Indien 1 von Jule

Ihr Lieben,
ich schreib mal kurz einen Status Quo, damit ihr eine Idee habt, wo wir gerade rumlümmeln und warum – und weil ich mir vorstellen kann, dass wir jetzt recht lange nicht mehr wirklich gutes Internet bekommen.

Christian ist stehengeblieben bei diesem völlig unvorstellbaren Moment, als wir unsere deutschen Freunde vor einem kleinen, recht ranzigen Hotel in Kalkutta in die Arme schließen konnten. In meinem Falle hatte sich, sofern ihr das mitbekommen habt, mein Partner Jules (also „Dschuls“ und nicht mit dem Possessiv meines Namens zu verwechseln! ^^ ) von daheeme spontan entschlossen, mich hier zu besuchen, und innerhalb der letzten drei Wochen einen wahnsinnigen Aufriss betrieben, um das möglich zu machen. Vom Passbeantragen über Familienspenden sammeln bis Visa-on-arrival-Abholen hat dann doch aber alles, alles geklappt und ich weiß nicht, ob man sich meine Freude vorstellen kann, als ich ihn nach vier Monaten dumpfen bis stechenden Vermissens wieder im Arm hatte.
Hier möchten wir beide nochmal sehr, sehr groß Danke sagen, an alle, die da geholfen haben. Vor allem an meine und Jules‘ Familie und an Jamie und Moe. Ihr könnt euch nur schwer vorstellen, wie toll diese kurze Insel in der langen Trennung war.

Die zwei Wochen in Kalkutta sind dementsprechend sehr geprägt von unserem Besuch gewesen. Zunächst aber muss man betonen, dass wir tatsächlich die gute Couchsurfing-Seele Amrita gefunden haben, die uns alle sechs (!) für 10 Tage (!!) aufgenommen hat- in ihrer Wohnung haben wir einen lustigen chaotischen Haufen gebildet, haben zu viert im Doppelbett geschlafen, die freien Quadratmeter des Fußbodens besiedelt und vor allem sehr viel Spaß gehabt. Und Jules und ich haben uns auch mal in ein Hotel abgeseilt, um auch Ruhe für uns zwei zu haben.

Indien… Ist komplett anders. Ist super-chaotisch und laut, ich kann keinesfalls ohne Ohropax schlafen. Jeder, wirklich jeder Autofahrer und Motorradfahrer und Fahrradfahrer klingelt und hupt wirklich jedes Mal, wenn er oder sie um eine Ecke biegt, an einem anderen Fahrzeug vorbeifährt, jemanden überholt, wenn es ihm oder ihr nicht schnell genug geht… es ist so laut! Und es ist schmutzig, auf der einen Seite wegen des wenigen Regens in der Trockenzeit staubig, auf der anderen Seite liegen überall die Müllberge am Straßenrand. Mülleimer sucht man vergebens. Die Stadt riecht gerne nach brennendem Plastik, wenn jemand gerade einen der Müllberge „beseitigt“. Tagsüber schlafen überall an den Straßenecken Hunde wie tot, nachts machen sie einen Heidenkrach, wenn die Autos und Radfahrer wie auf ein geheimes Kommando ab ca. 23:00 Ruhe geben.
Gleichzeitig ist Kalkutta total grün- es wuchert nur so vor sich hin, Palmen, Aufsitzerpflanzen, fette Bäume und Stadt vermischen sich sehr hübsch zu einem Gebilde, das an überwucherte Tempel im Dschungel erinnert. Das gefällt mir sehr gut.
Und wir gefallen wohl den Indern sehr gut, denn gerne bleiben sie einfach neben uns stehen und betrachten uns von allen Seiten =) Aber klar, wir sind so deutlich viel größer und heller, wir stechen wirklich krass raus.
Indien ist so, so, so anders, dass ich kaum noch Fotos mache. Ich weiß einfach einerseits nicht, was ich fotografieren soll, weil wirklich alles anders und merk-würdig im Wortsinne ist. Andererseits ist das Foto auch eindeutig nicht das richtige Medium, um Indien einzufangen. Es passiert so viel gleichzeitig und dazu sind die Geräusche, das Geklingel, der Lärm und auch die ständigen Gerüche so zentral, dass ein Foto die Realität wirklich nicht annähernd wiedergäbe.

Wie dem auch sei, ich lade euch mal ein paar erste Indieneindrücke hoch und überlege nochmal, ob ich ein Video einbinde. Außerdem warten wir dann mit dem Bericht über die zwei Wochen Kalkutta auf die Gastbeiträge unserer Gäste, die sich erfreulicherweise interessiert gezeigt haben.

Derweil sind Marcel, Christian und ich jetzt wieder allein zu dritt unterwegs und bereiten uns auf’s Radeln in Indien vor. Bisher sind wir nur ein wenig in Kolkata vom Flughafen zum Fahrrad-Unterstell-Couchsurfing-Freund und von dem zum Bahnhof gefahren, was natürlich an sich schon recht spannend war. Wer kann schon am Ende seines Lebens behaupten, in Kalkutta Rad gefahren zu sein? Aber jetzt soll es wirklich mal wieder eine Radtour werden!

03.01.
Von Kalkutta sind wir eben am 03.01. 23 Stunden Zug nach Guwahati gezuckelt, wobei ich am Morgen des 03. krank geworden bin und es Christian in der Nacht im Zug erwischt hat. War aber alles grad noch so okay, sicherlich anstrengend, aber solche Durchfallsachen können (nach eigener Guatemala-Erfahrung) noch viel furchtbarer sein. Ich hatte ein wenig Bauchkrämpfe, was das Packen und das Räder-Abholen schwierig gemacht hat, aber erstaunlicherweise ging die Radfahrt durch Kalkuttas Verkehr zum Bahnhof dann wirklich gut. Dort mussten wir durch diese Massen an Menschen zum Gepäckschalter und für unsere Räder Formulare ausfüllen, damit die im Gepäckwagen mitfahren dürfen. Ein Mitarbeiter hat uns dabei geholfen und als er die Marke der Räder aufschreiben wollte, hat er fröhlich-unwissend „Unfug“ eingetragen =) (auf Marcels Lenker klebt ein Aufkleber, der für „Mehr Unfug!“ wirbt)
Am Bahnhof haben wir uns dann noch von Amrita und Risch verabschiedet, die wir beide lieb gewonnen und die uns in Kolkata seeeehr viel geholfen haben. Danke, ihr beiden!!

THANKS Amrita and Risch!! Dhonnobad!

Im Zug hatten wir die „Sleeper“-Klasse gebucht, was nach AC2 und AC3 die dritte Klasse von oben ist. Es ist die günstigste Klasse, in der man ein Bett reservieren kann.
Die Klasse ist weder schön noch besonders hässlich und damit besser als gedacht. Alles ist Metall, ein wenig Pritschenbezug, Gitter, dicke, sich drängende Ventilatoren. Immer sechs Betten sind quer zur Fahrtrichtung und schauen sich an, so wie das im deutschen Sleeper ist, aber die Abteile sind nicht durch eine Tür abgetrennt, sondern Teil eines 80-Menschen-Großraumwagens. Am Fußende der sechs Querbetten ist der Gang und dann kommen zwei Betten parallel zur Fahrtrichtung, an der Außenwand. Am Ende der Abteile sind jeweils Waschbecken, unter denen schon nach einer Stunde haufenweise ausgegessene Kokosnussschalen lagen 🙂
Das gibt’s hier nämlich an jeder Ecke: einen Stand, an dem einem zuerst eine grüne Kokosnuss geköpft wird, damit man das Kokoswasser mit einem Strohhalm raustrinken kann. Danach gibt man sie dem Verkäufer wieder und er schlägt sie komplett auf, damit man das leckere, zarte Fruchtfleisch (am besten unter Zuhilfenahme der schon abgeschlagenen Schalenstücke) auslöffeln kann.
Dann gibt’s am Ende des Zugabteils noch ein Loch-im-Boden-Klo und ein Sitzklo. Für Situationen wie diese find ich die Stehdinger ja wirklich genial!
Als wir dann unsere Sitze bezogen hatten, haben wir zunächst feststellen müssen, dass unser Fenster nicht aufgeht- ziemlich traurig, wenn man 23 Stunden durch ein Land fährt, von dem wir bisher sehr wenig gesehen haben, und das sich im nicht-städtischen Bereich bisher als wunderschön dargestellt hat. Dann sind wir fasziniert: alle 10 Minuten hält der Zug kurz an irgendeinem Bahnhof und zig Menschen steigen ein und aus- die meisten laufen laut schreiend durch die Abteile und bieten alles an, was man auf so einer Reise gebrauchen könnte. Der Zug hat offene Türen, man kann jederzeit rein- oder raushüpfen, das erklärt auch, warum alle Leute uns vor den Diebstählen während der Nacht warnen und wir nicht die einzigen sind, die ihr Gepäck unter den Sitzen festschließen. Aber der Durchgangsverkehr an Händlern ist wirklich der Wahn! Man fragt sich, wie man da nachts schlafen können soll, aber tatsächlich ist ab ca. 22:30 totale Ruhe, fast alle Leute löschen die Lichter und schlafen gleichzeitig. Und tatsächlich geht das Licht im Abteil im Gegensatz zum deutschen Schlafwagen komplett aus, es ist stockdunkel. Womit sich auch besser nachvollziehen lässt, warum man mich vor nachts grapschenden Männern gewarnt hat- aber ich lieg ganz oben, die Jungs unter mir, und bin auch in der Stimmung, jedem übergriffigen Mann ordentlich eins über die Rübe zu ziehen. Mir geht’s nämlich so mittel, mein Bauch rumort, die meiste Zeit lieg ich da auf der harten Pritsche und vertreibe mir die Zeit mit Schlafen. So bekomme ich auch bis zum nächsten Morgen gar nicht mit, dass sich Christian ab der Mitte der Nacht immer wieder übergeben musste.
Ab 5:00 morgens geht es dann auch wieder los, Männer laufen durch den Gang, steigen über die paar Menschen, die auf dem Fußboden schlafen und schreien die Schlafenden an, ob diese nicht schon einen Kaffee, einen Tee, eine Decke, ein Aufblaskissen oder irgendeine der indischen Spezialitäten kaufen wollen.
Am Nachmittag erreichen wir dann Guwahati und müssen wieder an zig unterschiedliche Stellen, um unsere Räder wieder zu bekommen. Die Mächtigkeit der Bürokratie ist lächerlich, wenn man sie mit dem Resultat vergleicht: unsere Räder liegen nämlich mehr schlecht als recht auf zig anderen Gepäcksäcken, die am Bahnhof im hohen Bogen aus dem Gepäckabteil geschleudert werden. Nur, weil wir selber Hand anlegen, ergeht es unseren Rädern da deutlich besser.

Und nachdem wir uns dann in Guwahati ein Hotel gegönnt haben, konnten wir gut genesen und zur Weiterfahrt unsere Satteltaschen wieder ordentlich packen. Nach dem Flug passen all unsere Habseligkeiten in die Hälfte der Taschen, das ist auf jeden Fall mal entspannt. Wir sind ewig nicht geradelt und mich erinnert das Gefühl ein wenig an die Tage, bevor wir Ende August aus Freiberg abgefahren sind. Noch wissen wir nicht, wie die Straßen hier aussehen, wir wissen nicht, wo wir abends landen werden, und wir wissen nicht, wie oft wir irgendwo an Nahrungsmittel kommen. Das führt jetzt gerade zu einem mulmigen Gefühl, aber zum Glück wissen wir mittlerweile, dass die Realität auf der Straße anders aussehen wird- wir werden unseren Weg finden, alles wird sich ergeben und es wird mit Sicherheit einzigartig und schön.
Marcel und ich sind vorhin schon mal zum Brahmaputra-Fluss gelaufen, an dem wir die nächsten Tage entlang fahren werden. Selbst hier in der Stadt ist er viel weniger vermüllt und viel schöner, als ich erwartet hatte. Und auf dem Rückweg haben wir bemerkt, dass das, was wir über unseren Köpfen für Vögel gehalten hatten, richtige Flughunde waren! Mit ca. 40 cm Spannweite! So richtig große Batmans!! Wahnsinn… Wir bleiben gespannt!

Auf jeden Fall geht es morgen dann weiter und weil unsere SIM-Karten (außer für Notrufe) nicht funktionieren, müssen wir auf das sicherlich nicht allzu bald auftauchende nächste Internet-Café warten, bis wir uns bei euch melden können. Also wie immer- keine Sorgen machen, wir beweisen ja ständig auf’s neue, dass wir sehr gut aufeinander aufpassen können!

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