Monat vor uns in Deutschland aufgebrochen ist. Er wartet bereits 4 Wochen auf sein Visum und war dementsprechend auch bereits ein wenig verärgert. Immerhin hat er nun die Zusage den Wisch 6 Tage später abholen zu dürfen. Sollte er ebenfalls bloß 30 Tage Visum bekommen, dann wird er wohl auch nach Kalkutta kommen und wer weiß, vielleicht pedalen wir dann ein wenig zusammen, denn auch Sascha würde gerne durch Myanmar radeln.

Wer mehr über Saschas Reise erfahren will, der kann das unter folgender Homepage tun:

www.saschasreise.wordpress.com

Nachdem wir das Visa nun in der Tasche hatten haben wir uns noch…

Wir unterbrechen den Beitrag für folgende Eilmeldung:

Ich sitze gerade im Flugzeug und die Dame mit dem Getränkewagen kommt vorbei. Sie bietet Saft, Tee und Wasser an. Auf meine Nachfrage hat sie aber tatsächlich auch ein Bier!!!!!!! BIER!!!!!! Wie lang musste ich warten um endlich wieder ein Bier genießen zu können? In Kars (Türkei) hatte ich den letzten Hopfenblütentee inhaliert und nun ist es wieder einmal so weit. Ein wirklich toller Moment, noch mit dem Flug und dem ganzen drum herum. 🙂

…mit Britta und Ursel auf einen Kaffee in der Stadt getroffen, 2Kg der legendären iranischen Pistazien gekauft und die letzte von vielen Falafeln im Iran reingepfiffen. Dann ging es mit dem Sammeltaxi für umgerechnet 20 Cent pro Person zurück zu unserer Unterkunft, dort hatte Ali überraschend bereits Reis und Kartoffeln zubereitet. Nun hat es sich gerecht, dass ich wie zuletzt üblich gleich 2 Falafeln genommen hatte. Aber ich hab mich natürlich dennoch tapfer geschlagen. 🙂

Für Jules Mutter hat sich an dem Abend auch noch ein lange gehegter Traum erfüllt und so konnte sie mit ihrer Tochter Doppelkopf spielen (Jule musste extra noch die Regeln lernen). Um 1:30 Uhr verabschiedeten wir dann Britta in Richtung Deutschland. Schön dass du da warst und unsere Reisegruppe bereichert hast! 🙂

Und noch mal vielen Dank, dass du die ganzen Wintersachen, die wir nun nicht mehr brauchen mitgenommen hast.

17./18.12.

Vormittags haben wir gemütlich rumgegammelt und dann sind wir noch einmal mit Fatima Mittag essen gegangen und zwar in ein vegetarisches Restaurant. Das ist in einem Fleischesserland wie dem Iran durchaus etwas besonderes. Neben gutem Essen hatten wir auch viele interessante Fragen auf dem Tisch. Eine war an uns gerichtet: „Würdet ihr, wenn ihr im Iran geboren seid, in dem Land bleiben oder ins Ausland gehen?“ Eine sehr schwierige Frage, die wir unmöglich beantworten konnten und können, da wir einen viel zu geringen Einblick haben in den Iran und das dortige Leben. Aber es ist eine Frage die viele junge Menschen umtreibt und bewegt. Auf der einen Seite lockt die große Freiheit. Auf der anderen Seite möchte man nicht alles aufgeben müssen. Wir sind sehr froh, dass sich uns eine solche komplizierte Frage nicht stellt.

Nach dem Essen ist vor dem Essen und so hat der liebe Ali schon wieder für uns alle gekocht und dieses mal Reis mit Omelett. Wir haben noch einige nette Gespräche und wir wären sehr gerne noch viel länger geblieben bei Ursula und Ali, denn wir haben die Beiden wirklich sehr lieb gewonnen, doch unsere Reise geht weiter und das ist ja auch schön. Vielen, vielen lieben Dank euch auch auf diesem Weg noch einmal! 🙂

Mit einem Minibus fahren wir zum Flughafen. Hier wird das einchecken und die ganzen Sicherheitskontrollen zu einer waren Geduldsprobe. Erst polstern wir die zerbrechlich Teile unserer Räder mit etwas Pappe und Panzertape. Anschließend heißt es anstellen in die ewig lange Schlange bei der ersten Sicherheitsschleuse. Fahrräder scheinen hier nicht all zu häufig vorbeizukommen, jedenfalls waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim einchecken überrascht, dass unsere Räder nicht extra kosten, sondern in die 30kg Freigepäck eingerechnet werden. 40€ mussten wir dann allerdings doch noch Löhnen für das einpacken der Fahrräder, welche in Folie eingewickelt wurden. Der Preis ist ok, dafür, dass wir die Räder mitnehmen können. Wir können die Fluggesellschaft Emirates für den Radtransport hiermit empfehlen.

Bei der vierten und damit letzten Sicherheitsschleuse mussten wir dann leider noch Jules Fahrradschloss zurücklassen. Es war für das Handgepäck leider nicht gestattet. Wird hatten das Schloss und fast alle anderen schweren Sachen überhaupt erst in das Handgepäck getan, damit wir unter den 30kg bleiben. Jedes weitere Kilo hätte sonst 20$ bedeutet.

Nichts desto trotz saßen wir dann rechtzeitig (4 Uhr nachts) im Flugzeug. Es war allerdings wirklich knapp und wir hatten die 5 Stunden, die wir auf dem Flughafen verbracht hatten, voll ausgereizt.

Außer nach Bulgarien bin ich generell noch nie geflogen und so ist das ganze Flughafenprozedere mit seinen startenden und landenden Flugzeugen schon etwas Besonderes für mich. Da fahren Tanklaster herum. Kleine Wägelchen holen Gepäck ab und bringen neues und generell herrscht reges Treiben. Vom Flugzeug aus sehen wir dann die Lichter, welche ganz klein am Boden zu sehen sind. Es ist wirklich überraschend wie viele Menschen überhaupt da unten wohnen, hatten wir doch den Eindruck, dass der Iran eher spärlich besiedelt ist.

Während wir durch die Dunkelheit fliegen und an den Lichtern von Esfahan vorüberziehen, gehen meine Gedanken zurück. Sie bleiben hängen bei den Menschen, die wir im Iran kennengelernt haben. Wir haben viele spannende Momente zusammen erlebt und von ihnen erfahren wie das Leben im Iran ist. Nun fliegen wir einfach davon und unsere neuen Freunde lassen wir zurück, wohl wissend, dass sie nicht einfach mit dem Flugzeug das Land verlassen können und das wir die Meisten von ihnen nicht mehr wiedersehen werden. Es ist ein seltsames Gefühl, welches sich nur schlecht in Worte fassen lässt und deswegen hier auch nicht wiedergegeben werden kann.

Nach etwa einer Stunde wird es am Horizont immer heller. Wir fliegen gleichzeitig immer noch über den Iran, der unter uns liegt und schwarz wie die Nacht ist. Wirklich atemberaubend das einmal so zu sehen. Dann taucht da plötzlich der persische Golf unter uns auf. Es wird heller. Wellen sind schemenhaft zu erahnen. Und dann sind da die ersten großen Boote und Ölplattformen. Wenig später taucht wie aus dem nichts die Küste Dubais mit ihren Wolkenkratzer auf. Im gleichen Moment sind da auch die kleinen Schäfchenwolken unter uns. Ein unfassbar geiler Anblick über die Häuser und die sechsspurig Straßen zu fliegen. Von oben kann man gut sehen, dass Dubai eine sehr junge und am Reißbrett geplante Stadt ist. Alles ist rechteckig und die Teerstraßen werden bereits lange vor den Häusern in den Wüstensand gesetzt. Einige dieser Straßen erobert sich die Wüste sogar schon wieder zurück.

Unser Flugzeug sinkt immer weiter und dann setzen wir in Dubai auf. Der Flughafen ist einfach nur gigantisch. Wir warten einige Stunden im Flughafen und nutzen die Zeit um zu schlafen und Bericht zu schreiben. Dann geht es in den zweiten Flieger. Leider haben wir nun Wolken und können nur gelegentlich sehen was unter uns vor sich geht.

In Kalkutta müssen wir dann noch lange warten, ehe unsere Fahrräder gebracht werden und wir mit Ebolatest und anderem Papierkram fertig sind. Als wir die Räder bekommen sind wir einigermaßen schockiert, denn bei Marcel ist ein Lenkerhörnchen abgeschliffen. Jules Rad hat es sogar noch härter erwischt. Ihr Lenkerhörnchen wurde beim Flug abgebrochen. Gut es hätte schlimmer kommen können, aber mit kaputten Lenkerhörnchen hatten wir einfach nicht gerechnet, dafür hatten wir etliche andere Teile gut abgepolstert.

Nachdem wir alles beisammen haben, kümmern wir uns um den Transport zu unserem Hotel. Da dieses 16km entfernt liegt, es bereits Nachts ist und wir eine gehörige Portion Respekt vor dem Straßenverkehr in der 4,5-Millionen-Einwohnerstadt haben, wollen wir nicht radeln. Der Zug nimmt leider keine Fahrräder mit und auch in die Taxis passen die Räder nicht hinein. Kurzerhand wird ein Jeep herbeigeholt, welcher auch zu klein ist. Anschließend rollt ein kleiner Pick-Up vor, wo dann tatsächlich alles verstaut werden kann. Der Beifahrer und Marcel sogar auf der Ladefläche. Das Gefährt rollt an und nach 100m ist Schluss. In der Mitte der dreispurigen Straße gibt der Pick-Up den Geist auf. Nach einer ganzen Weile rollt das Gefährt wieder und wir kommen, unverschämte 40€ ärmer, am Hotel an, wo uns Jules, Paulina und Katharina in Empfang nehmen.

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29.11. bis 08.12. – Iran Nr. 2

Und nach dem schon bekannten Prinzip ist jetzt Jule wieder dran =)

Falls ihr euch diese Frage übrigens stellt: es ist immer sowohl Pflichtübung als auch Vergnügen, mit dem Blogschreiben dran zu sein. Einerseits haben wir so unglaublich viel um die Ohren, dass es immer ein wenig belastet, abends dann auch noch den Bericht zu tippen. Außerdem möchte ich auf dieser Reise gern so wenig Kontakt mit den technischen Errungenschaften unserer Zivilisation haben wie möglich, und das gelingt überhaupt mal gar nicht. Nicht mal ein bisschen.

Aber andererseits macht es sehr viel Spaß, die Erlebnisse, Eindrücke, Gefühle, die hier immer über einen hereinbrechen, in Worte zu gießen und seine Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Mittlerweile haben wir schon von einer wirklich erstaunlichen Zahl begeisterter Blog-Leser gehört und geben uns deswegen NOCH mehr Mühe, euch unsere wilde Fahrt ein wenig nach Hause zu bringen.

Dort, wo FOTO steht, wird dann in Zeiten besseren Internets (Dubai Flughafen?!) mal ein Bild hochgeladen, und dann bekommt ihr auch Fotos auf die flickr-Seite.

29.11.

So, wo waren wir? Richtig, wir sind in Teheran, bei unserem Host (…. hmmm, wie hat ihn Christian aus Sicherheitsgründen genannt?… aaah Ali, also bei unserem Host…) Ali. Er muss heute zur Arbeit (er ist Geologie-Ingenieur und arbeitet an der Uni) und steht so früh auf, dass wir das gar nicht wahrnehmen. Wir frühstücken dann zusammen eine der interessanten Varianten des iranischen Brotes, und dann tingeln Marcel und ich wieder zur Metro und in die Innenstadt. Christian braucht Zeit im Internet und bleibt daheim. Die Metro ist ein Segen für diese Stadt, die durch den Autoverkehr und eben die uralten Autos als eine der verschmutztesten der Welt gilt. Die Luft ist tatsächlich widerlich, aber weil es gestern noch geregnet hat, geht es heute ganz gut. Und für zB 9 km Innenstadtfahrt sind wohl 4 bis 5 Stunden im Stau keine Seltenheit, wenn man in die Rushhour kommt. Daher ist die vor zehn Jahren eröffnete und sich immer noch im Ausbau befindliche U-Bahn ein großer Segen- und tierisch voll. So voll, dass man auch manchmal trotz Hochdruckschiebens nicht rein- oder rauskommt. Wahnsinn.

Marcel und ich wollen gern zum Nationalmuseum und werden im Zug gleich von einem jungen Mann angesprochen, der total begeistert von uns Touris ist. Er muss zur gleichen Haltestelle, meint er, und wir unterhalten uns sehr nett. Als er sich dann jedoch nach dem Aussteigen zur Uni verabschiedet (wobei er wirklich ernsthaft tierisch geknickt ist, dass er den Tag nicht mit uns verbringen und uns herumführen kann), merken wir, dass wir besser noch ein paar Haltestellen weiter gefahren wären. Das tun wir dann nochmal, und steigen irgendwo anders in diesem Monster von Stadt wieder aus dem Untergrund. Wissen natürlich überhaupt nicht, wo wir sind. Und gehen mal drauf los, zum Museum. Nette junge Mädels weisen uns den Weg und wir gehen in ein Gebäude, das wir für das Nationalmuseum halten, das sich jedoch als Museum für persische Kalligraphie und Kunst entpuppt. Ha, da bin ich glücklich! Das ist genau das, was mich an der persischen Sprache am meisten fasziniert, und ich bin ganz aus dem Häuschen über all die handgemalten und in ewiger Feinstarbeit erstellten Korane und Briefe. Herrlich! Eine junge Frau nimmt sich unserer an und zeigt uns das Museum auf Englisch, weil sie einfach Lust auf Touristen hat. Danach zeigt sie unseren hungrig gewordenen Körpern eine Falafelbude (unsere Ernährung ist wegen der krassen Fleischlastigkeit der iranischen Küche sehr einseitig, wenn wir auswärtig essen) und übernimmt auch noch die Rechnung für uns- und dann bringt sie uns zum richtigen Nationalmuseum und geht auch noch mit uns rein, obwohl sie da schon gewesen ist! Das Nationalmuseum bringt dann noch die richtige Portion persische Geschichte mit und zufrieden und glücklich können wir uns wieder auf den Heimweg machen. Vor der U-Bahn merken wir, dass die junge Frau zu der gleichen Haltestelle muss, also fahren wir zusammen. Als wir sie dann nur kurz fragen, wo denn dort ein Copy-Shop sein könnte, läuft sie mit uns noch einmal 20 Minuten durch die Kante, um einen zu finden (wir müssen Dokumente zum Beantragen des Indien-Visums kopieren). Und als Marcel dann auf dem Heimweg noch kurz fragt, ob sie wüsste, wo er mal zu einem echten Barbier könnte, um sich den Bart rasieren zu lassen, da bringt sie uns dort auch noch hin und wartet mit mir auf den Marcel. Sie kann gar nicht fassen, dass das für Marcel das erste Mal in dessen Leben ist, dass ihm von jemandem Fremden der Bart rasiert wird =)

BILD

Dann endlich darf sie nach Hause gehen und auch Marcel und ich kommen müde und abgekämpft wieder bei Ali an. Diese Großstädte machen so müde wie 120 km Fahrrad fahren…

Am Abend kocht Ali dann für uns wahnsinnig leckere Kartoffel-Nudel-Gerichte, bei denen (ernsthaft!) die Spezialität ist, dass sie am Topfboden ganz leicht „angebrannt“ sind. Nicht schwarz, aber kross. Und das schmeckt hervorragend!! Weil ich am morgen Geburtstag habe, telefonier ich bis nach 12 mit meinem Liebsten in Deutschland, und danach nehmen wir das leckere Mahl als Geburtstagsessen ein. Dazu bekomme ich von meinen beiden Jungs einen kleinen mobilen Lautsprecher geschenkt, der beim Zeltabbauen und beim Aufwachen und so weiter und so fort Musik machen kann, und den ich mir so gewünscht hab. Sie haben ihn sogar gebraucht von den beiden Freiburger Reiseradlern abgeschwatzt, was ihm eine Geschichte gibt und mir ein gutes Gewissen beschert, weil wir nicht noch mehr Elektronikkram konsumiert haben.

Um 2:00 mach ich endlich die Augen zu und ahne schon schlimmes, denn…

30.11.

… um 6:45 müssen wir wieder aufstehen, um rechtzeitig zur Visumsbeantragung an der indischen Botschaft zu sein. Der Weg dorthin wird schweigend und im Halbschlaf absolviert, in der zu dieser Zeit verrückt überfüllten U-Bahn. Dann stehen wir erst einmal eine Dreiviertelstunde vor der Botschaft, weil niemand sich an die Öffnungszeiten halten will, und sind trotz frühzeitigem Erscheinen die Zehnten in der Liste der Anstehenden. Wir sehen den Plan, am Nachmittag endlich mal wieder auf das Rad zu steigen und den Iran zu erkunden, schon am Zeithorizont verschwinden. Als wir reingelassen werden, herrscht Chaos. Zwar gibt es so Nummern-Anzeigetafeln, die die Wartenden aufrufen sollten, aber die sind nicht in Betrieb. Alle bilden eine chaotische Traube vor einem kleinen vergitterten Schalter. Irgendwann hat sich Marcel dann da durchgeboxt und bekommt drei Nummern und irgendwann werden die auch aufgerufen, aber die äußerst unfreundliche Dame, die wohl den gleichen „wie-gehe-ich-mit-Visumsantragstellern-um“-Kurs wie die Dame in der Iranischen Botschaft in Trabzon absolviert hat, sagt uns, dass wir den Antrag online ausfüllen müssen. Mehrmals sage ich ihr, dass wir das versucht haben, aber die Website nicht funktioniert. Nein, sagt sie, die funktioniert, sollen wir einfach nochmal mit nem anderen PC versuchen. Also hasten wir zu einem Internetcafé, das natürlich nur zwei PCs hat und die natürlich besetzt sind. Dann können wir endlich nach langem Warten den Antrag ausfüllen (!) und zurück zur Botschaft hasten, wo wir dann wieder an den Schalter drängen. Dass wir noch ein bisschen warten sollen, ignorieren wir einfach, und drücken der Dame immer und immer wieder unsere Dokumente in die Hand. Irgendwann fasst sie sich dann ein Herz, nimmt unser Geld und unsere Fingerabdrücke, sagt uns, dass es eine bis vier Wochen dauert, nimmt achselzuckend zur Kenntnis, dass wir Zeitdruck haben (die Flüge sind in gut zwei Wochen gebucht) und verabschiedet uns. Wir sollten uns glücklich schätzen, erfahren wir von einem irischen Visumsanstragsteller, der wohl schon fünf Wochen darauf wartet, seine Papiere abgeben zu dürfen…

Am frühen Nachmittag sind wir dann zurück bei unserem Host, völlig erledigt, und frühstücken erst einmal. Dabei wird klar, dass Losradeln heute zeitlich keinen Sinn mehr macht. Und zack! haben wir den Plan geändert und wollen nun mit dem Host, der eigentlich aus Shiraz ist, heute Nacht mit dem Nachtbus in den Süden nach Shiraz fahren, um von dort aus dann Richtung Yazd und Isfahan zu pedalen. Damit entspannt sich der Tag endlich, wir kuscheln uns noch ein wenig auf den Teppich, ich skype mit meiner Familie (auch wenn es sich nicht so anfühlt- ist ja mein Geburtstag) und dann satteln wir die Drahtesel, um die 15 Stadtkilometer zum Busbahnhof zu radeln. Der Stadtverkehr ist wieder jenseits aller Vorstellungen, überall schießen Mopeds an einem vorbei, alles schlängelt sich durcheinander und dabei muss man auf wirklich gefährliche Schlaglöcher aufpassen. Die Luft in den Straßen will man nicht atmen. Zeit, dass wir aus der Stadt kommen!!

Am Busbahnhof merke ich dann noch, dass mein Portemonnaie nicht mehr auffindbar ist. Ob ich es verloren habe oder ob es geklaut wurde, wird man nicht mehr erfahren. War auch nicht viel drin, das einzig wichtige ist die Kreditkarte, die meine Mama zu Hause dann nach ein paar Whatsapp-Nachrichten sperrt. Man danke Gott oder so für das Internet.

Wir sind wegen der Räder deutlich vor unserem Host Ali zum Busbahnhof aufgebrochen und ich hatte ihm nochmal eine SMS geschrieben, ob er zu Hause nochmal schauen kann, ob das Portemonnaie dort irgendwo liegt, und der gute ist dann extra von den U-Bahn nochmal nach Hause gelaufen, hat dort gesucht, nichts gefunden und auf weitere Anweisungen gewartet. Da hab ich aber das Handy nicht mehr gehört, weswegen er dann eine Dreiviertelstunde zu spät zum Bus los ist. Dennoch war seine einzige Sorge, dass uns eventuell kalt werden könnte… so gute Menschen hier!! Wir haben den Bus dann auch noch erwischt, Ali hat für uns super verhandelt, und dann sind wir in einen Bus gestiegen, wie wir ihn noch nie gesehen hatten… Für einen Aufpreis kann man hier Busse nehmen, in denen man extrabreite Liegesessel wie in der ersten Klasse im Flugzeug hat, in denen man warmes Abendessen serviert bekommt, wo ein dicker Perserteppich im Gang liegt und die einfach von vorn bis hinten LUXUS schreien. Und um mit so einem Geschoss 1000 km bzw 12 Stunden zu fahren, bezahlen wir 10 Euro… Deutsche Bahn, schau dir was ab! =)

So klingt der Tag noch sehr sehr schön aus, ich sitze neben Ali und wir futtern die Schoko-Pralinen, die er mir zum Geburtstag geschenkt hat, unterhalten uns sehr interessant über seine iranischen Ansichten und dann schlummern wir alle im durch den Iran schaukelnden Bus.

1.12.

Um 9:00 sind wir dann in Shiraz. Zuerst vergisst Marcel noch seinen Bus im Helm und Ali muss den Bus wieder finden, dann können wir die gute Seele endlich entlassen. Er ist nämlich in recht unangenehmer Mission unterwegs: sein Cousin hatte einen Autounfall, ist wohl sehr schwer verletzt und Ali möchte ihn im Krankenhaus besuchen. Tragisch ist an der Geschichte, dass ich Ali im Bus noch erzählt habe, wie kurios es für uns Deutsche ist, die haushoch überladenen Pick-Ups und LKW hier zu sehen. Oder die Motorräder, auf denen Kühlschränke transportiert werden. Als ich ihm sage, dass das in Deutschland nicht üblich weil verboten weil gefährlich ist, nickt er zustimmend und erzählt, dass sein Cousin eben genau deswegen einen Unfall auf der Autobahn hatte, weil von dem Fahrzeug vor ihm ein Sofa runtergefallen ist…

Wir drei frühstücken dann im Park vor dem Busbahnhof. Dafür sitzen wir einfach dort auf der Wiese zwischen den Blumenrabatten, was keinerlei Aufsehen erregt, weil der Iran die Picknicknation ist. Überall hier sitzen Leute in den Grünflächen und picknicken zusammen. Das Wetter ist herrlich sonnig, mir wird in meinem Regenmantel, den ich hier ja nicht ausziehen darf, ziemlich warm, und ich beschließe, mir für das Weiterfahren in diesem Wetter noch einen dünneren „Manto“ zu besorgen. Wichtig im iranischen Dresscode, der ja gesetzlich vorgeschrieben ist, ist, dass ich den Kopf bedecke, ein weites Oberteil an habe, das über den Hintern geht, und eine weit geschnittene Hose darunter. Alles zusammen soll keine weiblichen Formen erkennen lassen. Gerade in Städten wie Teheran hingegen gehen die Frauen mit ihrer Interpretation davon sehr weit und hier und da sieht man auch enge Strumpfhosen oder fast unbedeckte Haare, sodass ich schon fast konservativ daher komme =)

Wir fahren etwas durch Shiraz, um es uns anzusehen, und stehen irgendwann vor einem recht imposanten Gebäudekomplex. Es sieht sehr nach wichtiger Moschee aus, aber ein Passant sagt uns, dies sei der Basar, weswegen Marcel und ich hineingehen wollen, um mir den Manto zu kaufen. Chris bleibt bei den Rädern. Wir werden stutzig, als es einen Männer- und einen Fraueneingang gibt, und ich bezweifle, dass dies ein Basar ist, als mir ein Leih-Tschador (Tschador, wörtlich „Zelt“, ist ein zeltartiger Überwurf, eine Art Bettlaken, unter dem die konservativen Frauen hier verschwinden) übergelegt und eine Fremdenführerin zur Seite gestellt wird. Und zack! sind wir in einem der größten Heiligtümer des Irans, dem Schrein von irgendeinem Sohn des soundsovielten Imams und dessen Cousin. Ich darf mit der Fremdenführerin sogar in das Innere, und es ist atemberaubend schön. Jede Nische und alle Wände und Decken sind mit bunten, ganz feinen Spiegel-Mosaiken bedeckt, die dreidimensional aufgeklebt sind, dass es nur so glitzert und funkelt. Wie in einer riesigen Schatztruhe! Wir unterhalten uns sehr interessant über den muslimischen und den christlichen Glauben, dann darf ich mich auch noch kurz zwischen die betenden Frauen (bin natürlich im extra Frauenteil) setzen, um das alles auf mich wirken zu lassen. Als wir dann in einen zweiten Schrein gehen, sitzen da tatsächlich neben den betenden auch zB junge Studentinnen, die ihre Hausaufgaben zusammen machen, weil die Atmosphäre hier so gut ist =) Ich würde auch sehr gern hier sitzen und ein bisschen Farsi-Vokabeln üben.

Beim Verlassen des Schreins muss ich den Tschador wieder abgeben und dabei rutscht mir mein Kopftuch, das ich darunter trage, von Kopf, ohne dass ich es zunächst bemerke. Eine ältere Dame keift mich übel an, aber eine andere Dame wischt die Worte weg und lächelt mir sehr aufmunternd zu, als ich das Malheur bemerke und das Tuch wieder aufsetze, und entschuldigt sich mit vielen Gesten und Lächeln für ihre Landsmännin.

Dann finden wir mal wieder eine Falafelbude und auch noch einen Manto für mich, und so kann es gut ausgestattet endlich wieder auf’s Rad und raus aus all den Städten gehen. Leider ist die Straße, die Richtung Yazd führt, eine völlig verrückte Autobahn, furchtbar laut, dreckig, stinkend, einfach sehr stressig. Wir fahren zwar schön auf dem Seitenstreifen, aber die an einem vorbeiknatternden LKW, die vor Freude über uns auch noch übelst hupen, all die Mopeds und die Abgase machen mich verrückt.

Gegen Abend fahren wir dann ein paar Kilometer von der Autobahn weg und finden einen Ort, an dem einige Schilfhütten stehen und ein Mann noch bei der Arbeit ist. Natürlich dürfen wir das Zelt aufstellen, er erkundigt sich noch, ob wir noch irgendetwas brauchen, und dann sind wir allein in der iranischen Wüste. Wo wir tagsüber in der Sonne noch ordentlich geschwitzt haben, fällt die Temperatur jetzt mit Sonnenuntergang minütlich, bis wir bei ca. 0 °C unser Abendessen kochen und die erste Adventskerze in die Mitte stellen. Marcel kramt das extra so lange aufgehobene Päckchen mit Spekulatius aus, wir kochen Tee und haben einen herrlich ruhigen Abend unter dem Halbmond, der die weite Wüstenebene vor uns und die schroffen Felsenberge drum herum beleuchtet.

02.12.

Erst einmal ausschlafen nach den zwei Nächten niederer Schlafqualität- auch heute Nacht sind wir mal wach geworden, weil sich ein Hund an unser Zelt gebellt und unsere Mülltüte aufgerissen hat. Dann radeln wir los, immer weiter an dieser Autobahn entlang, bis eine kleinere Straße kommt, die parallel zur Autobahn und durch eine Stadt führt, in der wir unsere Wasser- und Brotvorräte aufstocken können. Dabei werden wir unglaublich oft angesprochen, aus dem Auto heraus nach unserem Befinden gefragt und um Fotos gebeten. Kurz nach der Stadt kommt das sagenumwobene Persepolis, vor dem wir die Räder abstellen, um abwechselnd einen Blick auf die Ruinen zu werfen. Niemand von uns ist sehr interessiert daran, Geld für alte Säulen zu bezahlen- viel interessanter ist da der Guide, der an unseren Rädern vorbei schlendert und uns einen historischen Überblick über die Stätte gibt. Dann radelradelradel weiter, zwischen zerklüfteten Bergen entlang und durch die knallende Sonne, die uns zwar sehr bräunt, aber nicht richtig zu wärmen vermag. Es ist kalt hier unten, und wenn die Sonne einmal hinter einem Berg verschwindet, wird es ganz schön kalt. Und dann ist’s mit dem Radeln auch mal wieder vorbei, weil mir wieder einmal eine Speiche reißt – scheinbar ist hier jemand zu dick für sein Rad 😉

Normalerweise ist das kein Problem und jetzt auch schon im Handumdrehen repariert, aber damit es immer spannend bleibt, geht diesmal auch die Kettenpeitsche kaputt und muss erst einmal wieder repariert werden, bevor wir die Reparatur angehen können. Auch das klappt aber nach einigem Gefluche gut und dann geht es im Dunkeln weiter. Das ist sehr schön, im Mondlicht zwischen den dicken Bergen hindurch zu fahren, und wir radeln so, bis wir an einem Bauernhaus vorbeikommen, wo noch jemand arbeitet, den wir fragen, ob wir dort das Zelt aufschlagen können. Das ist wie immer gar kein Problem, im Laufe des Abends wird es dem jungen Mann aber so unangenehm, dass er uns nichts anbieten kann (weil hier nur die Tiere wohnen, sonst niemand), dass er uns im Endeffekt zuerst Geld anbietet, und als wir das ablehnen, seinen Ring schenkt. Circa 20 Mal lehnen wir den ab, aber er nimmt ihn nicht mehr zurück, und so sind wir jetzt im Besitz eines Iranischen Siegelrings.

03.12.

Tagsüber zieht es sich heute einige kleine Anstiege hinauf, viel anstrengender ist aber der dichte, laute, stinkende LKW-Verkehr auf der dicken Autobahn neben uns. Wir zählen schon die Kilometer, in denen wir von der Autobahn nach Osten auf eine kleinere Nebenstraße abbiegen dürfen.

Am Abend kommen wir ziemlich müde in einer Stadt an, in der wir uns ein sehr billiges Hotel nehmen, in dem wir ein Apartment mit Küche und zwei Räumen bekommen =) Nach einer Dusche gehe ich los, um ein neues Handy zu kaufen, weil meines, das schon vor der Reise ordentlich lädiert war, nun vollends seinen Geist aufgegeben hat. Daher laufe ich zum Handyladen, schreibe mir das lokale Angebot auf, gehe mit dem Zettel ins Internetcafé, recherchiere ein wenig und schlage dann wieder im Handyladen zu. Der Handyladenmitarbeiter ist sehr nett und in einer Mischung aus Farsi und Englisch können wir uns sogar recht nett unterhalten, während ich die nächsten zwei Stunden hinten bei ihm im Laden sitze und meine Handyapps wieder runter lade =)

4.12.

Und heute ging es dann bergauf, bergauf, bergauf auf 2540m, wo uns schon fast die Kräfte verlassen. Aber wo es bergauf geht, geht es auch wieder bergab, und den Nachmittag rasen wir nur so die lange Abfahrt hinunter. Ich muss im Windschatten von Christian nur alle paar Minuten mal treten. Das Mittagessen mitten in der Wüste ist mal wieder episch, und als wir unsere Fladenbrote aufgegessen haben, hält ein lustiger LKW neben uns an, auf dessen Ladefläche fünf Männer auftauchen und sich tierisch über uns freuen. Sie machen ganz viel Fotos mit uns und schenken uns zum Schluss noch eine iranische Süßigkeit, die uns sehr begeistert (Summan aus Qom). Der Fahrer trägt eine geniale Haremshose, also so eine schwarze, weite Hose, deren Schritt irgendwo bei den Kniekehlen hängt. Sowohl Marcel als auch ich beschließen, so eine im Iran noch zu finden.

Gegen 15:00 haben wir schon 111km in der platten Wüste hinter uns gebracht und sind in Abarku, wo es eine alte Karawanserei zu sehen gibt- also eine Anlage, in der früher die Kamelkarawanen Pause gemacht haben. Es stehen in der ganzen Stadt verteilt noch Ruinen, die wir uns ansehen, und außerdem gibt es eine 4000 Jahre alte Zypresse zu sehen. Da ist es dann auch zu spät, um noch weiter zu fahren, und wir benutzen die Taktik „dumm gucken und auf den Marktplatz“ stellen, bis viele Menschen um uns herum stehen und uns helfen, einen Schlafplatz zu finden. Wir werden im Endeffekt im Gebetsraum des Bürgermeisterhauses untergebracht und schlafen dort sehr gut.

Meine Mama hat mir übrigens erzählt, dass es hier ein Naturschutzgebiet gibt, in dem Geparden, Leoparden etc. wohnen…. Da radeln wir morgen hin. Wo sind wir hier nur schon gelandet! So so so weit weg von zu Hause!

5.12.

Heut stehen wir früh auf, weil zwischen uns und Yazd heute ein 2800 m hoher Pass liegt (und wir gerade auf 1800 m rumdümpeln). Als wir jedoch mit Vorfreude die ersten 15 km gefahren sind, reißt mir doch tatsächlich die Felge… Genau das, was dem Christian ca. vor 500 km passiert ist! Und ich hatte mich vielleicht drei Minuten vorher noch gefreut, wie schön es ist, dass seit dem Werkstattbesuch in Tabriz alle Räder wieder wie neu funktionieren.

So beschließen wir, den Weg nach Yazd, der eigentlich noch ca. 2 Tage gedauert hätte, heute einfach mit dem LKW oder Bus zurück zu legen, und nach 10 Minuten hält auch schon ein LKW an, dessen Fahrer herausspringt und die Seifenkartons im Laderaum umsortiert, um unsere drei Räder und das Gepäck laden zu können. Und er räumt noch einen kleinen Liegeplatz frei, damit sein Kumpel, der auf dem Beifahrersitz geschlafen hat, hinten im Laderaum weiter pennen kann! Auch wenn wir sehr oft bedeuten, dass das jetzt echt nicht sein muss und auch wir zB nach hinten gehen können, wird der Freund dann hinten in den dunklen Kasten gelegt und wir drei drücken uns zum Fahrer, Akbar, nach vorne. Es wird eine sehr lustige und schöne Fahrt, weil Akbar sehr viel Lust auf Kommunikation hat, mir mehr Farsi beibringt und dabei etwas Deutsch lernt und wir uns über viel unterhalten können. Wir erzählen ihm die offizielle Version der Familiengeschichte (dass ich Christians Frau bin und Marcel Christians Bruder), was bei uns dreien dann immer wieder zu viel Gelächter führt, wenn Christian von seiner Familie erzählt, die plötzlich auch Marcels Familie ist. Und als wir erzählen, dass wir alle drei 26 Jahre alt sind, müssen wir uns fast totlachen, weil Christian und Marcel jetzt plötzlich Zwillinge sind- und sich so gar nicht ähnlich sehen =)

Außerdem toleriert Akbar es nicht, wenn ich Farsi-Vokabeln, die er mir beibringt, falsch buchstabiere, also nimmt er mir hin und wieder das Vokabelbüchlein aus der Hand und korrigiert meine Niederschriften. Dabei zieht er mit dem LKW unter lustigem Gehupe von allen Verkehrsteilnehmern über alle Spuren. Er bietet uns auch an, den LKW zu fahren, aber das wollen wir alle nicht =)

Am Ende lässt er uns 10 km hinter Yazd raus (warum nicht direkt in Yazd? Es wird ein Rätsel bleiben…) und versucht, seinen Kumpel zu wecken, der zwischen uns und den Rädern liegt. Es gelingt nur mäßig, der Freund zieht sich erst einmal noch protestierend die Decke über den Kopf, dann verkrümelt er sich in eine Ecke der Ladefläche und wir heben Gepäck und Räder über ihn drüber.

Wir rufen einen jungen Mann aus Yazd an, dessen Nummer wir durch dieses faszinierende iranische Radler-Netzwerk bekommen haben (von dem wir auch den Werkstattkontakt in Tabriz hatten, zB), und der will sich auch sofort mit uns treffen und mir mit dem Radproblem helfen. Erst einmal müssen wir aber die 10 km nach Yazd reinradeln, dabei reißt mir dann aber die Felge viel weiter, ca. 15 cm lang, auf und der Schlauch explodiert mit seinen 5 bar sehr beeindruckend. So werde ich dann von einem SUV mit nach Yazd genommen und treffe die Jungs dann dort vor dem Hotel wieder, das uns unser Kontakt hier empfohlen hatte. Als ich vor dem Hotel warte, treffe ich zunächst einmal die zwei Japaner wieder, die wir in der iranischen Botschaft in Trabzon getroffen hatten – alle freuen sich enorm! Und dann kommt auch unser Kontakt, der Yaqub, und zeigt uns das (eigentlich für unser Budget etwas zu teure, aber was soll’s…) Hotel. Das Hotel ist ein traditionelles Yazder Hotel und hat einen wunderschönen überdachten Innenhof, von dem die Zimmer abgehen und in dem so Tagesbetten stehen, auf denen man rumlümmeln und Tee trinken kann. Außerdem kommen hier sehr viele Reisende unter, sodass wir den Abend mit zwei anderen Reisenden aus Irland bzw. Lettland mit durch-die-Stadt-schlendern verbringen. Derweil kümmert sich Yaqub um mein Rad, denn Yaqub ist Radsportprofi und besitzt zudem noch einen Radladen in Yazd und einen in Isfahan. Er versucht nun, hier in Yazd eine gute neue Felge für mich aufzutreiben. So ein Service, und so ein netter Typ!

6.12.

Wir laufen den ganzen Tag durch Yazd und schauen uns die wunderschöne Stadt an =)

Am Nachmittag sind wir auf dem Weg zu einem Zoroastrischen Tempel, da laufen uns doch tatsächlich die Bostrotters wieder über den Weg! Und wieder freuen wir uns alle tierisch, uns zu sehen, gehen zusammen Tee trinken, spielen mit den Kindern und essen auch noch zusammen zu Abend bei uns im Hotel. Die Familie bestellt Kamelfleisch, das muss ich dann auch mal kurz probieren, stelle aber keinen Unterschied zu Rind fest und hege den Verdacht, eventuell von der Küche veräppelt worden zu sein.

Außerdem baue ich mit Yaqub noch ein komplettes Ersatz-Hinterrad in mein Fahrrad, weil er in Yazd keine gute Felge für mich auftreiben konnte. Somit ist der Plan nun, dass ich mit dem Ersatzhinterrad bis nach Isfahan fahre und wir dort eine richtige neue Felge einbauen. Zwischen Yazd und Isfahan, so haben wir nun geplant, soll diesmal keine Fahrt auf der Autobahn liegen. Stattdessen wollen wir die gut befahrenen (und gut ausgebauten) Straßen verlassen und quer durch die Wüste fahren. Die Strecke wird auf Google Maps angesehen, ausgespäht, wie gut oder schlecht der Straßenzustand sein könnte, und wir freuen uns auf das Abenteuer.

7.12.

Morgens geht es dann auch schon wieder raus aus Yazd, nachdem wir noch sehr nett mit einem belgischen Reiseradler gefrühstückt haben, der auch in dem Hotel untergekommen ist und der open end, ganz in seiner eigenen Geschwindigkeit und nur seinem Bankkonto verpflichtet, durch die Welt tourt… Da werden wir alle mal wieder ein wenig sehnsüchtig nach der großen Freiheit der Unabhängigkeit.

Wir fahren unsere hoffentlich letzten 100 km Autobahn und kommen abends in Akhda an, was sich unerwartet als unglaublich schönes Städtchen mit alten Lehmhäusern und engen, gewundenen Gässchen herausstellt. Wir stehen ein wenig blöd vor der Moschee, weil wir eigentlich dort drin schlafen wollen, jetzt gerade aber Gebetszeit ist, bis Yaqub sich meldet und sagt, dass er gerne heute Abend mit dem Auto hinter uns her fahren und mit uns in der Wüste zelten würde. Alles klar, das klingt auch super! Also fragen wir, wo die Straße aus Akhbar hinaus in die Wüste denn anfängt (da sie so klein ist, dass mein Navi sie nicht mehr kennt), und ein Mann steigt auf sein Motorrad und fährt vor uns her. Er hält aber zunächst an seinem Haus und bittet uns auf einen Tee herein, was wir auch sehr gern annehmen. In seinem Wohnzimmer sitzen wir mit der Familie auf dem Teppich und bekommen Mandeln, Pistazien, Granatäpfel, Mandarinen und süße Zitronen (!) serviert und versuchen, eine kleine Konversation zu betreiben. Wir werden auch eingeladen, die Nacht dort zu schlafen, lehnen aber ab und radeln dann noch im Mondschein weiter hinaus in die Wüste. Die Familie hat uns abgeraten, diese Strecke zu nehmen, dort seien nach 50 km die Straßen nur noch Sand- aber wir haben von Yaqub die Information, dass die Straßen beradelbar wären, also wollen wir es versuchen!

10 km hinter der kleinen Stadt schlagen wir dann das Zelt auf, Yaqub kommt noch mit einem Freund vorbei, wir machen Feuer und haben einen sehr schönen Abend unter dem dicken Mond. Lustigerweise fährt Yaqub nach ca. einer Stunde wieder, obwohl er uns eben ca. 110 km extra hinterher gefahren ist, um mit uns in der Wüste den Abend zu verbringen. Benzin ist sehr billig im Iran… =)

Ziemlich kalt ist es auf jeden Fall, ich würde schätzen, die Nacht hat ca. 1 °C.

8.12.

Jetzt geht es wirklich rauf in die Wüste! Die Teerstraße hört nach einem sehr kleinen Ort auf, in dem sich die Jungs noch eine handgemalte Karte über den weiteren Verlauf der Route anfertigen lassen. Die besagt: immer geradeaus. Bis zu den Strommasten. Da verzweigt sich der Weg. Links halten. Und dann immer geradeaus, 30 km bis zum nächsten Ort. Auf dem Weg treffen wir niemanden, wir machen an den Strommasten Pause und Marcel und Christian diskutieren, welcher der zwei Pfade, die nun beide recht parallel an den Masten vorbeiführen, denn der gemeinte ist. Es scheint recht waghalsig, hier jetzt einfach weiter zu fahren, wenn wir uns schon am Anfang unserer Wüstenetappe nicht einig sind, welcher Weg der richtige ist. Dann denken wir uns aber, dass wir genug Wasser, zwei Kompasse und ein Navi dabei haben und im Notfall auf jeden Fall einfach zurück fahren könnten. Und die Jungs einigen sich auch darüber, welchen Weg wir weiter fahren, und so geht es weiter, durch sandige Staubpiste und endlose Weite, immer leicht bergauf. Über den ganzen Tag klettern wir 800 Höhenmeter. Irgendwann, wohl nach 30 km, kommen wir an dem „Ort“ an, den uns die Menschen im Dorf davor genannt hatten. Es ist eine einsame, wunderschöne Farm an einer einsamen Quelle auf dem einsamen Kamm des Berges, bei der wir von den beiden Mitarbeitern direkt zum Tee hereingebeten werden. Sie sind sehr lustig und freundlich, wir betreiben Basis-Konversation und der eine spielt uns noch auf einem iranischen, zweisaitigen, bauchigen Zupfinstrument erstaunlich schöne traditionelle Musik vor. Sie zeigen uns ihre Mandel- und Granatäpfelbäume, ihre Schafe und Ziegen und die Intensivtierhaltungsställe mit 5000 Hühnern, die wir hier oben nicht erwartet hätten. Dann fahren wir weiter, finden nach kurzer Zeit die schon wieder etwas befestigtere Straße und freuen uns sehr, dass wir wieder auf einem Weg sind, den das Navi kennt- und der eindeutig Richtung Isfahan geht!

Hier oben ist es magisch- wie so oft sind um uns herum die dicken Berge und wir radeln im Sonnenuntergang über die Staubpiste durch die Hochebene. Es ist total still. Als wir mal wieder über eine Kuppe steigen, taucht weit unter uns der Salzsee auf, der uns zur Orientierung dient und der in der untergehenden Sonne wunderschön aussieht. Da beschließen wir, dass es für heute gut ist und dass wir unser Zelt vor diesem Hintergrund aufbauen möchten.

In dieser Nacht wird es rattig kalt- zuerst ist dort auch kein Mond, was uns einen völlig übertriebenen Sternenhimmel auf samtschwarzenem Hintergrund beschert, den ich mir noch unter freiem Himmel im Schlafsack anschaue, während die Kälte die Jungs schon ins Zelt gezwungen hat. Wie gesagt- bis auf Marcels Schnarchen hin und wieder ist es komplett still. Wann habe ich das zum letzten Mal erlebt?

Irgendwann geht dann aber auch der Mond hinter den gezackten Berg-Scherenschnitten auf und klaut mir leider sehr viele Sterne, da gehe ich auch schlafen. In der Nacht ist es wohl so kalt wie bisher noch nie auf dieser Reise- am Morgen sind alle Wasserflaschen teilweise gefroren und wir müssen den Kocher nicht nur zum Kaffeekochen anschmeißen, sondern auch, um unser Zahnputz- und Trinkwasser zu erwärmen.

Iran Nr. 1 (22.11. – 28.11.)

Der „Extremradler“ Chris übernimmt die volle Verantwortung für den folgenden Beitrag.

22.11.

Zum Frühstück gab es heute Lawash. Das ist das Cracker-Brot vom Vortag, aber dieses mal richtig zubereitet. Dieses Brot muss nämlich etwas angefeuchtet werden, bevor man es Essen kann. Für die Einheimischen muss es lustig ausgesehen haben, als wir es einfach so gegessen hatten.

Wie bereits am Vortag bestand unsere Tagesaufgabe im besorgen von Brot. Letztendlich hatte Jule die zündende Idee und besorgte Brot von einem Kebab-Laden. So einfach kann es manchmal sein. Unser Mittagessen war also gesichert und wir konnten an einer Tee-Stube ausreichend Brot vertilgen.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die Schreiberlinge dieser Homepage einen unterschiedlichen Tee-Geschmack haben. Sicher der iranische Tee ist gut, aber an den türkischen kommt er aus meiner und Marcels Sicht nicht heran. Jule hingegen findet den iranischen besser.

Die knapp 70 Tageskilometer führten uns heute auf einer Hochebene größtenteils leicht bergauf. Als wir dann in Qara Ziya’Eddin anhielten um unsere Vorräte aufzufüllen zog ein fürchterliches Unwetter inklusive Hagel heran. Die Entscheidung 7,50€ für ein Hotelzimmer zu berappen viel uns dementsprechend relativ leicht. Lustigerweise hatte uns Martin (ein tschechischer Reiseradler, der uns schon an der Grenze begegnet war und in Prag 10 Tage nach unserer Durchfahrt gestartet war) unmittelbar vor dem Hotel eingeholt. Heute hieß es dann also mit 3 Gaskochern im Hotelzimmer für 6 Personen kochen. Eine logistische Aufgabe, die wir seit Tabor (Tschechien) nicht mehr bewältigen mussten. Aber es hat alles super geklappt und keiner musste hungrig ins Bett gehen.

Jule hat uns im Übrigen eine Sim-Karte versorgt mit der wir auch im Iran ständiges, wenn auch sehr langsames und zensiertes, Internet haben.

23.11.

Martin verabschiedete sich heute bereits am Morgen von uns da wir ihm wohl zu langsam beim zusammenpacken waren. Aber wir sollten ihn wiedersehen, wie sich später herausstellte.

Wir setzten unsere Tour um 9:15 Uhr fort. Der Weg führte durch eine wunderschöne Hochebene, welche von hohen, teils schneebedeckten Bergen gesäumt wurde. Ab und zu fügt sich dann auch noch einer der malerischen Dörfer an den Fuß eines Berges ein. Die Abteilung Agitation und Propaganda wird sicherlich noch einige schöne Bilder in den Beitrag einfügen und auf Flicker hochladen. 🙂

Zur Mittagspause begegnete uns erneut ein Reiseradler. Es war Neal, welcher von seiner Wahlheimat Taiwan auf den Weg in seine Geburtsstadt Kapstadt ist. Für ihn waren wir die ersten Reiseradler, welche er seit 2 Monaten gesehen hatte. Kaum zu glauben, denn wir hatten allein in den letzten beiden Wochen 9 Menschen auf der langen Meile gesehen. Wer sich für Neals Reise interessiert kann gern mal auf folgende englischsprachige Homepage gehen: http://h2htrip.com/site/

Heute sind wir mal wieder richtig viel geradelt. Insgesamt waren es 107km bis in die Dunkelheit hinein. Kurz vor Marand begann die Straße dann zweispurig zu werden. Allerdings war die eine Seite noch nicht freigegeben und so hatten wir diese komplett für uns allein. Nah ja, sagen wir fast für uns allein, denn einige Anwohner hatten wohl entschieden, die frisch geteerte Straße zum trockenen von Kuhscheiße zu verwenden. Lustige und stinkende Sache.

In Marand selbst haben wir einen jungen Mann mit dem Namen Akbar kontaktiert. Seine Telefonnummer hatten wir von Neal, welcher der Meinung war: „Ihr müsst ihn nicht suchen. Er findet euch!“ So war es dann auch. Wir sind auf Akbars Anweisung hin einfach in die Innenstadt gefahren und da stand Akbar winkend am Straßenrand, nur mit einem Warm Showers-Shirt bekleidet. In seine kleinen Einkaufsladen, an dem ebenfalls Warm Showers stand, haben wir dann auch Martin wiedergesehen und gemeinsam sind wir Falafel essen gegangen. Wir haben uns tierisch gefreut mal wieder etwas vegetarisches in einer gastronomischen Einrichtung zu erhalten und lecker war es auch noch.

Doch es kam noch besser, als der Warm Showers-Guru seine Fotoalben mit Reiseradlern die er schon aufgesammelt hat auspackte. Unfassbar! Verschiedene Kontinente und Länder haben bei ihm eigene Alben. Die deutschen Pedaleure haben sogar ein Album für sich allein. In 2 Jahren Aktivität hat Akbar bereits 498 Personen mit dem Rad abgefangen. Einfach unfassbar! Als wir uns in seinem Heft unter den Nummern 493 – 498 eintragen haben, fühlten wir uns, als wären wir ganz normale Touristen und mit dem Fahrrad durch den Iran radeln wäre so etwas ähnliches wie nach Mallorca zu fliegen. Auf die Frage hin, wie Akbar denn so viele Menschen auf zwei Rädern auftreiben konnte, hat er uns erklärt, dass die LKW-Fahrer ihn anrufen, sobald Personen auf einem Zweirad die Grenze überqueren. Auch von uns wusste er schon das wir nach Marand kommen würden, noch ehe wir realisiert hatten, dass diese Stadt auf unserer Route liegen wird. Untergebracht wurden wir dann letztendlich in einem Hotel für schlappe 2€ pro Nase.

Danke dir vielmals lieber Akbar!!!!

Folgender Tag ist von Jule geschrieben 😉

24.11.

Aus unseren Holzbetten hat es uns recht fluchtartig um 8:00 auf die Straße getrieben. Die Zeitumstellung ist super- was vor 200km noch 6:30 war, fühlt sich jetzt schon fast „spät“ an. Wir werden von unserem Guest House von einem Freund Akbars abgeholt und zum Frühstück mitgenommen. Drei von uns frühstücken mit Akbar in dessen Laden, drei mit seinem Freund in dem Immobilienbüro nebenan. Zu unserem obligatorischen Tee und dem lustigen, flachen und mit Ei bepinselten Brot versuchen wir das erste Mal in unserem Leben Möhrenmarmelade und sind positiv überrascht =)

Den Tee trinkt man hier übrigens anders, als wir es bisher kannten. Ein Stück speziellen Würfelzuckers wird in den Mund genommen und der Tee drübergeschlürft, das bedarf einiger Übung und bleibt gewöhnungsbedürftig. Aber wenn wir nach einem Löffel zum Zuckerauflösen und -umrühren verlangen, geben wir uns der Lächerlichkeit preis =)

Dann radeln wir schnurstracks 300 Höhenmeter bergauf, es schneit zwischendrin ein wenig und der Wind beißt. Dafür ist die Landschaft immernoch dramatisch, mit schneebedeckten Bergketten, die unseren Weg flanieren, und weiten Feldern dazwischen. Die Trucks, die uns überholen, stoßen dicke schwarze Rauchwolken aus, die sofortigen Hustenreiz auslösen. Netterweise ist der Auspuff auch nach rechts, eigentlich zum Straßenrand, jetzt aber genau auf unsere Lungenhöhe, gerichtet. Es ist tierisch laut an der vielbefahrenen Straße, das kann einem (na, mir) ziemlich auf’s Gemüt schlagen. An der letzten Steigung finden sich ein paar kleine Stände, an denen man getrocknete Früchte und auch Fladen kaufen kann, die aus dünn auf Plastikfolie gestrichenem und getrocknetem Fruchtpüree bestehen. Davon kaufe ich gerade lockere 1,5 Kilo als Raketentreibstoff für unsere Muskeln, als neben mir ein Pickup hält- aus dem Chris aussteigt. Bei ihm, der weiter hinter mir war, sind ganze 8 Speichen gebrochen, er ist daraufhin doch besser mal abgestiegen und hat geschoben. Und keine hundert Meter konnte er schieben, da hat neben ihm eben dieser Pickup angehalten und ihn gefragt, ob er ihn und das Rad mit nach Tabriz (unserem Tagesziel) nehmen kann. Wahnsinn!! Ich hab dann auch kurzentschlossen mein Rad auf die Ladefläche geschmissen und bin zu Christian und dem netten Menschen in die Fahrerkabine, da auch ich in Tabriz zum Radladen muss und da furchtbare Dinge passiert sind, als Christian das letzte mal allein beim Radladen war.

So sausen wir an den drei anderen Radlern, denen von Linda Bescheid gesagt werden soll, vorbei und sind zackzack wenig später in Tabriz. Der supernette Mensch fährt uns auch bis zum Radladen, der uns von dem Profi-Radler-Host in Marand empfohlen wurde. Dieser Radladen soll wohl tatsächlich den Radtouristen kostenlos die Räder reparieren und auch noch wirklich kompetent sein- wir sind begeistert! Dort ist aber grad niemand zu Hause und wir warten auf den Shopbesitzer, wobei ich mich totfriere. Das Problem ist, dass ich in der iranischen Öffentlichkeit ja nun einmal gezwungen bin, den Mantel, einen überhüftlangen Mantel, zu tragen. Wenn ich nun aber radle und schwitze, dann kann ich den Mantel nicht ausziehen, um vielleicht darunter den Pullover auszuziehen. Deswegen schwitze ich mehr. Und wenn wir dann anhalten und ich kalt werde, dann kann ich (gerade in der Stadt!) nicht einfach den Mantel ausziehen und schnell einen Pulli drunter ziehen. Weil ich dann aber so auffällig zittere, werde ich in eine Moschee auf’s Klo geschickt, wo ich mich umziehen kann.

Danach sagt uns der Radladenmensch, dass er Christian ein neues Laufrad baut und wir morgen um 12:00 wieder kommen sollen. Wie cool ist das denn!

Und wir suchen dann entspannt ein Café zum Aufwärmen und Internet, um den Blog mal zu pflegen. Das Problem mit dem Blog: durch die iranische Internetzensur haben wir selber keinen Zugriff drauf.

Auf unseren Wegen durch die Stadt werden wir ständig mit „Welcome to Iran!“ oder „Welcome to Tabriz!“ begrüßt und auch gleich wieder in einem Baby-Ausstatter zum Tee eingeladen. Und ich beobachte eine für mich sehr beeindruckende Szene: eine etwas abgerissen aussehende Dame spricht uns an und ruft uns immer wieder Dinge zu, die wir nicht verstehen, mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Andere Menschen kommen vorbei und entschuldigen sich bei uns, dass diese Frau „verrückt“ sei, das solle uns nicht stören. Und ein Mann lässt, als sie gerade nicht hinschaut, einen Geldschein neben ihr fallen und macht sie dann darauf aufmerksam und tut so, als hätte sie ihn fallen lassen. Also meine Interpretation: er hat versucht, ihr was zukommen zu lassen, ohne sie zu beschämen. Sie nimmt das jedoch nicht an, sondern diskutiert und lehnt ab, bis der Mann das Geld selber wieder einsteckt.

Noch haben wir keinen Host für heute Nacht, aber irgendwann im Laufe des Nachmittags bekomme ich einfach eine SMS von einem Warm Showers-Menschen, der wohl von dem Akbar aus der letzten Stadt angehauen wurde, uns zu hosten. Auch er bekommt SMS von den Truck-Fahrern, wenn die Reiseradler auf der Straße sehen. Von uns, stellt sich später heraus, weiß er auch schon seit einiger Zeit =) Er selber kann uns nicht hosten, hat uns aber mit Mehmet (wir haben uns dazu entschlossen im Iran größtenteils auf die echten Namen zu verzichten, um niemanden in Gefahr zu bringen) in Verbindung gebracht. Mehmet soll perfekt Deutsch sprechen, wir sind gespannt!

Dann treffen wir also noch Marcel bei den Radläden, wo er zwei deutschsprachige Iraner aufgetrieben hat, die uns natürlich auch nochmal zum Tee einladen, und dann treffen wir unseren Host Mehmet. Bei ihm zu Hause ist es wunderschön, er hat noch Freunde da und wir können schöne Gespräche führen. Er selber ist in Deutschland aufgewachsen und hat dann vor 6 Jahren seinen Vater in Tabriz besuchen wollen, seitdem darf er nicht mehr ausreisen, weil der Iran seine deutsche Staatsbürgerschaft nicht anerkennt.

Der Freundeskreis hat sich wie so viele Iranerinnen und Iraner eine Art Parallelwelt aufgebaut. In den eigenen 4 Wänden werden amerikanische Musikvideos angeschaut, die Kopftücher abgenommen und wohl sogar etwas getanzt. Auch Alkohol bekommt man, sofern man das Geld dafür hat, wohl relativ problemlos.

Der Iran: Ein faszinierendes Land voller Widersprüche, soviel steht schon nach 4 Tagen fest!

Hier wieder ich:

25.11.

Heute haben wir mal wieder einen Pausentag eingelegt, da unsere Räder noch gewartet werden mussten. Gegen 13 Uhr besuchen wir Mr. Mohammed Saeed in seinem Radladen um nach unseren Rädern zu schauen. Der etwa 45 jährige etwas kräftigere Mann hockt zusammen mit einigen Fahrern des Tabrizer Radclubs in seiner kleinen Werkstatt (er ist im Übrigen der offizielle Mechaniker des Radclubs, der sich auch an internationalen Wettkämpfen beteiligt). Mein Hinterrad hat er doch tatsächlich wieder flott bekommen und auch Jules sowie mein Tretlager erneuert er vor unseren Augen fachmännisch. Sie hatte angefangen zu wackeln und waren im inneren verrostet. Vermutlich war der Druck, den wir an den steilen Bergen des Schwarzen Meeres ausübten einfach zu groß.

Leider hat sich die Reparatur so arg in die Länge gezogen, dass unser nächster Termin bereits wortwörtlich vor der Tür stand. Die beiden jungen Männer, welche uns drei Tage zuvor vom Fahrrad fahren, zu sich eingeladen hatten, warteten vor dem Laden, da wir uns zum Essen verabredet hatten. Wir mussten die Räder also einmal mehr stehen lassen und machten einen Termin für den nächsten Tag aus. Mit Ali und Murat ging es also im Auto zu ihrem Haus. Obwohl wir versucht hatten ihnen klar zu machen, dass wir Vegetarier sind, hatten wir am Ende eine Wurstpizza vor uns stehen. Da wir das Maß an Unhöflichkeit aufgrund diverser Terminverschiebungen und Absagen aber schon mehr als überspannt hatten und die Pizzen sonst im Müll gelandet wären, haben wir sie ohne etwas zu unseren Gastgebern zu sagen gegessen. Unsere erste Fleischmahlzeit auf unserer Tour. Nunja. Die beiden haben sich aber wirklich alle Mühe gegeben, damit es uns gut geht. Es gab Getränke, Ananas, Nüsse und zu unserer Freude Unmengen von Pistazien aus ihrem eigenen Laden. Auf letztere hatten wir uns schon die ganze Reise lang gefreut und sie waren wirklich so gut, wie ihr Ruf ist. Zum Entzücken Marcels wurde dann auch noch die Wasserpfeife angeschmissen.

Bei vielen Menschen aus dem Iran ist das Thema Hitler fast unvermeidlich. So auch am heutigen Nachmittag, an dem positiv festgestellt wurde, dass eben jener sehr seriös gearbeitet hat. Das „Der Führer“ eine Kackbratze sondergleichen ist, und ein großes Stück Schuld am Leid vieler Millionen Menschen trägt scheint nur den wenigsten bewusst zu sein, beziehungsweise stört nicht weiter. Immer wieder hören wir auch, dass wir (Iran und Deutschland) ja alle arischer Abstammung sind. Auch hat Hitler wohl den Iran unterstützt und die Angehörigen des jüdischen Glaubens haben sowieso nicht den besten Stand im Iran. Ich will wirklich niemanden schlecht machen und die Menschen hier sind wirklich unglaublich interessant und zuvorkommend, aber ich möchte eben auch nichts unter den Tisch fallen lassen. Und gerade für uns, die wir aus Deutschland kommen, ist eine Verharmlosung der Zeit des Nationalsozialismus ein Rotes Tuch. Wir versuchen dass auch in unseren Gesprächen unserem Gegenüber klar zu machen.

Die Zeit mit Ali und Murat Verging jedenfalls wieder wie im Fluge und so haben wir mit unseren beiden Gastgebern ausgemacht, am nächsten Tag noch einmal über den Basar zu schlendern, um noch etwas Zeit zusammen verbringen zu können. Für uns kaum zu glauben, aber wir waren die ersten Ausländer mit den die bereits 24-jährigen gesprochen hatten. Ein paar Pistazien haben wir auch noch geschenkt bekomme. Jeder Versuch dafür etwas zu bezahlen, scheiterte allerdings kläglich. Stattdessen wurden wir noch im Renault zu unserem Host gefahren und das wurde auch höchste Zeit, denn für 20 Uhr hatten wir uns mit Karina und Jan verabredet. Die beiden sind bereits fast 4 Jahre auf der langen Meile unterwegs und gehören zu den ersten die als Individualreisende die Grenze von Myanmar nach Indien überwunden haben. Nun sind sie uns entgegengeradelt und wir sind zufällig am gleichen Tag in Tabriz eingetroffen. Da liegt es natürlich nahe sich einmal gründlich auszutauschen und gemeinsam zu Abend zu essen. Vielen Dank an die beiden noch mal für die vielen nützlichen Informationen, die uns bei der weiterfahrt sicher helfen werden. Auch unser Host Mehmet hat sich sichtlich darüber gefreut, dass so viele deutschsprachige Menschen im Haus waren und er ein bissel in seiner Muttersprache quatschen konnte.

Wer mehr über die Reise von Jan und Karina erfahren möchte kann im Übrigen auch deren Homepage besuchen:

http://www.nie-mehr-radlos.com

Anfang Mai wird es auch die Möglichkeit geben die beiden auf ihren letzten Kilometern in Süddeutschland zu begleiten. Wer weiß, vielleicht ist ja dann auch von uns jemand dabei.

1:30 Uhr ist der Besuch aus Deutschland dann gegangen. Anschließend haben sich Marcel und ich noch eine ganze Weile mit Fateme unterhalten, die uns einen sehr interessanten Einblick in das Leben einer Frau im Iran geben konnte. Durch Menschen wie Fateme und Mehmet bekommt der Iran, welchen wir bisher nur aus den Nachrichten kannten ein Gesicht oder besser gesagt viele Gesichter. Dieses abstrakte Gebilde wird zu etwas greifbaren mit dem wir uns verbunden fühlen.

26.11.

Heute Vormittag war also die Besichtigung des größten überdachten Basars im Iran angesagt. Ein nettes Gewusel, in dem alles mögliche an Dingen angeboten wurde. Neben lokalem Käse, Bekleidung, Porzellan, bergen von Gewürzen, Hygieneartikel und Rinderpfoten in Schubkarren, wurden hier natürlich auch verschiedenste Teppiche angeboten. Am Ende unserer Exkursion haben wir unseren netten Guids Ali und Murat noch den Kontakt zu einigen ehemals in Deutschland lebenden Tabrizern vermittelt, die ihnen vielleicht helfen können, ein Visa für die BRD zu erhalten. Einfach wird das allerdings nicht, denn das wollen sehr viele junge Leute aus dem Iran und das Visa wird nur selten und unter hohen Auflagen vergeben.

Nach dem Einkaufsbummel gingen wir zum Radladen zurück um unsere Fahrräder in Empfang zu nehmen. Bereits vor dem Laden warteten unsere beiden Freunde Julian und Linda auf uns. Wir wollten an diesem Nachmittag noch ein bisschen Zeit miteinander verbringen, ehe es sie nach Esfahan und uns nach Teheran verschlägt. Vorerst hieß es aber Räder abholen und Mr. Mohammed Saeed einen rießen Dank dalassen. Wir musste am Ende tatsächlich nur die neuen Komponenten zahlen und der gute Mann ließ sich nicht davon überzeugen eine Aufwandsentschädigung anzunehmen. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Ausländern ist im Iran wirklich etwas ganz besonderes.

Mit fünf funktionierenden Reiserädern ging es Tee trinken und dann Falafel essen und Kuchen schnabolieren. Abschließend verabschiedeten wir Linda und Julian in Richtung Busbahnhof. Vielleicht sehen wir sie ja noch einmal wieder, ehe die beiden am 10. Dezember zurück nach Deutschland reisen.

Falls ihr lesen wollt, mit wem wir 300km zusammen geradelt sind, dann schaut doch mal auf ihrer Homepage vorbei:

http://radeln-in-den-sonnenaufgang.de

Auch für uns hieß es zusammenpacken und bereit machen zur Verabschiedung von Mehmet und den drei Mädels. Obwohl wir nur zwei Tage mit ihnen verbringen konnten, sind sie uns sehr ans Herz gewachsen und wir hoffen sie eines Tages wiederzusehen um dann in Deutschland ein Bierchen zusammen zu trinken. Lasst es euch gut gehen. 😉

Unser Zug sollte dann 21:30 Uhr in Richtung Teheran abfahren. Bereits 20 Uhr kamen wir am Bahnhof an, wo es auch gleich eine Passkontrolle gab. Nach kurzer Diskussion, ob wir unsere Fahrräder kostenlos mit in den Zug nehmen dürfen, gab sich der Zugbegleiter geschlagen und zeigte uns schon vorab, wo wir sie später hinstellen sollten. Die Bahnhofshalle begann sich nun immer mehr zu füllen und interessanterweise hatten sämtliche Frauen einen schwarzen Umhang an. Alle Frauen?! Nein! Unsere Jule war in blauer Jacke unterwegs und da störte sich auch keiner dran. 🙂

Letztendlich durften wir den Bereich in dem der Zug bereitstand bereits vor den restlichen Passagieren betreten. So konnten wir unsere Räder am Ende des Zuges unterbringen und auch unser Gepäck im Abteil verstauen, ehe der große Ansturm losging. In dem Sechserabteil haben wir es uns letztendlich gemeinsam mit einer iranischen Familie gemütlich gemacht. Diese hat uns neben Tee, Brot und Äpfeln auch Bonbons angeboten und das obwohl es eigentlich der Proviant für ihre Zugfahrt war. Als klägliche Gegenleistung konnten wir lediglich etwas Kuchen anbieten, da unsere Vorräte nahezu aufgebraucht waren. Gegen 0 Uhr haben wir unsere Betten umgeklappt und konnten erstaunlich gut in dem viel zu warmen Abteil schlafen.

27.11.

Aufwachen im Zug und der erste Blick geht gleich zur Uhr, denn die Abteilung für konsularische Angelegenheiten der Deutschen Botschaft schließt bereits um 10:30 Uhr. Letztendlich half alles auf die Uhr schauen nichts und der Zug kam mit reichlich Verspätung nach 14 Stunden gegen Mittag an. Wir entschlossen uns dennoch dazu zur deutschen Botschaft zu fahren und so konnten wir gleich mal wieder Fahrrad fahren in der Großstadt üben. Das ganze auch noch ohne unsere Rückspiegel, da uns diese um Zug geklaut wurden. Der erste Verlust dieser Reise durch Diebstahl. Ich denke das ist durchaus zu verkraften.

Die Botschaft konnten wir dann leicht finden und wir freundeten uns auch gleich mit dem Sicherheitspersonal an. So konnten wir für kurze Zeit sogar mal wieder die Bundesrepublik Deutschland betreten, denn Botschaftsgebäude gehören immer zu dem jeweiligen Land. Nach einem kurzen Toilettenaufenthalt (leider mit türkischer Toilette) betraten wir dann wieder iranischen Boden und warteten weiter auf die zuständige Sachbearbeiterin. Als die Mitarbeiterin dann doch noch auftauchte, konnte sie uns innerhalb einer Stunde die Konsularische Bestätigung über den rechtmäßigen Besitz unseres Reisepasses erteilen, die wir benötigen um das indische Visum beantragen zu dürfen.

Mit dem Scheinchen in der Tasche machten wir uns auf den Weg zur indischen Botschaft, natürlich waren wir auch dort zu spät. Dies mal half auch alles reden und überreden nichts, denn die Visastelle hatte zu und macht erst drei Tage später wieder auf. Für uns heißt das also auf Sonntag 9 Uhr warten, Visum beantragen und dann kann unsere Reise endlich weiter gehen.

Vorerst mussten wir mit dem dichten Teheraner Verkehr vorlieb nehmen. Auf dem Weg zu unserem Host bekamen wir an verschiedenen Orten noch Brot, Muffins und Tee geschenkt.

Die letzten Meter wurden wir von einer Familie (Mutter, Tochter und Tante) begleitet. Das spannende daran war, dass die Tochter ihre Zöpfe offen trug und nur einige Haare bedeckte. In der Öffentlichkeit hatten wir so etwas im Iran noch nicht gesehen. An sich müssen die Haare und insbesondere die Haarspitzen nämlich bedeckt sein.

Unser Host Ali bereitete uns nach unserer Ankunft ein leckeres Abendessen zu und später legten wir uns alle in das Wohnzimmer seiner kleinen, aber schönen Wohnung, um dort zu schlafen.

Obwohl wir nur in der Stadt geradelt sind, hatten wir am Ende doch stolze 27km auf dem Tacho stehen.

28.11.

Richtig lange und gut schlafen! Juhu! Nach dem aufstehen und Frühstücken sind wir mit der U-Bahn n die Stadt gefahren. Begleitet wurden wir von Ali, der uns alles organisierte. Die Metro hatte ein großes Extraabteil für Frauen, damit diese von den Männern nicht belästigt werden. Ob diese Angst berechtigt ist kann ich nicht sagen. Jedenfalls waren die einzigen Männer in den Frauenabteilen fliegende Händler, welche durch die U-Bahn liefen und verschiedenste Waren wie: Türkische Kaugummi, Socken, Gürtel, Spangbob-Luftbalons und Wörterbücher anboten.

Erste Station unserer Sightseeingtour war der Golestan Palast, welcher vor über 100 Jahren erbaut wurde. Besonders famos waren die zahlreichen Spiegel und Spiegelchen, die in ihm verbaut wurden. Interessant auch, dass wir als Touristen den dreifachen Preis zahlen mussten. Das trifft im Iran anscheinend auf viele Museen und Sehenswürdigkeiten zu.

Zum Mittagessen konnten wir erneut eine Falafelbude ausfindig machen. Hier bekam man das Baguette mit 4 Falafelbällchen in die Hand gedrückt und konnte sich dann Salat und Soße selbst nach Herzenslust dazugeben.

Am Nachmittag haben wir dann noch den Avotach Park (bestimmt falsch geschrieben) einen Besuch abgestattet, dass soll wohl der modernste Park der Stadt sein und in der Tat ist er ziemlich beeindruckend. Durch schöne Bepflanzungen weiß er zwar nicht zu überzeugen, aber seine Bauwerke sind dafür umso imposanter. Unter anderem verbindet eine Fußgängerbrücke mit drei Ebenen, die sich immer wieder kreuzen, die beiden Parkteile, welche durch eine große Straße voneinander getrennt sind. Ein plötzliches Unwetter verkürzt unseren Parkaufenthalt allerdings und wir kehren zur Wohnung von Ali zurück um dort gemeinsam Abendbrot zu Essen. Seit langem gibt es mal wieder Kartoffelbrei.

Jule nimmt außerdem noch ein bisschen Farsi-Unterricht bei unserem Host. Nach ein paar netten Gesprächen und der ersten süßen Zitrone unseres Lebens entschwinden wir dann erneut in das Land der Träume. An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner superbequemen Luftmatratze bedanken, die mich jetzt schon drei Monate treu begleitet. 🙂

11.11. – 21.11. von der Jule

 

Sooo meine lieben Leser, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja! Unsere tapferen drei Radeltiere sind gerade in Trabzon eingelaufen, wo sie sich für ihren Kampf um das heilige Iranische Visum wappnen. Werden sie ihn gewinnen? Werden sie in den Iran einreisen dürfen? Schaffen sie es, ihre Reise vor Einbruch des wirklichen minus-15°C-Winters in den Bergen fortzusetzen? Und werden sie dabei tatsächlich auch nicht ihre gute Laune und ihre schlechten Witze verlieren? Das alles und viele unnötige Nebeninformationen erhaltet ihr, wenn ihr euch durch die nächsten gefühlten 12 Seiten Tagebuch lest…!

11.11.

Haha, Karneval…

und zwar Karneval auf der Iranischen Botschaft. Wir sind früh raus, damit wir auch ja rechtzeitig da sind, denn wir haben schon etwas bammel, dass wir das Visum nicht bekommen. Unser Host hat uns erzählt, dass die letzten Touristen bei ihm ihr Visum erst nach 6 Tagen bekommen haben, und auf unserem Gästebett lag noch eine Notiz von anderen Gästen, dass sie den nächsten Reisenden mehr Glück mit dem Iranischen Visum wünschen, da sie es nicht bekommen haben. Wir hingegen haben unsere straffe Zeitplanung daran ausgerichtet, dass wir nur einen Tag auf unser Visum warten müssen.

Um 15 vor 9 also stehen wir vor dem Tor der Botschaft, ich mit Kopftuch und Christian und ich mit Eheringen am Finger, da das die Familienkonstellation ist, die uns im Iran hoffentlich helfen wird. Nach und nach kommen da weitere Reisende an, die auch heute ihr Visum benatragen wollen: Rok aus Slowenien, der letztes Jahr mit dem Rad nach Indien ist und jetzt Sehnsucht nach diesem inspirierenden Land bekommen hat, Diogo aus Portugal, der schon zwei Jahre auf Reisen ist, und eine französische Familie mit drei Kindern, die im Caravan eine drei-Jahres-Welttour machen… Es ist herrliche Stimmung und unglaublich inspirierend und schön, diese Menschen alle zu treffen.DSCF4246

Wir werden dann in die Botschaft gelassen und eine sehr wenig freundliche Dame empfängt uns, man sitzt mit gesenktem Kopftuchkopf da und fühlt sich ihr völlig ausgeliefert. Nach uns kommt noch ein französisches Reiseradler-Pärchen rein, sie werden direkt abgewiesen und auf nächste Woche vertröstet. Die beiden diskutieren, dass es da in den Bergen, die wir alle auf dem Weg nach Iran überqueren müssen, schon wirklich dramatisch kalt wird, aber das Herz der Dame scheint ähnliche Temperaturen zu haben, denn sie schickt sie genervt und gnadenlos weg. Wir alle, die wir das mitbekommen, sitzen etwas schockiert da und senken den Blick noch etwas mehr. Ein japanisches Pärchen wird einfach so abgewiesen, weil sie aus Japan sind.

Nun bekommen wir mit, dass man eine Kopie der Krankenversicherung abgeben muss, was wir alle nicht auf dem Schirm hatten. Keiner von uns hat das Dokument dabei- wir schwitzen Blut und Wasser. Im Endeffekt aber dürfen wir den Visumsantrag ausfüllen und danach schnell in die Stadt flitzen, um die Dokumente zu kopieren. Das wird ein ganz schönes Gerenne, denn zunächst müssen wir für unseren recht diktatorischen Host Barabaros noch weitere Gäste abholen und zu ihm nach Haue bringen. Das machen wir, dann ist im ersten Kopierladen die Druckerpatrone alle, der zweite hat so was gar nicht und erst beim Dritten wird unser Zeug kopiert. Für wirklich unanständig viel Geld. Ist alles ziemlich unangenehm. Mit den Dokumenten stratzen wir dann wieder den Berg zur Botschaft hoch und geben sie ab- dann ist auch alles recht problemlos, wir bekommen eine Bank gesagt, auf die wir die 75 Euro Gebühr einzahlen müssen, und sollen unsere Visa in vier Tagen abholen.

Vier Tage… das war so nicht geplant und leider ist Trabzon auch keine Stadt, in der man lange bleiben möchte. Weiterhin ist unser Host eben, hm, gewöhnungsbedürftig, und das Gefühl, ihm gleichzeitig dankbar für seine Gastfreundschaft zu sein, aber andererseits mit ihm nicht klar zu kommen, macht auch keine Lust darauf, hier vier Tage zu verbringen.

Zum Glück haben wir diese tollen Menschen an der Botschaft kennen gelernt: Als wir nachmittags ziellos durch Trabzon laufen, treffen wir sie alle wieder und dazu noch einen Exil-Iraner, der wegen seiner politischen Aktivitäten schon dreimal im iranischen Gefängnis war, bevor er in die Türkei ist. Mit all diesen tollen Menschen und noch mehr, die sich ansammeln, gehen wir dann erstmal Tee trinken und haben eine herrliche Zeit. Später dann, als wir zum Host nach Hause kommen, kochen wir für ihn, uns und das französische Pärchen, das auch bei ihm wohnen soll. Als er nach Hause kommt, bringt er dann noch zwei Deutsche (Freiburger!) Reiseradler mit und türkische Freunde, und wir sitzen alle im Wohnzimmer und wie durch ein Wunder reicht auch das Essen =) Ein sehr schöner Abend mit haufenweise Globetrottern, die sich so ihre Geschichten erzählen.

Aaah ja, wichtig und dennoch vergessen: am Nachmittag haben wir unten am Pier, direkt am Meer, einen Kicker gefunden! Das war das erste Mal, seit ich im ISE gekündigt habe, dass ich gekickert hab =) Und natüüürlich, liebe Abteilung, die Zeit mit Euch war nicht umsonst, ich hab auch allein gegen meine beiden Radelfreunde gewonnen. Das fanden sie gar nicht so gut, deswegen haben wir, um den Gruppenfrieden nicht zu stören, lieber von den beiden Siegerfotos gemacht =)DSCF4252

12.11.

Und als wir am nächsten Morgen in Trabzon aufwachen, gehen wir tatsächlich nochmal zur Botschaft, nur um die coolen Leute wieder zu treffen. Mit Rok und Diogo (wir erinnern uns, der Slowene und der Portugiese) und Leo, einem deutschen Reisenden, fahre ich dann per Anhalter in die Berge, um zusammen ein Feuer zu machen, unter den Sternen zu schlafen und ein wenig aus Trabzon rauszukommen. Marcel und Christian bleiben lieber in der Stadt, um die obligatorischen Stunden im Internet zu verbringen. Daher kann ich jetzt nur von den Bergen berichten- wir sind von Trabzon aus zum berühmten Kloster Sümela gestartet. Obwohl wir zu viert waren, wurden wir enorm gut mitgenommen und sind die letzten paar (kalten) Kilometer sogar ganz klassisch auf der Ladefläche eines Pickups gefahren- den Fahrtwind in den Haaren, das Glück, gerade mitgenommen zu werden, der Spaß mit den drei anderen: das war einfach wunderschöne Freiheit.

13.11.

Nachdem wir bei 3 °C unter dem übervollen Sternenhimmel zwischen massiven Bergen geschlafen haben, trampen wir vier wieder zurück- und wer kommt uns da entgegen? Genau, Marcel und Christian auf dem Fahrrad, in Begleitung von Julian und Linda, dem Freiburger Reiseradler-Duo. Alle ohne Gepäck, das sieht man selten, eben einen Tagesausflug machend. Lachend lassen wir den netten Mann, der uns gerade ins Auto geladen hatte, anhalten und begrüßen die keuchenden Radler, dann bin ich wieder in Trabzon und fange an, meinen Internetkram zu machen.

14.11.

Heute ist dann auch schon der große Tag, an dem wir erfahren werden, ob wir in den Iran dürfen. Bis 16:30 müssen wir warten, dann wird wieder das Kopftuch aufgesetzt und wieder treffen wir all die tollen Leute vor den Gittertoren der Botschaft. Als wir eingelassen werden, sind alle ganz schön am zittern… Ist aber auch eine fiese Stimmung in dieser Botschaft… Aber dann geht alles glatt und wir haben diese wunderschönen Visa in persischer Schrift in den Pässen. Das Datum, an dem es fertig gestellt worden war, so sagt uns das Visum, ist übrigens vor zwei Tagen gewesen- aber das nur am Rande.

Als wir alle die Botschaft verlassen, sind wir richtig glücklich und ausgelassen und die französische Caravan-Familie (die Familie Bos oder auch die Bostrotters) eröffnet, dass sie noch dutzende Flaschen Champagner und Wein im Caravan haben, die vor der Iranischen Grenze noch leer werden müssen. So zieht der fröhliche Tross zum Caravan und feiert eine wunderschöne Party auf einem kleinen PKW-Parkplatz. Der Parkplatzwächter kommt ob des Lärms dann auch mal schauen, schimpft aber gar nicht, sondern bringt uns noch extra lecker lecker Kuchen. In dieser Gruppe fühlt es sich jetzt ganz arg nach Familie an, obwohl wir uns alle noch gar nicht lang kennen. Ach, ich kann’s nicht beschreiben, es ist wirklich wunderschön gewesen.

Um 20:00 müssen wir die Party dann aber auch verlassen, weil wir den Abendbus nach Hopa gebucht haben. Wir müssen, wie ihr schon wisst, Kilometer schrubben, um schön viel Zeit im Iran zu haben, und kürzen deswegen die letzten Küstenkilometer ab. Hopa ist die Stadt, von der aus wir in diese sagenumwobenen Berge abbiegen werden. Dort kommen wir dann etwa angeheitert und echt müde um Mitternacht bei unserem Host an- das war so nicht geplant, wir dachten eigentlich, dass wir früher da wären. So haben wir den Host echt lang wach gehalten und dazu war er noch krank; furchtbar schlechtes Gewissen!!

15.11.

Eigentlich wären wir dann (Zeitdruck, Zeitdruck) eigentlich gern früh gestartet, wollten aber unseren Host auch nicht einfach als Hotel missbrauchen, und haben deswegen den Vormittag noch mit ihm gefrühstückt und ihn ein wenig kennen gelernt. Auch wieder ein super sympathischer Mensch, interessant und inspirierend. Und seine Wohnung war der Wahnsinn: siebter Stock und nur eine Querstraße vom Meer, und sowohl in der Küche als auch im Wohnzimmer eine Fensterfront, die bis zum Boden geht. Das war ein atemberaubender Ausblick, mit dem man sich gut von dem liebgewonnen Begleiter Karadeniz / Schwarzmeer verabschieden konnte.

Gegen Mittag sind wir dann auf die Straße, wurden aber gleich wieder hart verzögert, weil einfach zufällig direkt vor der Tür zwei weitere Reiseradler standen, in die wir reingelaufen sind. Das war schon wieder viel zu interessant und angenehm, um einfach aufzubrechen. Die beiden waren aus Großbritannien bzw Kanada und sehr neidisch auf uns, weil sie beide keine Chance auf ein Iranvisum haben. Ihre Website: puncturesandpanniers.com

Nach einem glücklichen Austausch sind wir dann auch tatsächlich mal losgefahren, es war sicher schon nach 12 Mittags, und wie ihr wisst, wird es hier schon um 16:00 dunkel. Und aaaaab ging es in die Berge, Richtung Artvin. Jetzt sind wir plötzlich inmitten von satten Teeplantagen, die wie endlose und ausgepustete Buchsbaumbeete die Hänge bedecken. Endlich in diesen Bergen! Es ist (mal wieder) un- un- unglaublich schön.DSCF4307

Hier bricht mir dann tatsächlich die fünfte Speiche unserer Tour. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich falsch mache, denn ich habe jetzt auf jeden Fall auf der Hinterachse wirklich sehr viel weniger Belastung als Christian, der ja ein baugleiches Rad fährt. Aber irgendwie ist es auch egal, denn das Wechseln der Speiche geht mittlerweile pfeilschnell und auch parallel zur Mittagspause. Marcel schmiert mr Brote und füttert mich, ich werkel eben mal wieder am Hinterrad. Und dann kann es weitergehen.

Als es dann dunkel wird, finden wir einen kleinen Rastplatz bzw. vielleicht eher einen kleinen Imbiss am Straßenrand, der auch ein paar Tische an der Straße stehen hat, und fragen, ob wir dort das Zelt aufstellen dürften. Und na klaaaar, die Türkei wäre nicht die Türkei, wenn das nicht überhaupt kein Problem wäre! Dazu bekommen wir noch Chai und ein paar schöne Unterhaltungsfetzen zusammen und bestellen ein lokales Gericht, das in etwas einem Käsefondue entspricht…. Omnomnom!! Genau das richtige für ehemals vegane Reiseradler mit höchstem Energiebedarf =)

Der Rastplatz liegt direkt flussaufwärts eines riesigen Staudammes und so ist die Aussicht mal wieder… mir gehen superlative Adjektive aus…. richtig gut.

16.11.

Ein mieser Gegenwind versucht, uns unseren nächsten fast-nur-bergauf-Tag noch ein wenig schöner zu gestalten. Wir kriechen dicht hintereinandergedrängt die Berge rauf und an Artvin vorbei, das sich ziemlich hässlich aber beeindruckend an die Bergflanken klebt. Gegen Mittag sind wir wieder an einem riesigen Staudamm und an der Straße steht ein Schild, das nach links einen kleinen Supermarkt verspricht. Weil es hier oben nicht viel gibt, wir aber umso mehr essen müssen, folgen wir dem Schild und landen in einer staatlichen Stadt, die von einem Zaun umgeben und mit einer Schranke gesichert ist. Wir sagen, dass wir zum Supermarkt wollen und werden auch durch gelassen. Im Markt bezahlen wir astronomische Preise, bekommen dafür aber vom Ladeninhaber zu unserer Mittagspause, die wir gegenüber des Ladens abhalten, einen Tee geschenkt. Zwei Kinder schenken uns Mandarinen und Khaki, und ihre Mutter ist hier Deutschlehrerin und erklärt uns, dass das hier eine Stadt nur für die Mitarbeiter und Ingenieure des Staudamms ist. Weiter zieht sich unser Weg, nochmal ein paarhundert Höhenmeter runter und in einem schönen Flusstal wieder rauf, bis es dunkel und kalt wird und wir unser Zelt auf einer sehr hübschen Halbinsel in den Flussauen aufschlagen. Wir kochen ganz schnell und weil es wirklich rattenkalt wird, verkriechen sich die ersten schon um 20:00 ins Bettchen. Ich muss mal wieder mit den Speichen schimpfen und ein wenig hin- und herjustieren, und das mal wieder unter diesem herrlichen Sternenhimmel, dann geht’s auch für mich schlafen. Morgen ist der große Tag- wir wollen über den höchsten Pass unserer bisherigen Reise, und eventuell sogar bis China (das müssen wir noch recherchieren) =)

17.11.

Also stehen wir noch vor Sonnenaufgang auf, um 5:30 wird vor dem Zelt Kaffee gekocht. Mit Sonnenaufgang steigen wir dann auf die Räder und es heißt strampeln, strampeln, strampeln. DSCF43961700 Höhenmeter haben wir zu überwinden und brauchen dafür bis 15:00. Belohnt werden wir von einer Landschaft wie aus dem Bilderbuch, die immer weiter unter uns rückt. Die Berge machen mir Spaß, sie sind wunderschön und man muss nur wenig Blog schreiben, weil man das eh nicht in Worten ausdrücken kann. Dafür haben wir natürlich viele Fotos parat.DSCF4411

 

Als es schon dunkel wird, fahren wir dann wieder ein beachtliches Stück bergab, um noch bis in die Stadt Ardahan zu kommen. Christian wünscht sich nämlich ein Hotel, weil er gern duschen möchte- das passiert sonst auch nicht so oft 😉 Wir bemerken auf der Straße, dass Christians Felge entlang der Bremsenfläche gerissen ist und wissen damit, dass wir mal wieder einen Fahrradladen und eine neue Felge auftreiben müssen- diesmal wenigstens eine 26-Zoll-Felge, das dürfte kein Problem werden. Und so überfahren wir dann saussaussaus unseren 4000. Kilometer =)DSCF4431

Als wir in Ardahan sind und uns auf die Suche nach einem günstigen Hotel begeben, finden sich sofort zwei hilfsbereite Türken (oder Kurden? vielleicht), die das Handy in die Hand nehmen und so lange rumtelefonieren und für uns verhandeln, bis wir ein Zimmer mit vertretbarem Preis gefunden haben. Danke, mensch, ihr seid echt super. Und der eine Helfer ist Restaurantbesitzer und lädt uns ein, später zu ihm auf einen Tee vorbei zu kommen.

Zunächst aber müssen wir noch mit unserem zweiten Helfer das Problem lösen, dass die Räder nicht mit ins Hotel dürfen. Für uns ist es aber nicht vorstellbar, sie einfach auf der Straße zu lassen; zu groß ist der Schaden, falls uns unsere Lastentiere abhanden kommen würden. Im Endeffekt dürfen wir sie gegenüber in ein Einrichtungsgeschäft stellen, wo sie dann zwischen Couchtischen, Sofas und Einbauschränken übernachten.

Wir bekommen ein urgemütliches Zimmer und die Jungs müssen allein den Tee trinken gehen, weil ich mich nach diesem Tag im Schlafanzug viel zu gut fühle und lieber die Aufgabe übernehme, den letzten Blogbericht hochzuladen und mich um die Fotos zu kümmern. Als die beiden dann wiederkommen, bin ich aber doch etwas neidisch: das Restaurant ist wohl das nobelste und beste in der ganzen Stadt (Christian und Marcel im Jogginganzug dort hätte ich gern gesehen) und aus der Einladung zum Tee wurde ein ganzes mehrgängiges Menu. Die beiden kommen mit dicken Bäuchen und sogar noch mit eingepacktem Essen zurück. Alles als Geschenk, nur weil die Menschen so lieb zu uns sind =)

Dann schlafen wir (ich nach einer Dose Bohnen ^^) tief und selig und stolz auf uns, dass wir den 2400m-Pass gemeistert haben!

18.11.

Christian fährt dann morgens mit dem Bus in die nächste Stadt, nach Kars, weil er gern früh ankommen und sofort seine Felge austauschen lassen möchte. Obwohl Christian nicht viel Ahnung von der Radtechnik hat, beschließen wir, dass er das auch allein regeln kann. Dann können Marcel und ich nämlich noch einen Tag durch die Hochebene Westanatoliens radeln.

Hier oben gibt es fast keine Farben mehr, es gibt nur beige-braun-grau und keine Bäume, es gibt endlose Straßen und weite Flächen mit uneingezäunten Pferden, es gibt kleine Dörfer mit vielen Lehmwänden und blauen Plastikplanen überall. Und überall begrenzt irgendeine hohe, meist schneebedeckte Bergkette die Sicht. Und, das finden Marcel und ich beim radeln noch heraus: es gibt Wildschweine! Nur vielleicht 30 Meter vor uns überquert eine Rotte mit vielleicht 40 Mitgliedern die Straße. Uiuiuiui!

Als wir nachmittags nach 90 km in Kars ankommen, wartet Christian schon ziemlich fertig an einer Tankstelle auf uns: Die Radwerkstatt, zu der er sein gelbes Flitzerchen gebracht hat, haben aus seinem kleinen Problem ein großes gemacht.

Als die Männer dort den Ritzelblock abnehmen wollten, haben sie ihn falschrum gezogen, also immer fester. Und dann, weil es in diese Richtung natürlich unmöglich aufzumachen war, haben sie die Nuss, die man zum Abziehen des Ritzels braucht, einfach mal mit dem Hammer weiter reingekloppt. Dabei sind die Kugeln aus dem Lager nur so umhergespritzt, das hat aber keinen mehr interessiert. Als Christian dann ziemlich geschockt angedeutet hat, dass man das andersrum aufbekommt und man dafür eben eine Kettenpeitsche braucht, wussten sie zunächst gar nicht, was gemeint ist. Kurz darauf hingegen hatten sie doch eine organisiert, jetzt aber was das Ritzelpaket schon so mit aller Kraft festgekloppt, dass es sich keinen Millimeter mehr bewegen ließ, auch mit aller Kraft. Im Endeffekt haben wir sogar noch unsere Kettenpeitsche verbogen, als Marcel und ich später dazu kamen.

Irgendwann haben wir das dann aufgegeben und uns entschieden, für Christian ein komplett neues Laufrad, also Felge, Nabe, Ritzelblock, zu nehmen, damit wir weiterfahren können. Natürlich hat nun aber das neue Laufrad im Vergleich zu unseren vorherigen eine wirklich miese Qualität, die Felge ist 2mm breiter und es hat ein Ritzel weniger… Ayayay, da hat sich der Christian geärgert. Zum Glück hatte er dann beim auf-uns-Warten Freundschaft mit dem Tankstellenwart Murat geschlossen, der sich um ihn gekümmert und ihm Tee ausgegeben hat. Und zum Glück ging es dann, mit dem neuen aber schlechteren Laufrad weiter zu unserem Host Taifun. Und der war so toll, dass man den Stress vom Tag gut vergessen konnte. Taifun hat sich wahnsinnig süß um uns gekümmert, hat seine wirklich schöne Wohnung zu unserer deklariert, sein Bett für uns geräumt und auf der Couch geschlafen, hat mit uns einzweiviele Bierchen getrunken und ultra-spannende Einblicke in sein Leben als Kurde, Alevit UND Armenier in diesem Land gegeben. Dazu war er noch lustig und einfach nett… kurz: das war mal wieder ein perfekter Abend.

19.11.

Von Kars aus wollte ich unglaublich gerne nach Ani. Ani war mal vor 1000 Jahren die armenische Hauptstadt und ist heute eine Geisterstadt, nachdem sie immer mal umkämpft und erobert und am Ende in die mongolische Herrschaft gefallen ist, wo sie jedoch keinen Zweck mehr erfüllte und deswegen zerfiel.

Als wir gestern Abend vor dem Haus unseres Hosts auf eben diesen gewartet haben, hatte uns ein Herr angesprochen, der Touristenshuttles dorthin organisiert und eben heute um 7:30 aufbrechen würde. Da war ich dann mit an Bord und hab einen wahnsinnig beeindruckenden Morgen erlebt. Außer mir waren nur 5 andere Beusucher auf dem riesigen Gelände der alten Geisterstadt, über der Steppe herrscht vollkommene Stille, teilweise stehen noch Kathedralen dort, die seit 1000 Jahren jedem Wetter und jedem Erdbeben trotzen, und gleich unterhalb der Stadt liegt der Grenzfluss zu Armenien, an dem hunderte Wohnhöhlen in den Fels getrieben sind. Beim Schlendern durch die Ruinen lagen dann sogar noch menschliche Knochen einfach so in einer Kirchenruine… Huiii, ein faszinierender Morgen.

Als ich dann mittags wieder nach Hause gekommen bin, meditativ-entspannt und glücklich, haben wir alle beschlossen, dass wir noch einen Tag in Kars bleiben, um noch mehr Zeit mit Taifun verbringen zu können und noch einmal auuusgedehnt das Internet zu benutzen, bevor es morgen in den Iran gehen soll. Einmal noch stundenlang mit den Partnern und der Familie skypen, bevor man nicht mehr weiß, ob und wann es Internet geben könnte.

War dementsprechend ein sehr schöner Nachmittag/Abend im Jogginganzug.

Ahja, und in meinem ebook-Reiseführer, dem lonely planet Turkey, hab ich dann noch gelesen, dass genau dieser Touristenguide, der uns gestern Abend zufällig auf der Sraße getroffen hat, empfohlen wird =)

20.11.

Ab in den Bus und nach Dogubayazit und von dort die letzten 30 km nach Iran radeln, das ist der Plan.

Dafür müssen wir um 7:30 mit allem Zeug am Busbahnhof sein. Wie gut, dass Marcel da um 6:50 noch bemerkt, dass er einen Platten hat! Er flickt also, zuerst funktioniert auch die Luftpumpe nicht, alles wird hektisch (zum Glück waren wir wie immer, sehr deutsch, zu früh dran), Christian und ich fahren schonmal zum Busbahnhof vor und fangen an, unsere Räder in einen Bus reinzudiskutieren. Es heißt dann auch, dass das klar geht, wenn wir auch jeweils für die Räder ein Ticket lösen. Das ist durchaus gerecht. Nun kommt auch Marcel um die Ecke gebogen. Also geht das alte Spiel wieder los: Vorderräder rausschrauben, Räder in den Bus tragen, irgendwie auf der Rückbank stapeln und mit unseren zig Satteltaschen den restlichen freien Gepäckplatz auffüllen. Kurz vor Abfahrt sagt uns der Mann von der Busgesellschaft dann noch, dass unsere Räder so viel Platz wegnehmen, dass wir noch mehr Geld auf den Tisch legen sollen, aber das sehen wir nicht ein und diskutieren so lange und so hartnäckig, bis der Bus abfahren will und der Mann aufgibt. Wir sitzen ziemlich fertig im Bus und wollen nur in Ruhe losfahren, da hält der Bus dann nochmal an einem zweiten Busterminal in der Stadt. Der gleiche Mann steigt wieder ein und will nun die Tickets kontrollieren- und wird kalt und heiß, denn nachdem alle Parteien beim Verhandeln irgendwelche Preise auf dem Ticket aufgeschrieben hatten, hat Marcel es nicht mehr gefunden gehabt. Als der Kontrolleur, der uns eh nicht mehr leiden mag, dann aber vor uns steht, zückt Marcel das Ticket einfach. Er hatte es wiedergefunden und einfach nicht als wichtig empfunden, uns das zu sagen…

Nun fahren wir also durch Nebel und karge Felslanschaft in Richtung Dogubayazit. In Igdir müssen wir nochmal umsteigen, dort geht aber alles wirklich problemlos. Es ist zwar ein noch viel kleinerer Bus, der Fahrer will aber nicht einmal Extrageld von uns haben.

Als wir, nachdem wir in Dogubayazit unsere letzten Lira in Käsepide verwandelt haben, dann aufbrechen, ist der Sonnenuntergang nur noch zwei Stunden entfernt. Wir radeln jetzt vorbei an Militärgebieten und Panzern, ein gepanzertes Fahrzeug überholt und, alles ist weiterhin felsig und grau und hässlich. Und da taucht dann plötzlich aus den dichten Wolken der Gipfel von Ararat auf- wahnsinn!!

FOTO

Nun macht Christians neues Hinterrad leider Zicken, es schlägt nach oben aus und es sieht so aus, als ob die Felge völlig gerade sei, aber der Mantel sehr ungleichmäßig. Das wird am Abend genauer angeschaut werden.

Als wir ca. zehn Kilometer vor der Grenze sind, überholen und zufällig die Bostrotters in ihrem Wohnmobil! Das ist eine Freude, die wieder zu sehen, sie halten an und alle liegen sich in den Armen und dann erzählen sie, dass sie heute Nacht an „dem größten Meteoritenkrater der Erde“ schlafen wollen, der nur 2 km vor der Grenze ist. Und das gefällt uns gut, da die Idee, so müde, wie wir sind, noch in der Dämmerung über die Grenze zu fahren und dann dahinter nicht zu wissen, wo wir schlafen können, ziemlich unangenehm war. Also radeln wir dem Caravan hinterher zum Meteoritenkrater. Ich hatte mir bei der Größenausssage vorgestellt, ein wirkliches Tal vorzufinden. Zunächst aber müssen wir an einem Militärposten mit vier schwerbewaffneten Soldaten vorbei, da der Krater genau in der militärischen Sperrzone liegt. Müssen unsere Pässe abgeben. Dann finden wir den Krater- und er ist vll. 15m im Durchmesser und 30m tief. Das kann doch nicht der größte der Welt sein?! Sieht auch irgendwie gar nicht wie ein Einschlagskrater aus. Naja, begeistert sind wir nicht. Nun können wir aufgrund des Sperrgebiets da auch nicht schlafen, also fahren wir mit den Bostrotters zusammen wieder aus der Zone raus, holen unsre Pässe ab, und der Bostrotter-Papa fragt die Soldaten, wo wir denn den Caravan abstellen könnten. Die sagen, hier überall ginge es keinesfalls, wegen der Sicherheitsstufe des Gebiets. Er meint, dann fahren wir eben einen Kilometer außer Sicht und stellen uns dort ab.

Als wir dort stehen und gerade Christians Rad auseinander genommen haben, um uns das Problem des Tages mal genauer anzusehen, kommen die Soldaten natürlich wieder und sagen uns, dass wir hier nicht bleiben können. Wir diskutieren, dass wir das verstehen, aber eben auch keinen anderen Platz wissen, zu dem wir können: 2km weiter ist die Grenze, da können wir ja nun auch nicht bleiben, und auf der anderen Seite ist ein Dorf, in dem der Bostrotter-Caravan von frechen Kindern mit Steinen beworfen wurde. Dort fühlen sie sich nicht sicher. Die Militärs sagen, wir sollten einfach zurück nach Dogubayazit – das sind die 30 km, die wir heute geradelt sind! Also nein! Wir erklären ihnen, dass wir jetzt in der Dunkelheit auch echt nicht mehr weit radeln können- da bestellen sie dann eine Eskorte für uns und rufen in der nahegelegenen Station der Gendarmerie (paramilitärische Polizei) an und sagen, dass wir dort schlafen können. Und so zieht dann im Endeffekt ein sehr unterhaltsamer Tross los, den ich leider nicht fotografieren durfte: zuerst fährt da ein gepanzerter Gruppenwagen mit richtig jemandem oben im Ausguck und so, dahinter wir drei Räder und dahinter die Familie im bunt bemalten Wohnmobil =)

Als wir jedoch an der Gendarmei ankommen, wissen die von nichts und lassen uns auch dort nicht bleiben. Sie sagen, wir sollen nach Dogubayazit fahren. Nein! Und sie sagen, dass etwa 2 km weiter ein bewachter Parkplatz ist, auf dem wir wohl schlafen könnten. Wir glauben das nicht so richtig, deswegen fahren die Bostrotters erstmal mit dem Wohnmobil hin, um das zu checken. Und da meine ich deutlich zu merken, wie unterschiedlich die Leute auf uns mit unseren Rädern reagieren: plötzlich sind die Gendarmen nicht mehr schrecklich abweisend, sondern fragen uns, ob wir nicht reinkommen und was essen wollen. Und einer erzählt uns, dass er nicht weit entfernt wohnt und dass wir auch dort in seinem Haus schlafen bzw. im Hof campen könnten. (Wohlgemerkt, alles irgendwie kompliziert über Smartphones und elektronische Übersetzer, weil hier niemand Englisch spricht). Scheinbar lösen die Bostrotters im Wohnmobil andere Reaktionen aus.

Auf jeden Fall aber kommen sie zurück und sagen uns, dass der Parkplatz gut sei, und so fahren wir dort noch hin. Es scheint eine lange Diskussion gewesen zu sein, bis wir dort schlafen durften, weil der (LKW-)Parkplatz eigentlich geschlossen war. Dennoch trafen wir dort 5 Sicherheitsmänner an, die sich eben nur sinnlos die Zeit vertrieben… verrückt.

Das war dann ein ganz schöner Abend mit der Familie im Caravan, wir haben mit den Kids gespielt und mit den großen geredet, haben zusammen gegessen und am Ende den Esstisch so eingesenkt, dass wir drei auch mit im Wohnmobil schlafen konnten. Zu acht in einem Auto =) War auf jeden Fall mal wieder grandios!!

21.11.

Heute geht’s hoffentlich in den Iran!

Nach dem Frühstück mit den Bostrotters haben wir noch auf die beiden Freiburger Reiseradler Julian und Linda gewartet, die nur wenig hinter uns sind und mit denen wir gerne gemeinsam ein Stück radeln wollen. Und dann ging es mit allen zusammen über die Grenze! War gar nicht so schrecklich, nur etwas verwirrend, weil sowohl der Polizist, der unser Gepäck durchsucht hat, als auch der, der unsere Pässe zum zweiten Mal eingescannt hat, keine Uniform trugen. Deswegen waren wir höchst skeptisch und haben zunächst mal jede Mitarbeit verweigert, konnten dann doch aber jeweils auch von der rechtmäßigkeit überzeugt werden. Noch in dieser Hochsicherheitszone der Grenze kam dann auch eine Dame vom Iranischen Tourismus-irgendwas an und hat sich unsere Namen und Adressen geben lassen, dazu hat ein professioneller Fotograf die ganze Zeit Bilder von uns gemacht…

Und an der Grenze haben wir noch einen anderen Reiseradler aus Prag getroffen!

Und dann- waren wir wirklich im Iran!!

Noch sieht der aber natürlich ziemlich so aus wie die Türkei, nur mit den wunderschönen persischen Schriftzeichen überall.

Im ersten Ort haben wir dann auch gleich wieder die Bostrotters getroffen und Euro in Rial getauscht. Zack, waren wir vielfache Millionäre, denn ein Euro ist 40.000 Rial =) Und dann kam uns noch ein weiterer Reiseradler aus Taiwan entgegen, der uns auch gleich seine Iran-Karte vermacht hat. Das ist ein Wahnsinnsgeschenk, denn detallierte Karten kann man hier nicht kaufen, so wie auch GPS verboten sind.

Und dann sind wir endlich mal wieder ein bisschen geradelt, seit heut morgen ja nun zu fünft. In der ersten Stadt wollten wir Brot kaufen und Mittag essen. Zuerst wurden wir von einem Helfer, der uns aufgegabelt hat, zu einem Imbiss gebracht, wo es aber partout nichts vegetarisches gab. Dann haben wir Brot kaufen wollen, aber das einzige, was es gab, war trocken wie Cracker, groß wie unsere Räder,, dünn wie Papier und wurde verkauft im 30er-Pack. Dennoch haben wir uns dann dafür entschieden und es nicht wirklich überzeugt zum Mittag gegessen. Danach sind wir noch weiter gefahren, bis es dunkel wurde, da wollten wir gerade an einem Haus fragen, ob wir dort campen könnten, da kamen zwei junge Frauen über ein Feld gelaufen und haben sich übelst über uns Touris gefreut. Und als sie unsere Frage nach der Zeltmöglichkeit nicht verstanden haben, haben sie ihren Bruder geholt, der Englisch konnte. So haben wir also Ali und seine Familie kennen gelernt =) Die alle haben uns sofort eingeladen, mit zu ihrem Gewächshaus zu kommen, wo sie gerade ein Wochenends-Familienpicknick abhalten. So wurden wir in einen Innenhof gelassen und sofort wurde uns zugerufen, dass wir die Kopftücher abnehmen sollen. Dann wurden wir in ein kleines Wohnzimmer mit Ofen gebracht, uns wurde Tee gegeben (der iranische ist sogar noch besser als der türkische!!) und die ganze Familie, vielleich 15 Leute, haben sich um uns herum geschart. Bis irgendwie das Thema Tanzen aufkam, da wurde ein mobiler Lautsprecher gebracht und alle sind zusammen in den Hof, um zusammen zu tanzen. Es war richtig ausgelassene Stimmung, alle waren total glücklich und haben sich gefreut, es gab ein Feuer und wir haben ewig zusammen am Feuer gesessen, getanzt und palavert. Ich hab sogar noch der einen jungen Frau eine Dread gemacht, weil sie meine so mochte und weil ihre Schwester Friseurin ist und das mal sehen wollte, damit sie es auch anbieten kann =)

Irgendwann mussten wir dann doch auch mal ins Bett. Dieser erste Abend im Iran hat uns komplett überzeugt =)

03.11. bis 10.11. vom Christian

Ist also doch schon wieder einige Tage her, seit der letzte Bericht geschrieben wurde. Naja, dann aber Feuer!

Bevor es mit dem Bericht losgeht, noch ein paar Anmerkungen zur Homepage, denn die ging in den vergangenen Tagen anscheinend nicht, jedenfalls trifft das auf den Link: immernachosten.de zu. Falls der mal nicht geht, könnt ihr es auch über chrisjulechina.wordpress.com versuchen. Zwischenzeitlich hat Jule aber mit dem Domainhost geredet, müsste jetzt alles wieder passen.

Außerdem sei noch einmal erwähnt, dass ihr auf unserer Startseite links einen Flickeraccount findet. Dort gibt es jede Menge Fotos zu unserer Reise, die auch manchmal unabhängig von dem Hochladen unserer Berichte den Weg ins Internet finden.

Des Weiteren haben wir die Rubrik „Kurz gemeldet“ eingeführt. Hier wollen wir regelmäßig reinschreiben, wo wir gerade sind und was wir machen, ohne dass immer gleich ein ganzer Bericht hochgeladen wird. Finden könnt ihr die Rubrik in der linken Leiste oben.

Außerdem haben wir den Marcel jetzt offiziell auf unsere Homepage mit aufgenommen, da er sich erfreulicherweise dafür entschieden hat, bis Bangkok mitzufahren. Mal seh’n- vielleicht können wir ihn auch noch davon überzeugen, dass Shanghai auch nicht schlecht ist.^^

Und nun noch eine letzte Sache: Sollte eine Postkarte nach 2 Monaten noch nicht bei euch sein, dann gebt uns kurz Bescheid, wir werden euch dann eine Neue schicken.

So nun aber zu unseren Erlebnissen in den letzten Tagen 😉

3.11.

Pausentag also bei Elif. Wie Jule schon erwähnt hatte, war es bei ihr absolut wundervoll. Einziges Manko: Kein WLAN. Also ab in den Empfangsraum eines Hotels und dort etliche Stunden mit Surfen und Skypen zugebracht. Ich glaub, am Ende sind wir den netten Hotelmitarbeitern schon ziemlich auf den Wecker gegangen. Nun ja, sei es drum.

Mit einer Tüte voller Bier ging es zurück zu Elifs Haus. Sie war bereits von Arbeit zurück und auch ihr Mann Yalsin ist heute extra vorbeigekommen, er lebt sonst 70km entfernt. Wir hatten kaum die Wohnung betreten, da meinte Elif, sie hätte eine Überraschung für uns. Was kann das wohl sein? Baklava? Fair-Trade-Schokolade? Oder doch eine Autogrammkarte des allgegenwärtigen Atatürk? NEIN! Weit gefehlt! Sie hat uns ein Video vom Vortag gezeigt, auf dem Marcel zusammen mit den jungen Türken getanzt hat. Eilif hatte in der Mittagspause in der Schule erzählt, dass Deutsche bei ihr zu Gast sind- das haben ihre Schüler mitbekommen und ihr sofort ein Video gezeigt, das sie am Vortrag gemacht hatten. Anschließend hat die ganze Klasse zusammen das Video angeschaut. Na dann Marcel, bald erkennen dich schon all Türken von weitem auf der Straße 🙂

Nachdem Elif am Vortag für uns gekocht hatte, haben wir uns heute mit Nudeln mit zwei verschiedenen Saucen revanchiert. Wir hatten wieder viele interessante Gespräche mit Yalsin und Elif über alle möglichen Dinge. Auch war noch Zeit für eine Probefahrt mit unseren Rädern, denn die beiden haben selbst den Traum, eines Tages auf die lange Meile zu gehen. Wir hoffen, dass sie den Mut haben werden, dass auch wirklich zu machen und uns dann natürlich in Deutschland besuchen. Elif musste uns am Abend dann leider noch in Richtung Ankara verlassen und auch Yalsin ist am nächsten Morgen schon sehr früh abgereist.

Wir ihr unseren Berichten entnehmen könnt, haben wir die beiden aber sehr ins Herz geschlossen und hoffen, sie eines Tages wieder zu sehen. So viel sei vorweggenommen: Eine Woche später zur Demo in Trabzon war das nicht der Fall, denn wir erreichten die Küstenstadt trotz größter Anstrengungen leider erst einen Tag zu spät.

4.11.

Vom heutigen Tag gibt es eigentlich nicht viel zu berichten, außer dass das Fahrrad Reparieren und Besorgungen Machen so lange gebraucht hat, dass wir uns dafür entschieden haben, noch einen weiteren Tag in Gerze zu bleiben. Wir fühlten uns dort ja auch mittlerweile wie Zuhause, zumal Elif uns ihr Haus überlassen hatte und wir ganz allein dort waren.

Nicht unerwähnt möchte ich Marcels tollen Wortwitz „In Gerze macht man kene Scherze“ lassen.

Ich überlege wirklich gerade, was es von diesem Tag noch berichtenswertes gibt, aber viel ist es einfach nicht.

Es sei noch erwähnt, dass wir wieder in Schichten im Internet waren in verschiedenen Cafés und die Jule sich in dem einen wohl beim Skypen mehr als 3 Bier in den Hals gestellt hat.

Eine Sache noch, dann ist aber wirklich Schluss für den Tag: In der Küche war heute Herrentag und während ich einen Tomatensalat mit unverschämt viel Zwiebeln zubereitet habe, hat unser „Veganer“ (Marcel) Käse in einer Pfanne zum schmelzen gebracht und selbigen in einer unnachahmlichen Art und weise anbrennen lassen.

5.11.

Heute also nach langer Zeit mal wieder eine richtige Radelstrecke von fast 100 km. Dank feinst ausgebauter Straßen sind wir entlang des Schwarzen Meeres nur so dahingeschossen. Der türkische Präsident Erdogan ist mit Sicherheit ein streitbarer Mensch und die meisten, die wir getroffen haben, mögen ihn auch nicht sonderlich, aber schöne Straßen und Tunnel lässt er schon bauen. Zumindest dafür ein kleines „Tesekkür ederim“ (Danke). 🙂

Bei nahezu keinem Verkehr ging es über die zweispurige Straße, die sogar noch einen Standstreifen besaß, auf den wir uns verkrümelten und den wir bis Trabzon (460 km später) kaum noch verlassen sollten.

Die Radstrecke war heute jedenfalls wenig spektakulär und kurz nach der Stadt „19. Mai“ (muss wohl was mit Atatürks Kampf für eine freie Türkei zu tun haben) haben wir auf einem Grundstück direkt am Meer gezeltet. Es wurde in den Abendstunden allerdings schon empfindlich kalt und das Kochen (Reis und Bohnen) hat herzlich wenig Spaß gemacht. Jedenfalls war es schön, nach langer Zeit mal wieder zu zelten

6.11.

Früh morgens kam Jule mit einem Blatt um die Ecke gebogen, auf dem sich Raureif abgesetzt hatte. Oha! Nun ist es also anscheinend langsam wirklich kalt. Die Sonnenstrahlen heizten uns aber sogleich mächtig ein. Unser Frühstück schleppten wir zum 100m entfernten Schwarzmeerstrand. Hier, direkt auf dem Sand, konnten wir die erste Stärkung des Tages zu uns nehmen, um dann die 21 Kilometer bis nach Samsun auch zu schaffen. 🙂

Samsun ist mit über 600.000 Einwohnern die größte türkische Stadt am Schwarzen Meer. Es soll wohl außerdem die am schnellsten wachsende türkische Stadt sein. Wenn man sich die ganzen Häuser anschaut, die hier aus dem Boden gestampft werden, ist das auch gut vorstellbar. Die neuen Häuser haben hier im Übrigen zwischen 5 und 10 Stockwerken. Im Grunde sind sie plattenbauähnlich, bloß kürzer und mit deutlich größeren Wohnungen. Unsere Hosts (allesamt Medizinstudenten) wohnten zusammen mit 4 Katzen in einer 5-Zimmerwohnung. Wir waren die ersten Gäste, die sie überhaupt gehostet haben, und durften gleich ihr ganzes Wohnzimmer in Beschlag nehmen. Außerdem gab es ein leckeres Abendessen, welches wir gemeinsam mit Charles (einem Franzosen, der von einem Freund der WG gehostet wurde) eingenommen haben. Seltsamerweise haben unsere Gastgeber aber nichts mit gegessen und auch von dem Bier, welches wir für alle mitgebracht hatten, haben sie nichts getrunken.

Kleiner Zeitsprung noch mal zurück:

Unser Radeltag war heute schon gegen 11 Uhr beendet. Wie meistens hab ich mir nach so einem anstrengenden Tag erst mal ein Bierchen redlich verdient.^^ Dann hab ich mich mit Marcel auf in die Innenstadt gemacht, um dort die von Aytac (den wir in Istanbul kennen gelernt haben) für Marcel bestellte Felge in Empfang zu nehmen. Und da gehen die Probleme auch schon los, denn die Innenstadt ist satte 10km von dem Ort entfernt, an dem wir uns gerade befinden. Also ab aufs Fahrrad und losgesaust. An der Paketstation war leider niemand der englischen Sprache mächtig. Glücklicherweise konnten wir noch einen Iraker auftreiben, der ein ganz passables Englisch sprach und obendrein auch noch türkisch konnte. All das half aber nichts, denn die Menschen, die in der Paketstation arbeiteten, konnten uns nicht weiterhelfen, da wir den Absender nicht kannten. Nun konnte nur noch eine Person auf der ganzen Welt weiterhelfen: JULE! Und die kam glücklicherweise gerade mit der Tram in die Innenstadt, hatte alle wichtigen Daten auf ihrem Handy und konnte eben jene in der Paketstation vorzeigen. Schnell stellte sich heraus, dass wir an der falschen Paketstation waren und zu einer anderen mussten, wo dann tatsächlich die neue Felge auf ihren glücklichen Besitzer wartete. Von Jule wurde sich wieder verabschiedet und Marcel und ich machten uns auf den Weg zu einem Fahrradladen, den wir auf dem Weg in die Innenstadt gesehen hatten. Dort konnte uns allerdings keiner weiterhelfen und wir wurden zu einer Werkstatt verwiesen, die alles mögliche zu reparieren schien, aber mit dem Einspeichen eines ganzen Rades auch überfordert war. Wie der Zufall es so wollte, hat uns genau in dem Moment ein Deutsch-Türke angesprochen und seine Hilfe angeboten. Der Bielefelder hat uns erst einmal mit zum Elektronikgeschäft seines Onkels genommen und zusammen mit seinem Bruder, der ebenfalls aus Bielefeld kommt, haben wir 2 Runden Cay getrunken, ehe er uns in das Viertel geführt hat, in dem mehrere Läden Fahrräder anboten. Hier sind wir dann auch tatsächlich fündig geworden und konnten Marcels Fahrrad zur Reparatur abgeben.

7.11.

Die Hauptfrage für den heutigen Tag: Würde Marcels Fahrrad wieder funktionieren? Und glücklicherweise kam Marcel auch gegen Mittag mit einem reparierten Fahrrad nach Hause. Vielleicht haben sich mit der neuen Felge ja auch seine Hinterradprobleme, welche schon seit Beginn der Reise existieren, erledigt.

Eigentlich hatten wir überlegt, gegen Mittag loszufahren. Da sich radeln mit lediglich 3 Stunden Sonnenlicht aber kaum lohnt, haben wir entschieden, doch noch einen Tag in Samsun zu verweilen. Unsere Hosts habe uns dann auf unseren Wunsch hin in die Innenstadt begleitet und uns zum Atatürkschiff gebracht. Mit diesem Boot soll der türkische Staatsgründer zusammen mit seinen 18 Freunden von Istanbul nach Samsun gefahren sein, um dort den Freiheitskampf zu beginnen. Das Schiff war dann leider relativ unspektakulär, dafür war das Stadtmuseum aber recht interessant. Am Abend wollten wir dann noch einen von Marcels großen Träumen erfüllen und eine Wasserpfeife in der Türkei rauchen. Leider stellte sich aber heraus, dass wohl seit neustem Wasserpfeifen in der Innenstadt verboten sind und 10km wollten wir wegen einer Wasserpfeife nicht fahren.

Am Ende ging es zurück in die Wohnung unserer Hosts, wo wir mit Charles, der heute auch den ganzen Tag dabei war, noch ein wenig quatschten. Unsere türkischen Freunde saßen leider wieder in einem anderen Raum als wir, was ein bisschen schade war, denn wir hätten doch gerne noch mit ihnen gequatscht.

Erwähnen muss ich auch definitiv noch die Katzen der WG. Einem der flauschigen Gefährten hatte man wie einem Pudel das Fell kurz rasierte und eine andere hatte einen echt fiesen, man könnte auch sagen hässlichen Gesichtsausdruck. Ich mochte das Tier aber irgendwie, denn es bettelte nicht wie die anderen Katzen um Aufmerksamkeit und war generell sehr faul. Der Name der Katze war lustigerweise Gandalf. 🙂

8.11.

Heute sollte also der große Tag sein. Da wir gestern nicht geradelt sind, haben wir uns für heute 150km vorgenommen. Also 5:30 Uhr aus den Federn gekrochen und 7:10 Uhr saßen wir schon auf unseren Rädern.

Die Kilometer flutschten an diesem Morgen nur so unter uns hindurch und teilweise ging es mit fast 30km/h die Straße entlang. Diese präsentierte sich völlig flach und mit Seitenstreifen. Gegen 10:30 Uhr machten wir schon unsere erste Essenspause und bei der zweiten Teepause um 13 Uhr hatten wir bereits 100km unter den Rädern. 30 Kilometer vor Ordu gab es dann aber doch noch einen Berg. Diesen sind wir regelrecht hochgeflogen und dann mit Einbruch der Dunkelheit in die Abfahrt Richtung Ordu gegangen. Am Ende sind wir 164 km gefahren. Zugegebenermaßen waren wir echt richtig derbe Stolz auf uns! 🙂

Das einzige, was zu unserem Glück jetzt noch fehlte, war unser Host Erdi. Dieser kam auf seinem Drahtesel und in voller Radmontur 15 Minuten nach unserer Ankunft um die Ecke gebogen. In seiner Wohnung leben neben ihm noch 9 Wellensittiche, wobei einer immer mal aus seinem Käfig raus darf und von ihm geküsst wird. Aufgrund von mangelnden Englischkenntnissen sind wir schnell in das Restaurant eines Freundes von Erdi gegangen. Eben jener war der englischen Sprache mächtig und auch Erdi taute nun langsam auf. Beide sind im Übrigen Mitglieder des Orduer Radclubs. Wir bekamen eine große Pizza, Pommes und Cola ausgegeben. Fastfoodherz, was willst du mehr?! 🙂

Nach dem Essen kommt das Schlafen und das durften wir im Wohnzimmer von Erdi, wo er seine Vöglein extra herausräumte.

9.11.

Nachdem wir spät aufgestanden sind, hat uns auch gleich noch ein junger Mann in der Orduer Fußgängerzone angesprochen. Ich hatte ihn einige Tage zuvor bei Couchsurfing angeschrieben, er hatte unsere Anfrage aber leider ablehnen müssen. Nun hatte er uns an unseren Rädern erkannt. Also erst einmal wieder Rad abstellen, einen Tee trinken und quatschen.

Und nun noch einmal ein Beispiel für die türkische Gastfreundschaft: Der arme Kerl hatte kein Bargeld bei sich und sowohl Geldabheben am Automaten als auch EC-Kartenzahlungen gingen aufgrund eines Stromausfalls nicht. Wir wollten also die 4 Tee (ca. 5€) gerne zahlen, haben viel diskutiert, doch es war unmöglich. Er bestand darauf, dass er bezahlt („Sit down – or I’ll shoot you!“ ^^ ) und ist erst noch mal in die Innenstadt gegangen, um dort irgendwie Geld aufzutreiben.

12 Uhr ging es dann nun doch endlich mal für uns los. Passiert ist auf den 76 Kilometern, die wir immerhin noch geschafft haben, aber nicht viel.

Mit dem Finden des Schlafplatzes haben wir uns heute etwas schwer getan, da wir teilweise stark unterschiedliche Vorstellungen vom Wildcampen haben. Während ich am liebsten völlig abseits der Zivilisation campe, legen Marcel und Jule eher Wert auf einen landschaftlich schönen Platz zum Zelten. Auch die Anfragen bei den Häuslebesitzern, ob wir bei ihnen übernachten könnten, waren außergewöhnlich erfolglos. Nach 4 gescheiterten Anfragen hat sich dann noch ein Restaurant gefunden, bei dem wir im Biergarten campen durften.

Im Restaurant selbst haben wir dann noch gespeist und als wir uns gerade ins Zelt begeben wollten, da kam der Besitzer des Restaurants um die Ecke gebogen und der bestand darauf, dass wir noch Tee auf seine Kosten mit ihm tranken. Als Krönung hat er mir dann auch noch am Bart gezogen. Also 3 Cay reingewürfelt, bissel Smalltalk betrieben und dann ab in die Heia.

10.11.

Auch heute hieß es wieder vor um 6 aufstehen. Belohnt wurden wir für diese Heldentat mit einem Frühstück direkt am Meer mit wunderbarem Ausblick.

7:30 Uhr waren wir dann „On The Road“. Die Mittagspause haben wir bei einem Cay an einem Busrestaurant gemacht. Die Besitzerin hatte Jule vom ersten Moment an ins Herz geschlossen und auch ihr Mann konnte sich später an Jule und Marcel erfreuen, als diese hinter dem Bus schliefen.

Als Holzkohle dienten dem Pärchen im Übrigen verkohlte Haselnussschalen. Diese Nüsse werden in der Türkei und insbesondere an der Schwarzmeerküste massenhaft angebaut.

Kurz vor Trabzon wurden wir dann noch von einem älteren Rennradfahrer überholt, welchen wir in der Abfahrt aber wieder einholen konnten, um dann 10km mit ihm zusammen zu fahren und mit ihm zu plaudern. Dabei sind wir unter anderem am Neubau des Stadions des legendären Fußballverein Trabzonspor vorbeigekommen.

Nach 109km sind wir dann auch auf Arbeit unseres Hosts Babaros angekommen. Dieser führte uns dann gleich mit voll bepackten Rädern durch die dicht belaufenen Straßen der Stadt und am Ende stellte sich auch noch heraus, dass wir mit unserem ganzen Gepäck und den Fahrrädern erst etliche Stufen hinunter zum Haus und dann 5 Etagen nach oben krabbeln mussten.

Nachdem dieses Martyrium geschafft war, haben sich Jule und Marcel noch mal neue Passfotos gemacht. Morgen wollen wir nämlich Iran-Visa beantragen, da will man lieber gut vorbereitet sein!

Rückreise – Gastbeitrag von Ena

Soooo... hier veröffentliche ich dann auch mal Enas Gastbeitrag. Den hatte ich schon länger im Posteingang, aber hier ist immer so viel zu tun... =)

Zum Abschluss möchte ich doch auch noch ein paar Worte verlauten lassen. Denn die fleißigen Berichterstatter Jule und Christian haben an unserer Rückreise glücklicherweise ja nicht teilgenommen. Schön, dass für euch drei die Reise weitergeht, Marcel, Jule und Chris! Katharina und ich reihen uns dafür nun bei den neugierigen Mitlesern ein. : )

Unsere Recherche am Bahnhofsschalter am Sonntag hatte ergeben, dass wir Fahrkarten erst am Morgen des Abreisetags erwerben sollten, wo uns auch mitgeteilt würde, ob wir in Timisoara umsteigen müssen, oder es in einem Zug durchgeht. Wir sind also vorsichtshalber am Dienstag zwei Stunden vor Abfahrt am Bahnhof aufgeschlagen. 165 lei pro Person von Drobeta Turnu Severin bis Budapest, knapp 40 €. Beide Male, als wir am Schalter mit einer Bahnangestellten kommuniziert haben, die des Englischen nicht mächtig war, kam ein hilfsbereiter Fahrgast aus der Nähe angesprungen und half durch Übersetzungen. : ) Fahrradkarten sollten wir beim Schaffner im Zug erbitten. Also hoben wir vorsichtshalber noch ein paar lei ab und nutzten die verbleibende Wartezeit alle gemeinsam für ein ausgiebiges Frühstückspicknik in der Bahnhofshalle. Mit Laterne und Tischtuch.

Im folgenden kommen einige Informationen, die für einen Großteil der Leser sicherlich zu detailliert sind, zukünftigen Radreisenden, die gedenken, ebenfalls Zug zu fahren, sicherlich aber von Nutzen sein können. Offiziell gibt es in rumänischen Zügen keinen Platz für die Fahrradmitnahme. Wir haben unsere aber ganz am Ende des Zugs, wo nicht so viele Leute vorbei mussten, an einem Gepäckgitter festgeschnallt. Dadurch ist es wohl auch eher selten, dass jemand ein Fahrrad mit auf eine Zugreise nimmt und der erste Schaffner wüsste gar nicht, was er kassieren soll, hat telefonisch einen zweiten herbeigebeten, der telefonisch eine Preisliste organisiert hat, anhand derer dann der Preis ermittelt wurde. In unserem Fall 30 lei pro Zweirad, knapp 7 €. Auf der Liste habe ich erspäht, dass dieser Preis kein Fixpreis ist. Es wird von der rumänischen Bahn pauschal davon ausgegangen, dass ein Fahrrad 15 kg wiegt, was dann mit einem kg-Preis in Abhängigkeit von der Fahrstrecke multipliziert wird. Von unserem Startpunkt bis zur rumänisch-ungarischen Grenze ergab das eben 2 lei/kg. Maximal geht dieser Preis bei >400 km auf 3 lei/kg hoch.

Sowohl die Anzeige am Zug als auch unsere Sitzplatzreservierung wiesen darauf hin, dass uns diese Eisenschlange bis nach Budapest befördern würde. Wir freuten uns, dass alles so unkompliziert laufen sollte und überlegten, ob wir vielleicht rechtzeitig, also vor 20 Uhr, bei Zoli in Budapest ankommen würden, um im Regionallädchen unten im Haus noch Honig erstehen zu können. Aber ganz so reibungslos sollte es dann doch nicht laufen.

An der innereuropäischen Grenze gab es zwei Grenzkontrollen. Erst durch die rumänische und anschließend durch die ungarische Grenzpolizei. Insgesamt standen wir sicher eine gute Stunde rum. Wir schrieben unseren Honigkauf schon ab.
Aber aufreibend wurde es erst, als der ungarische Schaffner kam, der nur wenige Brocken Englisch mitbrachte. Auf unsere signalisierte Aussage, wir wollten für unsere beiden Fahrräder Fahrkarten kaufen, reagierte er "bicycles, no! bicycles, out!" Na toll. Aber in Rumänien durften wir die mitnehmen und haben sogar Tickets dafür! Vorzeigen. "bicycle tickets?!" yes. Er schien sich geschlagen gegeben zu haben, machte keine weiteren Anstalten, dass wir die Fahrräder von Bord werfen sollten. Bei den Türen, die beim Anfahren nicht automatisch schließen, könnte es ja sogar sein, dass sie sich während der Fahrt öffnen lassen... Aber dafür "this train no Budapest." Was? Der Zug fährt nicht nach Budapest? Aber das steht doch an der Anzeige. Und auf unserem Ticket auch! "this train no Budapest. this train Szolnok. bus Szolnok. bus no bicycles." Aha! Schienenersatzverkehr! Bus von Szolnok nach Budapest? Nein. Die Ungarnkarte lag sowieso vor uns ausgebreitet auf dem Tischchen, also konnte er uns zu verstehen geben, dass es von Szjajol nach Szolnok Schienenersatzverkehr gab, in dem wir die Fahrräder nicht mitnehmen konnten, im Zug von dort nach Budapest dann jedoch schon wieder. Dazwischen wären 25min Zeit. Damit ging er weiter. Wir versuchten abzuschätzen, wie weit die beiden Bahnhöfe auseinander liegen, ob wir radelnd den Anschlusszug erreichen könnten. Vielleicht 15 km? Könnte knapp werden. Auf seinem Rückweg fingen wir den Schaffner wieder ab. Er sagte, es seien 6 km. Okay, das wäre machbar. Außerdem waren es doch 40 min Zeit. Und anschließend kämen stündlich weitere Züge, die uns auch nach Budapest bringen würden. Gut, somit wussten wir, dass wir auf alle Fälle an dem Tag noch unser Ziel erreichen konnten. Mussten wir nur noch feststellen, wie wir den richtigen Bahnhof finden konnten, scheinbar mussten wir dafür im Dunkeln auf einer autobahnartigen Schnellstraße fahren. Keine schönen Aussichten. Also gab's jetzt Spekulatius als Nervennahrung. Ansagen gab's im Zug keine, so dass auch die anderen Fahrgäste nicht so recht wussten, was sie machen sollten und reichlich irritiert und zögerlich ausstiegen. Ausladen, aufsatteln. Vor dem Bahnhof standen haufenweise Bahnangestellte herum, die uns auch, als wir etwas zaghaft zwischen ihnen uns den Bussen hin und her blickten, mitteilten, dass wir die Fahrräder nicht mit in den Bus nehmen konnten. Wir fragten, wie wir nach Szolnok radeln konnten, da schüttelten sie energisch mit den Köpfen und einer, der so wirkte, als hätte er was zu sagen, wechselte drei Worte mit dem Busfahrer, bad einen Fahrgast, sich woanders hin zu stellen und wies uns den beweglichen Kreis im Ziehharmonikateil des zweigliedrigen Busses zu. Absatteln, einladen. 20 min Busfahrt ohne Zwischenstopps - das waren definitiv mehr als 6 km! Ausladen, aufsatteln. Der erste englischsprechende Bahnangestellte dirigierte uns - wieder mal die letzten, die fertig mit aussteigen waren - zum richtigen Gleis: treppab, treppauf. Wir fanden im zweiten Zug des Tages ein Kinderwagenabteil, in das wir die Fahrräder puzzleten. Der englichsprechende Schaffner kam vorbei und fragte "ok?" Yes, okay. Als der Schaffner von vorher vorbei kam fragte Katharina "Okay?" Und er ließ sich zu einer undefinierbaren Bewegung zwischen Kopfschütteln und Nicken herab. Der nimmt seine Arbeit ernst und versucht, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, dass wir Fahrräder mitnehmen, was er uns am liebesten nicht erlaubt hätte. Ist ihm aber nicht geglückt. Es hat geklappt! : D Schlussendlich war das alles ganz einfach, aber zwischendurch gab es ganz schön Aufregung.

In Budapest fanden wir auch aus anderer Richtung problemlos zu Zolis Wohnung. Dreiviertel neun. Und das Lädchen hatte noch offen! Dort wartete sogar der Wohnungschlüssel auf uns. Und es gab Honig. Und Äpfel. Und Frischkäse. Und und und. Sinnvolle Investition der letzten Forint. Diese Straße, der Innenhof und die Wohnung fühlten ich stark nach "fast zu Hause" an. Toll! Zoli hat einen neuen Mitbewohner, der uns in Empfang nahm. Jemand, der in zwei Tagen von Leipzig nach Budapest radelt. Der Geographie studiert hat, jetzt seit Jahren Fahrradrahmen schweißt. Menschen gibt's! Die kurze Nacht endete vor um vier, der Zug nach Hause sollte keinesfallt vor uns ablegen! Lang, aber entspannt war diese Fahrt. Ohne unangenehme Zwischenfälle. Im Fahrradabteil waren unsere zwei Drahteselchen fast die ganze Zeit allein. Erst gegen Ende erhielten sie Gesellschaft, und wir zugleich Gesprächspartner, die uns den letzten Reiseabschnitt kurzweiliger machten: Ein Spanier und ein Mexikaner, in Berlin wohnhaft, die von Magdeburg nach Prag geradelt sind. Ihre erste derartige Tour - sie waren begeistert.

Nach zwei Tagen Rumsitzen brauchte ich erstmal Bewegung. Eine kleine Runde laufen musste genügen. Denn für uns beide ging das Zugfahren in unterschiedlichen Richtungen am nächten Tag gleich weiter - Familien.

Die Erinnerungen an die Radreise sind lebhaft. Und ich für meinen Teil werde sie in Zukunft durch viele weitere ergänzen. Don nun ist es erstmal schön zu Hause zu sein. Viele Aufgaben warten auf Zuwendung und neue Ideen auf Umsetzung.

Gute Weiterreise, Christian, Jule und Marcel! Danke, dass wir dabei sein durften!

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25.10.

Der Tag hält für uns unglaubliches Bergpanorama bereit- dafür müssen wir natürlich ordentlich hoch und wieder runter strampeln, aber langsam ist man tatsächlich trainiert. Es ist herrlich, sag ich euch. Kleine Serpentinen und große Berge.

Inmitten dieser Berge geht der gelegentliche Nieselregen, mit dem der Tag angefangen hat, in einen ordentlichen Regenguss über, dass uns die Tropfen beim Bergabsausen nur so ins Gesicht peitschen. Die Mittagspause wird also schnell vorgezogen und unter der Markise eines kleinen Gemischtwarenlädchens abgehalten. Kaum dort untergestellt, kauft ein gerade ankommender Kunde uns drei Kaffee, einfach so. Die Türken sind so wahnsinnig, wahnsinnig nett zu uns.

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Wie die Pinguine also stehen wir da in den eklig am Körper klebenden, kalt werdenden Kleidern und schmieren uns unsere Brote, danach regnet es auch tatsächlich weniger und wir nehmen die nächsten Berge in Angriff, bis wir am Nachmittag in flachere Gefilde düsen. Luftlinie fahren wir jetzt zwei Kilometer neben dem Meer. Es dämmert und wie so oft, seit wir nurnoch zu dritt sind, fragen wir beim ersten Haus im Dorf, ob wir dort im Garten unser Zelt aufstellen können. Das Wort „Zelt“ wird von dem Ehepaar, das gerade ihre Kühe in den Stall bringt, nur weggewischt und wenig später sitzen wir drei frisch geduscht in dem Wohnzimmer der Familie, glücklich, warm, trocken und mit obligatorischem Tee in der Hand. Es wird für mich einer der schönsten Abende bisher: zwar versteht niemand mehr als drei Brocken Englisch, aber mit dem Laptop auf dem Schoß und Übersetzungsseiten schaffen wir es, eine kleine Konversation zu betreiben. Man stellt uns Börek vor die Nase, das sind Blätterteigschnecken und in diesem Fall frisch aus dem Ofen und mit Käse und Zwiebeln und Kartoffeln gefüllt. Wir lachen viel, Christian kriegt auch gleich das Baby auf den Arm und später zieht die ganze Familie auf eine Decke auf dem Fußboden um, auf der dann zusammen frisch gesammelte und geröstete Esskastanien in der Mitte stehen. Man knackt gemütlich Kastanien, palavert mit Händen, Füßen und google translate und wir freuen uns unglaublich, hier gelandet zu sein.

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Der Vater und die Mutter der Familie bedeuten uns irgendwann, dass sie jetzt nochmal für eine Stunde weggehen, sie ziehen sich fein an und wir fragen mit all unseren Ideen von der türkischen Gesellschaft, ob sie jetzt in die Moschee gehen- „Nein, tanzen!!“ ist die Antwort, mit entsprechender tanzender Körpersprache dazu =)

Zum Schlafen bekomme ich als Dame ein Extrazimmer, und das ist tatsächlich das erste Mal seit zwei Monaten nun, dass ich allein in einem Raum schlafe.

Es ist die Nacht der Zeitumstellung. In Deutschland würde ich mich jetzt tierisch freuen, dass ich eine Stunde länger schlafen kann, bis ich zur Arbeit muss. Unser Tagesablauf aber hält sich nicht an die Uhr, sondern an die Sonnenstunden. So müssen wir ab jetzt eine 6 vor dem Komma auf dem Wecker einstellen, wenn wir den Tag gut nutzen wollen, denn um 17:00 wird es schon dunkel.

26.10.

Am Morgen bekommen wir von den netten Menschen auch noch frisch vom Strauch gepflückte Mandarinen mit auf den Weg und freuen uns dann tierisch über 30 sonnige Kilometer im Flachland. Links von uns ist das Meer in seiner ganzen meerigen Herrlichkeit, rechts von uns erheben sich die grünen und teilweise herbstbelaubten Berge bis in die Wolken. Sehr gerne wollen wir zur Mittagspause an einem Strand sein, gerade Christian will unbedingt baden – leider landen wir aber das nächste Mal, wo wir nicht mehr auf Klippen 60 m über dem Meer fahren, an einem Hafen, haben zu viel Hunger zum Weitersuchen und mit dem Baden wird es nichts. Schön ist es dennoch, wunderschön, aber Christian ist doch sehr geknickt. Wird nicht besser, als er eine Stunde nach der Mittagspause bemerkt, dass er seinen einen Schuh irgendwie dort vergessen hat! Zunächst will er noch zurückfahren, hat auch schon das Gepäck abgesattelt, uns zurückgelassen und ist nochmal auf dem Weg zurück, überlegt es sich dann aber anhand der bald einsetzenden Dunkelheit anders, kommt zu uns zurück und wir setzen die Reise ohne Christians Lieblingsschuhe fort. Was flucht er über sich selbst!

Aber weiter geht es, und zum Abend erreichen wir nach 93 Kilometern Eregli, wo wir einen Couchsurfing-Host aufgetan haben. Der hatte zuvor geschrieben, dass wir uns in der Innenstadt treffen. Als wir uns gerade zum Zentrum durchfragen, hält vor uns mitten auf der Straße ein Auto an, ein Mann steigt mit seiner Tochter aus und erzählt uns ganz aufgeregt, dass er auch Fahrrad fährt =) Er zeigt uns auf dem Handy Fotos von sich auf dem Mountainbike und fragt, ob er uns ins Zentrum eskortieren soll, aber auf der stark befahrenen Straße wehren wir das vehement ab. Als wir dann wenig später im Zentrum sind, hat er sein Auto dort wieder abgestellt und bestätigt uns nochmal, dass wir im Zentrum sind. Dann ruft er für uns noch bei unserem Host an und macht eine Verabredung in einem Café aus, und dann schmeißt er wirklich den Warnblinker rein, sperrt uns Kreuzungen ab und eskortiert uns zum Café. Und dort setzt er uns hin und bestellt auf seine Rechnung zwei Runden Tee für uns, bis Ibrahim, unser Host, ankommen soll, holt uns aus dem Auto noch eine Packung Kekse und verabschiedet sich. Wahnsinn.

Dann kommen zwei junge Männer zu uns, die Freunde von Ibrahim sind und eigentlich einen Erste-Hilfe-Kurs gehabt hätten. Als sie aber erfahren haben, dass Ibrahim Gäste aus Deutschland hat, haben sie den abgesagt. So sitzen wir dann mit den beiden und mit Ibrahim erst dort und trinken Tee, dann bringen sie uns in ein Café, wo wir noch mehr Tee trinken und seine Salsa-Freunde kennen lernen, von unserer Reise erzählen und ganz viel Staunen ernten. Und dann gehen wir noch etwas essen, Türkische Spezialitäten, die ich ganz toll finde, die Christian aber nicht begeistern können.

Jetzt, als wir nach den 93 km und mit einem dicken Bauch ordentlich faul werden, eröffnet uns Ibrahim, dass es zu ihm nach Hause auch nochmal 6 km den Berg hoch geht. So kommen wir dann noch auf 99 km an diesem Tag =)

Mit den Jungs ist es dann auch noch wirklich nett, sie finden es okay, dass wir ein paar Bier bei ihnen zu Hause trinken, wir unterhalten uns, haben Spaß, und später führt Christian auch noch eine sehr angeregte Debatte über die Kurden mit den Jungs, während Marcel schon schläft und ich mit Zuhause skype.

27.10.

Am Morgen kommen wir wegen Zeitumstellung, Bier und angeregten Gesprächen bis in die Nacht erst sehr spät los und dann auch direkt wieder in ordentliche Berge. Der erste geht direkt von Eregli los und der Anstieg zieht sich die ganze erste Stunde, 10 km nur hoch, hoch, hoch. Uns läuft der Schweiß aus allen Poren. Oben angekommen treffen wir einen Mitarbeiter eines Asphaltwerkes, der fragt, was denn mit den Deutschen los sei- zweimal seien hier schon welche vorbei gekommen, die nach einem Schlafplatz gefragt haben. Haben wir denn nichts besseres zu tun?

Nein. Das hier ist super =)

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3000 km – 3 Räder und 3 Nullen =)

Wer 500 Meter hoch fährt, darf die dann auch irgendwann wieder runter. Wir fahren also noch recht lange auf den Bergrücken lang und haben momentan oft das Glück, dass eine Seite der mehrspurigen Straße neu gemacht wird, und dann fahren wir auf der gesperrten Seite ganz allein und ganz entspannt. Die Ausblicke sind wieder der Wahnsinn. Und: hier fahre wir dann unseren 3000. Kilometer =)

Am späteren Nachmittag wird es ganz grandios, als wir auf der Steilküste direkt über der Brandung fahren und in unserem Rücken die Sonne untergeht. Un- un- unglaublich schön!DSCF3780 Aber halt? Sonnenuntergang? Eigentlich wollten wir heute noch sehr viel weiter kommen, aber so (blöde Verwirrung durch die Zeitumstellung) ergibt es sich, dass wir mitten in der Stadt Zonguldak sind, als es dunkel wird. Zonguldak ist die Partnerstadt von Bottrop. Ein hässliches Industriemoloch und völliges Verkehrschaos. Da stehen wir dann auf dem ersten Fußweg im Zentrum und versuchen, etwas zum Schlafen aufzutreiben. Zwei Stunden lang gehen wir abwechselnd zu Hotels, um nach den Preisen zu fragen und nach Internet Ausschau zu halten, um vielleicht noch einen spontanen Warmshowers-Host zu finden.

Auf dieser Tour gibt es sehr wenig Stress, geschweige denn Panik, wir harren einfach der Dinge, die da kommen und wissen alle aus unseren Erfahrungen, dass sich schon irgendetwas ergeben wird. Und genau, irgendwann steht ein breit gebauter Mann vor uns, der hervorragend Deutsch spricht, Nachtclubs betrieben und bei der Security gearbeitet hat und wahnsinnig nett und hilfsbereit ist. Er ruft den Hotelbesitzer des nächsten Hotels an, der ein Bekannter von ihm ist, und handelt den Preis für uns runter. Inzwischen kommt Christian von seinem Hotel-Erkundungszug zurück. Er hat kein gutes, günstiges, freies Hotel gefunden, in das wir die Räder mit rein nehmen können. Dafür wird er nun von zwei Jungs begleitet, die ihn durch dolmetschen und Ortskundigkeit tatkräftig unterstützen. Wir kriegen noch ein paar Mandarinen geschenkt und eine junge Frau, die nur „How are you“ auf Englisch herausbekommt, kauft uns drei Schokoriegel, dann zieht der nun schon beachtliche Tross aus drei Reiseradlern und drei Helfern zum Hotel. Es erwartet uns in, nunja, dem Preis angemessener schlichter Anmut. Der Straßenlärm ist ziemlich präsent und wir verspüren leichten Widerwillen, uns in die Betten zu legen. Als dann ab 20:00 noch nebenan ein riesiger Bagger anfängt, das Haus abzureißen, das mit unserem die Außenwand teilt, und Christian DANN feststellt, dass er in seinem Postfach eine Couchsurfing-Einladung für genau diesen Ort nicht gelesen hat, ist der Zonguldak-Abend an tragischer Komik kaum noch zu überbieten. Bis nach Mitternacht erzittert das Haus immer wieder, wenn im Haus nebenan die Trägerwände eingerissen werden. Ich muss dazu (eben wegen der tragischen Komik) jedes Mal so lachen, dass ich erst recht spät zu unserem wDSCF3808ohl verdienten Schlaf komme

 

28.10.

Und wieder beginnt unser Tag mit einem laaangen Anstieg, nachdem wir im Hotel noch super türkisches Frühstück bekommen haben. Das besteht im übrigen aus dem leckeren türkischen Tee, Brot, Aufstrichen, Gurken, Tomate und weißem Käse. Omnom! Und wir langen für eben diesen laaangen Anstieg ordentlich zu. Achso, und dann kaufen wir Christian noch neue Schuhe und bekommen den Tip, nicht direkt an der Küste, sondern etwas weiter ins Landesinnere zu fahren. Das seien wohl ein paarzehn Kilometer mehr, dafür sei aber die Steigung sehr viel humaner. Und so ist es, der lange Anstieg geht in eine nicht enden wollende Abfahrt über und die wiederum in eine richtige Flachlandetappe. Seit Ewigkeiten fahren wir mal wieder Windschatten! Und machen dann in einem kleinen Ort an der Straße auf einem Spielplatz/Park rast.DSC01291 Hier breiten wir die Plane aus und essen unser Picknick, und in kürzester Zeit haben sich wieder einige Menschen eingefunden, die sich für uns interessieren und uns gutes tun wollen. Ein Deutschtürke, der in Northeim aufgewachsen ist und gelebt hat, unterhält sich sehr nett auf Deutsch mit uns und übersetzt seinen Dorffreunden. Zigmal werden wir noch gefragt, ob wir aus dem Dorf noch irgendwas gebrauchen können, aber tatsächlich sind wir wunschlos glücklich und düsen weiter. Immer nach Osten.

Am Abend klingeln wir nach 96 Kilometern bei einem Haus und dürfen sofort das Zelt in den Garten stellen und werden auch zum Essen reingebeten. Langsam wird es Christian etwas zu viel Eingeladerei, der möchte schon seit Tagen und Tagen wieder Nudeln mit Tomatensauce essen =) Aber natürlich ist es wahnsinnig nett und auch das Essen lecker, und bei Chai und Keksen versuchen wir dann noch, etwas Konversation zu betreiben. Englisch oder Deutsch spricht leider niemand, man freut sich aber sehr über unsere Pantomimen-Fähigkeiten. Und auch zum Zelt werden wir kaum zurück gelassen, sondern sollen am liebsten im Wohnzimmer schlafen. Aber nein, heute Nacht wollen wir mal wieder im Zelt wohnen, sonst schleppen wir es ja ständig umsonst mit

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29.10.

Zum Sonnenaufgang sind wir schon wach, kommen aber erst recht spät los, weil wir bei den netten Menschen noch zum Tee reingebeten werden. Das kann ich schlecht ablehnen =)

Danach kommt…. ein laaanger Anstieg, der uns zurück zum Meer führt. Als wir die dicke Straße wieder runtersausen, liegt dann da schräg unter uns die malerische Stadt Amasra im Wasser. Aufgrund der uns trennenden 100 Höhenmeter beschließen wir aber, sie nur von oben anzusehen und derweil von den vielen Marktständen lecker lecker türkischen Honig zu kaufen. Unser Lieblingsimker aus Deutschland hat uns zwar davon abgeraten, aber ich hab den türkischen Honig so gern, dass ich das Damoklesschwert über mir in Kauf nehme. (wie schreibt man Inkaufnehmen nach neuer deutscher Rechtschreibung?!)

Weil wir im Amasra nicht zum Meer gefahren sind, machen wir im nächsten Ort, der wieder im Tal und am Meer liegt, eine lange Mittagspause. Hier gehe ich tatsächlich auch kurz baden, auch wenn es heut nur ca. 18 Grad sind und ich mich als (beim Umziehen kurz) nackige Frau am Rande des Dorfes sehr unpassend fühle. Auch das Gefühl, die einzige im Bikini zwischen lauter Kopftüchern zu sein, überzeugt mich nicht.

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Überall, wo wir hinkommen, werden wir jetzt übrigens angeschaut wie bunte Hunde, Leute am Wegesrand schreien uns Einladungen zum Tee hinterher und in Dörfern und Städten bleiben immer Menschen um uns herum stehen.

Stehen bleiben… Am Nachmittag bei einer besonders sausigen Bergabfahrt bleibt Marcel plötzlich stehen, weil ihm eine Speiche aus der Felge gerissen ist – er hat also ein großes Loch im Innenkreis der Felge, die Speiche hält nicht mehr und er hat eine dicke Acht. So ein Mist! Dafür gibt es keine Notfallreperatur, also auf jeden Fall keine, die wir kennen oder jetzt ausprobieren wollen. So ist der Plan, bis in den nächsten größeren Ort zu kommen, dort zu schlafen und vielleicht eine Felge, eine Werkstatt oder einen Bus in die nächste Stadt aufzutreiben. Marcel schiebt also die nächsten 12 Kilometer bis nach Kurucaside, Christian und ich sind aber wegen der wirklich höllischen Steigungen gar nicht sooo viel vor ihm da, vielleicht eine ¾-Stunde.

Wir kommen in einem kleinen Hotel unter, im viiiiieeeerten Stock, müssen also nachdem wir bis in die Dunkelheit Berge bezwungen haben auch noch zigmal hoch und runter und unseren ganzen Kram hochtragen. Dafür gibt es ein schönes Zimmer mit Meerblick, einer sehr lustigen Dusche (einfach in das voll ausgekachelte Bad irgendwo in die Mitte einen Duschkopf gehangen und Zack!, fertig ist die Nasszelle) und einen Balkon ohne Geländer, auf dem Christian endlich seine lang ersehnten Nudeln kochen darf. Marcel müssen wir zum Essen dann schon wecken, der ist völlig erschöpft umgefallen.

30.10. Die Busetappe

Marcel steigt um 07:00 in den Bus nach Cile, der nächsten größeren Kleinstadt. Christian und ich drehen uns noch ein paar mal in den Laken, essen lecker Frühstücks-Restenudeln, packen zusammen und zuckeln dann mit dem Rad hinterher. Das ist jetzt tatsächlich das erste Mal, das „Chris & Jule“ stimmt, wir sind das erste Mal zu zweit unterwegs =) Und unterhalten uns prächtig, über die Revolution und die Welt und die Menschen, und zack! Sind wir auch schon in Cile.

Hier finden wir den Marcel am Busbahnhof. Leider gibt es keine neue Felge, dafür hat aber eine Werkstatt ein Stück Metall hinter das Loch in seiner Felge gedengelt, das neue Stück Metall durchbohrt und die Speiche so wieder befestigt. Prinzipiell ist das wahrscheinlich keine schlechte Lösung, wir müssen nur feststellen, dass die Felge auch an zwei weiteren Speichen ausreißt. Dementsprechend können wir mit Marcels Rad jetzt weiterfahren, möchten die Felge aber so schnell wie möglich austauschen. Das wird sich jetzt als problematisch erweisen, weil Marcel nicht auf Christians gut belesenen Rat gehört hat und sich kein 26-er Rad für die Tour zugelegt hat. Marcel fährt mit 28-Zoll-Rädern, was in Deutschland durchaus üblich ist, aber scheinbar schon ab der Türkei etwas ziemlich exotisches ist. 26er-Felgen bekommt man hier überall, nach einer 28er werden wir noch lange suchen.

Nun strampeln wir also wieder zu dritt, Berge hoch und Berge runter, das Panorama ist immernoch unglaublich schön, aber das Wetter wird schlechter. Es nieselt und nebelt und ist schrecklich ungemütlich. Beim Radfahren merkt man es zum Glück gar nicht so sehr, weil einem immer recht warm ist und man sich so sehr auf die ollen Steigungen konzentrieren muss, aber bei jedem Stehenbleiben wird bewusst, dass jetzt Ende Oktober und wirklich Herbst ist. Das Wetter hier ist genau wie Ende-Oktober-Wetter in Deutschland, man möchte sich fast einen geschnitzten Kürbis auf den Gepäckträger schnallen. Und am Kamin sitzen. Hmmmm… Wohnzimmer… Nicht drüber nachdenken!

Gegen Abend (nuja, gegen Dämmerung, das ist ja jetzt leider schon 16:50) kommen wir an ein kleines Dorf, das auf der linken Seite der Straße, direkt auf den Klippen über dem Meer liegt. Hier fahren wir zu drei Häusern, vor denen ein Stück Wiese wirklich direkt an der Klippe ist, klingeln und fragen, ob wir dort ein Zelt aufstellen dürfen. Nun kommt innerhalb der nächsten halben Stunde regelrecht das ganze Dorf zur Beratung zusammen, weil wohl die Wiesen-Nutzungsrechte nicht ganz klar auf der Hand liegen, und man diskutiert, telefoniert und dolmetscht, bis wir fast schon keinen Schlafplatz mehr brauchen, weil wir erfroren sind. Im Endeffekt aber dürfen wir in der Garage einer hilfsbereiten und resoluten Frau schlafen. Mit uns kommen noch drei Menschen in die Garage, wuseln rum, fegen aus, bringen und Tische und Stühle bis die Garage fast so voll ist, dass wir keinen Platz mehr finden, bringen uns frisch vom Baum gezupfte Granatäpfel und Mandarinen und eine Glühbirne. Und dann kommt die liebe Frau nochmal raus und bringt uns Käse in frittiertem Teig (soooo gut) und Bohneneintopf. Wir schauen kritisch auf den Teller und sagen vorsichtig, dass wir Vegetarier sind, und uns wird versichert, dass da kein Fleisch drin ist. Nun hab ich ja nicht so die Ahnung von Fleisch und so, aber das, was da zwischen den Bohnen aussieht wie Rindfleisch, das schmeckt auch verdächtig nach Rindfleisch.

Hoffen wir mal für uns und unseren ständigen Konflikt mit der Veganerpolizei, dass das einfach nur richtig gut gemachter Fleischersatz aus Seitan oder Tofu war =)

Wir kochen noch Reis mit Bohnen, spielen eine Runde Skat und gehen dann früh schlafen. Die Kälte, die frühe Dunkelheit und die Berge ermüden uns scheinbar heftig. Um 22:00 dreht der letzte die Glühbirne raus. Es ist recht kalt auf dem Betonfußboden und ich hole das erste mal meinen in Istanbul mühsam erworbenen Daunenschlafsack raus- und freu mich prächtig, denn da hab ich einen Hochleistungsofen gekauft, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Bei vielleicht höchstens 10 Grad musste ich mit offenem Schlafsack und Beinen und Armen rausgestreckt schlafen, sonst wär es zu warm gewesen. Heftige Berge mit Schnee in der Osttürkei- kein Problem, ich komme!

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31.10.

Es regnet heftig, als wir aufstehen und uns aus unserer Garage schälen. In voller Regenmontur geht es auf die Straße und wir ziehen heftig durch, weil wir bei jeder Pause zu sehr auskühlen würden. Die 40 km bis zur Mittagspause werden also „durchgerockert“, wie man bei uns so sagt, und ziemlich erschöpft kommen dann in einem kleinen Ort bei einer Teestube an, in der wir Mittag essen dürfen und unsere nassen Kleider auf die Heizung hängen. Nicht, dass die während der Stunde Pause trocknen würden, aber so sind sie wenigstens warm-nass, wenn wir sie zum Weiterfahren wieder anziehen müssen.

Es ist ja nun so, dass wir das Türkei-Level in der uns vorgegebenen Zeit höchstwahrscheinlich eh nicht durchspielen können. Am 18. November möchten / müssen wir in den Iran einreisen. (Wir hätten so gern mehr Zeit für die ganze Reise…) Daher müssen wir in der Türkei wohl eh irgendwann einmal eine Etappe mit dem Bus fahren. Dementsprechend wird nun diskutiert, ob sich dieses Busfahren jetzt gerade anbieten würde: Wir haben ein kaputtes Rad, es regnet ekelhaft, ein Pausentag ist sehr überfällig und wir fahren alle etwas aus den Reservekräften, und zwischen uns und der Stadt Sinop, wo wir Pause machen wollen, liegen noch mehr heftige Berge und mindestens 4 Tage. Im Endeffekt entscheiden wir uns aber, noch bis Inebolu, dem nächsten größeren Ort, mit dem Rad zu fahren. Bis dahin sind es nochmal 33 Kilometer (im Flachen sind 77 Kilometer kein Problem, aber mit diesen 10%-Bergen und der Kälte kommen wir an die Schmerzgrenze) und wir kommen im Dunkeln an.

DSC01422Fahren direkt zum Busbahnhof, um herauszufinden, wann der nächste Bus nach Sinop geht. Dort bildet sich die obligatorische Menschentraube um uns herum und es wird heftig diskutiert, in welchen Bus wir eventuell die Räder mitnehmen können. Eine Frau spricht uns auf Deutsch an, sehr energisch und tatkräftig. Leider ist sie irgendwie etwas verpeilt, auf jeden Fall mündet das ganze darin, dass wir erstmal mit ihr Abendessen, Tee trinken, noch drei Tee trinken, und nochmal Tee trinken und uns ihre sehr schwer verständliche Lebensgeschichte mehrmals recht unzusammenhängend anhören, bevor sie zustimmt, mit uns nach dem Ticket zu gucken. Dafür gehen wir dann auch nicht den Busticket-Verkäufer fragen, sondern ihren Onkel, der am Busbahnhof einen kleinen Laden hat. Hier bete ich zigmal wieder runter, was wir wollen: Bus, mit Platz für drei Räder, so schnell wie möglich, so günstig wie möglich, nach Sinop. Ewige Diskussionen folgen, dann immer wieder eine Nachfrage: wohin nochmal? Sinop…. Wann? Am liebsten morgen…. Und immer wieder: „Kein Problem! Ach, doch…“ Das Problem scheint zu sein, dass sie ziemlich verwirrt ist oder sich schlecht konzentrieren kann, und obwohl ich tierisch dankbar bin, dass sie versucht uns zu helfen, macht sie es irgendwie nur schlimmer. Irgendwann dreht sie sich zu mir um und sagt: „Aber, nach Sinop sind es doch nur 170 km, das könnt ihr doch auch mit dem Rad fahren? Mein Onkel sagt, in ca. 3 Stunden seid ihr da!“ Da fall ich fast um, denn ich hab doch die letzten zwei Stunden damit zugebracht, ihr zu erklären, warum wir jetzt gerade nicht mehr Rad fahren wollen (Rad kaputt, heftige Berge, große Erschöpfung…) und 170 km in diesen Bergen machen wir auch nicht in 3 Stunden, sondern in 2 oder 3 Tagen! Hui. Als ich ihr das sage, meint sie, jetzt ist sie verwirrt und geht wieder Tee trinken. Ich geh dann allein nochmal zum Ticketschalter, irgendjemand zaubert einen englischsprechenden Menschen am Handy hervor und so wird zwischen mir und dem Busticket-Verkäufer übersetzt. Ich verstehe jetzt, dass die großen Reisebusse zwar prinzipiell genug Platz für die Räder haben, morgen aber Samstag und somit Basar-Tag ist und der Bus auf der Strecke viele Menschen mit viel Gepäck einsammeln wird. Somit möchte er den Bus nicht mit unseren Rädern blockieren. Dementsprechend können wir morgen nicht fahren, dafür aber übermorgen. Okay! Danke!

Weil Christian sich erinnert, dass einer der Männer in der Traube am Anfang meinte, er könnte uns am nächsten Tag wohl irgendwie in einem der Minibusse mitnehmen, entschließen wir uns, jetzt ein Hotel zu suchen und am nächsten Morgen einfach früh wieder zum Busbahnhof zu kommen. Die gute Frau sagt, dass sie uns bei der Hotelsuche helfen kann, und prinzipiell ist das supernett, aber sie bestellt sich erstmal noch ein paar Tee, raucht ein paar Zigaretten… uns wird ziemlich kalt, weil wir in den feuchten Radelklamotten die ganze Zeit draußen sitzen. (Christian hat sich mitten auf dem Busbahnhof umgezogen und dabei gelernt, dass es in der Türkei nicht problemfrei ist, kurz beim T-Shirt-Wechsel oben ohne dazustehen, er wurde ziemlich angeblafft.) Als wir dann sagen, wir seien sehr dankbar für ihr Angebot, jetzt würde uns aber zu kalt und wir würden einfach allein auf die Suche gehen, kein Problem, kommt sie doch und sagt, sie muss sich nur kurz ein Taksi bestellen, das vor uns her zu dem präferierten Hotel fährt. Okay, darauf können wir natürlich noch warten. Ah!, sagt sie, eine Sekunde, sie würde noch gern beten gehen drüben in der Moschee, ob wir vielleicht kurz….? Nein, sage ich, wir fahren jetzt einfach los, ist schon okay, vielen Dank für die Hilfe! Da kommt sie dann aber mit, ich hab ein schlechtes Gewissen, weil wir sie vom Beten anbgehalten haben, aber sie meint, dass das kein Problem ist. Das bestellte Taxi hält wenige Minuten später vor uns. Ich sage ihr noch kurz, dass das Taxi langsam vor uns herfahren müsste, weil wir halt nicht so schnell sind. Christian meint lachend, da ist er ja mal gespannt- und zzzuuuuummmm, mit quietschenden Reifen ist das Taxi außer Sichtweite an der nächsten Kreuzung abgebogen =)

Wir finden es aber wieder, und nun fährt es auch langsam und obwohl Marcel seeehr skeptisch ist, dass uns das jetzt irgendwas bringt, wird es ein riesiger Glücksgriff, für den wir unserer etwas anstrengenden Helferin unglaublich dankbar sind: Sie bringt uns zu einer Pansiyon, die direkt direkt direkt am Meer liegt, wo die Wellen sozusagen in den Garten schlagen, und wo die Besitzerin perfektes Deutsch spricht (sie ist in Garbsen aufgewachsen und kennt somit natürlich auch meine kleine Heimatstadt Barsinghausen ^^) und uns aus purer Menschlichkeit einfach das Zimmer für die Nacht schenkt! Wir versuchen uns später noch ein wenig mit ihr zu unterhalten, weil sie sehr interessant ist und eben auch so tolles Deutsch spricht, dass man mal über tiefere Themen reden kann, aber leider ist unsere Helferin immer sehr schnell dabei und erzählt wieder von sich und ihrer Lebensgeschichte. Somit bleibt uns irgendwann nichts anderes, als sehr, sehr dankbar und glücklich in das schöne Zimmer zu gehen und zu schlafen. Am nächsten Morgen ist die Hotelbesitzerin leider nicht da und wir können ihr nur ein kleines Briefchen hinterlassen, das sicher nicht ausdrücken kann, was für eine Freude sie uns gemacht hat.

01.11. Die zweite Busetappe

Als wir dann am nächsten Morgen zum Busbahnhof gehen, ist da wirklich ein Minibus, in den wir unsere Räder und all unser Gepäck reindiskutieren (und reinbezahlen…) können. Er bringt uns bis nach Türkile und dort geht das gleiche Diskutieren wieder für den Anschlussbus nach Sinop los. Im Endeffekt müssen wir immer für ein paar Plätze mehr bezahlen, weil unser Gepäck den halben Bus füllt, irgendwie läuft es aber schon. Busfahren fühlt sich einerseits ziemlich schrecklich an, weil es eben geschummelt ist, andererseits ist es sehr schön, einfach entspannt da zu sitzen, den Regentropfen auf der Scheibe zuzugucken und sich in sich rein zu freuen, wenn der Bus im zweiten Gang die 10%-Steigungen hochjuckelt.DSC01437 DSC01436 DSCF3927

Für Christian und mich war es schon im Vorfeld der Reise klar, dass wir aufgrund der knapp bemessenen Zeit hie und da mal einen Bus oder Zug nehmen würden, und vor der Reise habe ich auch noch gesagt, dass ich da nicht allzu peinlich ehrgeizig bin. Jetzt aber fällt es ziemlich ziemlich schwer, tatsächlich in den Bus zu steigen. Nuja. In mir reift schon der Gedanke, dass diese Reise eventuell nur eine erste „Probetour“ ist und ich dann, später, irgendwann noch einmal nach Vorbild der großen Reiseradler ein paar Jahre um die Welt will. Es macht einfach tierisch Spaß- und ohne Zeitdruck stell ich es mir paradiesisch vor. An jedem Strand mal einen Tag verweilen… Mit jedem interessanten Menschen so lange reden, wie man sich was zu erzählen hat… Zu jedem historischen Ort fahren und tief in Geschichte und Kultur vordringen… Die Sprachen lernen…. Huja, das will ich =)

Wo war ich?

Ahja- Bus. Da kommen wir in Sinop an und suchen dann direkt einen Radladen, bei dem es 28er-Felgen gibt. Ist ein Problem! Irgendwo in der Stadt hat dann tatsächlich eine Hinterhofwerkstatt eine 28er-Felge da und wir freuen uns halb tot. Der junge, ca. 16-jährige Mann, der da arbeitet, meint, dass er zwei Stunden für das Neu-Einspeichen braucht, und so gehen wir irgendwo einen Tee trinken, Skat spielen und unsere Emails checken, ob sich hier ein Couchsurfer gemeldet hat, bei dem wir schlafen können. Wir haben 16 Menschen angeschrieben und sind deswegen recht guter Hoffnung.

Nach zwei Stunden Skat spielen, Tee trinken und Baklava essen gehen wir zurück zur Werkstatt und es wird uns gesagt, dass wir in wiederum 2 Stunden wieder kommen sollen. Jetzt gehen wir unsere Einkäufe machen und treffen dabei einen 67 jährigen Mann, der tolles Englisch spricht, weil er hier in Sinop jahrelang für eine amerikanische Textilfirma gearbeitet hat. Jetzt bessert er sich wohl seine Rente mit Schuhputzen auf. Der Mann mit den schwarzen Fingern, wachen Augen, dem gepflegten graumelierten Bart und der Bassstimme scheint bei allem im Ort beliebt zu sein, jeder, der vorbei kommt kennt ihn und wechselt ein paar Worte. Er gibt uns auch einen Tee aus, wir rauchen eine zusammen, erzählen ein bisschen, bis dann bei dem Thema Religion bzw. Gottglaube die Sprachbarriere erreicht ist.

Dann gehen wir wieder zur Werkstatt und müssen mit Entsetzen feststellen, dass der junge Mann gerade wieder Marcels alte, kaputte Felge einbaut. Er erklärt mit Händen und Füßen und google translate, dass die andere Felge die falsche Speichenanzahl hatte. Mist, da haben wir gar nicht dran gedacht! Es wird noch eine lange Diskussion mit den Werkstattbesitzern, in der sie uns erklären, dass es solche Felgen höchstens in Istanbul gibt und sie sie bestellen könnten, das würde ca. 4 Tage dauern. Wir überlegen hin und her und entscheiden dann, erstmal ein Hotelzimmer zu suchen und eine Nacht drüber zu schlafen. Leider hat sich von den 16 Couchsurfern nur eine Frau gemeldet, die aber leider 40 km außerhalb wohnt, das schaffen wir heute nicht mehr. Uns wurde aber eine schöne Pension empfohlen, von einer Familie betrieben, die ihren ausgestopften Hund in der Rezeption stehen hat, und hier bekommen wir günstig ein Zimmer.DSC01443 Das Zimmer liegt im 3. Stock, wir sind genau am Hafen und schauen aus zwei Seiten Fenstern auf das Wasser und die Boote, es gibt rosa Bettwäsche und heißes Wasser und wir fühlen uns gleich wohl. Ist nur ziemlich kalt, die türkischen Häuser sind miserabel isoliert, der Wind pfeift uns heftig durch das Badezimmerfenster und die Balkontür und ich bin recht schnell im Schlafsack.

Bis zum Schlafen aber finden wir noch heraus, dass die beiden Italiener IMMERNOCH in Istanbul sind und sie und Aytac, den wir damals in Instanbul beim Abendessen getroffen haben, gerne bereit sind, uns bei unserem Felgenproblem zu helfen. Es sieht so aus, als ob nun Aytac in einem türkischen Fahrrad-Internetshop eine Felge bestellt und sie zu einem Freund nach Samsun schicken lässt. Das Schicken sollte ca. 3 Tage dauern, und wir brauchen da auch ca. 3 Tage hin, also sind wir mal gespannt, ob das alles so klappt!

!!! Tesekür ederim, Aytac !!! Vielen Dank !!!

02.11.

Die Couchsurferin Elif, die 40 km von Sinop entfernt wohnt, klingt nach einen äußerst interessanten und feinen Menschen, und so beschließen wir, die 40 km heute entspannt zu fahren und dann bei ihr einen ganzen Pausetag, also zwei Nächte zu bleiben. Weil sie tagsüber wandern gehen möchte, schickt sie uns tatsächlich eine Nachricht, in der sie beschreibt, wo sie den Schlüssel für uns versteckt, wie wir uns in ihrem Haus zurechtfinden und wo Kuchen und etwas zu Essen auf dem Herd steht. Ist das nicht der Wahnsinn?! Für völlig fremde Menschen! Ich liebe Couchsurfing und diese Reise =)

Nachdem wir also lange ausgeschlafen haben, im Bett noch etwas gelesen, gemütlich gefrühstückt und mit Aytac kommuniziert haben, fahren wir Richtung Gerze, wo Elif wohnt. Das Wetter ist verrückt, Regen und Sonne und Regenbogen über dem Meer, Kälte und frierende Hände. DSCF3971Als wir schon in Gerze sind, halten wir an einem kleinen Laden, um uns zu der genauen Adresse durchzufragen. Der Besitzer wohnt seit 40 Jahren in Saarbrücken und in der Türkei, spricht perfektes Deutsch und lädt uns auf einen Tee ein. Während Christian und ich da stehen und reden und den Tee annehmen und uns freuen, tanzt Marcel spontan ein paar Meter die Straße runter mit einer Gruppe junger Männer, die auf der Straße Trommel- und Flötenmusik spielen, ausgelassen tanzen und mit Türkeifahnen feiern. Der Ladenbesitzer erklärt, dass da gefeiert wird, dass einer der jungen Männer zum Militär geht. In der Türkei, erklärt uns Elif später, gibt es keinen Weg, am Militärdienst vorbei zu kommen. Jeder junge Mann muss mindestens sechs Monate hin, so auch ihr philosophie-lehrender Ehemann, der bekennender Anti-Militär und Pazifist ist. Er hat seit seinem Dienst beim Militär heftige psychische Schwierigkeiten.

Es setzt heftiger Regen ein und auf den letzten paar Metern zu Elifs Haus werden wir noch furchbar nass und kalt. Zum Glück ist sie schon zu Hause und wir kommen dankbar in die gute Stube, in der der Ofen bollert. Wir waschen endlich mal wieder unsere stinkenden Kleider, bekommen hervorragende Linsensuppe, selbstgebackenen Kuchen, eingelegtes Gemüse aus dem eigenen Garten usw usf, und führen mit Elif sehr interessante Gespräche. Sie ist Aktivistin, zB gegen die Privatisierung von Wasser in dieser Region (nächste Woche fährt sie zu einer großen Konferenz und Demonstration in Trabzon, wenn wir uns sputen, können wir da mit ihr demonstrieren ^^) und gegen den geplanten Bau der ersten 3 türkischen Atomkraftwerke. Sehr kritisch schaut sie auf die Flasche Efes Bier, die der Christian aus der Tasche holt- denn Efes möchte genau hier, in dieser schönen Stadt, eine Raffinerie bauen. Auch über den Kurdenkonflikt, über Utopien und die weltweite Revolution, die jetzt echt mal überfällig ist, über selbstverwaltete Ökodörfer in Deutschland und das Wesen der Menschheit können wir sabbeln- es ist herrlich bei Elif.

!!! Tesekür ederim, Elif !!!

Christian says:

Hallo liebe Leute,

regelmäßig erhalten wir Mails, SMS oder Homepage-Kommentare, wo denn der neuste Bericht bleibt. Wir denken dann immer: Wir haben doch vor ein paar Tagen erst geschrieben, wie kann man denn schon wieder einen Bericht haben wollen?! Dann schauen wir auf das Datum und siehe da: es ist doch schon wieder 10 – und nicht bloß ein paar Tage her! Eure Wahrnehmung scheint also auf alle Fälle besser als unsere. 😉

Gerade sitze ich also unter dem Dach einer Raststätte, unter dem wir heute schlafen. Jule schreibt noch Tagebuch und Marcel liegt schon im Bett – also auf unserer Plane.

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Neben uns steht eine Gaslampe, die uns der Besitzer der Raststätte netterweise hingestellt hat. Vielen Dank dafür! Erwähnt werden muss dabei, dass Jule vor allem, was Feuer macht, Angst hat, sich aber doch irgendwie davon angezogen fühlt. 🙂

Wo waren wir also stehen geblieben? Ach ja! In Galata beim Hotel Albizia (welches wir uneingeschräkt empfehlen können). Jule konnte am Morgen des 15. Oktober tatsächlich im Whirlpool auf dem Dach sitzen und den Sonnenaufgang beobachten.

DSCF3289Ich hatte bereits in der Nacht das Vergnügen, wo er allerdings noch deutlich kühler war. Auch konnten wir am Strand vor dem Hotel schön baden gehen, Muschelschätze suchen sowie mit Sand und dem Wasser eines kleinen Baches am Strand spielen. Ich hab einen riesigen Staudamm gebaut, wie in alten Kindertagen an der Ostsee, bloß größer. Hat echt Spaß gemacht. 🙂

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Jule hatte ebenfalls Spaß, denn sie durfte noch eine neue Speiche in ihr Fahrrad einsetzen. (Anm. der Korrekturleserin: das war zwar knifflig, ist aber ein tolles Gefühl, weil ich das bisher noch nicht selber gemacht hab. Und jetzt kann ich das =) Und jetzt wissen wir, dass unser Tourwerkzeug auch richtig taugt. Danke nochmal ans Bikeeck für das Werkzeug und die Last-Minute-Lehreinheit!!)

Nicht vorenthalten wollen wir euch einen Werbeflyer des Hotel Albizia:

„Nessebar

Früher berühmt mit dem Namen Messembria, heute Nessebar nutzt seine griechische, thrakische und romanische Vergangenheit aus.

Die alte Stadt findet sich auf einer felsigen Halbinsel.

Aber heute nur ein Drittel von der alten Nessebar kann man sehen. Der Rest wurde vom Schwarzen Meer verschlungen. Erkannt sehenswürdige Stadt innerhalb von Jahren 1950, die alte Nessebar ist eine eingeschlafene Stadt geworden, wo nur die Verliebten auf den engen Straßen mit Töpfer und Goldshmiede Geschäfte wandern.

Nessebar, der auf seine Vergangenheit stolz ist, geht heute auf die Zukunft in seiner neuen Version – eine moderne Arhitektur, Hotels, die jedes Jahr eine menge von angezogenen von den gerämigen Stränden und fein vergoldeten Sandes Touristen schützen. Seine 2200 Stunden mit Sonne pro Jahr und das tiefe Gefühl, seine Ferien in Nessebar zu verbringen, ist wie ein Stück des Erbes der Menschheit zu probieren. Außer der alten Stadt und den Stränden können sie das archäologische Museum besuchen, indem viele Gegenstände von Messambria – Messembria – Nessebar – Des Altertums, des Mittelalters und der Renaissance ausgestellt sind.“

Was freu ich mich, dass ich mal jemanden gefunden habe, der offensichtlich noch schlechter Deutsch kann als ich. 🙂

Nach einem schönen chilligen Vormittag ging es nun also den Hammerberg, den wir Tags zuvor runtergefahren waren, wieder rauf. Kaum oben, haben wir auch gleich wieder Mittagspause gemacht. Hehe.

Dann noch ein paar Kilometer geschrubbt und nach derer 40 ging es ab in den Waldweg: Schlafplatz suchen und finden. Dort ist nicht mehr viel passiert, außer der Gottesanbeterin, die Marcel weggeschafft hat. Jule hat im Hotel mal die familiäre Notdoktorseilschaft angerufen, danach ein paar Mal Fieber gemessen und festgestellt, dass sie keine Hirnhautentzündung, sondern nur Nacken hat. Nach dem Whirlpool und dem halben Tag am Strand war das dann schon wieder besser, wiederum aber nach dem Hammerberg und dem geschrubbten Nachmittag wieder ziemlich mies. Um ihren Rücken und Nacken wieder in Ordnung zu bringen, muss Jule jetzt immer Turnübungen machen, wenn wir irgendwo ankommen. War ja auch klar: vor der Reise musste sie auch schon immer zum Pilates rennen, um den Rückengott zu besänftigen. Da wäre es ein Wunder, wenn durch eklatant einseitiges Radfahren und nichtgute Nackenhaltungen keine Probleme auftreten würden.

16.10. Rudnik – 10 km hinter Nessebar

Am nächsten Morgen sind auf unserem kleinen Waldweg zwei Pferdekarren entlanggezuckelt. Die Leutchen haben sich sichtlich gefreut, dort campende Menschen zu entdecken.

Für uns gab es nach 8 Tageskilometern bereits die erste Pause. Es stand um 10:30 Uhr ja schließlich ein Pressetermin mitten im Wald an. Nicht, dass da jemand auf uns gewartet hätte. Nein, das lang geplante telefonische Interview mit der Deutschen Welle fand nun also endlich statt. Beim Ausgefragt Werden haben wir aus Effizienzgründen nebenbei gleich noch Pilze gesucht. 🙂

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Aus dem Interview wird im Übrigen ein chinesischer Text verfasst und dann veröffentlicht. Sobald das passiert, werden wir es hier auch posten, auch wenn ihr den Text wohl genauso wenig lesen könnt wie wir.

Zu bieten hatte der Tag heute außerdem wieder Meerblick und leckeres Brot mit eingebackenen Schafskäse für umgerechnet 50 Cent. Ganz toll war auch ein Anstieg, welcher sich über 10km erstreckte und uns 430 Höhenmeter nach oben schickte. Seit dem zweiten Reisetag die größte Herausforderung. Wäre Ena noch dabei, hätte sie wohl gesagt „Das war ein guter Berg“. 🙂

Besonders für Jule, die ja über Nackenschmerzen klagte, war der Berg aber eher eine Qual und wir waren froh, als wir es hinaufgeschafft hatten…

Anmerkung der Redaktion:

Während wir hier unverändert sitzen, hat sich ein riesiger Hund 3 m hinter uns unsere Kekse geschnappt und ist damit abgehauen. Sehr dreist. Mal gucken, was morgen früh alles fehlt.

…Nach dem Anstieg gibt es natürlich auch eine Abfahrt und die hat uns in ein Tourismusgebiet ungeahnten Ausmaßes geführt. Rund um Nessebar steht hier ein Hotel neben dem anderen und es werden immer mehr. Nessebar selbst habt ihr ja auf dem tollen Flyer bereits kennengelernt und es steht auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbe. Klar, dass wir dorthin auch einen Abstecher machen würden. Die Insel, auf der die Stadt liegt, weiß mit schönen Gässchen und für unsere Fahrräder schädlichen Pflastersteine zu überzeugen. Außerdem konnten wir hier Postkarten tanken und diese dann an die lieben Menschen Zuhause versenden.

Nach einem kurzen Aufenthalt ging es unter Einsetzen der Dunkelheit auf die Suche nach einer geeigneten Schlafstelle. Der einzige eingezeichnete Campingplatz entpuppte sich als gammlige Bungalowsiedlung. Der äußerst unfreundliche Besitzer dieser Hüttchen wollte pro Person unfassbare 7,50 € haben und ließ selbst bei einsetzendem Regen nicht mit sich verhandeln. Für das Meerhotel mit Jacuzzi auf der Dachterrasse haben wir nicht mehr bezahlt…. Noch bevor wir uns entschieden hatten, schloss er demonstrativ das Tor vor uns zu und verschwand. Na toll.

Mitten im Tourismuszentrum lässt es sich auch schlecht wildcampen und dennoch haben wir hinter einem Hügel und hinter einer Tomatenplantage nur 20m vom Schwarzen Meer entfernt ein Plätzchen gefunden. Schnell das Zelt aufgebaut und dann rein in selbiges, denn es fing unfassbar an zu draschen und zu gewittern. Geschlafen haben wir im übrigen heute zum ersten Mal zu dritt in Jules Zelt, weil dieses bessere Tarnfarben hat und unser Plätzchen doch nicht ganz versteckt war. Das ist auch der Grund, warum wir am nächsten Morgen einen neuen Startrekord hingelegt haben- zum Sonnenaufgang war Jule schon wieder aus dem Zelt und bei den Mücken.

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Tageskilometer: 78

17.10. Nessebar – Burgas

8:49 Uhr saßen wir bereits in unserem Sattel und auf einer Straße auf der wir zwar nicht hätten fahren dürfen, die aber dennoch sehr gut befahrbar war, ging es nach Burgas, wo wir noch am Vormittag ankamen.

Da Jules Nackenschmerzen noch immer erheblich waren und sie dringend eine längere Pause brauchte, wir jedoch etwas unter Zeitdruck stehen, haben wir uns entschlossen, die verbleibenden gut 300km bis Istanbul nicht mit dem Fahrrad zurückzulegen und dann dort eine längere Pause zu machen. Also haben wir uns nach einer Fähre umgesehen, die in unserer Autokarte eingetragen war. Anscheinend hat selbige aber noch nie existiert, weswegen wir auf den Bus ausweichen mussten. Gebucht war der bereits 12:30 Uhr und nun hatten wir bis 23:30 Uhr in Burgas Zeit. Was macht man nur am Meer bei ca. 25 Grad und Sonnenschein…? Richtig! Man fährt zum Strand, geht baden und setzt sich mit einem Bierchen der Marke Staropramen ins Wasser.

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Anmerkungen der Redaktion: Wir möchten uns bei der Staropramen-Brauerei für das Sponsorengeld bedanken, dafür, dass wir ihren Namen erwähnt haben. 🙂

Nach dem Baden ging es für uns Essen, Trinken und im Internet des Restaurants surfen. Die Bedienung erwies sich als überaus unfreundlich und machte uns deutlich, dass wir gehen sollten, indem sie uns mehrmals die Rechnung auf den Tisch legte. Wir bedankten uns mit dem Klau einer Rolle Toilettenpapier.

Bulgarien ist echt nicht unser Land. Hier hatten wir immer mal mit unfreundlichen Menschen zu tun. Vermutlich hatten wir einfach nur Pech und waren in zu touristischen Gegenden unterwegs. Wir waren allerdings auch etwas verwöhnt von Serbien und Rumänien.

Jedenfalls war es ganz gut, dass wir nun mit dem Bus das Land verlassen würden. Bevor das geschah, galt es jedoch noch das Vorderrad und den Sattel zu demontieren, weil die Räder sonst nicht in den Bus gepasst hätten. Die Busfahrer waren von uns und unserem ganzen Gepäck auch sichtlich genervt. Wir waren es von den Busfahrern, die unsere armen Fahrräder recht lieblos behandelten. Gut, dass wir die empfindlichen Teile der Reiseräder vorher mit unserer Bekleidung eingewickelt hatten. Und dennoch waren wir froh, dass unsere Lieblinge die Busfahrt gut überstanden hatten.

Zuvor gab es aber noch um 02:00 morgens, nachdem man vielleicht gerade ein wenig eingenickt war, an der bulgarisch-türkischen Grenze eine Zollkontrolle, bei der auch das ganze Gepäck aus den Bussen raus musste und durchleuchtet wurde. Was ein Stress für uns, die wir jeder ca. 8 Taschen haben, und für jeden Weg zigfach laufen UND dabei das Gepäck nicht aus den Augen lassen dürfen! Wurde auch nicht angenehmer dadurch, dass alle Ansagen im Bus („Pass her zum Auschecken aus Bulgarien“, „Raus aus dem Bus zum Einchecken in die Türkei“, „Raus aus dem Bus und alles Gepäck in die Durchleuchtemaschine tun“) nur und Ausschließlich auf Türkisch gemacht wurden. Um ca. 03:00 saßen wir wieder im Bus, sind nochmal leicht eingenickt und….

18.10 – 22.10. Istanbul

… 6 Uhr morgens war es soweit: Ankunft am Busbahnhof der Stadt am Bosporus. Überall drängten sich hier Reisebusse aneinander und wir mittendrin auf der Suche nach dem Ausgang. Die Megastadt ist für Radfahrende echt kein Zuckerschlecken, kein Wunder also, dass sich kaum jemand mit diesen Gefährten fortbewegt. Auch wir benötigten im Straßenwirrwarr und den vielen steilen Bergen satte 4 Stunden, um zu unseren Hosts zu gelangen. Diese wohnen im Übrigen auf der asiatischen Seite der Stadt in Üsküdar. Da die beiden Brücken, die über den Bosporus führen, für Pedaleure nicht zugänglich sind, durften wir uns auf eine Fährfahrt über den Bosporus freuen. Unbeschreiblich, wie schön es ist, diese Meeresenge mit dem Schiff zu überqueren (!!!) und die zahlreichen Schiffe begutachten zu können.

DSCF3390 DSC00898Auch die Stadt, welche sich links und rechts des Wassers erhebt, wirkt wirklich einfach einmalig. Fährfahrten gehören mit einem Preis von nicht einmal einem Euro zu den absoluten Highlights dieser Stadt.

Nicht zu den Highlights unserer Reise gehört jedoch Jules zweiter Speichenbruch, welchen sie noch im europäischen Teil erlitten hat. Wir entschlossen uns, dennoch weiterzufahren und nur etwas Gepäck vom Hinterrad zu nehmen und auf die anderen beiden Räder zu verladen.

Morgens um 11 Uhr sind wir also bei unseren Hosts angekommen. Diese haben nach einer durchzechten Nacht allesamt noch geschlafen, weswegen wir auch schnell wieder zu einer ersten Besichtigung der Metropole verschwanden. Meine ganz persönlichen Highlights dieser Stadt sind die chaotischen Straßen, welche sich über die hügelige Landschaft ziehen. Dazu gibt es überall kleine Stände und Lädchen.

DSCF3535Besonders den Süßkram wie Baklava mussten wir immer wieder probieren und von den Ständen mitnehmen. Überrascht waren wir, dass es bei den Dönerständen, die es in Istanbul überall gibt, eigentlich kaum möglich war, etwas vegetarisches zu bestellen, wie es in Deutschland üblich ist. Generell ist es nicht leicht, etwas herzhaftes zu Essen ohne Fleisch zu bekommen.

Gleich am ersten Tag haben wir auch noch zwei kleineren Schlägereien unter Mitarbeitern benachbarter Restaurants miterleben dürfen. Eine echt verrückte Stadt. Ob es wohl daran lag, dass an dem Tag die beiden Istanbuler Fussballclubs Galasataray und Fenerbahce aufeinandergetroffen sind oder wie bei Asterix und Obelix ein Streit wegen mutmaßlich nicht frischem Fisch eskalierte, blieb uns allerdings im Verborgenen. Auch die späten Abendstunden blieben uns im Verborgenen, denn nach der anstrengenden Nacht im Bus schliefen die ersten von uns bereits 20 Uhr ein.

Ansonsten absolvierten wir in Istanbul artig das Touristenprogramm, welches uns unterer anderem Jules Mutti aufgestellt hatte. 🙂

Sightseeing

Zu sehen war die Moschee Hagia Sophia, ein alter Sultanspalast, der Gewürzbasar, die Endhaltestelle des Orientexpresses und auch die Galatabrücke. Es war alles sehr schön, aber leider touristisch teils sehr überlaufen. Nur zur Galata-Brücke möchte ich noch erwähnen, dass uns Jules Mutti hier explizit aufgeschrieben hat: „Bier trinken auf der Galata-Brücke“. Da haben wir uns natürlich nicht lumpen lassen. 😉

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Es sei aber erwähnt, dass Bier trinken in der Öffentlichkeit durchaus unüblich ist. Je nach Stadtviertel, kann es da wohl auch richtig Ärger geben. Zum Glück ist die Brücke in einem weniger streng gläubigen Viertel. Dennoch hab ich vorsichtshalber mal die Sportbügel an die Brille gemacht, zum Wegrennen oder Verprügeltwerden =)

Der Frechschelm

Erwähnt werden soll noch, dass einer der für Istanbul typischen Schuhputzer mich aufs Kreuz gelegt hat. Dem armen Mann ist beim Vorbeilaufen seine Bürste heruntergefallen, also hab ich ihm selbige gereicht, da er es nicht mitbekommen hat. Er war darüber sehr erfreut und hat gleich darauf bestanden, meine Schuhe zu putzen. Nun muss man wissen, dass mein braunes Paar Schuhe völlig kaputt ist und hat einige Löcher hat. Der gute Mann hat sie also gleich mal geklebt – zu meinem Ärger, denn jetzt durchlüften sie nicht mehr so gut! Die Krönung kam zum Schluss, als er auf einmal Geld haben wollte. Nämlich 10 – 20 türkische Lira umgerechnet 4 – 7€! Was für ein Frechschelm!

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Ganz Hip ist auf der Galata-Brücke auch das Angeln. Hier sind alle zwei Meter Angeln ausgeworfen. Unglaublich, diese Anglerdichte. Besonders lustig, dass eine Etage tiefer lauter Fischrestaurants sind, vor denen regelmäßig die Fische hochgezogen werden.

Zwei kleine Italiener

Es ist so, dass man auf dem Donauradweg Richtung Istanbul viele Radreisende trifft, und es haben sich hier ein paar geflügelte Begriffe eingeschliffen: wenn man andere Menschen mit dick bepackten Rädern getroffen hat, hat man gleich gefragt: „Ah, hab ihr auch die beiden Französinnen getroffen? Den 78-jährigen aus Neuseeland? Die beiden Italiener? Das Pärchen aus Köln?“ Man kennt sich!

Als wir so mitten durch die hyper-touristischen Gebiete Istanbuls gelaufen sind, haben wir zwischen ca. 90 Reisebusladungen drei Personen getroffen, die mit dem Rad unterwegs waren. Da dies hier nun wirklich nicht üblich ist, haben wir natürlich genauer hingesehen und die Lowrider (Gepäckträger fürs Vorderrad) entdeckt. Und dann war da noch ein Aufkleber auf der Lenkertasche, den uns schon das ältere Radreise-Pärchen in Rumänien gezeigt hatte.

Diesen Aufkleber wiederum hatten sie von „den Italienern“ erhalten, die wir in Novi Sad bei unserem Host Aleksa nur um einen Tag verpasst hatten.

Und natürlich waren es die beiden auch! Mitten in der 14-20 Mio.-Einwohner-Stadt haben wir „die Italiener“ eingeholt… =)

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Sie waren begeistert, als wir sie ansprachen: „Kommt ihr nicht aus Italien?!“. Das hatte noch keiner zuvor gemacht, denn normalerweise werden alle Radreisenden mit „Kommt ihr aus Deutschland“ angesprochen (Anmerkung der Redaktion: Die meisten Radreisenden sind wohl Deutsche). Der dritte Radfahrer war ein türkischer Radler, welcher den beiden den Istanbul zeigte. Nun gab es natürlich viel zu erzählen. Es wurde sich ausgetauscht und zum Abend verabredet. Dort kamen dann noch ein südkoreanischer Reiseradler und ein weiterer Türke hinzu, der die Fernradwege durch die Türkei etablieren will. Auch da gab es wieder regen Austausch und wir haben wirklich einen sehr schönen Abend verlebt. Lustigerweise haben wir die beiden auch am nächsten Tag noch mal in einem Outdoorladen gesehen. Kaum zu fassen, wie klein doch dieses Istanbul ist.

Die beiden haben im Übrigen vor, 4-5 Jahre um die Welt zu fahren und in allen Kontinenten die höchsten Pässe mitzunehmen. Gerade sind sie auf dem Weg in den Kaukasus und wollen den Winter über in Russland radeln, wo sie mit bis zu -25 Grad rechnen. Sie mögen also vieles, worauf wir eher nicht so scharf sind. Das ändert nichts daran, dass sie unheimlich nette Menschen sind und wir uns freuen würden, wenn sich unsere Wege in der Türkei noch einmal kreuzen würden. Gerne könnte ihr auch mal auf der Homepage oder der Facebookseite der beiden vorbeischauen:

hier link einfügen

Einen weiteren Reiseradler haben wir noch beim Verlassen der Stadt getroffen. Der gute Mann ist, sofern ihn Jule mit ihrem Russisch richtig verstanden hat, ein Jahr lang durch die Welt geradelt und nun auf dem Weg zurück nach Novi Sad. Besonders bemerkenswert war sein altes Rennrad und die (selbstgemachten? wasserdichten?!) Packtaschen, welche an dem Rad festgezurrt waren. Die ganze Erscheinung versetzte uns zurück in die 80er Jahre, in denen wohl alle Reiseradler so oder so ähnlich unterwegs waren.

Shopping:

Istanbul war die bislang teuerste Stadt für uns. Schuld daran war nicht nur das viele tolle Essen und das teure Bier. Auch die Fährfahrten läpperten sich zusammen und nicht zuletzt haben sich Marcel und Jule noch eine neue Jacke und einen Winterschlafsack (für die kommenden Bergetappen) gekauft. Dafür haben die beiden mich durch 6 oder 7 Outdoorläden geschleift. 🙂

(ANMERKUNG DER KORREKTURLESERIN: Christian war vorinformiert und wurde von mir und Marcel, also, äh, von Jule und Marcel nicht gezwungen, auf die Odyssee mitzukommen. Vielmehr habe ich, äh, also hatte Jule den Eindruck, Christian hatte nicht so viel Lust, allein in Istanbul verloren zu gehen. So! ^^)

Unsere Gastgeber:

Einer ihrer ersten Fragen, als unsere Hosts ausgeschlafen hatten und wir von unserer ersten Erkundungstour zurück waren, lautete: „Trinkt ihr Deutschen eigentlich immer zum Frühstück Bier?“ Wir antworteten natürlich mit „Nein“. Erst einen Tag später klärten sie uns darüber auf, dass sie das dachten, weil ich nach unserer Ankunft (11 Uhr) ein Bierchen getrunken habe. Nun ist dass aber bei mir so üblich, nach dem Radeltag ein Bierchen zu trinken und heute war der Radeltag halt schon 11 Uhr zu Ende. 🙂

Auch konnten uns die drei einiges über die Proteste rund um den Taksimplatz letzten Jahres erzählen. Echt spannend zuzuhören, wie sich eine so breite Bewegung ohne großartige Strukturen entwickeln konnte und breite Bevölkerungsschichten vereinte.

Für mich selbst war auch noch die Tatsache, dass alle drei Fußballfans waren, eine sehr feine Sache. Endlich mal jemand mit dem man über dieses wunderschöne Thema fachsimpeln konnte. Außerdem hat an unserem letzten Abend in Istanbul Borussia Dortmund gegen Galasatary in Istanbul gespielt. Das Spiel wurde gemeinsam verfolgt und ging leider zu Gunsten der Dortmunder aus.

An dieser Stelle wollen wir uns noch einmal bei der netten Männer-WG bedanken, dass sie uns 6 Tage lang ihr Wohnzimmer überlassen hat. Die ersten beiden Stunden mussten wir es im Übrigen mit einem Freund der WG teilen, der dort seinen Rausch ausschlief und sich auch nicht davon beeindrucken lies, dass wir unser Gepäck und die Räder ins Zimmer trugen.

Nachtrag: Das hatte ich ganz vergessen: Die Jungs radeln selber immer mal kleinere Touren. Von einer Etappe hat Batu auch ein Video gemacht. Dort sind wir im Übrigen auch langgefahren und ihr erhaltet einen ganz guten Einblick:

Pokémon:

Kenner meiner selbst werden jetzt sagen: „Was fängt denn der jetzt auch noch mit Pokémon an?!“ Ich werde es euch sagen: Dieser wunderschöne Anime wurde in der Türkei nur eine Staffel lang ausgestrahlt. Der Grund dafür war ein türkisches Kind, welches in den Tod stürzte, nachdem es gesagt hatte: „Ich bin ein Pikachu und kann fliegen.“ Eine ziemlich krasse Reaktion der türkischen Regierung, dass die Sendung anschließend nicht mehr ausgestrahlt werden durfte, zumal Pikachu ja eigentlich gar nicht fliegen kann, wie den Kennern der Materie schon aufgefallen sein dürfte. Unsere Hosts (leider habe ich die Namen vergessen, aber ich glaube ihnen geht’s genauso ^^) jedenfalls waren recht wütend auf das Kind, weil sie nicht mehr Pokémon anschauen konnten.

Da fällt mir noch ein: Jules Nacken geht es in zwischen wieder sehr gut. Nur damit ihr Bescheid wisst und euch nicht umsonst Sorgen macht.

23.10. Istanbul – Irgendwo im Wald

Endlich wieder Radeln. Ich freu mich immer nach Pausentagen, dass wir mal wieder auf unseren stolzen Rössern sitzen und einfach dahingleiten. Nun ist Istanbul zwar nichts zum Dahingleiten und die 30km aus der Stadt heraus sind auch sehr anspruchsvoll, aber Spaß macht’s halt trotzdem. Am Ende der Stadt haben wir dann noch mal bei einem kleinen Imbiss gespeist (Cig Köfte, das ist traditionell UND vegan UND lecker!), worüber sich der Besitzer des Lokals sehr freute und gleich mehrere Fotos machte. Auch den ersten Radstreifen überhaupt haben wir noch kurz vor dem Ortsausgang gesehen. Leider war eben jener kaum für Reiseräder geeignet, da er sich durch hohe Kanten an den Straßenüberquerungen auszeichnete. Wir sind also auf der zweispurigen Straße geblieben.

Nach Istanbul ging es dann auf eine Fernstraße (jeweils 2-3 Spuren + Standstreifen) in Richtung Sila. Anfangs wurde es noch sehr eng, da eine Fahrrichtung gebaut wurde. Die Straße war aber bereits geteert uns so haben wir uns für die völlig leere Straßenseite entschieden. Es ging, mal abgesehen von den steilen Bergen, auch supergut, bis wir plötzlich vor zwei Teermaschinen und 6 Dampfwalzen stoppen mussten. Einer der Arbeiter hat uns ein Zeichen gegeben, dass wir zwischen den Fahrzeugen durchfahren sollten. Das taten wir dann schließlich auch, obwohl wir starke Bedenken hatten, mit unseren Reifen über den noch sehr frischen und heißen Asphalt zu fahren.

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Wenn nicht gerade gebaut wurde, war auf der Straße nicht viel los, außer einer unglaublichen Anzahl an Kipplastwagen, welche teilweise dreispurig überholten. Uns störte das nicht, denn auf dem Standstreifen hatten wir unsere Ruhe. Mehr Probleme machten uns da schon die Berge und nach 43 Kilometern waren wir so kaputt, dass wir entschieden, nach der Pause nicht mehr weiter zu fahren. Wir waren gerade an einer Stelle neben der Straße, wo es um die 10 verschiedene Rastplätze gab. Diese waren teilweise sehr liebevoll, schön und ausgefallen und beherbergten kleine Restaurants, ausgefallene Tische, Hängematten, Rutschen und was weiß ich nicht alles. Über einem dieser Restaurants lebte eine Familie.DSCF3593 Bei denen konnten wir für diese Nacht bleiben und unsere Luftmatratzen unter ein kleines Dach legen. Außerdem wurden uns noch 3 Runden Chai (Schwarztee) spendiert und eine Gaslampe hingestellt. Wirklich sehr nett und fürsorglich. Besonders gefreut hat uns auch noch, dass über den Abend verteilt mehrere zusammengefegte Laubhaufen angezündet worden, denn gerade Jule hat sich ja schon seit langem mal wieder ein Lagerfeuer gewünscht.DSCF3610

Hätte ich gestern den Bericht fertig bekommen, dann wäre jetzt hier erst einmal Schluss. So darf ich noch einen weiteren Tag in die Tastatur klimpern. 😉

24.10. Irgendwo im Wald – Büyüg Asag

Heute hatten wir die große Straße nach 20 Kilometern fast für uns alleine. Grund dafür war eine große Erdgrube, zu der die ganzen Kipper gefahren sind. Da standen sie nun in unglaublich langen Schlangen und haben auf Be- und Entladung gewartet. Wirklich sehr beeindruckend, die Dimensionen, wenn auch nicht schön.

Für uns ging es allerdings bald schon auf einer kleinen Küstenstraße weiter, wo wir auch schon bald von einem Mann in Armeekleidung freudig angesprochen wurden. Dieser bestand darauf, ein Foto mit uns zu machen und wir willigten natürlich ein. Nun muss man wissen, dass man in der Türkei eigentlich keine Fotos von der Armee machen darf, deswegen ist das um so lustiger für uns. Lustig war auch der kleine Hund, den wir während der Mittagspause beobachteten und welcher einen Heidenspaß daran hatte, eine Gruppe Gänse zu ärgern. Das Highlight war aber, als er einen gerade abgestellten Mini vor den Augen der Fahrerin anpinkelte. Köstlich! 🙂

Weniger Spaß machen hingegen die Berge hier. (Anm. der Korrekturleserin: Ich find’s tatsächlich sehr schön, ich hab jetzt ja aber auch nicht mehr so viel Gepäck ^^) Die 66km waren bislang vom Höhenprofil die schwierigsten unserer Reise. Durchgängig ging es entweder so steil bergauf, dass wir teilweise schieben mussten oder so steil bergab, dass wir eigentlich bei jeder Abfahrt auf 55km/h kamen und eine Menge bremsten.

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Unser Nachtlager haben wir dann auf der Kuppe eines Berges aufgeschlagen, mit Herr-der-Ringe-Aussicht in alle Richtungen.

DSCF3623Zum Abendbrot gab es einen Orangen-Möhren-Linsengericht und jetzt schlafen die beiden schon wieder, während ich mich mittlerweile auf der sechsten Seite des Berichts befinde. Erwähnt werden kann noch, dass auf dem Berg die Muezzine aus den verschiedenen Himmelsrichtungen gehört werden können. Da bin ich mal gespannt, wie das morgen früh wird, wenn um 6 Uhr deren Gesang ertönen wird.

Jule hat ihr Turnen vor epischer Kulisse absolviert und ihr Körper spielt das Radfahrspiel jetzt auch wieder mit =)

Abschließend möchten wir noch einmal Besserung geloben und hoffen, dass wir künftig einen wöchentlichen Bericht hinbekommen werden. Mal schauen. 😉

Christian

Jule erzählt was

10.10.

Die Sonne scheint, wir singen und haben das Windschattenfahren optimiert. Alle paarzehn Minuten tauscht der durch, der (oder nat. die) vorne fahren muss, und so sausen wir ab 10:30 mit atemberaubenden Geschwindigkeiten durch Rumänien.

Die Dörfer sehen immer gleich aus, die Landschaft bleibt hügellos, auf unserer rechten Seite sehen wir hin und wieder die Donau- und dahinter das Gebirgchen, das wir auf unserem Weg in die Türkei noch überqueren werden.

„Wo-hin wollen wir radeln- Sieben Jahre lang,

wohin wollen wir radeln? Ist egal!

Wir radeln zusammen- Sieben Jahre lang,

wir radeln zusammen, um die Welt.

Es wird genug für alle seeiiiiin…. ^^“

Am Abend kommen wir wieder in ein kleines Dorf, wenige Kilometer vor der Rumänisch-Bulgarischen Grenze, und klingeln bei der erstbesten Pforte- und siehe da, wieder braucht es zwar ein bisschen, bis man unser Anliegen mit Händen, Füßen und ein paar Brocken Russisch und Rumänisch und Spanisch und so verstanden hat, aber dann werden wir sofort in den Hof geführt, wo wir zwischen Hühnern und Hunden unser Zelt aufbauen dürfen. Ein älteres Ehepaar lässt uns heute Nacht in ihre Welt, leider sind sie aber recht schüchtern und auch keiner Sprache als Rumänisch mächtig, daher zeigen sie uns nur noch den kleinen Gartenpavillion, in dem wir kochen und auf Sesseln! sitzen dürfen, und gehen in ihr Zuhause.

Wir aber haben tierisch Spaß- zunächst sind die Ähnlichkeiten zwischen dem völlig verfilzten Hund und Jules Frisur so eklatant, dass beide sofort den Spitznamen „Teppich“ bekommen und viele, viele Witze darüber gerissen werden. Dann wird aus den vielen vielen Äpfeln Apfelmus gekocht, und die Walnüsse werden dazu geknackt und gereicht. Es folgt in den herrlichen Sesseln noch eine Runde Skat (jaha, ich gewinn schon manchmal, nehmt euch in acht!), und dazu dürfen wir auch im Haus das Badezimmer mit fließend Wasser benutzen- das gefällt allen sehr, sehr gut.

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Teppich 1 und Teppich 2

11.10.

Im Reiseführer stand über die Bulgarische Grenzstadt Ruse, dass viele unterschätzen, wie schön sie ist, und länger bleiben als geplant. So auch wir.

Wir fahren vernachlässigbare 27 km über die Donau und verabschieden uns auf der Grenzbrücke herzlich von ihr. Ein treuer Reisebegleiter war sie jetzt, lange Zeit!

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Dann düsen wir durch Ruse, finden einen Radladen und eine Post und eine Pizzeria mit Internet und Zack! haben wir entschieden, dass wir hier eine Nacht bleiben wollen- die Nacht zu Christians Geburtstag nämlich, da hatte er sich eh gewünscht, dass wir irgendwo mit Internet halt machen.

Wir finden ein herrliches Hostel in Ruse, in dem wir erstmal unsere Wäsche waschen, weil wir seit zwei Nächten so beunruhigend juckende Stiche bekommen, wenn wir schlafen… Und die Hostelbetreiber sind super drauf, zwei sogenannte Aussteiger aus England, ca 10 Jahre älter als wir, bauen ganz viel eigenes Gemüse an und sind zB in Bulgarien gelandet, weil das einfachere Leben ihnen hier sehr gut gefällt. Kann ich sehr bestätigen! Die beiden bauen sogar Tabak selber an, und die Zigaretten, die ich davon rauche, sind wahnsinnig gut! Irgendwo zwischen Zigarre und Pfeife… Ich krieg dann auch Samen mitgegeben, da freu ich mich aufs Aussäen im April in Deutschland!

Chris, Marcel und ich machen dann noch einen Stadtbummel, wobei uns die beiden Hostelbetreiber anbieten, sogar unsere Wäsche aufzuhängen- man fühlt sich ganz wie zu Hause hier =)

Und wir schlendern durch die Gegend, finden einen LIDL und holen uns ein paar Kaltgetränke (und Marcel findet Apfelstrudelchips…. APFELSTRUDELCHIPS), um den Sonnenuntergang an der Donau zu sehen und in Chris‘ Geburtstag rein zu feiern.

Apfelstrudelchips und 2-l-Bierflasche... diese Jungs!
Apfelstrudelchips und 2-l-Bierflasche… diese Jungs!

Es wird ein herrlicher Abend, an dem viel geschnackt und gelacht wird, wo wir ausgelassen durch die Stadt laufen und zum Beispiel einen Kiosk entdecken, in dem es die Brotchips mit Pilzgeschmack gibt, die wir seit…. hmmm… einigen Ländern so mögen und von denen wir Angst hatten, dass es sie in Bulgarien nicht mehr gibt. Aber doch! So kaufen wir alle Kioskvorräte leer. Und dann findet Chris noch lachend Wein, auf dem Radfahrer abgedruckt sind- der muss also auch noch mit. Ich versuche, der lachenden und verdutzten Kioskbetreiberin unser seltsames Verhalten zu erklären…

Als wir fast im Hostel sind, fällt uns allen gleichzeitig auf, dass wir auf den geplanten süßen Milchreis mit Apfel-Birnenkompott (so viele Obstgeschenke!!) nicht wirklich Lust haben- etwas Herzhaftes muss her, und das finden wir, als wir den ganzen Weg wieder in die Innenstadt zurück gehen: mit Käse gefüllten Blätterteig, der uns schon in einigen Ländern über den Weg gelaufen ist.

Im Hostel zurück entwickelt sich dann ein tolles Gespräch mit den Hostelbetreibern, mit viel Lachen und ausgelassener Stimmung. So ausgelassen, dass ich ihnen fast ihren Tabak wegrauche…. Tsss. Chris bekommt dann zu seinem ersten Geburtstag (24:00 bei uns) einen selbst-ausgesuchten LIDL-Kuchen und einen heimlich besorgten Tacho, und geht dann zu seinem zweiten Geburtstag (24:00 in Deutschland) skypen.

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Die Hostelbesitzer wollten uns nicht glauben, dass wir am nächsten Morgen wieder früh auf den Rädern sein wollen, aber…

12.10.

… nachdem Chris und ich erst um 3 oder 4 im Bett waren, sitzen wir vor neun schon wieder am Frühstückstisch. Es wird recherchiert, wie die Route nach Istanbul weiter geht. Wir würden sehr gern über die türkische Grenze fahren und dann auf ein Schiff steigen, um etwas Zeit reinzuholen und die Stadtautobahnen Istanbuls zu umgehen. Es scheint aber so, als ob das einzige Schiff, das eine weite Distanz parallel zur Küste fährt, schon ab Burgas in Bulgarien geht, und wir würden viel lieber mit eigener Muskelkraft über die EU-Außengrenze radeln. Und mal sehen, was die Frontex da so treibt.

Was wir gefunden haben, ist ein türkischer Zug, den wir wohl ca. 150 km hinter der Grenze nehmen werden.

Von Ruse aus geht es durch herrliche Landschaft, die jetzt eben wieder sehr bergig ist. Keinen Meter fahren wir heute einfach platt, immer geht es keuchend etliche Kilometer und Höhenmeter herauf und und dann brausbrausbraus wieder herunter- ich bin (wegen des wenigen Schlafs?) sehr fit und es macht tierisch Spaß. Auch sieht die Landschaft endlich mal wieder anders und eben auch sehr schön aus, und auch die bulgarischen Dörfer machen einiges her.

Dass es Chris‘ Geburtstag ist, merkt man dann aber eigentlich nur noch an den hin und wieder angestimmten Geburtstagsliedern, sonst ist es ein zügiger Radeltag, an dem wir trotz der Berge 80 km machen, bevor wir uns abends an einer kleinen Seitenstraße, hinter Gebüsch und im Sonnenuntergang, einen Zeltplatz suchen. Es wird derbe kalt momentan, beim Teppichhund hat das Thermometer 8 Grad am Morgen angezeigt. Das würde vielleicht 6 Grad in der Nacht bedeuten? Ich friere auch schon in meinem Schlafsack und überlege, mir in Istanbul für die kalten Bergetappen durch die Türkei noch einen fetteren Schlafsack zu kaufen. Wundert mich, weil ich mit meinem Schlafsack auch in Freiburg schon im Frost unter freiem Himmel geschlafen habe (Grüße an die ISE-Crew ^^). Bevor ich aber noch einen teuren und schweren Schlafsack kaufe, werde ich noch ein bisschen testen, ob ich meinen nur falsch benutze, da ich bekannterweise ein großer Freund des auf-dem-Bauch-mit-einem-angeklapptem-Knie-Schlafens bin und das Ding deswegen so selten wie möglich zu mache. Und dann auch noch die Kapuze so zuziehen, dass nur die Nasenspitze rausschaut und man sich gar nicht mehr bewegen kann… Naja, vielleicht gewöhn ich mich dran.

Wir kochen noch eine Runde Nudeln (welch Geburtstagsessen!) mit Sojabolognese (schon besser) und bewundern in der Schweinekälte, die uns den Atem in Wolken vorm Gesicht stehen lässt, den atemberaubenden Sternenhimmel. Weit weg von größeren Menschenansammlungen und elektrischem Licht und (mir nicht einleuchtend) auch unbehelligt vom Mond, der doch gestern noch dick und fast-noch-voll am Himmel stand, breitet sich über uns die Milchstraße mit all ihren Feinheiten und in ihrem Teppich von Schwestergalaxien aus. Oh, wenn es doch nicht so kalt wäre, wenn ich einfach wieder unterm Sternenzelt schlafen könnte!

13.10.

auf dem Weg nach Varna

Obwohl wir nach Einbruch der Dunkelheit mal wieder nicht lang durchgehalten haben und um 22:00 oder 23:00 im Bett waren, schlafen wir ohne Wecker bis um neun. Seit wann schlafen wir so viel? Zu viel Sonne? Zu viel Berge? Zu viel Radeln und Frischluft oder zu viel Nacht? Zu viel Eindrücke, die da im Schlaf sortiert und in kleine, neuangelegte Schachteln eingeordnet werden wollen?

Eigentlich würden wir gern die 110 km bis zum MEER heute schaffen, aber mit dem Start wird das schonmal schwieriger. Auch die Strecke ist so wie die beiden Tage zuvor- ein Hügel und Berg jagt den nächsten, immer wieder von 40m auf 200m auf 40m auf 450m auf 200m…. die Abfahrten machen immernoch Spaß, aber Marcel und ich merken deutlich, dass der vorige Tag schon Spuren hinterlassen hat. Chris, der immer nobel-gemütlich die Berge hochtrullert, ist viel fitter als wir… Aber wir glauben ihm nicht, dass es am Fahrstil liegt! =)

Mittags brauchen wir unser einzig wahres Mittagessen (naaa, wer hat bisher aufgepasst und weiß, was kommt?… genau!), Brot, und halten in einem kleinen Dorf, wo zwei Männern beim Weißeln der kleinen, schmucken Kirche sind. Wir fragen nach einer Bäckerei, die hat aber bis 15:00 Mittagspause, also essen wir das auf, was wir noch haben, und bleiben dabei in der Nähe der Kapelle, weil die beiden Männer so lustige Musik anhaben. Der eine gesellt sich später zu uns und erzählt uns schon wieder eine so unfassbare Geschichte… wie er früher zur See fuhr, dann ein Schiffsunglück passierte, das Schiff entzweibrach („wie die Titanic!“) und er dabei 10 m tief stürzte und sich den Kopf schwer verletzte. Und wie er danach entschied, nicht mehr für sich und das Geld, sondern für Gott zu arbeiten, und nun rund um sein Heimatdorf in den Dörfern Kirchen mit seinen eigenen Händen baue. Dies sei die Dritte.

Als wir ihn später nochmal nach Wegdetails fragen, da holt er aus und erzählt uns, wie kriminell die Stadt sei, in die wir führen, und der Weg dahin, dass wir ja auf der Autobahn (!) fahren sollen, weil es da drum herum weniger gefährlich sei, da sein „weniger Gypsies!“. Und inflationär benutzt er in seinem deutsch-russisch-englisch-Mix den Begriff „ZAPPZERAPP!!“ für Klauen, mit der dazu gehörenden einsackenden Handbewegung. ZAPPZERAPP macht die Regierung, ZAPPZERAPP machen die Gypsies, ZAPPZERAPP machen die Leute in der Stadt! Richtig beunruhigend fanden wir seine Warnungen im Endeffekt nicht, weil er uns noch empfahl, in seinem Dorf zu bleiben, da würden nämlich einmal im Jahr irgendwelche sehr großen geflügelten Wesen Gottes (leider hat er sich unklar / auf Russisch ausgedrückt, ich weiß nicht, ob es Drachen oder Engel oder Außerirdische UFOS waren) bruchlanden und das wäre super, aber von der Polizei geheim gehalten. Nuja. Weiß nicht.

Weiß nicht.

Weiter ging es, berg- und talwärts, super Abfahrten und böse Anstiege. Ziemlich müde haben wir um 17:30 einen Ort gefunden, in dem wir endlich Brot kaufen und Geld abheben konnten, und uns entschieden, auch gleich dort bei Leuten zu fragen, ob wir im Garten zelten dürfen.

Hier jedoch waren alle Menschen recht abweisend. Vielleicht lag es an der schon fast kleinstädtischen Größe des Ortes (in den ganz kleinen Dörfern war es nie ein Problem). Oder passiert in Bulgarien wirklich mehr? (Chris, dessen Familie viel hier im Urlaub war, winkt ab) Oder haben die Leute irgendwie alle Angst voreinander? Auf jeden Fall scheinen sie viel distanzierter (fast deutsch!) als die Rumänen. Ob das was mit dem Wohlstand zu tun hat, der hier auch deutlich größer ist?

Beim dritten Haus wurde unsere Frage auf Brocken-Bulgarisch (ist dem Russischen zum Glück sehr ähnlich) mehr oder weniger verstanden, die gute Dame des Hauses hat aber lieber noch ihre englischsprechende Kollegin angerufen, die dann mit dem Handy zwischen uns dolmetschen sollte. Was rauskam: wir durften zwar wegen Platzmangels nicht im Hof campen, wurden aber auf die Wiese vorm Haus verwiesen. Fühlte sich auch sicher an (nicht zuletzt, weil auch alle Nachbarn uns vom Klingeln schon kannten), und wir wurden eingeladen, uns im Haus zu waschen, wurden gefragt, ob sie uns noch Licht oder Strom raus legen sollen, uns wurde vom Opi Kuchen geschenkt und so weiter und so fort… Sehr nett also! Und auch die Nacht war dann gut, bis auf den Zwischenfall, dass ich irgendwann davon geweckt wurde, dass jemand über die Zeltschnüre stolperte und die Töpfe umwarf. Ich hab mich gleich zu Tode erschrocken, aus dem Tiefschlaf in totalen Alarmmodus mit Puls von 180 und hab den beiden Jungs zugeschrieen „Aufwachen!!“, schon halb auf dem Weg zum Pfefferspray und der Trillerpfeife. Dreh ich mich aber zu den Jungs um, da liegt Chris nicht im Schlafsack… Sondern stolpert grad draußen über Töpfe… Puuuh, Fehlalarm. Hat aber ewig gedauert, bis ich wieder schlafen konnte.

14.10.

Heute- der Tag, an dem wir am Meer ankamen

40 km haben noch bis Varna am Schwarzen Meer gefehlt, als wir gestern Abend unser Zelt aufgestellt haben. Da hab ich doch gleich mal den Wecker auf 7:00 gestellt und morgens ein bisschen Dampf gemacht, dass wir ja schön zeitig am Meer sind =)

Und ja, erstmal ging es…. bergauf und bergab im dicken Nebel… anstrengend heute, mir tun tierisch der Nacken und irgendwie die hinteren Augenhöhlen weh, ich hoffe, ich werd bei der Kälte und den Temperaturunterschieden nicht (allzu) krank! Aber 40 km sind schnell gemacht, auch wenn uns auf dem Weg dahin der Steinwald (ein nicht geklärtes Naturphänomen- doch außerirdische Engelsdrachen?) ablenkte, und die unzähligen Prostituierten, die den Straßenrand bevölkerten.

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Als wir da aber durch waren, da mussten wir uns noch durch die dicke Stadt kämpfen, durch den Park an der Waterfront und…..! Da war es! Das Meer! Rauschig und diesig, mit Meergeruch und Meeraussehen, mit Sand und Salz und Möwen, mit Strandlokalen und Urlaubern und UNS.

In einem Lokal haben wir gleich herrlich gegessen und geschlemmt, die Sonne in der recht kühlen Luft genossen und uns grandios des Lebens gefreut.

Auf unserem Tacho steht übrigens genau und ganzgenau 2500 km bis hier- wenn das nicht ulkig ist =)

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Am Nachmittag wollten wir dann noch 5 km weiter aus der Stadt bis zum nächsten Campingplatz fahren und dort einen halben Pausentag und Sonnenbaden machen, irgendwie sind es aber 20 km und 250 Höhenmeter geworden und die Sonne war schon hinter den Bergen verschwunden, als wir (ganz unten am Fuß der hohen Klippen, auf denen unsere Hauptstraße morgen langgeht!) KEINEN Campingplatz gefunden haben. Klar, ist Oktober, ist keine Saison… Meine Laune war miserabel, ich hatte diese Nacken- und Augen(?!)schmerzen und war müde und schlapp und wollte so gern mal wieder ins Internet gehen und eine warme Dusche… Da fragt der Christian nochmal kurz im Hotel, das da unten ganz einsam steht, ob wir so ein Doppelzimmer (für das mir vorher 30 Euro gesagt wurde) auch zu dritt bevölkern dürften, dann könnten wir es uns gerade so leisten.

Und was sagen sie? Dass das klar geht UND sie mit dem Preis wegen Nebensaison runter gehen, auf 25 Euro… und jetzt haltet euch fest! Wir haben ein fettes Zimmer mit Balkon direkt zum Meer (15 m Luftlinie), sind die einzigen Gäste, haben eben auf der Dachterrasse mit Meerblick Abendbrot gegessen. Und… da oben wird gerade der Whirlpool beheizt, damit wir noch mit Meerblick baden können =)

ich versuch mal sofort gesund zu werden und morgen vor Sonnenaufgang aufzustehen, um den überm Meer (nach Osten! ^^) von da oben (im Whirpool!) erleben zu können…

Jetzt haben wir das Fenster auf, die Wellen rauschen, ich lieg im warmen Bett…. Hmmmm

Was haben wir immer für ein Glück!!

Liebste Grüße

Jule

Chris erzählt euch mal was:

Heut darf ich also mal wieder einen Bericht schreiben. Na mal schauen, wo das hinführt, ist der letzte Eintrag schließlich schon wieder eine Woche her und die Erinnerungen nicht mehr ganz so frisch. 😉

2.10. Srebrno Jezero – Dobra

Wir waren stehengeblieben bei dem kleinen Wohnwagen, in dem wir zu fünft geschlafen haben. Meine Wenigkeit und Katharina hatten die Ehre, im Bett unter Jule zu schlafen. Das ist auch kein Problem, wäre des Bett in der 1. Etage nicht schon halb durchgebrochen. Besonders beim Rein- und Rausklettern wippte und knarzte es bedrohlich. Am Ende ist aber alles gut gegangen und wir konnten unsere Reise fortsetzen. Erst wurde jedoch noch an Marcels Rad geschraubt, um es fit zu machen, bis wir eine Fahrradwerkstadt finden würden. In der Zwischenzeit haben Katharina und ich Frühstücksbrot geholt. Keine leichte Aufgabe in einem Touristenort, in dem außerhalb der Hauptsaison so gut wie kein Mensch wohnt. Geschafft haben wir es aber dennoch und so ging es 12 Uhr gestärkt „On The Road“.

Schon nach wenigen Kilometern musste ich allerdings anhalten. Da standen doch tatsächlich 10 riesige Schirmpilze am Wegesrand. Aus den 10 Exemplaren wurden bei genauerem Hinsehen schnell 40 Stück. Unfassbar! Was tun?! Normalerweise macht man aus den Kappen (welche ca. 30cm messen) Pilzschnitzel. Uns fehlten jedoch die Pfanne, Sojasahne und das Paniermehl dafür. Dennoch haben wir mal lieber 10 Pilze fürs Abendbrot mitgenommen.

Ansonsten sind wir heute ins „Eiserne Tor“, dem landschaftlich angeblich schönsten Teil der Donau eingefahren. Hier ist der Fluss besonders eng und links und rechts ragen die Berge teilweise fast 800m empor. Auch die Straße ist in diesem Bereich in einem guten Zustand.

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Gut voran kamen wir allerdings dennoch nicht, da wir wie berichts gestern heftigen Gegenwind hatten. Am Ende sind wir deshalb auf lediglich 43km gekommen, bis wir uns, direkt an der Donau, auf einem kleinen Campingplatz niedergelassen haben. Ein Besitzer war allerdings weit und breit nicht auszumachen und so haben wir einmal mehr für umsonst gecampt. Ein kleines Boot stand zu unserer Belustigung auch noch vor der epischen Kulisse =)

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Statt des Besitzers kam nach einer Weile noch ein Nachbar vorbei, der uns Licht machte und versuchte, mit uns ins Gespräch zu kommen. Aufgrund unserer nicht vorhandenen Serbischkenntnisse wollte es aber nicht recht gelingen. Immer wieder beeindruckend, wie sich die Menschen, denen wir begegnen, sich davon aber nicht beeinflussen lassen und einfach in ihrer Muttersprache weiterreden.

Erwähnenswert ist auch noch, dass es heute Katharina war, die dazu animierte, das Abendessen zuzubereiten, da alle anderen keine Lust dazu hatten- sehr seltene Konstellation. Kredenzt wurde Kartoffelbrei mit Champignons und Schirmpilzen (wir haben die riesigen Schirme sie letztendlich kleingeschnitten). Echt lecker! 😉

3.10. Dobra – Tekija

Die Landschaft war weiterhin herrlich (worüber sich besonders Ena freute) und außerdem gab es ca. 20 unbeleuchtete Tunnel. Selbst kleine Autos klangen in den dunklen Röhren wie 30-Tonner. Ihr könnt euch vorstellen, was dann ein eben solcher für einen Geräuschpegel erzeugen kann.

Zu unserer Mittagspause haben wir leider kaum Brot gefunden- alle Läden waren ausverkauft, das hat uns ziemlich gewundert. Das Mittagessen musste deshalb mit Pommes verfeinert werden. Während unserer Mittagspause ist zudem ein holländisches Frachtschiff an uns vorbeigefahren. In Katharina und mir kam der Ehrgeiz auf, dieses Schiff noch einmal einzuholen. Leider mussten wir das Unterfangen schon nach wenigen Kilometern abbrechen, weil wir einen Umweg von 10 Kilometern mit der Straße fahren mussten. Aber denkste! Marcel hat sich vor alle anderen gepackt und wir sind im Windschatten hinterhergesaust. Immer näher kamen wir den Holländern und trotz der Berge haben wir sie dann an der engsten Stelle der Donau doch noch eingeholt! Es folgte ein kurzes „Schiff Ahoi“, welches auch erwidert wurde, und dann mussten wir sie an einem besonders langen Berg endgültig ziehen lassen. Während der Auffahrt haben wir auf rumänischer Seite ein ca. 50 Meter hohes, in Stein gemeißeltes Gesicht gesehen. Dieses ist einem alten Herrscher aus dem 2. Jahrhundert zuzuordnen.

Übernachtet haben wir auf dem Gipfel des Berges (200m über der Donau). Hier haben uns ein paar Bergbauern ganz herzlich aufgenommen und uns ein Stück Wiese gezeigt, auf dem wir unsere Zelte aufschlagen konnten. Die Aussicht… herrlich!!

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Tageskilometer waren es im Übrigen 72.

4.10. Tekija – Drobeta Tornu Serverin

Am nächsten Morgen wurden wir vom Wiese Mähen geweckt. Das Aufladen des frisch geschnittenen Grases auf den uralten Traktor hat dann die gesamte Familie (drei Generationen) übernommen. Und vom Bauern wurden wir gebeten, doch bitte kurz anzurufen, wenn wir in der Türkei heile angekommen sind. Dafür hat er Jule seine Nummer gegeben und gestikuliert:

–-Anrufen – Ciao! Sagen – Dobre sagen! – Auflegen! —

Uns bot sich an diesem Morgen ein überwältigender Anblick hinab zur Donau sowie auf die rumänische Seite, auf die hohen Berge hinter uns sowie auf die Bergwiesen, auf denen ein bisschen Vieh grast.

Ähnlich überwältigend (aber eher im negativen Sinne) war der Anblick von Tekija, kurze Zeit nach dem wir losgefahren sind. Der Ort wurde vor kurzem durch eine Schlammlawine komplett verwüstet und die Aufräumarbeiten dauerten bei unserer Durchfahrt noch an. Das einzige Restaurant der Stadt wurde zu einem Versorgungszentrum für die zahlreichen Helfer umgebaut.

Gegen Mittag haben wir die serbisch-rumänische Grenze erreicht. Diese verläuft über die Staumauer eines riesigen Wasserkraftwerks, welches das Wasser der Donau auf einer Länge von 150km anstaut. Die rumänischen Grenzbeamten haben uns an den wartenden Autos vorbeigewunken und nach einem kurzen Blick auf die Reisepässe und Ausweise passieren lassen.

Nun waren wir also wieder in der EU. Zurück lassen wir Serbien, das Land, in dem uns die Menschen bisher am herzlichsten aufgenommen haben. Unglaublich die Gastfreundschaft seiner Einwohner. Allen, die noch nicht dort waren, können wir das Land und seine Menschen nur wärmstens empfehlen.

In Rumänien gab es zunächst einmal viel Verkehr und eine fast parallel zur Straße kreuzende Eisenbahnstrecke. Die wurde Katharina zum Verhängnis und so legte sie sich vor meinen Augen hin. Der erste richtige Sturz auf unserer Tour. Glücklicherweise lief er glimpflich ab und außer ein paar blauen Flecken ist nichts passiert.

Unser Tagesziel war mit Drobeta Tornu Severin, die erste Stadt in Rumänien. Hier haben wir uns nach 38,5 Kilometern ein Internetcafé gesucht und Ena hat in den weiten des World Wide Webs ein Hostel für uns ausfindig gemacht. Als wir vor der Tür standen, stellte sich jedoch leider heraus, dass es nur noch ein freies Zimmer für eine Person gab. Uns, die wir aber auch mit wenig schon zufrieden sind, störte das aber nicht und so haben wir zu fünft (3 im Bett und 2 auf dem Boden) im Zimmer geschlafen.

Die Dusche des Zimmers verdient im Übrigen eine Sondererwähnung. Dieses Gerät hatte sowohl eine gewöhnliche Brause, als auch eine Berieselung von oben und von den Seiten. Zusätzlich hatte die Dusche noch Licht und ein Radio!!!!!! Ja -richtig gehört- ein R-A-D-I-O!!!!!

(Und das für 20 Euro- und zwar pro Zimmer, nicht pro Person ^^)

5.10. – 6.10. Drobeta Tornu Severin

Wir haben 2 Tage in dieser Stadt verbracht, weil von hier aus ein Zug direkt nach Budapest fährt und so die Rückfahrt für Ena und Katharina recht einfach ist. Außerdem konnte Marcels Hinterrad hier in einem Fahrradladen repariert werden (Zur Erinnerung: er hatte ja bereits am zweiten Tag eine Acht).

Passiert ist in Drobeta nicht viel spannendes – außer Einkaufen, in Kneipen was essen und trinken und mal wieder ausgiebig im Internet zu surfen. Außerdem konnte auch mal ein wenige Fernsehen angelunzt werden. War durchaus auch mal wieder schön. Falls es euch mal in die Stadt verschlägt, dann solltet ihr unbedingt auf den Wasserturm gehen, weil es dort eine guten Ausblick auf die Stadt gibt. Katharina hat sogar die Stufen gezählt und es müssten so um die 160 gewesen sein. Bemerkenswert war auch eine Straße, in der die Hälfte der Läden Blumengebinde aus Plaste anbot. Die guten Stücke gab es für 7-10 Lei (1,50-2€). Mir selbst hat es besonders der kleine Markt, auf dem die Bauern und Bäuerinnen ihre Waren feil boten (und seien es nur ein paar Blätter Mangold), angetan. Unglaublich schön das Ganze. 😉

In der zweiten und dritten Nacht haben wir uns im Übrigen den Luxus gegönnt und noch ein weiteres Zimmer gechartert.

7.10. Drobeta Tornu Serverin – Maglavit

Heute hieß es Abschied nehmen von unseren beiden Reisebegleiterinnen Katharina und Ena. Es war ein trauriger Moment, als wir sie nach 5 Wochen gemeinsamer Fahrt zum Bahnhof brachten und 10:40 Uhr die Eisenbahn nach Budapest abfuhr. Auf alle Fälle haben wir uns sehr gefreut über die lange und schöne gemeinsame Zeit und ihr dürft euch herzlich gedrückt fühlen, wenn ihr diese Zeilen lest. Ena wird später auch noch einen Beitrag über die Rückreise auf dieser Internetseite veröffentlichen.

Im Regen und Kälte ging es nun also für die 3 Musketiere Marcel, Jule und Christian weiter gen Osten. Das Pedalen machte bei diesen Bedingungen kaum Freude und auch der starke LKW-Verkehr Richtung bulgarische Grenze tat sein Übriges. Dennoch oder gerade wegen des miserablen Wetters kamen wir blendend voran. Schließlich hatte wir auch keiner Bock irgendwo lange Pause zu machen. 96 km waren es am Ende immerhin, als wir bei Sandra und Costa vor der Tür standen. Sie hatten einen kleinen Hof außerhalb von Maglavit und wir keine Bleibe für die Nacht. Doch das Zelt aufschlagen durften wir bei den beiden nicht. Stattdessen wurden wir hereingebeten und zum Abendbrot eingeladen. Zu Essen gab es Brot, Bohnensuppe, Gurken und Paprika. Es war für uns ein sehr tolles Erlebnis, dass die beiden das Wenige, was sie hatten, mit uns teilten. Wir konnten uns lediglich mit ein paar Zigaretten und einem Bier revanchieren. Sandra und Costa wohnen ohne fließend Wasser, mit gestampftem Lehmboden und Hühnern, ein paar Schafen und einer Kuh. Das Plupsklo- das war gleich über den Hof, hinter der Kuh links. Und Hände Waschen dann in der Waschschüssel- für Deutsche doch tatsächlich wie eine andere Welt.

Äußerst bemerkenswert ist auch, wie viel man trotz unterschiedlicher Sprachen mit Gestikulieren und Aufschreiben miteinander kommunizieren kann. Hilfreich dabei ist freilich auch, dass Jule spanisch kann, eine Sprache, die mit Rumänisch verwandt ist.

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Die beiden haben uns doch tatsächlich 10 Jahre alte Fotos von einem japanischen Radreise-Pärchen gezeigt, die auch bei den beiden geklingelt haben und gelandet sind!! Die Fotos zeigen die beiden Japaner mit einem Tandem und im Winter – und Costa und Sandra zehn Jahre jünger beim Kühe melken.

Geschlafen haben Marcel und ich dann im Übrigen im Essensraum. Jule durfte wiederum partout nicht mit ihrer Matte auf dem Boden schlafen, sondern „musste“ zu Sandra ins herrlich weiche Bett. Costa hat dafür extra auf der mit Stroh gefüllten Couch Platz genommen.

8.10. Maglavit – Zaval

Noch in der Dunkelheit wurden wir von Sandra und Costa geweckt, die sich verständlicherweise um ihre Tiere (Kuh, Schafe, Hühner, Hunde) kümmern mussten. Zum Abschied machten wir noch ein paar gemeinsame Fotos und gaben das Versprechen, dass wir ihnen diese zuschicken werden. Das Pärchen aus Japan, das 10 Jahre zuvor mit dem Tandem bei ihnen gestrandet war, hatte das gleiche gemacht. Vielen Dank noch einmal an diese beiden herzensguten Menschen.

9:10 Uhr, also so früh wie noch die, waren wir an diesem bewölkten Tag bereits unterwegs. Die 77 Tageskilometer sind deshalb auch etwas enttäuschend, aber sei es drum. Der Weg führte uns heute wieder entlang der Donau, wobei wir selbige nur selten zu Gesicht bekamen.

Rumänien präsentierte sich heute außerdem so, wie wir es uns in schlechten Gedanken vorgestellt hatten. Viele Pferdegespanne waren anstatt von Traktoren und Autos unterwegs und die Armut der Menschen war wirklich zum Greifen nahe. Für deutsche Verhältnisse lag auch eine Unmenge von Müll herum, welcher teils vor den Häusern und sogar auf den Ortsdurchfahrten verbrannt wurde. Auch die Straßen boten oft wenig erfreuliches. Zwar gab es heute schon deutlich weniger tote Frösche und Hunde also noch gestern auf den Straßen, dafür lag immerhin ein totes Pferd im Seitengraben.

Mich persönlich faszinieren die Menschen in diesem Land. Sie sind sicher zurückhaltender als die Serben, aber dennoch in der Regel unheimlich freundlich. Oft grüßen wir uns gegenseitig oder klatschen mit Kindern ab. Heute wurde Marcel zudem zweimal angehalten und ihm dann Äpfel beziehungsweise Quitten gereicht. Ein weiteres Highlight war eine Französischlehrerin, welche uns in die Schule mitnahm, wo wir den Wasserkocher nutzen durften, um uns einen Tee zu kochen.

Geschlafen haben wir letztendlich auf dem ersten Campingplatz, den wir in Rumänien gesehen haben. Hier konnten wir uns eine Holzhütte für umgerechnet 10€ mieten. Später kamen hier auch noch rumänische Bauarbeiter vorbei. Einer von ihnen hat uns noch Wein und ein winziges Stück Porree angeboten. Beides wurde dankend angenommen, wenn auch letzteres uns etwas verwirrte. Bemerkenswert waren auch die 5 zeltplatzeigene Hunde, welche unseren Kochplatz belagerten und ständig nach Essen bettelten. In Der Nacht haben diese nervigen Viecher sich dann unsere (veganen!) Schnittabfälle schmecken lassen.

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Im Übrigen haben wir heute den 2000. Kilometer auf unserer langen Meile nach China geschafft. 😉

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9.10. Zaval – Traian

Heut gab es gleich zum Frühstück Nudelreste und zusammengekochtes Quitten-Apfelkompott vom Vortag. Das Kompott ist dabei eine echte Freude, ein Lob dafür an Jule und Marcel. Auch die Hunde haben uns schon wieder genervt und die ganze Zeit um Essen gebettelt. Bekommen haben sie es letztendlich vom Besitzer des Campingplatzes in Form eines Brotes. Überhaupt werden die Hunde hier anscheinend mit Brot gefüttert.

Dann ging es wieder weiter auf unseren Drahteseln, vorbei an den Pferdegespannen, zahlreichen Viehhirten (in unserem Alter- beeindruckend. Ich hab keine Freunde, die Viehhirte sind. Was 2000 km ausmachen!) am Wegesrand und freudig grüßenden Kindern. Was es nur kein bis zwei Mal am Tag hier zu sehen gibt ist die Donau, an der wir ja eigentlich immer noch entlang pedalen. Schade eigentlich, dabei fahren wir ja schon auf dem Donau-Rad-Weg, welcher in Rumänien aber anders als noch in Serbien gar nicht ausgeschildert ist.

Nach ca. 30 km auf unseren Rädern entdeckt Jule in Grojdibodu ein älteres Pärchen, das ebenfalls per Reiserad unterwegs ist. Also nichts wie hin und ein bissel übers Pedalen quatschen. Wie sich herausstellt, sind die beiden aus Köln und von Bratislava, immer die Donau entlang, nach Corabia unterwegs, wo sie in ein Kreuzfahrtschiff steigen und bis Wien fahren werden. Auch eine interessante Perspektive, die Donau noch mal vom Schiff aus zu sehen. Die beiden haben lustigerweise sowohl die beiden Französinnen, die wir getroffen haben, als auch das italienische Pärchen, welches wir um einen Tag bei Alexa in Novi Sad verpasst haben, gesehen. Außerdem hat uns das Kölner Duo noch durch das Tragen von Sicherheitswesten imponiert, dafür verzichteten sie aber auf den Helm. Liebe Eltern und Großeltern: So was wie ohne Helm fahren werden wir natürlich nicht machen. 😉

Erwähnt werden muss an dieser Stelle auch einmal, dass in Rumänien derzeit Wahlen sind. Wir wissen bloß nicht hundertprozentig, wer alles Antritt und wann Wahl ist. Vielleicht kann das ja jemand mal recherchieren und als Kommentar hier hinterlassen? Wir würden uns freuen! Mit Abstand die meisten Plakate hat jedenfalls Victor Ponta. Von ihm hängt auch in jedem Dorf ein Banner über die Straße. An diesen erfolgen dann die Victor-Ponta-Wertungen: Wer hier als erster mit seinem Fahrrad durchfährt, bekommt abends mehr auf den Teller. 🙂

den Victor-Ponta-Punkt konnte Jule nicht einheimsen...
den Victor-Ponta-Punkt konnte Jule nicht einheimsen…

Außerdem ist heute während der Mittagspause ein Dacia mit Victor Ponta-Anhänger und Beschallung vorbeigefahren. Wir natürlich reflexartig gejubelt, bis uns eine Oma anzeigte, dass unser Victor ein schlechter Politiker sei und sich alles nur in seinen Bauch steckt. Vielleicht kann ja auch noch einer der Mitlesenden recherchieren, ob der Victor einer anständigen Partei angehört? Mersi (rumänisch für Danke)!

Nach der Mittagspause hatten wir heut eine besonders starke Phase und sind 44km ohne Unterbrechung geradelt und auch insgesamt waren es heute 99km, bis wir in Traian eingefahren sind. Und gleich im ersten Haus wurden wir von einer netten Familie aufgenommen! Sie haben noch einen spanisch sprechenden Nachbarn rangeholt und dann wurde gedolmetscht. Von unseren Gastgebern auf Rumänisch zum Nachbarn, auf Spanisch zu Jule weiter, dann auf Deutsch an uns anderen beiden. Und wieder zurück! Außerdem erfreute sich wieder das Gestikulieren großer Freude.

Hier gab es wieder Waschschüsseln und ein Plumpsklo und ein großartiges Schwein!

Wo wir uns noch sehr schwer tun, sind die ganzen Lebensmittel, die wir immer angeboten bekommen (hier ein Sack Paprika, ein Sack Walnüsse, Birnen und Äpfel -klar, sackweise-, Chili und auch Dosenfleisch -da konnten wir uns rausreden- und Kaffee…). Wir wissen dann immer nicht genau, wie wir reagieren sollen. Auf der einen Seite wollen wir nicht unhöflich sein, andererseits wollen wir den Menschen, die vermutlich weniger als wir haben, auch nichts wegessen. Letztendlich werden wir dann meistens so lange beredet, bis wir die meisten Sachen mitnehmen. Die Gastfreundschaft der Rumänen ist wirklich überaus beeindruckend. Kaum vorstellbar, dass uns das in Deutschland auch so passiert wäre. Der Fairness halber möchte ich aber erwähnen, dass die beiden Französinnen in Deutschland genau diese positiven Erfahrungen gemacht haben.

Nach zwei Gläsern hausgemachtem Wein von den eigenen Trauben und netten Gesprächen ging es dann zum ersten mal nach einer Woche wieder ins Zelt zum schlafen. Auch mal wieder schön! 😉

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Und zu bemerken: das mussten wir uns fast erkämpfen, denn nach kurzem Kennenlernen sollten wir auch wieder unbedingt im Haus schlafen. Aber, vielleicht kann man es verstehen, hin und wieder braucht’s die Ruhe und Privatsphäre, ja das Zuhause, des Zelts- und nicht NOCH MEHR neue Eindrücke!

Der Sohn des hier lebenden Pärchens arbeitet in Deutschland, um dem Papa eine Operation leisten zu können.

Anmerkung der Redaktion: Während ich diesen Bericht vollende, (es ist Mitternacht) bellen die gesamte Zeit die Hunde aus der Nachbarschaft. Um 0:06 Uhr hat sogar der Hahn noch angefangen zu krähen. Keine Ahnung, wer um diese Uhrzeit aufstehen muss.

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Chris

— auf dem lang(sam)en Weg nach China —