Am schwarzen Meer – Türkei

Christian says:

Hallo liebe Leute,

regelmäßig erhalten wir Mails, SMS oder Homepage-Kommentare, wo denn der neuste Bericht bleibt. Wir denken dann immer: Wir haben doch vor ein paar Tagen erst geschrieben, wie kann man denn schon wieder einen Bericht haben wollen?! Dann schauen wir auf das Datum und siehe da: es ist doch schon wieder 10 – und nicht bloß ein paar Tage her! Eure Wahrnehmung scheint also auf alle Fälle besser als unsere. 😉

Gerade sitze ich also unter dem Dach einer Raststätte, unter dem wir heute schlafen. Jule schreibt noch Tagebuch und Marcel liegt schon im Bett – also auf unserer Plane.

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Neben uns steht eine Gaslampe, die uns der Besitzer der Raststätte netterweise hingestellt hat. Vielen Dank dafür! Erwähnt werden muss dabei, dass Jule vor allem, was Feuer macht, Angst hat, sich aber doch irgendwie davon angezogen fühlt. 🙂

Wo waren wir also stehen geblieben? Ach ja! In Galata beim Hotel Albizia (welches wir uneingeschräkt empfehlen können). Jule konnte am Morgen des 15. Oktober tatsächlich im Whirlpool auf dem Dach sitzen und den Sonnenaufgang beobachten.

DSCF3289Ich hatte bereits in der Nacht das Vergnügen, wo er allerdings noch deutlich kühler war. Auch konnten wir am Strand vor dem Hotel schön baden gehen, Muschelschätze suchen sowie mit Sand und dem Wasser eines kleinen Baches am Strand spielen. Ich hab einen riesigen Staudamm gebaut, wie in alten Kindertagen an der Ostsee, bloß größer. Hat echt Spaß gemacht. 🙂

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Jule hatte ebenfalls Spaß, denn sie durfte noch eine neue Speiche in ihr Fahrrad einsetzen. (Anm. der Korrekturleserin: das war zwar knifflig, ist aber ein tolles Gefühl, weil ich das bisher noch nicht selber gemacht hab. Und jetzt kann ich das =) Und jetzt wissen wir, dass unser Tourwerkzeug auch richtig taugt. Danke nochmal ans Bikeeck für das Werkzeug und die Last-Minute-Lehreinheit!!)

Nicht vorenthalten wollen wir euch einen Werbeflyer des Hotel Albizia:

„Nessebar

Früher berühmt mit dem Namen Messembria, heute Nessebar nutzt seine griechische, thrakische und romanische Vergangenheit aus.

Die alte Stadt findet sich auf einer felsigen Halbinsel.

Aber heute nur ein Drittel von der alten Nessebar kann man sehen. Der Rest wurde vom Schwarzen Meer verschlungen. Erkannt sehenswürdige Stadt innerhalb von Jahren 1950, die alte Nessebar ist eine eingeschlafene Stadt geworden, wo nur die Verliebten auf den engen Straßen mit Töpfer und Goldshmiede Geschäfte wandern.

Nessebar, der auf seine Vergangenheit stolz ist, geht heute auf die Zukunft in seiner neuen Version – eine moderne Arhitektur, Hotels, die jedes Jahr eine menge von angezogenen von den gerämigen Stränden und fein vergoldeten Sandes Touristen schützen. Seine 2200 Stunden mit Sonne pro Jahr und das tiefe Gefühl, seine Ferien in Nessebar zu verbringen, ist wie ein Stück des Erbes der Menschheit zu probieren. Außer der alten Stadt und den Stränden können sie das archäologische Museum besuchen, indem viele Gegenstände von Messambria – Messembria – Nessebar – Des Altertums, des Mittelalters und der Renaissance ausgestellt sind.“

Was freu ich mich, dass ich mal jemanden gefunden habe, der offensichtlich noch schlechter Deutsch kann als ich. 🙂

Nach einem schönen chilligen Vormittag ging es nun also den Hammerberg, den wir Tags zuvor runtergefahren waren, wieder rauf. Kaum oben, haben wir auch gleich wieder Mittagspause gemacht. Hehe.

Dann noch ein paar Kilometer geschrubbt und nach derer 40 ging es ab in den Waldweg: Schlafplatz suchen und finden. Dort ist nicht mehr viel passiert, außer der Gottesanbeterin, die Marcel weggeschafft hat. Jule hat im Hotel mal die familiäre Notdoktorseilschaft angerufen, danach ein paar Mal Fieber gemessen und festgestellt, dass sie keine Hirnhautentzündung, sondern nur Nacken hat. Nach dem Whirlpool und dem halben Tag am Strand war das dann schon wieder besser, wiederum aber nach dem Hammerberg und dem geschrubbten Nachmittag wieder ziemlich mies. Um ihren Rücken und Nacken wieder in Ordnung zu bringen, muss Jule jetzt immer Turnübungen machen, wenn wir irgendwo ankommen. War ja auch klar: vor der Reise musste sie auch schon immer zum Pilates rennen, um den Rückengott zu besänftigen. Da wäre es ein Wunder, wenn durch eklatant einseitiges Radfahren und nichtgute Nackenhaltungen keine Probleme auftreten würden.

16.10. Rudnik – 10 km hinter Nessebar

Am nächsten Morgen sind auf unserem kleinen Waldweg zwei Pferdekarren entlanggezuckelt. Die Leutchen haben sich sichtlich gefreut, dort campende Menschen zu entdecken.

Für uns gab es nach 8 Tageskilometern bereits die erste Pause. Es stand um 10:30 Uhr ja schließlich ein Pressetermin mitten im Wald an. Nicht, dass da jemand auf uns gewartet hätte. Nein, das lang geplante telefonische Interview mit der Deutschen Welle fand nun also endlich statt. Beim Ausgefragt Werden haben wir aus Effizienzgründen nebenbei gleich noch Pilze gesucht. 🙂

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Aus dem Interview wird im Übrigen ein chinesischer Text verfasst und dann veröffentlicht. Sobald das passiert, werden wir es hier auch posten, auch wenn ihr den Text wohl genauso wenig lesen könnt wie wir.

Zu bieten hatte der Tag heute außerdem wieder Meerblick und leckeres Brot mit eingebackenen Schafskäse für umgerechnet 50 Cent. Ganz toll war auch ein Anstieg, welcher sich über 10km erstreckte und uns 430 Höhenmeter nach oben schickte. Seit dem zweiten Reisetag die größte Herausforderung. Wäre Ena noch dabei, hätte sie wohl gesagt „Das war ein guter Berg“. 🙂

Besonders für Jule, die ja über Nackenschmerzen klagte, war der Berg aber eher eine Qual und wir waren froh, als wir es hinaufgeschafft hatten…

Anmerkung der Redaktion:

Während wir hier unverändert sitzen, hat sich ein riesiger Hund 3 m hinter uns unsere Kekse geschnappt und ist damit abgehauen. Sehr dreist. Mal gucken, was morgen früh alles fehlt.

…Nach dem Anstieg gibt es natürlich auch eine Abfahrt und die hat uns in ein Tourismusgebiet ungeahnten Ausmaßes geführt. Rund um Nessebar steht hier ein Hotel neben dem anderen und es werden immer mehr. Nessebar selbst habt ihr ja auf dem tollen Flyer bereits kennengelernt und es steht auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbe. Klar, dass wir dorthin auch einen Abstecher machen würden. Die Insel, auf der die Stadt liegt, weiß mit schönen Gässchen und für unsere Fahrräder schädlichen Pflastersteine zu überzeugen. Außerdem konnten wir hier Postkarten tanken und diese dann an die lieben Menschen Zuhause versenden.

Nach einem kurzen Aufenthalt ging es unter Einsetzen der Dunkelheit auf die Suche nach einer geeigneten Schlafstelle. Der einzige eingezeichnete Campingplatz entpuppte sich als gammlige Bungalowsiedlung. Der äußerst unfreundliche Besitzer dieser Hüttchen wollte pro Person unfassbare 7,50 € haben und ließ selbst bei einsetzendem Regen nicht mit sich verhandeln. Für das Meerhotel mit Jacuzzi auf der Dachterrasse haben wir nicht mehr bezahlt…. Noch bevor wir uns entschieden hatten, schloss er demonstrativ das Tor vor uns zu und verschwand. Na toll.

Mitten im Tourismuszentrum lässt es sich auch schlecht wildcampen und dennoch haben wir hinter einem Hügel und hinter einer Tomatenplantage nur 20m vom Schwarzen Meer entfernt ein Plätzchen gefunden. Schnell das Zelt aufgebaut und dann rein in selbiges, denn es fing unfassbar an zu draschen und zu gewittern. Geschlafen haben wir im übrigen heute zum ersten Mal zu dritt in Jules Zelt, weil dieses bessere Tarnfarben hat und unser Plätzchen doch nicht ganz versteckt war. Das ist auch der Grund, warum wir am nächsten Morgen einen neuen Startrekord hingelegt haben- zum Sonnenaufgang war Jule schon wieder aus dem Zelt und bei den Mücken.

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Tageskilometer: 78

17.10. Nessebar – Burgas

8:49 Uhr saßen wir bereits in unserem Sattel und auf einer Straße auf der wir zwar nicht hätten fahren dürfen, die aber dennoch sehr gut befahrbar war, ging es nach Burgas, wo wir noch am Vormittag ankamen.

Da Jules Nackenschmerzen noch immer erheblich waren und sie dringend eine längere Pause brauchte, wir jedoch etwas unter Zeitdruck stehen, haben wir uns entschlossen, die verbleibenden gut 300km bis Istanbul nicht mit dem Fahrrad zurückzulegen und dann dort eine längere Pause zu machen. Also haben wir uns nach einer Fähre umgesehen, die in unserer Autokarte eingetragen war. Anscheinend hat selbige aber noch nie existiert, weswegen wir auf den Bus ausweichen mussten. Gebucht war der bereits 12:30 Uhr und nun hatten wir bis 23:30 Uhr in Burgas Zeit. Was macht man nur am Meer bei ca. 25 Grad und Sonnenschein…? Richtig! Man fährt zum Strand, geht baden und setzt sich mit einem Bierchen der Marke Staropramen ins Wasser.

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Anmerkungen der Redaktion: Wir möchten uns bei der Staropramen-Brauerei für das Sponsorengeld bedanken, dafür, dass wir ihren Namen erwähnt haben. 🙂

Nach dem Baden ging es für uns Essen, Trinken und im Internet des Restaurants surfen. Die Bedienung erwies sich als überaus unfreundlich und machte uns deutlich, dass wir gehen sollten, indem sie uns mehrmals die Rechnung auf den Tisch legte. Wir bedankten uns mit dem Klau einer Rolle Toilettenpapier.

Bulgarien ist echt nicht unser Land. Hier hatten wir immer mal mit unfreundlichen Menschen zu tun. Vermutlich hatten wir einfach nur Pech und waren in zu touristischen Gegenden unterwegs. Wir waren allerdings auch etwas verwöhnt von Serbien und Rumänien.

Jedenfalls war es ganz gut, dass wir nun mit dem Bus das Land verlassen würden. Bevor das geschah, galt es jedoch noch das Vorderrad und den Sattel zu demontieren, weil die Räder sonst nicht in den Bus gepasst hätten. Die Busfahrer waren von uns und unserem ganzen Gepäck auch sichtlich genervt. Wir waren es von den Busfahrern, die unsere armen Fahrräder recht lieblos behandelten. Gut, dass wir die empfindlichen Teile der Reiseräder vorher mit unserer Bekleidung eingewickelt hatten. Und dennoch waren wir froh, dass unsere Lieblinge die Busfahrt gut überstanden hatten.

Zuvor gab es aber noch um 02:00 morgens, nachdem man vielleicht gerade ein wenig eingenickt war, an der bulgarisch-türkischen Grenze eine Zollkontrolle, bei der auch das ganze Gepäck aus den Bussen raus musste und durchleuchtet wurde. Was ein Stress für uns, die wir jeder ca. 8 Taschen haben, und für jeden Weg zigfach laufen UND dabei das Gepäck nicht aus den Augen lassen dürfen! Wurde auch nicht angenehmer dadurch, dass alle Ansagen im Bus („Pass her zum Auschecken aus Bulgarien“, „Raus aus dem Bus zum Einchecken in die Türkei“, „Raus aus dem Bus und alles Gepäck in die Durchleuchtemaschine tun“) nur und Ausschließlich auf Türkisch gemacht wurden. Um ca. 03:00 saßen wir wieder im Bus, sind nochmal leicht eingenickt und….

18.10 – 22.10. Istanbul

… 6 Uhr morgens war es soweit: Ankunft am Busbahnhof der Stadt am Bosporus. Überall drängten sich hier Reisebusse aneinander und wir mittendrin auf der Suche nach dem Ausgang. Die Megastadt ist für Radfahrende echt kein Zuckerschlecken, kein Wunder also, dass sich kaum jemand mit diesen Gefährten fortbewegt. Auch wir benötigten im Straßenwirrwarr und den vielen steilen Bergen satte 4 Stunden, um zu unseren Hosts zu gelangen. Diese wohnen im Übrigen auf der asiatischen Seite der Stadt in Üsküdar. Da die beiden Brücken, die über den Bosporus führen, für Pedaleure nicht zugänglich sind, durften wir uns auf eine Fährfahrt über den Bosporus freuen. Unbeschreiblich, wie schön es ist, diese Meeresenge mit dem Schiff zu überqueren (!!!) und die zahlreichen Schiffe begutachten zu können.

DSCF3390DSC00898Auch die Stadt, welche sich links und rechts des Wassers erhebt, wirkt wirklich einfach einmalig. Fährfahrten gehören mit einem Preis von nicht einmal einem Euro zu den absoluten Highlights dieser Stadt.

Nicht zu den Highlights unserer Reise gehört jedoch Jules zweiter Speichenbruch, welchen sie noch im europäischen Teil erlitten hat. Wir entschlossen uns, dennoch weiterzufahren und nur etwas Gepäck vom Hinterrad zu nehmen und auf die anderen beiden Räder zu verladen.

Morgens um 11 Uhr sind wir also bei unseren Hosts angekommen. Diese haben nach einer durchzechten Nacht allesamt noch geschlafen, weswegen wir auch schnell wieder zu einer ersten Besichtigung der Metropole verschwanden. Meine ganz persönlichen Highlights dieser Stadt sind die chaotischen Straßen, welche sich über die hügelige Landschaft ziehen. Dazu gibt es überall kleine Stände und Lädchen.

DSCF3535Besonders den Süßkram wie Baklava mussten wir immer wieder probieren und von den Ständen mitnehmen. Überrascht waren wir, dass es bei den Dönerständen, die es in Istanbul überall gibt, eigentlich kaum möglich war, etwas vegetarisches zu bestellen, wie es in Deutschland üblich ist. Generell ist es nicht leicht, etwas herzhaftes zu Essen ohne Fleisch zu bekommen.

Gleich am ersten Tag haben wir auch noch zwei kleineren Schlägereien unter Mitarbeitern benachbarter Restaurants miterleben dürfen. Eine echt verrückte Stadt. Ob es wohl daran lag, dass an dem Tag die beiden Istanbuler Fussballclubs Galasataray und Fenerbahce aufeinandergetroffen sind oder wie bei Asterix und Obelix ein Streit wegen mutmaßlich nicht frischem Fisch eskalierte, blieb uns allerdings im Verborgenen. Auch die späten Abendstunden blieben uns im Verborgenen, denn nach der anstrengenden Nacht im Bus schliefen die ersten von uns bereits 20 Uhr ein.

Ansonsten absolvierten wir in Istanbul artig das Touristenprogramm, welches uns unterer anderem Jules Mutti aufgestellt hatte. 🙂

Sightseeing

Zu sehen war die Moschee Hagia Sophia, ein alter Sultanspalast, der Gewürzbasar, die Endhaltestelle des Orientexpresses und auch die Galatabrücke. Es war alles sehr schön, aber leider touristisch teils sehr überlaufen. Nur zur Galata-Brücke möchte ich noch erwähnen, dass uns Jules Mutti hier explizit aufgeschrieben hat: „Bier trinken auf der Galata-Brücke“. Da haben wir uns natürlich nicht lumpen lassen. 😉

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Es sei aber erwähnt, dass Bier trinken in der Öffentlichkeit durchaus unüblich ist. Je nach Stadtviertel, kann es da wohl auch richtig Ärger geben. Zum Glück ist die Brücke in einem weniger streng gläubigen Viertel. Dennoch hab ich vorsichtshalber mal die Sportbügel an die Brille gemacht, zum Wegrennen oder Verprügeltwerden =)

Der Frechschelm

Erwähnt werden soll noch, dass einer der für Istanbul typischen Schuhputzer mich aufs Kreuz gelegt hat. Dem armen Mann ist beim Vorbeilaufen seine Bürste heruntergefallen, also hab ich ihm selbige gereicht, da er es nicht mitbekommen hat. Er war darüber sehr erfreut und hat gleich darauf bestanden, meine Schuhe zu putzen. Nun muss man wissen, dass mein braunes Paar Schuhe völlig kaputt ist und hat einige Löcher hat. Der gute Mann hat sie also gleich mal geklebt – zu meinem Ärger, denn jetzt durchlüften sie nicht mehr so gut! Die Krönung kam zum Schluss, als er auf einmal Geld haben wollte. Nämlich 10 – 20 türkische Lira umgerechnet 4 – 7€! Was für ein Frechschelm!

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Ganz Hip ist auf der Galata-Brücke auch das Angeln. Hier sind alle zwei Meter Angeln ausgeworfen. Unglaublich, diese Anglerdichte. Besonders lustig, dass eine Etage tiefer lauter Fischrestaurants sind, vor denen regelmäßig die Fische hochgezogen werden.

Zwei kleine Italiener

Es ist so, dass man auf dem Donauradweg Richtung Istanbul viele Radreisende trifft, und es haben sich hier ein paar geflügelte Begriffe eingeschliffen: wenn man andere Menschen mit dick bepackten Rädern getroffen hat, hat man gleich gefragt: „Ah, hab ihr auch die beiden Französinnen getroffen? Den 78-jährigen aus Neuseeland? Die beiden Italiener? Das Pärchen aus Köln?“ Man kennt sich!

Als wir so mitten durch die hyper-touristischen Gebiete Istanbuls gelaufen sind, haben wir zwischen ca. 90 Reisebusladungen drei Personen getroffen, die mit dem Rad unterwegs waren. Da dies hier nun wirklich nicht üblich ist, haben wir natürlich genauer hingesehen und die Lowrider (Gepäckträger fürs Vorderrad) entdeckt. Und dann war da noch ein Aufkleber auf der Lenkertasche, den uns schon das ältere Radreise-Pärchen in Rumänien gezeigt hatte.

Diesen Aufkleber wiederum hatten sie von „den Italienern“ erhalten, die wir in Novi Sad bei unserem Host Aleksa nur um einen Tag verpasst hatten.

Und natürlich waren es die beiden auch! Mitten in der 14-20 Mio.-Einwohner-Stadt haben wir „die Italiener“ eingeholt… =)

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Sie waren begeistert, als wir sie ansprachen: „Kommt ihr nicht aus Italien?!“. Das hatte noch keiner zuvor gemacht, denn normalerweise werden alle Radreisenden mit „Kommt ihr aus Deutschland“ angesprochen (Anmerkung der Redaktion: Die meisten Radreisenden sind wohl Deutsche). Der dritte Radfahrer war ein türkischer Radler, welcher den beiden den Istanbul zeigte. Nun gab es natürlich viel zu erzählen. Es wurde sich ausgetauscht und zum Abend verabredet. Dort kamen dann noch ein südkoreanischer Reiseradler und ein weiterer Türke hinzu, der die Fernradwege durch die Türkei etablieren will. Auch da gab es wieder regen Austausch und wir haben wirklich einen sehr schönen Abend verlebt. Lustigerweise haben wir die beiden auch am nächsten Tag noch mal in einem Outdoorladen gesehen. Kaum zu fassen, wie klein doch dieses Istanbul ist.

Die beiden haben im Übrigen vor, 4-5 Jahre um die Welt zu fahren und in allen Kontinenten die höchsten Pässe mitzunehmen. Gerade sind sie auf dem Weg in den Kaukasus und wollen den Winter über in Russland radeln, wo sie mit bis zu -25 Grad rechnen. Sie mögen also vieles, worauf wir eher nicht so scharf sind. Das ändert nichts daran, dass sie unheimlich nette Menschen sind und wir uns freuen würden, wenn sich unsere Wege in der Türkei noch einmal kreuzen würden. Gerne könnte ihr auch mal auf der Homepage oder der Facebookseite der beiden vorbeischauen:

hier link einfügen

Einen weiteren Reiseradler haben wir noch beim Verlassen der Stadt getroffen. Der gute Mann ist, sofern ihn Jule mit ihrem Russisch richtig verstanden hat, ein Jahr lang durch die Welt geradelt und nun auf dem Weg zurück nach Novi Sad. Besonders bemerkenswert war sein altes Rennrad und die (selbstgemachten? wasserdichten?!) Packtaschen, welche an dem Rad festgezurrt waren. Die ganze Erscheinung versetzte uns zurück in die 80er Jahre, in denen wohl alle Reiseradler so oder so ähnlich unterwegs waren.

Shopping:

Istanbul war die bislang teuerste Stadt für uns. Schuld daran war nicht nur das viele tolle Essen und das teure Bier. Auch die Fährfahrten läpperten sich zusammen und nicht zuletzt haben sich Marcel und Jule noch eine neue Jacke und einen Winterschlafsack (für die kommenden Bergetappen) gekauft. Dafür haben die beiden mich durch 6 oder 7 Outdoorläden geschleift. 🙂

(ANMERKUNG DER KORREKTURLESERIN: Christian war vorinformiert und wurde von mir und Marcel, also, äh, von Jule und Marcel nicht gezwungen, auf die Odyssee mitzukommen. Vielmehr habe ich, äh, also hatte Jule den Eindruck, Christian hatte nicht so viel Lust, allein in Istanbul verloren zu gehen. So! ^^)

Unsere Gastgeber:

Einer ihrer ersten Fragen, als unsere Hosts ausgeschlafen hatten und wir von unserer ersten Erkundungstour zurück waren, lautete: „Trinkt ihr Deutschen eigentlich immer zum Frühstück Bier?“ Wir antworteten natürlich mit „Nein“. Erst einen Tag später klärten sie uns darüber auf, dass sie das dachten, weil ich nach unserer Ankunft (11 Uhr) ein Bierchen getrunken habe. Nun ist dass aber bei mir so üblich, nach dem Radeltag ein Bierchen zu trinken und heute war der Radeltag halt schon 11 Uhr zu Ende. 🙂

Auch konnten uns die drei einiges über die Proteste rund um den Taksimplatz letzten Jahres erzählen. Echt spannend zuzuhören, wie sich eine so breite Bewegung ohne großartige Strukturen entwickeln konnte und breite Bevölkerungsschichten vereinte.

Für mich selbst war auch noch die Tatsache, dass alle drei Fußballfans waren, eine sehr feine Sache. Endlich mal jemand mit dem man über dieses wunderschöne Thema fachsimpeln konnte. Außerdem hat an unserem letzten Abend in Istanbul Borussia Dortmund gegen Galasatary in Istanbul gespielt. Das Spiel wurde gemeinsam verfolgt und ging leider zu Gunsten der Dortmunder aus.

An dieser Stelle wollen wir uns noch einmal bei der netten Männer-WG bedanken, dass sie uns 6 Tage lang ihr Wohnzimmer überlassen hat. Die ersten beiden Stunden mussten wir es im Übrigen mit einem Freund der WG teilen, der dort seinen Rausch ausschlief und sich auch nicht davon beeindrucken lies, dass wir unser Gepäck und die Räder ins Zimmer trugen.

Nachtrag: Das hatte ich ganz vergessen: Die Jungs radeln selber immer mal kleinere Touren. Von einer Etappe hat Batu auch ein Video gemacht. Dort sind wir im Übrigen auch langgefahren und ihr erhaltet einen ganz guten Einblick:

Pokémon:

Kenner meiner selbst werden jetzt sagen: „Was fängt denn der jetzt auch noch mit Pokémon an?!“ Ich werde es euch sagen: Dieser wunderschöne Anime wurde in der Türkei nur eine Staffel lang ausgestrahlt. Der Grund dafür war ein türkisches Kind, welches in den Tod stürzte, nachdem es gesagt hatte: „Ich bin ein Pikachu und kann fliegen.“ Eine ziemlich krasse Reaktion der türkischen Regierung, dass die Sendung anschließend nicht mehr ausgestrahlt werden durfte, zumal Pikachu ja eigentlich gar nicht fliegen kann, wie den Kennern der Materie schon aufgefallen sein dürfte. Unsere Hosts (leider habe ich die Namen vergessen, aber ich glaube ihnen geht’s genauso ^^) jedenfalls waren recht wütend auf das Kind, weil sie nicht mehr Pokémon anschauen konnten.

Da fällt mir noch ein: Jules Nacken geht es in zwischen wieder sehr gut. Nur damit ihr Bescheid wisst und euch nicht umsonst Sorgen macht.

23.10. Istanbul – Irgendwo im Wald

Endlich wieder Radeln. Ich freu mich immer nach Pausentagen, dass wir mal wieder auf unseren stolzen Rössern sitzen und einfach dahingleiten. Nun ist Istanbul zwar nichts zum Dahingleiten und die 30km aus der Stadt heraus sind auch sehr anspruchsvoll, aber Spaß macht’s halt trotzdem. Am Ende der Stadt haben wir dann noch mal bei einem kleinen Imbiss gespeist (Cig Köfte, das ist traditionell UND vegan UND lecker!), worüber sich der Besitzer des Lokals sehr freute und gleich mehrere Fotos machte. Auch den ersten Radstreifen überhaupt haben wir noch kurz vor dem Ortsausgang gesehen. Leider war eben jener kaum für Reiseräder geeignet, da er sich durch hohe Kanten an den Straßenüberquerungen auszeichnete. Wir sind also auf der zweispurigen Straße geblieben.

Nach Istanbul ging es dann auf eine Fernstraße (jeweils 2-3 Spuren + Standstreifen) in Richtung Sila. Anfangs wurde es noch sehr eng, da eine Fahrrichtung gebaut wurde. Die Straße war aber bereits geteert uns so haben wir uns für die völlig leere Straßenseite entschieden. Es ging, mal abgesehen von den steilen Bergen, auch supergut, bis wir plötzlich vor zwei Teermaschinen und 6 Dampfwalzen stoppen mussten. Einer der Arbeiter hat uns ein Zeichen gegeben, dass wir zwischen den Fahrzeugen durchfahren sollten. Das taten wir dann schließlich auch, obwohl wir starke Bedenken hatten, mit unseren Reifen über den noch sehr frischen und heißen Asphalt zu fahren.

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Wenn nicht gerade gebaut wurde, war auf der Straße nicht viel los, außer einer unglaublichen Anzahl an Kipplastwagen, welche teilweise dreispurig überholten. Uns störte das nicht, denn auf dem Standstreifen hatten wir unsere Ruhe. Mehr Probleme machten uns da schon die Berge und nach 43 Kilometern waren wir so kaputt, dass wir entschieden, nach der Pause nicht mehr weiter zu fahren. Wir waren gerade an einer Stelle neben der Straße, wo es um die 10 verschiedene Rastplätze gab. Diese waren teilweise sehr liebevoll, schön und ausgefallen und beherbergten kleine Restaurants, ausgefallene Tische, Hängematten, Rutschen und was weiß ich nicht alles. Über einem dieser Restaurants lebte eine Familie.DSCF3593Bei denen konnten wir für diese Nacht bleiben und unsere Luftmatratzen unter ein kleines Dach legen. Außerdem wurden uns noch 3 Runden Chai (Schwarztee) spendiert und eine Gaslampe hingestellt. Wirklich sehr nett und fürsorglich. Besonders gefreut hat uns auch noch, dass über den Abend verteilt mehrere zusammengefegte Laubhaufen angezündet worden, denn gerade Jule hat sich ja schon seit langem mal wieder ein Lagerfeuer gewünscht.DSCF3610

Hätte ich gestern den Bericht fertig bekommen, dann wäre jetzt hier erst einmal Schluss. So darf ich noch einen weiteren Tag in die Tastatur klimpern. 😉

24.10. Irgendwo im Wald – Büyüg Asag

Heute hatten wir die große Straße nach 20 Kilometern fast für uns alleine. Grund dafür war eine große Erdgrube, zu der die ganzen Kipper gefahren sind. Da standen sie nun in unglaublich langen Schlangen und haben auf Be- und Entladung gewartet. Wirklich sehr beeindruckend, die Dimensionen, wenn auch nicht schön.

Für uns ging es allerdings bald schon auf einer kleinen Küstenstraße weiter, wo wir auch schon bald von einem Mann in Armeekleidung freudig angesprochen wurden. Dieser bestand darauf, ein Foto mit uns zu machen und wir willigten natürlich ein. Nun muss man wissen, dass man in der Türkei eigentlich keine Fotos von der Armee machen darf, deswegen ist das um so lustiger für uns. Lustig war auch der kleine Hund, den wir während der Mittagspause beobachteten und welcher einen Heidenspaß daran hatte, eine Gruppe Gänse zu ärgern. Das Highlight war aber, als er einen gerade abgestellten Mini vor den Augen der Fahrerin anpinkelte. Köstlich! 🙂

Weniger Spaß machen hingegen die Berge hier. (Anm. der Korrekturleserin: Ich find’s tatsächlich sehr schön, ich hab jetzt ja aber auch nicht mehr so viel Gepäck ^^) Die 66km waren bislang vom Höhenprofil die schwierigsten unserer Reise. Durchgängig ging es entweder so steil bergauf, dass wir teilweise schieben mussten oder so steil bergab, dass wir eigentlich bei jeder Abfahrt auf 55km/h kamen und eine Menge bremsten.

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Unser Nachtlager haben wir dann auf der Kuppe eines Berges aufgeschlagen, mit Herr-der-Ringe-Aussicht in alle Richtungen.

DSCF3623Zum Abendbrot gab es einen Orangen-Möhren-Linsengericht und jetzt schlafen die beiden schon wieder, während ich mich mittlerweile auf der sechsten Seite des Berichts befinde. Erwähnt werden kann noch, dass auf dem Berg die Muezzine aus den verschiedenen Himmelsrichtungen gehört werden können. Da bin ich mal gespannt, wie das morgen früh wird, wenn um 6 Uhr deren Gesang ertönen wird.

Jule hat ihr Turnen vor epischer Kulisse absolviert und ihr Körper spielt das Radfahrspiel jetzt auch wieder mit =)

Abschließend möchten wir noch einmal Besserung geloben und hoffen, dass wir künftig einen wöchentlichen Bericht hinbekommen werden. Mal schauen. 😉

Christian

 

 

25.10.

Der Tag hält für uns unglaubliches Bergpanorama bereit- dafür müssen wir natürlich ordentlich hoch und wieder runter strampeln, aber langsam ist man tatsächlich trainiert. Es ist herrlich, sag ich euch. Kleine Serpentinen und große Berge.

Inmitten dieser Berge geht der gelegentliche Nieselregen, mit dem der Tag angefangen hat, in einen ordentlichen Regenguss über, dass uns die Tropfen beim Bergabsausen nur so ins Gesicht peitschen. Die Mittagspause wird also schnell vorgezogen und unter der Markise eines kleinen Gemischtwarenlädchens abgehalten. Kaum dort untergestellt, kauft ein gerade ankommender Kunde uns drei Kaffee, einfach so. Die Türken sind so wahnsinnig, wahnsinnig nett zu uns.

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Wie die Pinguine also stehen wir da in den eklig am Körper klebenden, kalt werdenden Kleidern und schmieren uns unsere Brote, danach regnet es auch tatsächlich weniger und wir nehmen die nächsten Berge in Angriff, bis wir am Nachmittag in flachere Gefilde düsen. Luftlinie fahren wir jetzt zwei Kilometer neben dem Meer. Es dämmert und wie so oft, seit wir nurnoch zu dritt sind, fragen wir beim ersten Haus im Dorf, ob wir dort im Garten unser Zelt aufstellen können. Das Wort „Zelt“ wird von dem Ehepaar, das gerade ihre Kühe in den Stall bringt, nur weggewischt und wenig später sitzen wir drei frisch geduscht in dem Wohnzimmer der Familie, glücklich, warm, trocken und mit obligatorischem Tee in der Hand. Es wird für mich einer der schönsten Abende bisher: zwar versteht niemand mehr als drei Brocken Englisch, aber mit dem Laptop auf dem Schoß und Übersetzungsseiten schaffen wir es, eine kleine Konversation zu betreiben. Man stellt uns Börek vor die Nase, das sind Blätterteigschnecken und in diesem Fall frisch aus dem Ofen und mit Käse und Zwiebeln und Kartoffeln gefüllt. Wir lachen viel, Christian kriegt auch gleich das Baby auf den Arm und später zieht die ganze Familie auf eine Decke auf dem Fußboden um, auf der dann zusammen frisch gesammelte und geröstete Esskastanien in der Mitte stehen. Man knackt gemütlich Kastanien, palavert mit Händen, Füßen und google translate und wir freuen uns unglaublich, hier gelandet zu sein.

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Der Vater und die Mutter der Familie bedeuten uns irgendwann, dass sie jetzt nochmal für eine Stunde weggehen, sie ziehen sich fein an und wir fragen mit all unseren Ideen von der türkischen Gesellschaft, ob sie jetzt in die Moschee gehen- „Nein, tanzen!!“ ist die Antwort, mit entsprechender tanzender Körpersprache dazu =)

Zum Schlafen bekomme ich als Dame ein Extrazimmer, und das ist tatsächlich das erste Mal seit zwei Monaten nun, dass ich allein in einem Raum schlafe.

Es ist die Nacht der Zeitumstellung. In Deutschland würde ich mich jetzt tierisch freuen, dass ich eine Stunde länger schlafen kann, bis ich zur Arbeit muss. Unser Tagesablauf aber hält sich nicht an die Uhr, sondern an die Sonnenstunden. So müssen wir ab jetzt eine 6 vor dem Komma auf dem Wecker einstellen, wenn wir den Tag gut nutzen wollen, denn um 17:00 wird es schon dunkel.

26.10.

Am Morgen bekommen wir von den netten Menschen auch noch frisch vom Strauch gepflückte Mandarinen mit auf den Weg und freuen uns dann tierisch über 30 sonnige Kilometer im Flachland. Links von uns ist das Meer in seiner ganzen meerigen Herrlichkeit, rechts von uns erheben sich die grünen und teilweise herbstbelaubten Berge bis in die Wolken. Sehr gerne wollen wir zur Mittagspause an einem Strand sein, gerade Christian will unbedingt baden – leider landen wir aber das nächste Mal, wo wir nicht mehr auf Klippen 60 m über dem Meer fahren, an einem Hafen, haben zu viel Hunger zum Weitersuchen und mit dem Baden wird es nichts. Schön ist es dennoch, wunderschön, aber Christian ist doch sehr geknickt. Wird nicht besser, als er eine Stunde nach der Mittagspause bemerkt, dass er seinen einen Schuh irgendwie dort vergessen hat! Zunächst will er noch zurückfahren, hat auch schon das Gepäck abgesattelt, uns zurückgelassen und ist nochmal auf dem Weg zurück, überlegt es sich dann aber anhand der bald einsetzenden Dunkelheit anders, kommt zu uns zurück und wir setzen die Reise ohne Christians Lieblingsschuhe fort. Was flucht er über sich selbst!

Aber weiter geht es, und zum Abend erreichen wir nach 93 Kilometern Eregli, wo wir einen Couchsurfing-Host aufgetan haben. Der hatte zuvor geschrieben, dass wir uns in der Innenstadt treffen. Als wir uns gerade zum Zentrum durchfragen, hält vor uns mitten auf der Straße ein Auto an, ein Mann steigt mit seiner Tochter aus und erzählt uns ganz aufgeregt, dass er auch Fahrrad fährt =) Er zeigt uns auf dem Handy Fotos von sich auf dem Mountainbike und fragt, ob er uns ins Zentrum eskortieren soll, aber auf der stark befahrenen Straße wehren wir das vehement ab. Als wir dann wenig später im Zentrum sind, hat er sein Auto dort wieder abgestellt und bestätigt uns nochmal, dass wir im Zentrum sind. Dann ruft er für uns noch bei unserem Host an und macht eine Verabredung in einem Café aus, und dann schmeißt er wirklich den Warnblinker rein, sperrt uns Kreuzungen ab und eskortiert uns zum Café. Und dort setzt er uns hin und bestellt auf seine Rechnung zwei Runden Tee für uns, bis Ibrahim, unser Host, ankommen soll, holt uns aus dem Auto noch eine Packung Kekse und verabschiedet sich. Wahnsinn.

Dann kommen zwei junge Männer zu uns, die Freunde von Ibrahim sind und eigentlich einen Erste-Hilfe-Kurs gehabt hätten. Als sie aber erfahren haben, dass Ibrahim Gäste aus Deutschland hat, haben sie den abgesagt. So sitzen wir dann mit den beiden und mit Ibrahim erst dort und trinken Tee, dann bringen sie uns in ein Café, wo wir noch mehr Tee trinken und seine Salsa-Freunde kennen lernen, von unserer Reise erzählen und ganz viel Staunen ernten. Und dann gehen wir noch etwas essen, Türkische Spezialitäten, die ich ganz toll finde, die Christian aber nicht begeistern können.

Jetzt, als wir nach den 93 km und mit einem dicken Bauch ordentlich faul werden, eröffnet uns Ibrahim, dass es zu ihm nach Hause auch nochmal 6 km den Berg hoch geht. So kommen wir dann noch auf 99 km an diesem Tag =)

Mit den Jungs ist es dann auch noch wirklich nett, sie finden es okay, dass wir ein paar Bier bei ihnen zu Hause trinken, wir unterhalten uns, haben Spaß, und später führt Christian auch noch eine sehr angeregte Debatte über die Kurden mit den Jungs, während Marcel schon schläft und ich mit Zuhause skype.

27.10.

Am Morgen kommen wir wegen Zeitumstellung, Bier und angeregten Gesprächen bis in die Nacht erst sehr spät los und dann auch direkt wieder in ordentliche Berge. Der erste geht direkt von Eregli los und der Anstieg zieht sich die ganze erste Stunde, 10 km nur hoch, hoch, hoch. Uns läuft der Schweiß aus allen Poren. Oben angekommen treffen wir einen Mitarbeiter eines Asphaltwerkes, der fragt, was denn mit den Deutschen los sei- zweimal seien hier schon welche vorbei gekommen, die nach einem Schlafplatz gefragt haben. Haben wir denn nichts besseres zu tun?

Nein. Das hier ist super =)

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3000 km – 3 Räder und 3 Nullen =)

Wer 500 Meter hoch fährt, darf die dann auch irgendwann wieder runter. Wir fahren also noch recht lange auf den Bergrücken lang und haben momentan oft das Glück, dass eine Seite der mehrspurigen Straße neu gemacht wird, und dann fahren wir auf der gesperrten Seite ganz allein und ganz entspannt. Die Ausblicke sind wieder der Wahnsinn. Und: hier fahre wir dann unseren 3000. Kilometer =)

Am späteren Nachmittag wird es ganz grandios, als wir auf der Steilküste direkt über der Brandung fahren und in unserem Rücken die Sonne untergeht. Un- un- unglaublich schön!DSCF3780Aber halt? Sonnenuntergang? Eigentlich wollten wir heute noch sehr viel weiter kommen, aber so (blöde Verwirrung durch die Zeitumstellung) ergibt es sich, dass wir mitten in der Stadt Zonguldak sind, als es dunkel wird. Zonguldak ist die Partnerstadt von Bottrop. Ein hässliches Industriemoloch und völliges Verkehrschaos. Da stehen wir dann auf dem ersten Fußweg im Zentrum und versuchen, etwas zum Schlafen aufzutreiben. Zwei Stunden lang gehen wir abwechselnd zu Hotels, um nach den Preisen zu fragen und nach Internet Ausschau zu halten, um vielleicht noch einen spontanen Warmshowers-Host zu finden.

Auf dieser Tour gibt es sehr wenig Stress, geschweige denn Panik, wir harren einfach der Dinge, die da kommen und wissen alle aus unseren Erfahrungen, dass sich schon irgendetwas ergeben wird. Und genau, irgendwann steht ein breit gebauter Mann vor uns, der hervorragend Deutsch spricht, Nachtclubs betrieben und bei der Security gearbeitet hat und wahnsinnig nett und hilfsbereit ist. Er ruft den Hotelbesitzer des nächsten Hotels an, der ein Bekannter von ihm ist, und handelt den Preis für uns runter. Inzwischen kommt Christian von seinem Hotel-Erkundungszug zurück. Er hat kein gutes, günstiges, freies Hotel gefunden, in das wir die Räder mit rein nehmen können. Dafür wird er nun von zwei Jungs begleitet, die ihn durch dolmetschen und Ortskundigkeit tatkräftig unterstützen. Wir kriegen noch ein paar Mandarinen geschenkt und eine junge Frau, die nur „How are you“ auf Englisch herausbekommt, kauft uns drei Schokoriegel, dann zieht der nun schon beachtliche Tross aus drei Reiseradlern und drei Helfern zum Hotel. Es erwartet uns in, nunja, dem Preis angemessener schlichter Anmut. Der Straßenlärm ist ziemlich präsent und wir verspüren leichten Widerwillen, uns in die Betten zu legen. Als dann ab 20:00 noch nebenan ein riesiger Bagger anfängt, das Haus abzureißen, das mit unserem die Außenwand teilt, und Christian DANN feststellt, dass er in seinem Postfach eine Couchsurfing-Einladung für genau diesen Ort nicht gelesen hat, ist der Zonguldak-Abend an tragischer Komik kaum noch zu überbieten. Bis nach Mitternacht erzittert das Haus immer wieder, wenn im Haus nebenan die Trägerwände eingerissen werden. Ich muss dazu (eben wegen der tragischen Komik) jedes Mal so lachen, dass ich erst recht spät zu unserem wDSCF3808ohl verdienten Schlaf komme

28.10.

Und wieder beginnt unser Tag mit einem laaangen Anstieg, nachdem wir im Hotel noch super türkisches Frühstück bekommen haben. Das besteht im übrigen aus dem leckeren türkischen Tee, Brot, Aufstrichen, Gurken, Tomate und weißem Käse. Omnom! Und wir langen für eben diesen laaangen Anstieg ordentlich zu. Achso, und dann kaufen wir Christian noch neue Schuhe und bekommen den Tip, nicht direkt an der Küste, sondern etwas weiter ins Landesinnere zu fahren. Das seien wohl ein paarzehn Kilometer mehr, dafür sei aber die Steigung sehr viel humaner. Und so ist es, der lange Anstieg geht in eine nicht enden wollende Abfahrt über und die wiederum in eine richtige Flachlandetappe. Seit Ewigkeiten fahren wir mal wieder Windschatten! Und machen dann in einem kleinen Ort an der Straße auf einem Spielplatz/Park rast.DSC01291Hier breiten wir die Plane aus und essen unser Picknick, und in kürzester Zeit haben sich wieder einige Menschen eingefunden, die sich für uns interessieren und uns gutes tun wollen. Ein Deutschtürke, der in Northeim aufgewachsen ist und gelebt hat, unterhält sich sehr nett auf Deutsch mit uns und übersetzt seinen Dorffreunden. Zigmal werden wir noch gefragt, ob wir aus dem Dorf noch irgendwas gebrauchen können, aber tatsächlich sind wir wunschlos glücklich und düsen weiter. Immer nach Osten.

Am Abend klingeln wir nach 96 Kilometern bei einem Haus und dürfen sofort das Zelt in den Garten stellen und werden auch zum Essen reingebeten. Langsam wird es Christian etwas zu viel Eingeladerei, der möchte schon seit Tagen und Tagen wieder Nudeln mit Tomatensauce essen =) Aber natürlich ist es wahnsinnig nett und auch das Essen lecker, und bei Chai und Keksen versuchen wir dann noch, etwas Konversation zu betreiben. Englisch oder Deutsch spricht leider niemand, man freut sich aber sehr über unsere Pantomimen-Fähigkeiten. Und auch zum Zelt werden wir kaum zurück gelassen, sondern sollen am liebsten im Wohnzimmer schlafen. Aber nein, heute Nacht wollen wir mal wieder im Zelt wohnen, sonst schleppen wir es ja ständig umsonst mit

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29.10.

Zum Sonnenaufgang sind wir schon wach, kommen aber erst recht spät los, weil wir bei den netten Menschen noch zum Tee reingebeten werden. Das kann ich schlecht ablehnen =)

Danach kommt…. ein laaanger Anstieg, der uns zurück zum Meer führt. Als wir die dicke Straße wieder runtersausen, liegt dann da schräg unter uns die malerische Stadt Amasra im Wasser. Aufgrund der uns trennenden 100 Höhenmeter beschließen wir aber, sie nur von oben anzusehen und derweil von den vielen Marktständen lecker lecker türkischen Honig zu kaufen. Unser Lieblingsimker aus Deutschland hat uns zwar davon abgeraten, aber ich hab den türkischen Honig so gern, dass ich das Damoklesschwert über mir in Kauf nehme. (wie schreibt man Inkaufnehmen nach neuer deutscher Rechtschreibung?!)

Weil wir im Amasra nicht zum Meer gefahren sind, machen wir im nächsten Ort, der wieder im Tal und am Meer liegt, eine lange Mittagspause. Hier gehe ich tatsächlich auch kurz baden, auch wenn es heut nur ca. 18 Grad sind und ich mich als (beim Umziehen kurz) nackige Frau am Rande des Dorfes sehr unpassend fühle. Auch das Gefühl, die einzige im Bikini zwischen lauter Kopftüchern zu sein, überzeugt mich nicht.

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Überall, wo wir hinkommen, werden wir jetzt übrigens angeschaut wie bunte Hunde, Leute am Wegesrand schreien uns Einladungen zum Tee hinterher und in Dörfern und Städten bleiben immer Menschen um uns herum stehen.

Stehen bleiben… Am Nachmittag bei einer besonders sausigen Bergabfahrt bleibt Marcel plötzlich stehen, weil ihm eine Speiche aus der Felge gerissen ist – er hat also ein großes Loch im Innenkreis der Felge, die Speiche hält nicht mehr und er hat eine dicke Acht. So ein Mist! Dafür gibt es keine Notfallreperatur, also auf jeden Fall keine, die wir kennen oder jetzt ausprobieren wollen. So ist der Plan, bis in den nächsten größeren Ort zu kommen, dort zu schlafen und vielleicht eine Felge, eine Werkstatt oder einen Bus in die nächste Stadt aufzutreiben. Marcel schiebt also die nächsten 12 Kilometer bis nach Kurucaside, Christian und ich sind aber wegen der wirklich höllischen Steigungen gar nicht sooo viel vor ihm da, vielleicht eine ¾-Stunde.

Wir kommen in einem kleinen Hotel unter, im viiiiieeeerten Stock, müssen also nachdem wir bis in die Dunkelheit Berge bezwungen haben auch noch zigmal hoch und runter und unseren ganzen Kram hochtragen. Dafür gibt es ein schönes Zimmer mit Meerblick, einer sehr lustigen Dusche (einfach in das voll ausgekachelte Bad irgendwo in die Mitte einen Duschkopf gehangen und Zack!, fertig ist die Nasszelle) und einen Balkon ohne Geländer, auf dem Christian endlich seine lang ersehnten Nudeln kochen darf. Marcel müssen wir zum Essen dann schon wecken, der ist völlig erschöpft umgefallen.

30.10. Die Busetappe

Marcel steigt um 07:00 in den Bus nach Cile, der nächsten größeren Kleinstadt. Christian und ich drehen uns noch ein paar mal in den Laken, essen lecker Frühstücks-Restenudeln, packen zusammen und zuckeln dann mit dem Rad hinterher. Das ist jetzt tatsächlich das erste Mal, das „Chris & Jule“ stimmt, wir sind das erste Mal zu zweit unterwegs =) Und unterhalten uns prächtig, über die Revolution und die Welt und die Menschen, und zack! Sind wir auch schon in Cile.

Hier finden wir den Marcel am Busbahnhof. Leider gibt es keine neue Felge, dafür hat aber eine Werkstatt ein Stück Metall hinter das Loch in seiner Felge gedengelt, das neue Stück Metall durchbohrt und die Speiche so wieder befestigt. Prinzipiell ist das wahrscheinlich keine schlechte Lösung, wir müssen nur feststellen, dass die Felge auch an zwei weiteren Speichen ausreißt. Dementsprechend können wir mit Marcels Rad jetzt weiterfahren, möchten die Felge aber so schnell wie möglich austauschen. Das wird sich jetzt als problematisch erweisen, weil Marcel nicht auf Christians gut belesenen Rat gehört hat und sich kein 26-er Rad für die Tour zugelegt hat. Marcel fährt mit 28-Zoll-Rädern, was in Deutschland durchaus üblich ist, aber scheinbar schon ab der Türkei etwas ziemlich exotisches ist. 26er-Felgen bekommt man hier überall, nach einer 28er werden wir noch lange suchen.

Nun strampeln wir also wieder zu dritt, Berge hoch und Berge runter, das Panorama ist immernoch unglaublich schön, aber das Wetter wird schlechter. Es nieselt und nebelt und ist schrecklich ungemütlich. Beim Radfahren merkt man es zum Glück gar nicht so sehr, weil einem immer recht warm ist und man sich so sehr auf die ollen Steigungen konzentrieren muss, aber bei jedem Stehenbleiben wird bewusst, dass jetzt Ende Oktober und wirklich Herbst ist. Das Wetter hier ist genau wie Ende-Oktober-Wetter in Deutschland, man möchte sich fast einen geschnitzten Kürbis auf den Gepäckträger schnallen. Und am Kamin sitzen. Hmmmm… Wohnzimmer… Nicht drüber nachdenken!

Gegen Abend (nuja, gegen Dämmerung, das ist ja jetzt leider schon 16:50) kommen wir an ein kleines Dorf, das auf der linken Seite der Straße, direkt auf den Klippen über dem Meer liegt. Hier fahren wir zu drei Häusern, vor denen ein Stück Wiese wirklich direkt an der Klippe ist, klingeln und fragen, ob wir dort ein Zelt aufstellen dürfen. Nun kommt innerhalb der nächsten halben Stunde regelrecht das ganze Dorf zur Beratung zusammen, weil wohl die Wiesen-Nutzungsrechte nicht ganz klar auf der Hand liegen, und man diskutiert, telefoniert und dolmetscht, bis wir fast schon keinen Schlafplatz mehr brauchen, weil wir erfroren sind. Im Endeffekt aber dürfen wir in der Garage einer hilfsbereiten und resoluten Frau schlafen. Mit uns kommen noch drei Menschen in die Garage, wuseln rum, fegen aus, bringen und Tische und Stühle bis die Garage fast so voll ist, dass wir keinen Platz mehr finden, bringen uns frisch vom Baum gezupfte Granatäpfel und Mandarinen und eine Glühbirne. Und dann kommt die liebe Frau nochmal raus und bringt uns Käse in frittiertem Teig (soooo gut) und Bohneneintopf. Wir schauen kritisch auf den Teller und sagen vorsichtig, dass wir Vegetarier sind, und uns wird versichert, dass da kein Fleisch drin ist. Nun hab ich ja nicht so die Ahnung von Fleisch und so, aber das, was da zwischen den Bohnen aussieht wie Rindfleisch, das schmeckt auch verdächtig nach Rindfleisch.

Hoffen wir mal für uns und unseren ständigen Konflikt mit der Veganerpolizei, dass das einfach nur richtig gut gemachter Fleischersatz aus Seitan oder Tofu war =)

Wir kochen noch Reis mit Bohnen, spielen eine Runde Skat und gehen dann früh schlafen. Die Kälte, die frühe Dunkelheit und die Berge ermüden uns scheinbar heftig. Um 22:00 dreht der letzte die Glühbirne raus. Es ist recht kalt auf dem Betonfußboden und ich hole das erste mal meinen in Istanbul mühsam erworbenen Daunenschlafsack raus- und freu mich prächtig, denn da hab ich einen Hochleistungsofen gekauft, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Bei vielleicht höchstens 10 Grad musste ich mit offenem Schlafsack und Beinen und Armen rausgestreckt schlafen, sonst wär es zu warm gewesen. Heftige Berge mit Schnee in der Osttürkei- kein Problem, ich komme!

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31.10.

Es regnet heftig, als wir aufstehen und uns aus unserer Garage schälen. In voller Regenmontur geht es auf die Straße und wir ziehen heftig durch, weil wir bei jeder Pause zu sehr auskühlen würden. Die 40 km bis zur Mittagspause werden also „durchgerockert“, wie man bei uns so sagt, und ziemlich erschöpft kommen dann in einem kleinen Ort bei einer Teestube an, in der wir Mittag essen dürfen und unsere nassen Kleider auf die Heizung hängen. Nicht, dass die während der Stunde Pause trocknen würden, aber so sind sie wenigstens warm-nass, wenn wir sie zum Weiterfahren wieder anziehen müssen.

Es ist ja nun so, dass wir das Türkei-Level in der uns vorgegebenen Zeit höchstwahrscheinlich eh nicht durchspielen können. Am 18. November möchten / müssen wir in den Iran einreisen. (Wir hätten so gern mehr Zeit für die ganze Reise…) Daher müssen wir in der Türkei wohl eh irgendwann einmal eine Etappe mit dem Bus fahren. Dementsprechend wird nun diskutiert, ob sich dieses Busfahren jetzt gerade anbieten würde: Wir haben ein kaputtes Rad, es regnet ekelhaft, ein Pausentag ist sehr überfällig und wir fahren alle etwas aus den Reservekräften, und zwischen uns und der Stadt Sinop, wo wir Pause machen wollen, liegen noch mehr heftige Berge und mindestens 4 Tage. Im Endeffekt entscheiden wir uns aber, noch bis Inebolu, dem nächsten größeren Ort, mit dem Rad zu fahren. Bis dahin sind es nochmal 33 Kilometer (im Flachen sind 77 Kilometer kein Problem, aber mit diesen 10%-Bergen und der Kälte kommen wir an die Schmerzgrenze) und wir kommen im Dunkeln an.

DSC01422Fahren direkt zum Busbahnhof, um herauszufinden, wann der nächste Bus nach Sinop geht. Dort bildet sich die obligatorische Menschentraube um uns herum und es wird heftig diskutiert, in welchen Bus wir eventuell die Räder mitnehmen können. Eine Frau spricht uns auf Deutsch an, sehr energisch und tatkräftig. Leider ist sie irgendwie etwas verpeilt, auf jeden Fall mündet das ganze darin, dass wir erstmal mit ihr Abendessen, Tee trinken, noch drei Tee trinken, und nochmal Tee trinken und uns ihre sehr schwer verständliche Lebensgeschichte mehrmals recht unzusammenhängend anhören, bevor sie zustimmt, mit uns nach dem Ticket zu gucken. Dafür gehen wir dann auch nicht den Busticket-Verkäufer fragen, sondern ihren Onkel, der am Busbahnhof einen kleinen Laden hat. Hier bete ich zigmal wieder runter, was wir wollen: Bus, mit Platz für drei Räder, so schnell wie möglich, so günstig wie möglich, nach Sinop. Ewige Diskussionen folgen, dann immer wieder eine Nachfrage: wohin nochmal? Sinop…. Wann? Am liebsten morgen…. Und immer wieder: „Kein Problem! Ach, doch…“ Das Problem scheint zu sein, dass sie ziemlich verwirrt ist oder sich schlecht konzentrieren kann, und obwohl ich tierisch dankbar bin, dass sie versucht uns zu helfen, macht sie es irgendwie nur schlimmer. Irgendwann dreht sie sich zu mir um und sagt: „Aber, nach Sinop sind es doch nur 170 km, das könnt ihr doch auch mit dem Rad fahren? Mein Onkel sagt, in ca. 3 Stunden seid ihr da!“ Da fall ich fast um, denn ich hab doch die letzten zwei Stunden damit zugebracht, ihr zu erklären, warum wir jetzt gerade nicht mehr Rad fahren wollen (Rad kaputt, heftige Berge, große Erschöpfung…) und 170 km in diesen Bergen machen wir auch nicht in 3 Stunden, sondern in 2 oder 3 Tagen! Hui. Als ich ihr das sage, meint sie, jetzt ist sie verwirrt und geht wieder Tee trinken. Ich geh dann allein nochmal zum Ticketschalter, irgendjemand zaubert einen englischsprechenden Menschen am Handy hervor und so wird zwischen mir und dem Busticket-Verkäufer übersetzt. Ich verstehe jetzt, dass die großen Reisebusse zwar prinzipiell genug Platz für die Räder haben, morgen aber Samstag und somit Basar-Tag ist und der Bus auf der Strecke viele Menschen mit viel Gepäck einsammeln wird. Somit möchte er den Bus nicht mit unseren Rädern blockieren. Dementsprechend können wir morgen nicht fahren, dafür aber übermorgen. Okay! Danke!

Weil Christian sich erinnert, dass einer der Männer in der Traube am Anfang meinte, er könnte uns am nächsten Tag wohl irgendwie in einem der Minibusse mitnehmen, entschließen wir uns, jetzt ein Hotel zu suchen und am nächsten Morgen einfach früh wieder zum Busbahnhof zu kommen. Die gute Frau sagt, dass sie uns bei der Hotelsuche helfen kann, und prinzipiell ist das supernett, aber sie bestellt sich erstmal noch ein paar Tee, raucht ein paar Zigaretten… uns wird ziemlich kalt, weil wir in den feuchten Radelklamotten die ganze Zeit draußen sitzen. (Christian hat sich mitten auf dem Busbahnhof umgezogen und dabei gelernt, dass es in der Türkei nicht problemfrei ist, kurz beim T-Shirt-Wechsel oben ohne dazustehen, er wurde ziemlich angeblafft.) Als wir dann sagen, wir seien sehr dankbar für ihr Angebot, jetzt würde uns aber zu kalt und wir würden einfach allein auf die Suche gehen, kein Problem, kommt sie doch und sagt, sie muss sich nur kurz ein Taksi bestellen, das vor uns her zu dem präferierten Hotel fährt. Okay, darauf können wir natürlich noch warten. Ah!, sagt sie, eine Sekunde, sie würde noch gern beten gehen drüben in der Moschee, ob wir vielleicht kurz….? Nein, sage ich, wir fahren jetzt einfach los, ist schon okay, vielen Dank für die Hilfe! Da kommt sie dann aber mit, ich hab ein schlechtes Gewissen, weil wir sie vom Beten anbgehalten haben, aber sie meint, dass das kein Problem ist. Das bestellte Taxi hält wenige Minuten später vor uns. Ich sage ihr noch kurz, dass das Taxi langsam vor uns herfahren müsste, weil wir halt nicht so schnell sind. Christian meint lachend, da ist er ja mal gespannt- und zzzuuuuummmm, mit quietschenden Reifen ist das Taxi außer Sichtweite an der nächsten Kreuzung abgebogen =)

Wir finden es aber wieder, und nun fährt es auch langsam und obwohl Marcel seeehr skeptisch ist, dass uns das jetzt irgendwas bringt, wird es ein riesiger Glücksgriff, für den wir unserer etwas anstrengenden Helferin unglaublich dankbar sind: Sie bringt uns zu einer Pansiyon, die direkt direkt direkt am Meer liegt, wo die Wellen sozusagen in den Garten schlagen, und wo die Besitzerin perfektes Deutsch spricht (sie ist in Garbsen aufgewachsen und kennt somit natürlich auch meine kleine Heimatstadt Barsinghausen ^^) und uns aus purer Menschlichkeit einfach das Zimmer für die Nacht schenkt! Wir versuchen uns später noch ein wenig mit ihr zu unterhalten, weil sie sehr interessant ist und eben auch so tolles Deutsch spricht, dass man mal über tiefere Themen reden kann, aber leider ist unsere Helferin immer sehr schnell dabei und erzählt wieder von sich und ihrer Lebensgeschichte. Somit bleibt uns irgendwann nichts anderes, als sehr, sehr dankbar und glücklich in das schöne Zimmer zu gehen und zu schlafen. Am nächsten Morgen ist die Hotelbesitzerin leider nicht da und wir können ihr nur ein kleines Briefchen hinterlassen, das sicher nicht ausdrücken kann, was für eine Freude sie uns gemacht hat.

01.11. Die zweite Busetappe

Als wir dann am nächsten Morgen zum Busbahnhof gehen, ist da wirklich ein Minibus, in den wir unsere Räder und all unser Gepäck reindiskutieren (und reinbezahlen…) können. Er bringt uns bis nach Türkile und dort geht das gleiche Diskutieren wieder für den Anschlussbus nach Sinop los. Im Endeffekt müssen wir immer für ein paar Plätze mehr bezahlen, weil unser Gepäck den halben Bus füllt, irgendwie läuft es aber schon. Busfahren fühlt sich einerseits ziemlich schrecklich an, weil es eben geschummelt ist, andererseits ist es sehr schön, einfach entspannt da zu sitzen, den Regentropfen auf der Scheibe zuzugucken und sich in sich rein zu freuen, wenn der Bus im zweiten Gang die 10%-Steigungen hochjuckelt.DSC01437DSC01436DSCF3927

Für Christian und mich war es schon im Vorfeld der Reise klar, dass wir aufgrund der knapp bemessenen Zeit hie und da mal einen Bus oder Zug nehmen würden, und vor der Reise habe ich auch noch gesagt, dass ich da nicht allzu peinlich ehrgeizig bin. Jetzt aber fällt es ziemlich ziemlich schwer, tatsächlich in den Bus zu steigen. Nuja. In mir reift schon der Gedanke, dass diese Reise eventuell nur eine erste „Probetour“ ist und ich dann, später, irgendwann noch einmal nach Vorbild der großen Reiseradler ein paar Jahre um die Welt will. Es macht einfach tierisch Spaß- und ohne Zeitdruck stell ich es mir paradiesisch vor. An jedem Strand mal einen Tag verweilen… Mit jedem interessanten Menschen so lange reden, wie man sich was zu erzählen hat… Zu jedem historischen Ort fahren und tief in Geschichte und Kultur vordringen… Die Sprachen lernen…. Huja, das will ich =)

Wo war ich?

Ahja- Bus. Da kommen wir in Sinop an und suchen dann direkt einen Radladen, bei dem es 28er-Felgen gibt. Ist ein Problem! Irgendwo in der Stadt hat dann tatsächlich eine Hinterhofwerkstatt eine 28er-Felge da und wir freuen uns halb tot. Der junge, ca. 16-jährige Mann, der da arbeitet, meint, dass er zwei Stunden für das Neu-Einspeichen braucht, und so gehen wir irgendwo einen Tee trinken, Skat spielen und unsere Emails checken, ob sich hier ein Couchsurfer gemeldet hat, bei dem wir schlafen können. Wir haben 16 Menschen angeschrieben und sind deswegen recht guter Hoffnung.

Nach zwei Stunden Skat spielen, Tee trinken und Baklava essen gehen wir zurück zur Werkstatt und es wird uns gesagt, dass wir in wiederum 2 Stunden wieder kommen sollen. Jetzt gehen wir unsere Einkäufe machen und treffen dabei einen 67 jährigen Mann, der tolles Englisch spricht, weil er hier in Sinop jahrelang für eine amerikanische Textilfirma gearbeitet hat. Jetzt bessert er sich wohl seine Rente mit Schuhputzen auf. Der Mann mit den schwarzen Fingern, wachen Augen, dem gepflegten graumelierten Bart und der Bassstimme scheint bei allem im Ort beliebt zu sein, jeder, der vorbei kommt kennt ihn und wechselt ein paar Worte. Er gibt uns auch einen Tee aus, wir rauchen eine zusammen, erzählen ein bisschen, bis dann bei dem Thema Religion bzw. Gottglaube die Sprachbarriere erreicht ist.

Dann gehen wir wieder zur Werkstatt und müssen mit Entsetzen feststellen, dass der junge Mann gerade wieder Marcels alte, kaputte Felge einbaut. Er erklärt mit Händen und Füßen und google translate, dass die andere Felge die falsche Speichenanzahl hatte. Mist, da haben wir gar nicht dran gedacht! Es wird noch eine lange Diskussion mit den Werkstattbesitzern, in der sie uns erklären, dass es solche Felgen höchstens in Istanbul gibt und sie sie bestellen könnten, das würde ca. 4 Tage dauern. Wir überlegen hin und her und entscheiden dann, erstmal ein Hotelzimmer zu suchen und eine Nacht drüber zu schlafen. Leider hat sich von den 16 Couchsurfern nur eine Frau gemeldet, die aber leider 40 km außerhalb wohnt, das schaffen wir heute nicht mehr. Uns wurde aber eine schöne Pension empfohlen, von einer Familie betrieben, die ihren ausgestopften Hund in der Rezeption stehen hat, und hier bekommen wir günstig ein Zimmer.DSC01443Das Zimmer liegt im 3. Stock, wir sind genau am Hafen und schauen aus zwei Seiten Fenstern auf das Wasser und die Boote, es gibt rosa Bettwäsche und heißes Wasser und wir fühlen uns gleich wohl. Ist nur ziemlich kalt, die türkischen Häuser sind miserabel isoliert, der Wind pfeift uns heftig durch das Badezimmerfenster und die Balkontür und ich bin recht schnell im Schlafsack.

Bis zum Schlafen aber finden wir noch heraus, dass die beiden Italiener IMMERNOCH in Istanbul sind und sie und Aytac, den wir damals in Instanbul beim Abendessen getroffen haben, gerne bereit sind, uns bei unserem Felgenproblem zu helfen. Es sieht so aus, als ob nun Aytac in einem türkischen Fahrrad-Internetshop eine Felge bestellt und sie zu einem Freund nach Samsun schicken lässt. Das Schicken sollte ca. 3 Tage dauern, und wir brauchen da auch ca. 3 Tage hin, also sind wir mal gespannt, ob das alles so klappt!

!!! Tesekür ederim, Aytac !!! Vielen Dank !!!

02.11.

Die Couchsurferin Elif, die 40 km von Sinop entfernt wohnt, klingt nach einen äußerst interessanten und feinen Menschen, und so beschließen wir, die 40 km heute entspannt zu fahren und dann bei ihr einen ganzen Pausetag, also zwei Nächte zu bleiben. Weil sie tagsüber wandern gehen möchte, schickt sie uns tatsächlich eine Nachricht, in der sie beschreibt, wo sie den Schlüssel für uns versteckt, wie wir uns in ihrem Haus zurechtfinden und wo Kuchen und etwas zu Essen auf dem Herd steht. Ist das nicht der Wahnsinn?! Für völlig fremde Menschen! Ich liebe Couchsurfing und diese Reise =)

Nachdem wir also lange ausgeschlafen haben, im Bett noch etwas gelesen, gemütlich gefrühstückt und mit Aytac kommuniziert haben, fahren wir Richtung Gerze, wo Elif wohnt. Das Wetter ist verrückt, Regen und Sonne und Regenbogen über dem Meer, Kälte und frierende Hände.DSCF3971Als wir schon in Gerze sind, halten wir an einem kleinen Laden, um uns zu der genauen Adresse durchzufragen. Der Besitzer wohnt seit 40 Jahren in Saarbrücken und in der Türkei, spricht perfektes Deutsch und lädt uns auf einen Tee ein. Während Christian und ich da stehen und reden und den Tee annehmen und uns freuen, tanzt Marcel spontan ein paar Meter die Straße runter mit einer Gruppe junger Männer, die auf der Straße Trommel- und Flötenmusik spielen, ausgelassen tanzen und mit Türkeifahnen feiern. Der Ladenbesitzer erklärt, dass da gefeiert wird, dass einer der jungen Männer zum Militär geht. In der Türkei, erklärt uns Elif später, gibt es keinen Weg, am Militärdienst vorbei zu kommen. Jeder junge Mann muss mindestens sechs Monate hin, so auch ihr philosophie-lehrender Ehemann, der bekennender Anti-Militär und Pazifist ist. Er hat seit seinem Dienst beim Militär heftige psychische Schwierigkeiten.

Es setzt heftiger Regen ein und auf den letzten paar Metern zu Elifs Haus werden wir noch furchbar nass und kalt. Zum Glück ist sie schon zu Hause und wir kommen dankbar in die gute Stube, in der der Ofen bollert. Wir waschen endlich mal wieder unsere stinkenden Kleider, bekommen hervorragende Linsensuppe, selbstgebackenen Kuchen, eingelegtes Gemüse aus dem eigenen Garten usw usf, und führen mit Elif sehr interessante Gespräche. Sie ist Aktivistin, zB gegen die Privatisierung von Wasser in dieser Region (nächste Woche fährt sie zu einer großen Konferenz und Demonstration in Trabzon, wenn wir uns sputen, können wir da mit ihr demonstrieren ^^) und gegen den geplanten Bau der ersten 3 türkischen Atomkraftwerke. Sehr kritisch schaut sie auf die Flasche Efes Bier, die der Christian aus der Tasche holt- denn Efes möchte genau hier, in dieser schönen Stadt, eine Raffinerie bauen. Auch über den Kurdenkonflikt, über Utopien und die weltweite Revolution, die jetzt echt mal überfällig ist, über selbstverwaltete Ökodörfer in Deutschland und das Wesen der Menschheit können wir sabbeln- es ist herrlich bei Elif.

!!! Tesekür ederim, Elif !!!

 

 

Ist also doch schon wieder einige Tage her, seit der letzte Bericht geschrieben wurde. Naja, dann aber Feuer!

Bevor es mit dem Bericht losgeht, noch ein paar Anmerkungen zur Homepage, denn die ging in den vergangenen Tagen anscheinend nicht, jedenfalls trifft das auf den Link: immernachosten.de zu. Falls der mal nicht geht, könnt ihr es auch über chrisjulechina.wordpress.com versuchen. Zwischenzeitlich hat Jule aber mit dem Domainhost geredet, müsste jetzt alles wieder passen.

Außerdem sei noch einmal erwähnt, dass ihr auf unserer Startseite links einen Flickeraccount findet. Dort gibt es jede Menge Fotos zu unserer Reise, die auch manchmal unabhängig von dem Hochladen unserer Berichte den Weg ins Internet finden.

Des Weiteren haben wir die Rubrik „Kurz gemeldet“ eingeführt. Hier wollen wir regelmäßig reinschreiben, wo wir gerade sind und was wir machen, ohne dass immer gleich ein ganzer Bericht hochgeladen wird. Finden könnt ihr die Rubrik in der linken Leiste oben.

Außerdem haben wir den Marcel jetzt offiziell auf unsere Homepage mit aufgenommen, da er sich erfreulicherweise dafür entschieden hat, bis Bangkok mitzufahren. Mal seh’n- vielleicht können wir ihn auch noch davon überzeugen, dass Shanghai auch nicht schlecht ist.^^

Und nun noch eine letzte Sache: Sollte eine Postkarte nach 2 Monaten noch nicht bei euch sein, dann gebt uns kurz Bescheid, wir werden euch dann eine Neue schicken.

So nun aber zu unseren Erlebnissen in den letzten Tagen 😉

3.11.

Pausentag also bei Elif. Wie Jule schon erwähnt hatte, war es bei ihr absolut wundervoll. Einziges Manko: Kein WLAN. Also ab in den Empfangsraum eines Hotels und dort etliche Stunden mit Surfen und Skypen zugebracht. Ich glaub, am Ende sind wir den netten Hotelmitarbeitern schon ziemlich auf den Wecker gegangen. Nun ja, sei es drum.

Mit einer Tüte voller Bier ging es zurück zu Elifs Haus. Sie war bereits von Arbeit zurück und auch ihr Mann Yalsin ist heute extra vorbeigekommen, er lebt sonst 70km entfernt. Wir hatten kaum die Wohnung betreten, da meinte Elif, sie hätte eine Überraschung für uns. Was kann das wohl sein? Baklava? Fair-Trade-Schokolade? Oder doch eine Autogrammkarte des allgegenwärtigen Atatürk? NEIN! Weit gefehlt! Sie hat uns ein Video vom Vortag gezeigt, auf dem Marcel zusammen mit den jungen Türken getanzt hat. Eilif hatte in der Mittagspause in der Schule erzählt, dass Deutsche bei ihr zu Gast sind- das haben ihre Schüler mitbekommen und ihr sofort ein Video gezeigt, das sie am Vortrag gemacht hatten. Anschließend hat die ganze Klasse zusammen das Video angeschaut. Na dann Marcel, bald erkennen dich schon all Türken von weitem auf der Straße 🙂

Nachdem Elif am Vortag für uns gekocht hatte, haben wir uns heute mit Nudeln mit zwei verschiedenen Saucen revanchiert. Wir hatten wieder viele interessante Gespräche mit Yalsin und Elif über alle möglichen Dinge. Auch war noch Zeit für eine Probefahrt mit unseren Rädern, denn die beiden haben selbst den Traum, eines Tages auf die lange Meile zu gehen. Wir hoffen, dass sie den Mut haben werden, dass auch wirklich zu machen und uns dann natürlich in Deutschland besuchen. Elif musste uns am Abend dann leider noch in Richtung Ankara verlassen und auch Yalsin ist am nächsten Morgen schon sehr früh abgereist.

Wir ihr unseren Berichten entnehmen könnt, haben wir die beiden aber sehr ins Herz geschlossen und hoffen, sie eines Tages wieder zu sehen. So viel sei vorweggenommen: Eine Woche später zur Demo in Trabzon war das nicht der Fall, denn wir erreichten die Küstenstadt trotz größter Anstrengungen leider erst einen Tag zu spät.

4.11.

Vom heutigen Tag gibt es eigentlich nicht viel zu berichten, außer dass das Fahrrad Reparieren und Besorgungen Machen so lange gebraucht hat, dass wir uns dafür entschieden haben, noch einen weiteren Tag in Gerze zu bleiben. Wir fühlten uns dort ja auch mittlerweile wie Zuhause, zumal Elif uns ihr Haus überlassen hatte und wir ganz allein dort waren.

Nicht unerwähnt möchte ich Marcels tollen Wortwitz „In Gerze macht man kene Scherze“ lassen.

Ich überlege wirklich gerade, was es von diesem Tag noch berichtenswertes gibt, aber viel ist es einfach nicht.

Es sei noch erwähnt, dass wir wieder in Schichten im Internet waren in verschiedenen Cafés und die Jule sich in dem einen wohl beim Skypen mehr als 3 Bier in den Hals gestellt hat.

Eine Sache noch, dann ist aber wirklich Schluss für den Tag: In der Küche war heute Herrentag und während ich einen Tomatensalat mit unverschämt viel Zwiebeln zubereitet habe, hat unser „Veganer“ (Marcel) Käse in einer Pfanne zum schmelzen gebracht und selbigen in einer unnachahmlichen Art und weise anbrennen lassen.

5.11.

Heute also nach langer Zeit mal wieder eine richtige Radelstrecke von fast 100 km. Dank feinst ausgebauter Straßen sind wir entlang des Schwarzen Meeres nur so dahingeschossen. Der türkische Präsident Erdogan ist mit Sicherheit ein streitbarer Mensch und die meisten, die wir getroffen haben, mögen ihn auch nicht sonderlich, aber schöne Straßen und Tunnel lässt er schon bauen. Zumindest dafür ein kleines „Tesekkür ederim“ (Danke). 🙂

Bei nahezu keinem Verkehr ging es über die zweispurige Straße, die sogar noch einen Standstreifen besaß, auf den wir uns verkrümelten und den wir bis Trabzon (460 km später) kaum noch verlassen sollten.

Die Radstrecke war heute jedenfalls wenig spektakulär und kurz nach der Stadt „19. Mai“ (muss wohl was mit Atatürks Kampf für eine freie Türkei zu tun haben) haben wir auf einem Grundstück direkt am Meer gezeltet. Es wurde in den Abendstunden allerdings schon empfindlich kalt und das Kochen (Reis und Bohnen) hat herzlich wenig Spaß gemacht. Jedenfalls war es schön, nach langer Zeit mal wieder zu zelten

6.11.

Früh morgens kam Jule mit einem Blatt um die Ecke gebogen, auf dem sich Raureif abgesetzt hatte. Oha! Nun ist es also anscheinend langsam wirklich kalt. Die Sonnenstrahlen heizten uns aber sogleich mächtig ein. Unser Frühstück schleppten wir zum 100m entfernten Schwarzmeerstrand. Hier, direkt auf dem Sand, konnten wir die erste Stärkung des Tages zu uns nehmen, um dann die 21 Kilometer bis nach Samsun auch zu schaffen. 🙂

Samsun ist mit über 600.000 Einwohnern die größte türkische Stadt am Schwarzen Meer. Es soll wohl außerdem die am schnellsten wachsende türkische Stadt sein. Wenn man sich die ganzen Häuser anschaut, die hier aus dem Boden gestampft werden, ist das auch gut vorstellbar. Die neuen Häuser haben hier im Übrigen zwischen 5 und 10 Stockwerken. Im Grunde sind sie plattenbauähnlich, bloß kürzer und mit deutlich größeren Wohnungen. Unsere Hosts (allesamt Medizinstudenten) wohnten zusammen mit 4 Katzen in einer 5-Zimmerwohnung. Wir waren die ersten Gäste, die sie überhaupt gehostet haben, und durften gleich ihr ganzes Wohnzimmer in Beschlag nehmen. Außerdem gab es ein leckeres Abendessen, welches wir gemeinsam mit Charles (einem Franzosen, der von einem Freund der WG gehostet wurde) eingenommen haben. Seltsamerweise haben unsere Gastgeber aber nichts mit gegessen und auch von dem Bier, welches wir für alle mitgebracht hatten, haben sie nichts getrunken.

Kleiner Zeitsprung noch mal zurück:

Unser Radeltag war heute schon gegen 11 Uhr beendet. Wie meistens hab ich mir nach so einem anstrengenden Tag erst mal ein Bierchen redlich verdient.^^ Dann hab ich mich mit Marcel auf in die Innenstadt gemacht, um dort die von Aytac (den wir in Istanbul kennen gelernt haben) für Marcel bestellte Felge in Empfang zu nehmen. Und da gehen die Probleme auch schon los, denn die Innenstadt ist satte 10km von dem Ort entfernt, an dem wir uns gerade befinden. Also ab aufs Fahrrad und losgesaust. An der Paketstation war leider niemand der englischen Sprache mächtig. Glücklicherweise konnten wir noch einen Iraker auftreiben, der ein ganz passables Englisch sprach und obendrein auch noch türkisch konnte. All das half aber nichts, denn die Menschen, die in der Paketstation arbeiteten, konnten uns nicht weiterhelfen, da wir den Absender nicht kannten. Nun konnte nur noch eine Person auf der ganzen Welt weiterhelfen: JULE! Und die kam glücklicherweise gerade mit der Tram in die Innenstadt, hatte alle wichtigen Daten auf ihrem Handy und konnte eben jene in der Paketstation vorzeigen. Schnell stellte sich heraus, dass wir an der falschen Paketstation waren und zu einer anderen mussten, wo dann tatsächlich die neue Felge auf ihren glücklichen Besitzer wartete. Von Jule wurde sich wieder verabschiedet und Marcel und ich machten uns auf den Weg zu einem Fahrradladen, den wir auf dem Weg in die Innenstadt gesehen hatten. Dort konnte uns allerdings keiner weiterhelfen und wir wurden zu einer Werkstatt verwiesen, die alles mögliche zu reparieren schien, aber mit dem Einspeichen eines ganzen Rades auch überfordert war. Wie der Zufall es so wollte, hat uns genau in dem Moment ein Deutsch-Türke angesprochen und seine Hilfe angeboten. Der Bielefelder hat uns erst einmal mit zum Elektronikgeschäft seines Onkels genommen und zusammen mit seinem Bruder, der ebenfalls aus Bielefeld kommt, haben wir 2 Runden Cay getrunken, ehe er uns in das Viertel geführt hat, in dem mehrere Läden Fahrräder anboten. Hier sind wir dann auch tatsächlich fündig geworden und konnten Marcels Fahrrad zur Reparatur abgeben.

7.11.

Die Hauptfrage für den heutigen Tag: Würde Marcels Fahrrad wieder funktionieren? Und glücklicherweise kam Marcel auch gegen Mittag mit einem reparierten Fahrrad nach Hause. Vielleicht haben sich mit der neuen Felge ja auch seine Hinterradprobleme, welche schon seit Beginn der Reise existieren, erledigt.

Eigentlich hatten wir überlegt, gegen Mittag loszufahren. Da sich radeln mit lediglich 3 Stunden Sonnenlicht aber kaum lohnt, haben wir entschieden, doch noch einen Tag in Samsun zu verweilen. Unsere Hosts habe uns dann auf unseren Wunsch hin in die Innenstadt begleitet und uns zum Atatürkschiff gebracht. Mit diesem Boot soll der türkische Staatsgründer zusammen mit seinen 18 Freunden von Istanbul nach Samsun gefahren sein, um dort den Freiheitskampf zu beginnen. Das Schiff war dann leider relativ unspektakulär, dafür war das Stadtmuseum aber recht interessant. Am Abend wollten wir dann noch einen von Marcels großen Träumen erfüllen und eine Wasserpfeife in der Türkei rauchen. Leider stellte sich aber heraus, dass wohl seit neustem Wasserpfeifen in der Innenstadt verboten sind und 10km wollten wir wegen einer Wasserpfeife nicht fahren.

Am Ende ging es zurück in die Wohnung unserer Hosts, wo wir mit Charles, der heute auch den ganzen Tag dabei war, noch ein wenig quatschten. Unsere türkischen Freunde saßen leider wieder in einem anderen Raum als wir, was ein bisschen schade war, denn wir hätten doch gerne noch mit ihnen gequatscht.

Erwähnen muss ich auch definitiv noch die Katzen der WG. Einem der flauschigen Gefährten hatte man wie einem Pudel das Fell kurz rasierte und eine andere hatte einen echt fiesen, man könnte auch sagen hässlichen Gesichtsausdruck. Ich mochte das Tier aber irgendwie, denn es bettelte nicht wie die anderen Katzen um Aufmerksamkeit und war generell sehr faul. Der Name der Katze war lustigerweise Gandalf. 🙂

8.11.

Heute sollte also der große Tag sein. Da wir gestern nicht geradelt sind, haben wir uns für heute 150km vorgenommen. Also 5:30 Uhr aus den Federn gekrochen und 7:10 Uhr saßen wir schon auf unseren Rädern.

Die Kilometer flutschten an diesem Morgen nur so unter uns hindurch und teilweise ging es mit fast 30km/h die Straße entlang. Diese präsentierte sich völlig flach und mit Seitenstreifen. Gegen 10:30 Uhr machten wir schon unsere erste Essenspause und bei der zweiten Teepause um 13 Uhr hatten wir bereits 100km unter den Rädern. 30 Kilometer vor Ordu gab es dann aber doch noch einen Berg. Diesen sind wir regelrecht hochgeflogen und dann mit Einbruch der Dunkelheit in die Abfahrt Richtung Ordu gegangen. Am Ende sind wir 164 km gefahren. Zugegebenermaßen waren wir echt richtig derbe Stolz auf uns! 🙂

Das einzige, was zu unserem Glück jetzt noch fehlte, war unser Host Erdi. Dieser kam auf seinem Drahtesel und in voller Radmontur 15 Minuten nach unserer Ankunft um die Ecke gebogen. In seiner Wohnung leben neben ihm noch 9 Wellensittiche, wobei einer immer mal aus seinem Käfig raus darf und von ihm geküsst wird. Aufgrund von mangelnden Englischkenntnissen sind wir schnell in das Restaurant eines Freundes von Erdi gegangen. Eben jener war der englischen Sprache mächtig und auch Erdi taute nun langsam auf. Beide sind im Übrigen Mitglieder des Orduer Radclubs. Wir bekamen eine große Pizza, Pommes und Cola ausgegeben. Fastfoodherz, was willst du mehr?! 🙂

Nach dem Essen kommt das Schlafen und das durften wir im Wohnzimmer von Erdi, wo er seine Vöglein extra herausräumte.

9.11.

Nachdem wir spät aufgestanden sind, hat uns auch gleich noch ein junger Mann in der Orduer Fußgängerzone angesprochen. Ich hatte ihn einige Tage zuvor bei Couchsurfing angeschrieben, er hatte unsere Anfrage aber leider ablehnen müssen. Nun hatte er uns an unseren Rädern erkannt. Also erst einmal wieder Rad abstellen, einen Tee trinken und quatschen.

Und nun noch einmal ein Beispiel für die türkische Gastfreundschaft: Der arme Kerl hatte kein Bargeld bei sich und sowohl Geldabheben am Automaten als auch EC-Kartenzahlungen gingen aufgrund eines Stromausfalls nicht. Wir wollten also die 4 Tee (ca. 5€) gerne zahlen, haben viel diskutiert, doch es war unmöglich. Er bestand darauf, dass er bezahlt („Sit down – or I’ll shoot you!“ ^^ ) und ist erst noch mal in die Innenstadt gegangen, um dort irgendwie Geld aufzutreiben.

12 Uhr ging es dann nun doch endlich mal für uns los. Passiert ist auf den 76 Kilometern, die wir immerhin noch geschafft haben, aber nicht viel.

Mit dem Finden des Schlafplatzes haben wir uns heute etwas schwer getan, da wir teilweise stark unterschiedliche Vorstellungen vom Wildcampen haben. Während ich am liebsten völlig abseits der Zivilisation campe, legen Marcel und Jule eher Wert auf einen landschaftlich schönen Platz zum Zelten. Auch die Anfragen bei den Häuslebesitzern, ob wir bei ihnen übernachten könnten, waren außergewöhnlich erfolglos. Nach 4 gescheiterten Anfragen hat sich dann noch ein Restaurant gefunden, bei dem wir im Biergarten campen durften.

Im Restaurant selbst haben wir dann noch gespeist und als wir uns gerade ins Zelt begeben wollten, da kam der Besitzer des Restaurants um die Ecke gebogen und der bestand darauf, dass wir noch Tee auf seine Kosten mit ihm tranken. Als Krönung hat er mir dann auch noch am Bart gezogen. Also 3 Cay reingewürfelt, bissel Smalltalk betrieben und dann ab in die Heia.

10.11.

Auch heute hieß es wieder vor um 6 aufstehen. Belohnt wurden wir für diese Heldentat mit einem Frühstück direkt am Meer mit wunderbarem Ausblick.

7:30 Uhr waren wir dann „On The Road“. Die Mittagspause haben wir bei einem Cay an einem Busrestaurant gemacht. Die Besitzerin hatte Jule vom ersten Moment an ins Herz geschlossen und auch ihr Mann konnte sich später an Jule und Marcel erfreuen, als diese hinter dem Bus schliefen.

Als Holzkohle dienten dem Pärchen im Übrigen verkohlte Haselnussschalen. Diese Nüsse werden in der Türkei und insbesondere an der Schwarzmeerküste massenhaft angebaut.

Kurz vor Trabzon wurden wir dann noch von einem älteren Rennradfahrer überholt, welchen wir in der Abfahrt aber wieder einholen konnten, um dann 10km mit ihm zusammen zu fahren und mit ihm zu plaudern. Dabei sind wir unter anderem am Neubau des Stadions des legendären Fußballverein Trabzonspor vorbeigekommen.

Nach 109km sind wir dann auch auf Arbeit unseres Hosts Babaros angekommen. Dieser führte uns dann gleich mit voll bepackten Rädern durch die dicht belaufenen Straßen der Stadt und am Ende stellte sich auch noch heraus, dass wir mit unserem ganzen Gepäck und den Fahrrädern erst etliche Stufen hinunter zum Haus und dann 5 Etagen nach oben krabbeln mussten.

Nachdem dieses Martyrium geschafft war, haben sich Jule und Marcel noch mal neue Passfotos gemacht. Morgen wollen wir nämlich Iran-Visa beantragen, da will man lieber gut vorbereitet sein!

 

 

Sooo meine lieben Leser, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja! Unsere tapferen drei Radeltiere sind gerade in Trabzon eingelaufen, wo sie sich für ihren Kampf um das heilige Iranische Visum wappnen. Werden sie ihn gewinnen? Werden sie in den Iran einreisen dürfen? Schaffen sie es, ihre Reise vor Einbruch des wirklichen minus-15°C-Winters in den Bergen fortzusetzen? Und werden sie dabei tatsächlich auch nicht ihre gute Laune und ihre schlechten Witze verlieren? Das alles und viele unnötige Nebeninformationen erhaltet ihr, wenn ihr euch durch die nächsten gefühlten 12 Seiten Tagebuch lest…!

11.11.

Haha, Karneval…

und zwar Karneval auf der Iranischen Botschaft. Wir sind früh raus, damit wir auch ja rechtzeitig da sind, denn wir haben schon etwas bammel, dass wir das Visum nicht bekommen. Unser Host hat uns erzählt, dass die letzten Touristen bei ihm ihr Visum erst nach 6 Tagen bekommen haben, und auf unserem Gästebett lag noch eine Notiz von anderen Gästen, dass sie den nächsten Reisenden mehr Glück mit dem Iranischen Visum wünschen, da sie es nicht bekommen haben. Wir hingegen haben unsere straffe Zeitplanung daran ausgerichtet, dass wir nur einen Tag auf unser Visum warten müssen.

Um 15 vor 9 also stehen wir vor dem Tor der Botschaft, ich mit Kopftuch und Christian und ich mit Eheringen am Finger, da das die Familienkonstellation ist, die uns im Iran hoffentlich helfen wird. Nach und nach kommen da weitere Reisende an, die auch heute ihr Visum benatragen wollen: Rok aus Slowenien, der letztes Jahr mit dem Rad nach Indien ist und jetzt Sehnsucht nach diesem inspirierenden Land bekommen hat, Diogo aus Portugal, der schon zwei Jahre auf Reisen ist, und eine französische Familie mit drei Kindern, die im Caravan eine drei-Jahres-Welttour machen… Es ist herrliche Stimmung und unglaublich inspirierend und schön, diese Menschen alle zu treffen.DSCF4246

Wir werden dann in die Botschaft gelassen und eine sehr wenig freundliche Dame empfängt uns, man sitzt mit gesenktem Kopftuchkopf da und fühlt sich ihr völlig ausgeliefert. Nach uns kommt noch ein französisches Reiseradler-Pärchen rein, sie werden direkt abgewiesen und auf nächste Woche vertröstet. Die beiden diskutieren, dass es da in den Bergen, die wir alle auf dem Weg nach Iran überqueren müssen, schon wirklich dramatisch kalt wird, aber das Herz der Dame scheint ähnliche Temperaturen zu haben, denn sie schickt sie genervt und gnadenlos weg. Wir alle, die wir das mitbekommen, sitzen etwas schockiert da und senken den Blick noch etwas mehr. Ein japanisches Pärchen wird einfach so abgewiesen, weil sie aus Japan sind.

Nun bekommen wir mit, dass man eine Kopie der Krankenversicherung abgeben muss, was wir alle nicht auf dem Schirm hatten. Keiner von uns hat das Dokument dabei- wir schwitzen Blut und Wasser. Im Endeffekt aber dürfen wir den Visumsantrag ausfüllen und danach schnell in die Stadt flitzen, um die Dokumente zu kopieren. Das wird ein ganz schönes Gerenne, denn zunächst müssen wir für unseren recht diktatorischen Host Barabaros noch weitere Gäste abholen und zu ihm nach Haue bringen. Das machen wir, dann ist im ersten Kopierladen die Druckerpatrone alle, der zweite hat so was gar nicht und erst beim Dritten wird unser Zeug kopiert. Für wirklich unanständig viel Geld. Ist alles ziemlich unangenehm. Mit den Dokumenten stratzen wir dann wieder den Berg zur Botschaft hoch und geben sie ab- dann ist auch alles recht problemlos, wir bekommen eine Bank gesagt, auf die wir die 75 Euro Gebühr einzahlen müssen, und sollen unsere Visa in vier Tagen abholen.

Vier Tage… das war so nicht geplant und leider ist Trabzon auch keine Stadt, in der man lange bleiben möchte. Weiterhin ist unser Host eben, hm, gewöhnungsbedürftig, und das Gefühl, ihm gleichzeitig dankbar für seine Gastfreundschaft zu sein, aber andererseits mit ihm nicht klar zu kommen, macht auch keine Lust darauf, hier vier Tage zu verbringen.

Zum Glück haben wir diese tollen Menschen an der Botschaft kennen gelernt: Als wir nachmittags ziellos durch Trabzon laufen, treffen wir sie alle wieder und dazu noch einen Exil-Iraner, der wegen seiner politischen Aktivitäten schon dreimal im iranischen Gefängnis war, bevor er in die Türkei ist. Mit all diesen tollen Menschen und noch mehr, die sich ansammeln, gehen wir dann erstmal Tee trinken und haben eine herrliche Zeit. Später dann, als wir zum Host nach Hause kommen, kochen wir für ihn, uns und das französische Pärchen, das auch bei ihm wohnen soll. Als er nach Hause kommt, bringt er dann noch zwei Deutsche (Freiburger!) Reiseradler mit und türkische Freunde, und wir sitzen alle im Wohnzimmer und wie durch ein Wunder reicht auch das Essen =) Ein sehr schöner Abend mit haufenweise Globetrottern, die sich so ihre Geschichten erzählen.

Aaah ja, wichtig und dennoch vergessen: am Nachmittag haben wir unten am Pier, direkt am Meer, einen Kicker gefunden! Das war das erste Mal, seit ich im ISE gekündigt habe, dass ich gekickert hab =) Und natüüürlich, liebe Abteilung, die Zeit mit Euch war nicht umsonst, ich hab auch allein gegen meine beiden Radelfreunde gewonnen. Das fanden sie gar nicht so gut, deswegen haben wir, um den Gruppenfrieden nicht zu stören, lieber von den beiden Siegerfotos gemacht =)DSCF4252

12.11.

Und als wir am nächsten Morgen in Trabzon aufwachen, gehen wir tatsächlich nochmal zur Botschaft, nur um die coolen Leute wieder zu treffen. Mit Rok und Diogo (wir erinnern uns, der Slowene und der Portugiese) und Leo, einem deutschen Reisenden, fahre ich dann per Anhalter in die Berge, um zusammen ein Feuer zu machen, unter den Sternen zu schlafen und ein wenig aus Trabzon rauszukommen. Marcel und Christian bleiben lieber in der Stadt, um die obligatorischen Stunden im Internet zu verbringen. Daher kann ich jetzt nur von den Bergen berichten- wir sind von Trabzon aus zum berühmten Kloster Sümela gestartet. Obwohl wir zu viert waren, wurden wir enorm gut mitgenommen und sind die letzten paar (kalten) Kilometer sogar ganz klassisch auf der Ladefläche eines Pickups gefahren- den Fahrtwind in den Haaren, das Glück, gerade mitgenommen zu werden, der Spaß mit den drei anderen: das war einfach wunderschöne Freiheit.

13.11.

Nachdem wir bei 3 °C unter dem übervollen Sternenhimmel zwischen massiven Bergen geschlafen haben, trampen wir vier wieder zurück- und wer kommt uns da entgegen? Genau, Marcel und Christian auf dem Fahrrad, in Begleitung von Julian und Linda, dem Freiburger Reiseradler-Duo. Alle ohne Gepäck, das sieht man selten, eben einen Tagesausflug machend. Lachend lassen wir den netten Mann, der uns gerade ins Auto geladen hatte, anhalten und begrüßen die keuchenden Radler, dann bin ich wieder in Trabzon und fange an, meinen Internetkram zu machen.

14.11.

Heute ist dann auch schon der große Tag, an dem wir erfahren werden, ob wir in den Iran dürfen. Bis 16:30 müssen wir warten, dann wird wieder das Kopftuch aufgesetzt und wieder treffen wir all die tollen Leute vor den Gittertoren der Botschaft. Als wir eingelassen werden, sind alle ganz schön am zittern… Ist aber auch eine fiese Stimmung in dieser Botschaft… Aber dann geht alles glatt und wir haben diese wunderschönen Visa in persischer Schrift in den Pässen. Das Datum, an dem es fertig gestellt worden war, so sagt uns das Visum, ist übrigens vor zwei Tagen gewesen- aber das nur am Rande.

Als wir alle die Botschaft verlassen, sind wir richtig glücklich und ausgelassen und die französische Caravan-Familie (die Familie Bos oder auch die Bostrotters) eröffnet, dass sie noch dutzende Flaschen Champagner und Wein im Caravan haben, die vor der Iranischen Grenze noch leer werden müssen. So zieht der fröhliche Tross zum Caravan und feiert eine wunderschöne Party auf einem kleinen PKW-Parkplatz. Der Parkplatzwächter kommt ob des Lärms dann auch mal schauen, schimpft aber gar nicht, sondern bringt uns noch extra lecker lecker Kuchen. In dieser Gruppe fühlt es sich jetzt ganz arg nach Familie an, obwohl wir uns alle noch gar nicht lang kennen. Ach, ich kann’s nicht beschreiben, es ist wirklich wunderschön gewesen.

Um 20:00 müssen wir die Party dann aber auch verlassen, weil wir den Abendbus nach Hopa gebucht haben. Wir müssen, wie ihr schon wisst, Kilometer schrubben, um schön viel Zeit im Iran zu haben, und kürzen deswegen die letzten Küstenkilometer ab. Hopa ist die Stadt, von der aus wir in diese sagenumwobenen Berge abbiegen werden. Dort kommen wir dann etwa angeheitert und echt müde um Mitternacht bei unserem Host an- das war so nicht geplant, wir dachten eigentlich, dass wir früher da wären. So haben wir den Host echt lang wach gehalten und dazu war er noch krank; furchtbar schlechtes Gewissen!!

15.11.

Eigentlich wären wir dann (Zeitdruck, Zeitdruck) eigentlich gern früh gestartet, wollten aber unseren Host auch nicht einfach als Hotel missbrauchen, und haben deswegen den Vormittag noch mit ihm gefrühstückt und ihn ein wenig kennen gelernt. Auch wieder ein super sympathischer Mensch, interessant und inspirierend. Und seine Wohnung war der Wahnsinn: siebter Stock und nur eine Querstraße vom Meer, und sowohl in der Küche als auch im Wohnzimmer eine Fensterfront, die bis zum Boden geht. Das war ein atemberaubender Ausblick, mit dem man sich gut von dem liebgewonnen Begleiter Karadeniz / Schwarzmeer verabschieden konnte.

Gegen Mittag sind wir dann auf die Straße, wurden aber gleich wieder hart verzögert, weil einfach zufällig direkt vor der Tür zwei weitere Reiseradler standen, in die wir reingelaufen sind. Das war schon wieder viel zu interessant und angenehm, um einfach aufzubrechen. Die beiden waren aus Großbritannien bzw Kanada und sehr neidisch auf uns, weil sie beide keine Chance auf ein Iranvisum haben. Ihre Website: puncturesandpanniers.com

Nach einem glücklichen Austausch sind wir dann auch tatsächlich mal losgefahren, es war sicher schon nach 12 Mittags, und wie ihr wisst, wird es hier schon um 16:00 dunkel. Und aaaaab ging es in die Berge, Richtung Artvin. Jetzt sind wir plötzlich inmitten von satten Teeplantagen, die wie endlose und ausgepustete Buchsbaumbeete die Hänge bedecken. Endlich in diesen Bergen! Es ist (mal wieder) un- un- unglaublich schön.DSCF4307

Hier bricht mir dann tatsächlich die fünfte Speiche unserer Tour. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich falsch mache, denn ich habe jetzt auf jeden Fall auf der Hinterachse wirklich sehr viel weniger Belastung als Christian, der ja ein baugleiches Rad fährt. Aber irgendwie ist es auch egal, denn das Wechseln der Speiche geht mittlerweile pfeilschnell und auch parallel zur Mittagspause. Marcel schmiert mr Brote und füttert mich, ich werkel eben mal wieder am Hinterrad. Und dann kann es weitergehen.

Als es dann dunkel wird, finden wir einen kleinen Rastplatz bzw. vielleicht eher einen kleinen Imbiss am Straßenrand, der auch ein paar Tische an der Straße stehen hat, und fragen, ob wir dort das Zelt aufstellen dürften. Und na klaaaar, die Türkei wäre nicht die Türkei, wenn das nicht überhaupt kein Problem wäre! Dazu bekommen wir noch Chai und ein paar schöne Unterhaltungsfetzen zusammen und bestellen ein lokales Gericht, das in etwas einem Käsefondue entspricht…. Omnomnom!! Genau das richtige für ehemals vegane Reiseradler mit höchstem Energiebedarf =)

Der Rastplatz liegt direkt flussaufwärts eines riesigen Staudammes und so ist die Aussicht mal wieder… mir gehen superlative Adjektive aus…. richtig gut.

16.11.

Ein mieser Gegenwind versucht, uns unseren nächsten fast-nur-bergauf-Tag noch ein wenig schöner zu gestalten. Wir kriechen dicht hintereinandergedrängt die Berge rauf und an Artvin vorbei, das sich ziemlich hässlich aber beeindruckend an die Bergflanken klebt. Gegen Mittag sind wir wieder an einem riesigen Staudamm und an der Straße steht ein Schild, das nach links einen kleinen Supermarkt verspricht. Weil es hier oben nicht viel gibt, wir aber umso mehr essen müssen, folgen wir dem Schild und landen in einer staatlichen Stadt, die von einem Zaun umgeben und mit einer Schranke gesichert ist. Wir sagen, dass wir zum Supermarkt wollen und werden auch durch gelassen. Im Markt bezahlen wir astronomische Preise, bekommen dafür aber vom Ladeninhaber zu unserer Mittagspause, die wir gegenüber des Ladens abhalten, einen Tee geschenkt. Zwei Kinder schenken uns Mandarinen und Khaki, und ihre Mutter ist hier Deutschlehrerin und erklärt uns, dass das hier eine Stadt nur für die Mitarbeiter und Ingenieure des Staudamms ist. Weiter zieht sich unser Weg, nochmal ein paarhundert Höhenmeter runter und in einem schönen Flusstal wieder rauf, bis es dunkel und kalt wird und wir unser Zelt auf einer sehr hübschen Halbinsel in den Flussauen aufschlagen. Wir kochen ganz schnell und weil es wirklich rattenkalt wird, verkriechen sich die ersten schon um 20:00 ins Bettchen. Ich muss mal wieder mit den Speichen schimpfen und ein wenig hin- und herjustieren, und das mal wieder unter diesem herrlichen Sternenhimmel, dann geht’s auch für mich schlafen. Morgen ist der große Tag- wir wollen über den höchsten Pass unserer bisherigen Reise, und eventuell sogar bis China (das müssen wir noch recherchieren) =)

17.11.

Also stehen wir noch vor Sonnenaufgang auf, um 5:30 wird vor dem Zelt Kaffee gekocht. Mit Sonnenaufgang steigen wir dann auf die Räder und es heißt strampeln, strampeln, strampeln.DSCF43961700 Höhenmeter haben wir zu überwinden und brauchen dafür bis 15:00. Belohnt werden wir von einer Landschaft wie aus dem Bilderbuch, die immer weiter unter uns rückt. Die Berge machen mir Spaß, sie sind wunderschön und man muss nur wenig Blog schreiben, weil man das eh nicht in Worten ausdrücken kann. Dafür haben wir natürlich viele Fotos parat.DSCF4411

Als es schon dunkel wird, fahren wir dann wieder ein beachtliches Stück bergab, um noch bis in die Stadt Ardahan zu kommen. Christian wünscht sich nämlich ein Hotel, weil er gern duschen möchte- das passiert sonst auch nicht so oft 😉 Wir bemerken auf der Straße, dass Christians Felge entlang der Bremsenfläche gerissen ist und wissen damit, dass wir mal wieder einen Fahrradladen und eine neue Felge auftreiben müssen- diesmal wenigstens eine 26-Zoll-Felge, das dürfte kein Problem werden. Und so überfahren wir dann saussaussaus unseren 4000. Kilometer =)DSCF4431

Als wir in Ardahan sind und uns auf die Suche nach einem günstigen Hotel begeben, finden sich sofort zwei hilfsbereite Türken (oder Kurden? vielleicht), die das Handy in die Hand nehmen und so lange rumtelefonieren und für uns verhandeln, bis wir ein Zimmer mit vertretbarem Preis gefunden haben. Danke, mensch, ihr seid echt super. Und der eine Helfer ist Restaurantbesitzer und lädt uns ein, später zu ihm auf einen Tee vorbei zu kommen.

Zunächst aber müssen wir noch mit unserem zweiten Helfer das Problem lösen, dass die Räder nicht mit ins Hotel dürfen. Für uns ist es aber nicht vorstellbar, sie einfach auf der Straße zu lassen; zu groß ist der Schaden, falls uns unsere Lastentiere abhanden kommen würden. Im Endeffekt dürfen wir sie gegenüber in ein Einrichtungsgeschäft stellen, wo sie dann zwischen Couchtischen, Sofas und Einbauschränken übernachten.

Wir bekommen ein urgemütliches Zimmer und die Jungs müssen allein den Tee trinken gehen, weil ich mich nach diesem Tag im Schlafanzug viel zu gut fühle und lieber die Aufgabe übernehme, den letzten Blogbericht hochzuladen und mich um die Fotos zu kümmern. Als die beiden dann wiederkommen, bin ich aber doch etwas neidisch: das Restaurant ist wohl das nobelste und beste in der ganzen Stadt (Christian und Marcel im Jogginganzug dort hätte ich gern gesehen) und aus der Einladung zum Tee wurde ein ganzes mehrgängiges Menu. Die beiden kommen mit dicken Bäuchen und sogar noch mit eingepacktem Essen zurück. Alles als Geschenk, nur weil die Menschen so lieb zu uns sind =)

Dann schlafen wir (ich nach einer Dose Bohnen ^^) tief und selig und stolz auf uns, dass wir den 2400m-Pass gemeistert haben!

18.11.

Christian fährt dann morgens mit dem Bus in die nächste Stadt, nach Kars, weil er gern früh ankommen und sofort seine Felge austauschen lassen möchte. Obwohl Christian nicht viel Ahnung von der Radtechnik hat, beschließen wir, dass er das auch allein regeln kann. Dann können Marcel und ich nämlich noch einen Tag durch die Hochebene Westanatoliens radeln.

Hier oben gibt es fast keine Farben mehr, es gibt nur beige-braun-grau und keine Bäume, es gibt endlose Straßen und weite Flächen mit uneingezäunten Pferden, es gibt kleine Dörfer mit vielen Lehmwänden und blauen Plastikplanen überall. Und überall begrenzt irgendeine hohe, meist schneebedeckte Bergkette die Sicht. Und, das finden Marcel und ich beim radeln noch heraus: es gibt Wildschweine! Nur vielleicht 30 Meter vor uns überquert eine Rotte mit vielleicht 40 Mitgliedern die Straße. Uiuiuiui!

Als wir nachmittags nach 90 km in Kars ankommen, wartet Christian schon ziemlich fertig an einer Tankstelle auf uns: Die Radwerkstatt, zu der er sein gelbes Flitzerchen gebracht hat, haben aus seinem kleinen Problem ein großes gemacht.

Als die Männer dort den Ritzelblock abnehmen wollten, haben sie ihn falschrum gezogen, also immer fester. Und dann, weil es in diese Richtung natürlich unmöglich aufzumachen war, haben sie die Nuss, die man zum Abziehen des Ritzels braucht, einfach mal mit dem Hammer weiter reingekloppt. Dabei sind die Kugeln aus dem Lager nur so umhergespritzt, das hat aber keinen mehr interessiert. Als Christian dann ziemlich geschockt angedeutet hat, dass man das andersrum aufbekommt und man dafür eben eine Kettenpeitsche braucht, wussten sie zunächst gar nicht, was gemeint ist. Kurz darauf hingegen hatten sie doch eine organisiert, jetzt aber was das Ritzelpaket schon so mit aller Kraft festgekloppt, dass es sich keinen Millimeter mehr bewegen ließ, auch mit aller Kraft. Im Endeffekt haben wir sogar noch unsere Kettenpeitsche verbogen, als Marcel und ich später dazu kamen.

Irgendwann haben wir das dann aufgegeben und uns entschieden, für Christian ein komplett neues Laufrad, also Felge, Nabe, Ritzelblock, zu nehmen, damit wir weiterfahren können. Natürlich hat nun aber das neue Laufrad im Vergleich zu unseren vorherigen eine wirklich miese Qualität, die Felge ist 2mm breiter und es hat ein Ritzel weniger… Ayayay, da hat sich der Christian geärgert. Zum Glück hatte er dann beim auf-uns-Warten Freundschaft mit dem Tankstellenwart Murat geschlossen, der sich um ihn gekümmert und ihm Tee ausgegeben hat. Und zum Glück ging es dann, mit dem neuen aber schlechteren Laufrad weiter zu unserem Host Taifun. Und der war so toll, dass man den Stress vom Tag gut vergessen konnte. Taifun hat sich wahnsinnig süß um uns gekümmert, hat seine wirklich schöne Wohnung zu unserer deklariert, sein Bett für uns geräumt und auf der Couch geschlafen, hat mit uns einzweiviele Bierchen getrunken und ultra-spannende Einblicke in sein Leben als Kurde, Alevit UND Armenier in diesem Land gegeben. Dazu war er noch lustig und einfach nett… kurz: das war mal wieder ein perfekter Abend.

19.11.

Von Kars aus wollte ich unglaublich gerne nach Ani. Ani war mal vor 1000 Jahren die armenische Hauptstadt und ist heute eine Geisterstadt, nachdem sie immer mal umkämpft und erobert und am Ende in die mongolische Herrschaft gefallen ist, wo sie jedoch keinen Zweck mehr erfüllte und deswegen zerfiel.

Als wir gestern Abend vor dem Haus unseres Hosts auf eben diesen gewartet haben, hatte uns ein Herr angesprochen, der Touristenshuttles dorthin organisiert und eben heute um 7:30 aufbrechen würde. Da war ich dann mit an Bord und hab einen wahnsinnig beeindruckenden Morgen erlebt. Außer mir waren nur 5 andere Beusucher auf dem riesigen Gelände der alten Geisterstadt, über der Steppe herrscht vollkommene Stille, teilweise stehen noch Kathedralen dort, die seit 1000 Jahren jedem Wetter und jedem Erdbeben trotzen, und gleich unterhalb der Stadt liegt der Grenzfluss zu Armenien, an dem hunderte Wohnhöhlen in den Fels getrieben sind. Beim Schlendern durch die Ruinen lagen dann sogar noch menschliche Knochen einfach so in einer Kirchenruine… Huiii, ein faszinierender Morgen.

Als ich dann mittags wieder nach Hause gekommen bin, meditativ-entspannt und glücklich, haben wir alle beschlossen, dass wir noch einen Tag in Kars bleiben, um noch mehr Zeit mit Taifun verbringen zu können und noch einmal auuusgedehnt das Internet zu benutzen, bevor es morgen in den Iran gehen soll. Einmal noch stundenlang mit den Partnern und der Familie skypen, bevor man nicht mehr weiß, ob und wann es Internet geben könnte.

War dementsprechend ein sehr schöner Nachmittag/Abend im Jogginganzug.

Ahja, und in meinem ebook-Reiseführer, dem lonely planet Turkey, hab ich dann noch gelesen, dass genau dieser Touristenguide, der uns gestern Abend zufällig auf der Sraße getroffen hat, empfohlen wird =)

20.11.

Ab in den Bus und nach Dogubayazit und von dort die letzten 30 km nach Iran radeln, das ist der Plan.

Dafür müssen wir um 7:30 mit allem Zeug am Busbahnhof sein. Wie gut, dass Marcel da um 6:50 noch bemerkt, dass er einen Platten hat! Er flickt also, zuerst funktioniert auch die Luftpumpe nicht, alles wird hektisch (zum Glück waren wir wie immer, sehr deutsch, zu früh dran), Christian und ich fahren schonmal zum Busbahnhof vor und fangen an, unsere Räder in einen Bus reinzudiskutieren. Es heißt dann auch, dass das klar geht, wenn wir auch jeweils für die Räder ein Ticket lösen. Das ist durchaus gerecht. Nun kommt auch Marcel um die Ecke gebogen. Also geht das alte Spiel wieder los: Vorderräder rausschrauben, Räder in den Bus tragen, irgendwie auf der Rückbank stapeln und mit unseren zig Satteltaschen den restlichen freien Gepäckplatz auffüllen. Kurz vor Abfahrt sagt uns der Mann von der Busgesellschaft dann noch, dass unsere Räder so viel Platz wegnehmen, dass wir noch mehr Geld auf den Tisch legen sollen, aber das sehen wir nicht ein und diskutieren so lange und so hartnäckig, bis der Bus abfahren will und der Mann aufgibt. Wir sitzen ziemlich fertig im Bus und wollen nur in Ruhe losfahren, da hält der Bus dann nochmal an einem zweiten Busterminal in der Stadt. Der gleiche Mann steigt wieder ein und will nun die Tickets kontrollieren- und wird kalt und heiß, denn nachdem alle Parteien beim Verhandeln irgendwelche Preise auf dem Ticket aufgeschrieben hatten, hat Marcel es nicht mehr gefunden gehabt. Als der Kontrolleur, der uns eh nicht mehr leiden mag, dann aber vor uns steht, zückt Marcel das Ticket einfach. Er hatte es wiedergefunden und einfach nicht als wichtig empfunden, uns das zu sagen…

Nun fahren wir also durch Nebel und karge Felslanschaft in Richtung Dogubayazit. In Igdir müssen wir nochmal umsteigen, dort geht aber alles wirklich problemlos. Es ist zwar ein noch viel kleinerer Bus, der Fahrer will aber nicht einmal Extrageld von uns haben.

Als wir, nachdem wir in Dogubayazit unsere letzten Lira in Käsepide verwandelt haben, dann aufbrechen, ist der Sonnenuntergang nur noch zwei Stunden entfernt. Wir radeln jetzt vorbei an Militärgebieten und Panzern, ein gepanzertes Fahrzeug überholt und, alles ist weiterhin felsig und grau und hässlich. Und da taucht dann plötzlich aus den dichten Wolken der Gipfel von Ararat auf- wahnsinn!!

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Nun macht Christians neues Hinterrad leider Zicken, es schlägt nach oben aus und es sieht so aus, als ob die Felge völlig gerade sei, aber der Mantel sehr ungleichmäßig. Das wird am Abend genauer angeschaut werden.

Als wir ca. zehn Kilometer vor der Grenze sind, überholen und zufällig die Bostrotters in ihrem Wohnmobil! Das ist eine Freude, die wieder zu sehen, sie halten an und alle liegen sich in den Armen und dann erzählen sie, dass sie heute Nacht an „dem größten Meteoritenkrater der Erde“ schlafen wollen, der nur 2 km vor der Grenze ist. Und das gefällt uns gut, da die Idee, so müde, wie wir sind, noch in der Dämmerung über die Grenze zu fahren und dann dahinter nicht zu wissen, wo wir schlafen können, ziemlich unangenehm war. Also radeln wir dem Caravan hinterher zum Meteoritenkrater. Ich hatte mir bei der Größenausssage vorgestellt, ein wirkliches Tal vorzufinden. Zunächst aber müssen wir an einem Militärposten mit vier schwerbewaffneten Soldaten vorbei, da der Krater genau in der militärischen Sperrzone liegt. Müssen unsere Pässe abgeben. Dann finden wir den Krater- und er ist vll. 15m im Durchmesser und 30m tief. Das kann doch nicht der größte der Welt sein?! Sieht auch irgendwie gar nicht wie ein Einschlagskrater aus. Naja, begeistert sind wir nicht. Nun können wir aufgrund des Sperrgebiets da auch nicht schlafen, also fahren wir mit den Bostrotters zusammen wieder aus der Zone raus, holen unsre Pässe ab, und der Bostrotter-Papa fragt die Soldaten, wo wir denn den Caravan abstellen könnten. Die sagen, hier überall ginge es keinesfalls, wegen der Sicherheitsstufe des Gebiets. Er meint, dann fahren wir eben einen Kilometer außer Sicht und stellen uns dort ab.

Als wir dort stehen und gerade Christians Rad auseinander genommen haben, um uns das Problem des Tages mal genauer anzusehen, kommen die Soldaten natürlich wieder und sagen uns, dass wir hier nicht bleiben können. Wir diskutieren, dass wir das verstehen, aber eben auch keinen anderen Platz wissen, zu dem wir können: 2km weiter ist die Grenze, da können wir ja nun auch nicht bleiben, und auf der anderen Seite ist ein Dorf, in dem der Bostrotter-Caravan von frechen Kindern mit Steinen beworfen wurde. Dort fühlen sie sich nicht sicher. Die Militärs sagen, wir sollten einfach zurück nach Dogubayazit – das sind die 30 km, die wir heute geradelt sind! Also nein! Wir erklären ihnen, dass wir jetzt in der Dunkelheit auch echt nicht mehr weit radeln können- da bestellen sie dann eine Eskorte für uns und rufen in der nahegelegenen Station der Gendarmerie (paramilitärische Polizei) an und sagen, dass wir dort schlafen können. Und so zieht dann im Endeffekt ein sehr unterhaltsamer Tross los, den ich leider nicht fotografieren durfte: zuerst fährt da ein gepanzerter Gruppenwagen mit richtig jemandem oben im Ausguck und so, dahinter wir drei Räder und dahinter die Familie im bunt bemalten Wohnmobil =)

Als wir jedoch an der Gendarmei ankommen, wissen die von nichts und lassen uns auch dort nicht bleiben. Sie sagen, wir sollen nach Dogubayazit fahren. Nein! Und sie sagen, dass etwa 2 km weiter ein bewachter Parkplatz ist, auf dem wir wohl schlafen könnten. Wir glauben das nicht so richtig, deswegen fahren die Bostrotters erstmal mit dem Wohnmobil hin, um das zu checken. Und da meine ich deutlich zu merken, wie unterschiedlich die Leute auf uns mit unseren Rädern reagieren: plötzlich sind die Gendarmen nicht mehr schrecklich abweisend, sondern fragen uns, ob wir nicht reinkommen und was essen wollen. Und einer erzählt uns, dass er nicht weit entfernt wohnt und dass wir auch dort in seinem Haus schlafen bzw. im Hof campen könnten. (Wohlgemerkt, alles irgendwie kompliziert über Smartphones und elektronische Übersetzer, weil hier niemand Englisch spricht). Scheinbar lösen die Bostrotters im Wohnmobil andere Reaktionen aus.

Auf jeden Fall aber kommen sie zurück und sagen uns, dass der Parkplatz gut sei, und so fahren wir dort noch hin. Es scheint eine lange Diskussion gewesen zu sein, bis wir dort schlafen durften, weil der (LKW-)Parkplatz eigentlich geschlossen war. Dennoch trafen wir dort 5 Sicherheitsmänner an, die sich eben nur sinnlos die Zeit vertrieben… verrückt.

Das war dann ein ganz schöner Abend mit der Familie im Caravan, wir haben mit den Kids gespielt und mit den großen geredet, haben zusammen gegessen und am Ende den Esstisch so eingesenkt, dass wir drei auch mit im Wohnmobil schlafen konnten. Zu acht in einem Auto =) War auf jeden Fall mal wieder grandios!!

21.11.

Heute geht’s hoffentlich in den Iran!

Nach dem Frühstück mit den Bostrotters haben wir noch auf die beiden Freiburger Reiseradler Julian und Linda gewartet, die nur wenig hinter uns sind und mit denen wir gerne gemeinsam ein Stück radeln wollen. Und dann ging es mit allen zusammen über die Grenze! War gar nicht so schrecklich, nur etwas verwirrend, weil sowohl der Polizist, der unser Gepäck durchsucht hat, als auch der, der unsere Pässe zum zweiten Mal eingescannt hat, keine Uniform trugen. Deswegen waren wir höchst skeptisch und haben zunächst mal jede Mitarbeit verweigert, konnten dann doch aber jeweils auch von der rechtmäßigkeit überzeugt werden. Noch in dieser Hochsicherheitszone der Grenze kam dann auch eine Dame vom Iranischen Tourismus-irgendwas an und hat sich unsere Namen und Adressen geben lassen, dazu hat ein professioneller Fotograf die ganze Zeit Bilder von uns gemacht…

Und an der Grenze haben wir noch einen anderen Reiseradler aus Prag getroffen!

Und dann- waren wir wirklich im Iran!!

Noch sieht der aber natürlich ziemlich so aus wie die Türkei, nur mit den wunderschönen persischen Schriftzeichen überall.

Im ersten Ort haben wir dann auch gleich wieder die Bostrotters getroffen und Euro in Rial getauscht. Zack, waren wir vielfache Millionäre, denn ein Euro ist 40.000 Rial =) Und dann kam uns noch ein weiterer Reiseradler aus Taiwan entgegen, der uns auch gleich seine Iran-Karte vermacht hat. Das ist ein Wahnsinnsgeschenk, denn detallierte Karten kann man hier nicht kaufen, so wie auch GPS verboten sind.

Und dann sind wir endlich mal wieder ein bisschen geradelt, seit heut morgen ja nun zu fünft. In der ersten Stadt wollten wir Brot kaufen und Mittag essen. Zuerst wurden wir von einem Helfer, der uns aufgegabelt hat, zu einem Imbiss gebracht, wo es aber partout nichts vegetarisches gab. Dann haben wir Brot kaufen wollen, aber das einzige, was es gab, war trocken wie Cracker, groß wie unsere Räder,, dünn wie Papier und wurde verkauft im 30er-Pack. Dennoch haben wir uns dann dafür entschieden und es nicht wirklich überzeugt zum Mittag gegessen. Danach sind wir noch weiter gefahren, bis es dunkel wurde, da wollten wir gerade an einem Haus fragen, ob wir dort campen könnten, da kamen zwei junge Frauen über ein Feld gelaufen und haben sich übelst über uns Touris gefreut. Und als sie unsere Frage nach der Zeltmöglichkeit nicht verstanden haben, haben sie ihren Bruder geholt, der Englisch konnte. So haben wir also Ali und seine Familie kennen gelernt =) Die alle haben uns sofort eingeladen, mit zu ihrem Gewächshaus zu kommen, wo sie gerade ein Wochenends-Familienpicknick abhalten. So wurden wir in einen Innenhof gelassen und sofort wurde uns zugerufen, dass wir die Kopftücher abnehmen sollen. Dann wurden wir in ein kleines Wohnzimmer mit Ofen gebracht, uns wurde Tee gegeben (der iranische ist sogar noch besser als der türkische!!) und die ganze Familie, vielleich 15 Leute, haben sich um uns herum geschart. Bis irgendwie das Thema Tanzen aufkam, da wurde ein mobiler Lautsprecher gebracht und alle sind zusammen in den Hof, um zusammen zu tanzen. Es war richtig ausgelassene Stimmung, alle waren total glücklich und haben sich gefreut, es gab ein Feuer und wir haben ewig zusammen am Feuer gesessen, getanzt und palavert. Ich hab sogar noch der einen jungen Frau eine Dread gemacht, weil sie meine so mochte und weil ihre Schwester Friseurin ist und das mal sehen wollte, damit sie es auch anbieten kann =)

Irgendwann mussten wir dann doch auch mal ins Bett. Dieser erste Abend im Iran hat uns komplett überzeugt =)

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— auf dem lang(sam)en Weg nach China —