29.11. bis 08.12. – Iran Nr. 2

Und nach dem schon bekannten Prinzip ist jetzt Jule wieder dran =)

Falls ihr euch diese Frage übrigens stellt: es ist immer sowohl Pflichtübung als auch Vergnügen, mit dem Blogschreiben dran zu sein. Einerseits haben wir so unglaublich viel um die Ohren, dass es immer ein wenig belastet, abends dann auch noch den Bericht zu tippen. Außerdem möchte ich auf dieser Reise gern so wenig Kontakt mit den technischen Errungenschaften unserer Zivilisation haben wie möglich, und das gelingt überhaupt mal gar nicht. Nicht mal ein bisschen.

Aber andererseits macht es sehr viel Spaß, die Erlebnisse, Eindrücke, Gefühle, die hier immer über einen hereinbrechen, in Worte zu gießen und seine Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Mittlerweile haben wir schon von einer wirklich erstaunlichen Zahl begeisterter Blog-Leser gehört und geben uns deswegen NOCH mehr Mühe, euch unsere wilde Fahrt ein wenig nach Hause zu bringen.

Dort, wo FOTO steht, wird dann in Zeiten besseren Internets (Dubai Flughafen?!) mal ein Bild hochgeladen, und dann bekommt ihr auch Fotos auf die flickr-Seite.

29.11.

So, wo waren wir? Richtig, wir sind in Teheran, bei unserem Host (…. hmmm, wie hat ihn Christian aus Sicherheitsgründen genannt?… aaah Ali, also bei unserem Host…) Ali. Er muss heute zur Arbeit (er ist Geologie-Ingenieur und arbeitet an der Uni) und steht so früh auf, dass wir das gar nicht wahrnehmen. Wir frühstücken dann zusammen eine der interessanten Varianten des iranischen Brotes, und dann tingeln Marcel und ich wieder zur Metro und in die Innenstadt. Christian braucht Zeit im Internet und bleibt daheim. Die Metro ist ein Segen für diese Stadt, die durch den Autoverkehr und eben die uralten Autos als eine der verschmutztesten der Welt gilt. Die Luft ist tatsächlich widerlich, aber weil es gestern noch geregnet hat, geht es heute ganz gut. Und für zB 9 km Innenstadtfahrt sind wohl 4 bis 5 Stunden im Stau keine Seltenheit, wenn man in die Rushhour kommt. Daher ist die vor zehn Jahren eröffnete und sich immer noch im Ausbau befindliche U-Bahn ein großer Segen- und tierisch voll. So voll, dass man auch manchmal trotz Hochdruckschiebens nicht rein- oder rauskommt. Wahnsinn.

Marcel und ich wollen gern zum Nationalmuseum und werden im Zug gleich von einem jungen Mann angesprochen, der total begeistert von uns Touris ist. Er muss zur gleichen Haltestelle, meint er, und wir unterhalten uns sehr nett. Als er sich dann jedoch nach dem Aussteigen zur Uni verabschiedet (wobei er wirklich ernsthaft tierisch geknickt ist, dass er den Tag nicht mit uns verbringen und uns herumführen kann), merken wir, dass wir besser noch ein paar Haltestellen weiter gefahren wären. Das tun wir dann nochmal, und steigen irgendwo anders in diesem Monster von Stadt wieder aus dem Untergrund. Wissen natürlich überhaupt nicht, wo wir sind. Und gehen mal drauf los, zum Museum. Nette junge Mädels weisen uns den Weg und wir gehen in ein Gebäude, das wir für das Nationalmuseum halten, das sich jedoch als Museum für persische Kalligraphie und Kunst entpuppt. Ha, da bin ich glücklich! Das ist genau das, was mich an der persischen Sprache am meisten fasziniert, und ich bin ganz aus dem Häuschen über all die handgemalten und in ewiger Feinstarbeit erstellten Korane und Briefe. Herrlich! Eine junge Frau nimmt sich unserer an und zeigt uns das Museum auf Englisch, weil sie einfach Lust auf Touristen hat. Danach zeigt sie unseren hungrig gewordenen Körpern eine Falafelbude (unsere Ernährung ist wegen der krassen Fleischlastigkeit der iranischen Küche sehr einseitig, wenn wir auswärtig essen) und übernimmt auch noch die Rechnung für uns- und dann bringt sie uns zum richtigen Nationalmuseum und geht auch noch mit uns rein, obwohl sie da schon gewesen ist! Das Nationalmuseum bringt dann noch die richtige Portion persische Geschichte mit und zufrieden und glücklich können wir uns wieder auf den Heimweg machen. Vor der U-Bahn merken wir, dass die junge Frau zu der gleichen Haltestelle muss, also fahren wir zusammen. Als wir sie dann nur kurz fragen, wo denn dort ein Copy-Shop sein könnte, läuft sie mit uns noch einmal 20 Minuten durch die Kante, um einen zu finden (wir müssen Dokumente zum Beantragen des Indien-Visums kopieren). Und als Marcel dann auf dem Heimweg noch kurz fragt, ob sie wüsste, wo er mal zu einem echten Barbier könnte, um sich den Bart rasieren zu lassen, da bringt sie uns dort auch noch hin und wartet mit mir auf den Marcel. Sie kann gar nicht fassen, dass das für Marcel das erste Mal in dessen Leben ist, dass ihm von jemandem Fremden der Bart rasiert wird =)

BILD

Dann endlich darf sie nach Hause gehen und auch Marcel und ich kommen müde und abgekämpft wieder bei Ali an. Diese Großstädte machen so müde wie 120 km Fahrrad fahren…

Am Abend kocht Ali dann für uns wahnsinnig leckere Kartoffel-Nudel-Gerichte, bei denen (ernsthaft!) die Spezialität ist, dass sie am Topfboden ganz leicht „angebrannt“ sind. Nicht schwarz, aber kross. Und das schmeckt hervorragend!! Weil ich am morgen Geburtstag habe, telefonier ich bis nach 12 mit meinem Liebsten in Deutschland, und danach nehmen wir das leckere Mahl als Geburtstagsessen ein. Dazu bekomme ich von meinen beiden Jungs einen kleinen mobilen Lautsprecher geschenkt, der beim Zeltabbauen und beim Aufwachen und so weiter und so fort Musik machen kann, und den ich mir so gewünscht hab. Sie haben ihn sogar gebraucht von den beiden Freiburger Reiseradlern abgeschwatzt, was ihm eine Geschichte gibt und mir ein gutes Gewissen beschert, weil wir nicht noch mehr Elektronikkram konsumiert haben.

Um 2:00 mach ich endlich die Augen zu und ahne schon schlimmes, denn…

30.11.

… um 6:45 müssen wir wieder aufstehen, um rechtzeitig zur Visumsbeantragung an der indischen Botschaft zu sein. Der Weg dorthin wird schweigend und im Halbschlaf absolviert, in der zu dieser Zeit verrückt überfüllten U-Bahn. Dann stehen wir erst einmal eine Dreiviertelstunde vor der Botschaft, weil niemand sich an die Öffnungszeiten halten will, und sind trotz frühzeitigem Erscheinen die Zehnten in der Liste der Anstehenden. Wir sehen den Plan, am Nachmittag endlich mal wieder auf das Rad zu steigen und den Iran zu erkunden, schon am Zeithorizont verschwinden. Als wir reingelassen werden, herrscht Chaos. Zwar gibt es so Nummern-Anzeigetafeln, die die Wartenden aufrufen sollten, aber die sind nicht in Betrieb. Alle bilden eine chaotische Traube vor einem kleinen vergitterten Schalter. Irgendwann hat sich Marcel dann da durchgeboxt und bekommt drei Nummern und irgendwann werden die auch aufgerufen, aber die äußerst unfreundliche Dame, die wohl den gleichen „wie-gehe-ich-mit-Visumsantragstellern-um“-Kurs wie die Dame in der Iranischen Botschaft in Trabzon absolviert hat, sagt uns, dass wir den Antrag online ausfüllen müssen. Mehrmals sage ich ihr, dass wir das versucht haben, aber die Website nicht funktioniert. Nein, sagt sie, die funktioniert, sollen wir einfach nochmal mit nem anderen PC versuchen. Also hasten wir zu einem Internetcafé, das natürlich nur zwei PCs hat und die natürlich besetzt sind. Dann können wir endlich nach langem Warten den Antrag ausfüllen (!) und zurück zur Botschaft hasten, wo wir dann wieder an den Schalter drängen. Dass wir noch ein bisschen warten sollen, ignorieren wir einfach, und drücken der Dame immer und immer wieder unsere Dokumente in die Hand. Irgendwann fasst sie sich dann ein Herz, nimmt unser Geld und unsere Fingerabdrücke, sagt uns, dass es eine bis vier Wochen dauert, nimmt achselzuckend zur Kenntnis, dass wir Zeitdruck haben (die Flüge sind in gut zwei Wochen gebucht) und verabschiedet uns. Wir sollten uns glücklich schätzen, erfahren wir von einem irischen Visumsanstragsteller, der wohl schon fünf Wochen darauf wartet, seine Papiere abgeben zu dürfen…

Am frühen Nachmittag sind wir dann zurück bei unserem Host, völlig erledigt, und frühstücken erst einmal. Dabei wird klar, dass Losradeln heute zeitlich keinen Sinn mehr macht. Und zack! haben wir den Plan geändert und wollen nun mit dem Host, der eigentlich aus Shiraz ist, heute Nacht mit dem Nachtbus in den Süden nach Shiraz fahren, um von dort aus dann Richtung Yazd und Isfahan zu pedalen. Damit entspannt sich der Tag endlich, wir kuscheln uns noch ein wenig auf den Teppich, ich skype mit meiner Familie (auch wenn es sich nicht so anfühlt- ist ja mein Geburtstag) und dann satteln wir die Drahtesel, um die 15 Stadtkilometer zum Busbahnhof zu radeln. Der Stadtverkehr ist wieder jenseits aller Vorstellungen, überall schießen Mopeds an einem vorbei, alles schlängelt sich durcheinander und dabei muss man auf wirklich gefährliche Schlaglöcher aufpassen. Die Luft in den Straßen will man nicht atmen. Zeit, dass wir aus der Stadt kommen!!

Am Busbahnhof merke ich dann noch, dass mein Portemonnaie nicht mehr auffindbar ist. Ob ich es verloren habe oder ob es geklaut wurde, wird man nicht mehr erfahren. War auch nicht viel drin, das einzig wichtige ist die Kreditkarte, die meine Mama zu Hause dann nach ein paar Whatsapp-Nachrichten sperrt. Man danke Gott oder so für das Internet.

Wir sind wegen der Räder deutlich vor unserem Host Ali zum Busbahnhof aufgebrochen und ich hatte ihm nochmal eine SMS geschrieben, ob er zu Hause nochmal schauen kann, ob das Portemonnaie dort irgendwo liegt, und der gute ist dann extra von den U-Bahn nochmal nach Hause gelaufen, hat dort gesucht, nichts gefunden und auf weitere Anweisungen gewartet. Da hab ich aber das Handy nicht mehr gehört, weswegen er dann eine Dreiviertelstunde zu spät zum Bus los ist. Dennoch war seine einzige Sorge, dass uns eventuell kalt werden könnte… so gute Menschen hier!! Wir haben den Bus dann auch noch erwischt, Ali hat für uns super verhandelt, und dann sind wir in einen Bus gestiegen, wie wir ihn noch nie gesehen hatten… Für einen Aufpreis kann man hier Busse nehmen, in denen man extrabreite Liegesessel wie in der ersten Klasse im Flugzeug hat, in denen man warmes Abendessen serviert bekommt, wo ein dicker Perserteppich im Gang liegt und die einfach von vorn bis hinten LUXUS schreien. Und um mit so einem Geschoss 1000 km bzw 12 Stunden zu fahren, bezahlen wir 10 Euro… Deutsche Bahn, schau dir was ab! =)

So klingt der Tag noch sehr sehr schön aus, ich sitze neben Ali und wir futtern die Schoko-Pralinen, die er mir zum Geburtstag geschenkt hat, unterhalten uns sehr interessant über seine iranischen Ansichten und dann schlummern wir alle im durch den Iran schaukelnden Bus.

1.12.

Um 9:00 sind wir dann in Shiraz. Zuerst vergisst Marcel noch seinen Bus im Helm und Ali muss den Bus wieder finden, dann können wir die gute Seele endlich entlassen. Er ist nämlich in recht unangenehmer Mission unterwegs: sein Cousin hatte einen Autounfall, ist wohl sehr schwer verletzt und Ali möchte ihn im Krankenhaus besuchen. Tragisch ist an der Geschichte, dass ich Ali im Bus noch erzählt habe, wie kurios es für uns Deutsche ist, die haushoch überladenen Pick-Ups und LKW hier zu sehen. Oder die Motorräder, auf denen Kühlschränke transportiert werden. Als ich ihm sage, dass das in Deutschland nicht üblich weil verboten weil gefährlich ist, nickt er zustimmend und erzählt, dass sein Cousin eben genau deswegen einen Unfall auf der Autobahn hatte, weil von dem Fahrzeug vor ihm ein Sofa runtergefallen ist…

Wir drei frühstücken dann im Park vor dem Busbahnhof. Dafür sitzen wir einfach dort auf der Wiese zwischen den Blumenrabatten, was keinerlei Aufsehen erregt, weil der Iran die Picknicknation ist. Überall hier sitzen Leute in den Grünflächen und picknicken zusammen. Das Wetter ist herrlich sonnig, mir wird in meinem Regenmantel, den ich hier ja nicht ausziehen darf, ziemlich warm, und ich beschließe, mir für das Weiterfahren in diesem Wetter noch einen dünneren „Manto“ zu besorgen. Wichtig im iranischen Dresscode, der ja gesetzlich vorgeschrieben ist, ist, dass ich den Kopf bedecke, ein weites Oberteil an habe, das über den Hintern geht, und eine weit geschnittene Hose darunter. Alles zusammen soll keine weiblichen Formen erkennen lassen. Gerade in Städten wie Teheran hingegen gehen die Frauen mit ihrer Interpretation davon sehr weit und hier und da sieht man auch enge Strumpfhosen oder fast unbedeckte Haare, sodass ich schon fast konservativ daher komme =)

Wir fahren etwas durch Shiraz, um es uns anzusehen, und stehen irgendwann vor einem recht imposanten Gebäudekomplex. Es sieht sehr nach wichtiger Moschee aus, aber ein Passant sagt uns, dies sei der Basar, weswegen Marcel und ich hineingehen wollen, um mir den Manto zu kaufen. Chris bleibt bei den Rädern. Wir werden stutzig, als es einen Männer- und einen Fraueneingang gibt, und ich bezweifle, dass dies ein Basar ist, als mir ein Leih-Tschador (Tschador, wörtlich „Zelt“, ist ein zeltartiger Überwurf, eine Art Bettlaken, unter dem die konservativen Frauen hier verschwinden) übergelegt und eine Fremdenführerin zur Seite gestellt wird. Und zack! sind wir in einem der größten Heiligtümer des Irans, dem Schrein von irgendeinem Sohn des soundsovielten Imams und dessen Cousin. Ich darf mit der Fremdenführerin sogar in das Innere, und es ist atemberaubend schön. Jede Nische und alle Wände und Decken sind mit bunten, ganz feinen Spiegel-Mosaiken bedeckt, die dreidimensional aufgeklebt sind, dass es nur so glitzert und funkelt. Wie in einer riesigen Schatztruhe! Wir unterhalten uns sehr interessant über den muslimischen und den christlichen Glauben, dann darf ich mich auch noch kurz zwischen die betenden Frauen (bin natürlich im extra Frauenteil) setzen, um das alles auf mich wirken zu lassen. Als wir dann in einen zweiten Schrein gehen, sitzen da tatsächlich neben den betenden auch zB junge Studentinnen, die ihre Hausaufgaben zusammen machen, weil die Atmosphäre hier so gut ist =) Ich würde auch sehr gern hier sitzen und ein bisschen Farsi-Vokabeln üben.

Beim Verlassen des Schreins muss ich den Tschador wieder abgeben und dabei rutscht mir mein Kopftuch, das ich darunter trage, von Kopf, ohne dass ich es zunächst bemerke. Eine ältere Dame keift mich übel an, aber eine andere Dame wischt die Worte weg und lächelt mir sehr aufmunternd zu, als ich das Malheur bemerke und das Tuch wieder aufsetze, und entschuldigt sich mit vielen Gesten und Lächeln für ihre Landsmännin.

Dann finden wir mal wieder eine Falafelbude und auch noch einen Manto für mich, und so kann es gut ausgestattet endlich wieder auf’s Rad und raus aus all den Städten gehen. Leider ist die Straße, die Richtung Yazd führt, eine völlig verrückte Autobahn, furchtbar laut, dreckig, stinkend, einfach sehr stressig. Wir fahren zwar schön auf dem Seitenstreifen, aber die an einem vorbeiknatternden LKW, die vor Freude über uns auch noch übelst hupen, all die Mopeds und die Abgase machen mich verrückt.

Gegen Abend fahren wir dann ein paar Kilometer von der Autobahn weg und finden einen Ort, an dem einige Schilfhütten stehen und ein Mann noch bei der Arbeit ist. Natürlich dürfen wir das Zelt aufstellen, er erkundigt sich noch, ob wir noch irgendetwas brauchen, und dann sind wir allein in der iranischen Wüste. Wo wir tagsüber in der Sonne noch ordentlich geschwitzt haben, fällt die Temperatur jetzt mit Sonnenuntergang minütlich, bis wir bei ca. 0 °C unser Abendessen kochen und die erste Adventskerze in die Mitte stellen. Marcel kramt das extra so lange aufgehobene Päckchen mit Spekulatius aus, wir kochen Tee und haben einen herrlich ruhigen Abend unter dem Halbmond, der die weite Wüstenebene vor uns und die schroffen Felsenberge drum herum beleuchtet.

02.12.

Erst einmal ausschlafen nach den zwei Nächten niederer Schlafqualität- auch heute Nacht sind wir mal wach geworden, weil sich ein Hund an unser Zelt gebellt und unsere Mülltüte aufgerissen hat. Dann radeln wir los, immer weiter an dieser Autobahn entlang, bis eine kleinere Straße kommt, die parallel zur Autobahn und durch eine Stadt führt, in der wir unsere Wasser- und Brotvorräte aufstocken können. Dabei werden wir unglaublich oft angesprochen, aus dem Auto heraus nach unserem Befinden gefragt und um Fotos gebeten. Kurz nach der Stadt kommt das sagenumwobene Persepolis, vor dem wir die Räder abstellen, um abwechselnd einen Blick auf die Ruinen zu werfen. Niemand von uns ist sehr interessiert daran, Geld für alte Säulen zu bezahlen- viel interessanter ist da der Guide, der an unseren Rädern vorbei schlendert und uns einen historischen Überblick über die Stätte gibt. Dann radelradelradel weiter, zwischen zerklüfteten Bergen entlang und durch die knallende Sonne, die uns zwar sehr bräunt, aber nicht richtig zu wärmen vermag. Es ist kalt hier unten, und wenn die Sonne einmal hinter einem Berg verschwindet, wird es ganz schön kalt. Und dann ist’s mit dem Radeln auch mal wieder vorbei, weil mir wieder einmal eine Speiche reißt – scheinbar ist hier jemand zu dick für sein Rad 😉

Normalerweise ist das kein Problem und jetzt auch schon im Handumdrehen repariert, aber damit es immer spannend bleibt, geht diesmal auch die Kettenpeitsche kaputt und muss erst einmal wieder repariert werden, bevor wir die Reparatur angehen können. Auch das klappt aber nach einigem Gefluche gut und dann geht es im Dunkeln weiter. Das ist sehr schön, im Mondlicht zwischen den dicken Bergen hindurch zu fahren, und wir radeln so, bis wir an einem Bauernhaus vorbeikommen, wo noch jemand arbeitet, den wir fragen, ob wir dort das Zelt aufschlagen können. Das ist wie immer gar kein Problem, im Laufe des Abends wird es dem jungen Mann aber so unangenehm, dass er uns nichts anbieten kann (weil hier nur die Tiere wohnen, sonst niemand), dass er uns im Endeffekt zuerst Geld anbietet, und als wir das ablehnen, seinen Ring schenkt. Circa 20 Mal lehnen wir den ab, aber er nimmt ihn nicht mehr zurück, und so sind wir jetzt im Besitz eines Iranischen Siegelrings.

03.12.

Tagsüber zieht es sich heute einige kleine Anstiege hinauf, viel anstrengender ist aber der dichte, laute, stinkende LKW-Verkehr auf der dicken Autobahn neben uns. Wir zählen schon die Kilometer, in denen wir von der Autobahn nach Osten auf eine kleinere Nebenstraße abbiegen dürfen.

Am Abend kommen wir ziemlich müde in einer Stadt an, in der wir uns ein sehr billiges Hotel nehmen, in dem wir ein Apartment mit Küche und zwei Räumen bekommen =) Nach einer Dusche gehe ich los, um ein neues Handy zu kaufen, weil meines, das schon vor der Reise ordentlich lädiert war, nun vollends seinen Geist aufgegeben hat. Daher laufe ich zum Handyladen, schreibe mir das lokale Angebot auf, gehe mit dem Zettel ins Internetcafé, recherchiere ein wenig und schlage dann wieder im Handyladen zu. Der Handyladenmitarbeiter ist sehr nett und in einer Mischung aus Farsi und Englisch können wir uns sogar recht nett unterhalten, während ich die nächsten zwei Stunden hinten bei ihm im Laden sitze und meine Handyapps wieder runter lade =)

4.12.

Und heute ging es dann bergauf, bergauf, bergauf auf 2540m, wo uns schon fast die Kräfte verlassen. Aber wo es bergauf geht, geht es auch wieder bergab, und den Nachmittag rasen wir nur so die lange Abfahrt hinunter. Ich muss im Windschatten von Christian nur alle paar Minuten mal treten. Das Mittagessen mitten in der Wüste ist mal wieder episch, und als wir unsere Fladenbrote aufgegessen haben, hält ein lustiger LKW neben uns an, auf dessen Ladefläche fünf Männer auftauchen und sich tierisch über uns freuen. Sie machen ganz viel Fotos mit uns und schenken uns zum Schluss noch eine iranische Süßigkeit, die uns sehr begeistert (Summan aus Qom). Der Fahrer trägt eine geniale Haremshose, also so eine schwarze, weite Hose, deren Schritt irgendwo bei den Kniekehlen hängt. Sowohl Marcel als auch ich beschließen, so eine im Iran noch zu finden.

Gegen 15:00 haben wir schon 111km in der platten Wüste hinter uns gebracht und sind in Abarku, wo es eine alte Karawanserei zu sehen gibt- also eine Anlage, in der früher die Kamelkarawanen Pause gemacht haben. Es stehen in der ganzen Stadt verteilt noch Ruinen, die wir uns ansehen, und außerdem gibt es eine 4000 Jahre alte Zypresse zu sehen. Da ist es dann auch zu spät, um noch weiter zu fahren, und wir benutzen die Taktik „dumm gucken und auf den Marktplatz“ stellen, bis viele Menschen um uns herum stehen und uns helfen, einen Schlafplatz zu finden. Wir werden im Endeffekt im Gebetsraum des Bürgermeisterhauses untergebracht und schlafen dort sehr gut.

Meine Mama hat mir übrigens erzählt, dass es hier ein Naturschutzgebiet gibt, in dem Geparden, Leoparden etc. wohnen…. Da radeln wir morgen hin. Wo sind wir hier nur schon gelandet! So so so weit weg von zu Hause!

5.12.

Heut stehen wir früh auf, weil zwischen uns und Yazd heute ein 2800 m hoher Pass liegt (und wir gerade auf 1800 m rumdümpeln). Als wir jedoch mit Vorfreude die ersten 15 km gefahren sind, reißt mir doch tatsächlich die Felge… Genau das, was dem Christian ca. vor 500 km passiert ist! Und ich hatte mich vielleicht drei Minuten vorher noch gefreut, wie schön es ist, dass seit dem Werkstattbesuch in Tabriz alle Räder wieder wie neu funktionieren.

So beschließen wir, den Weg nach Yazd, der eigentlich noch ca. 2 Tage gedauert hätte, heute einfach mit dem LKW oder Bus zurück zu legen, und nach 10 Minuten hält auch schon ein LKW an, dessen Fahrer herausspringt und die Seifenkartons im Laderaum umsortiert, um unsere drei Räder und das Gepäck laden zu können. Und er räumt noch einen kleinen Liegeplatz frei, damit sein Kumpel, der auf dem Beifahrersitz geschlafen hat, hinten im Laderaum weiter pennen kann! Auch wenn wir sehr oft bedeuten, dass das jetzt echt nicht sein muss und auch wir zB nach hinten gehen können, wird der Freund dann hinten in den dunklen Kasten gelegt und wir drei drücken uns zum Fahrer, Akbar, nach vorne. Es wird eine sehr lustige und schöne Fahrt, weil Akbar sehr viel Lust auf Kommunikation hat, mir mehr Farsi beibringt und dabei etwas Deutsch lernt und wir uns über viel unterhalten können. Wir erzählen ihm die offizielle Version der Familiengeschichte (dass ich Christians Frau bin und Marcel Christians Bruder), was bei uns dreien dann immer wieder zu viel Gelächter führt, wenn Christian von seiner Familie erzählt, die plötzlich auch Marcels Familie ist. Und als wir erzählen, dass wir alle drei 26 Jahre alt sind, müssen wir uns fast totlachen, weil Christian und Marcel jetzt plötzlich Zwillinge sind- und sich so gar nicht ähnlich sehen =)

Außerdem toleriert Akbar es nicht, wenn ich Farsi-Vokabeln, die er mir beibringt, falsch buchstabiere, also nimmt er mir hin und wieder das Vokabelbüchlein aus der Hand und korrigiert meine Niederschriften. Dabei zieht er mit dem LKW unter lustigem Gehupe von allen Verkehrsteilnehmern über alle Spuren. Er bietet uns auch an, den LKW zu fahren, aber das wollen wir alle nicht =)

Am Ende lässt er uns 10 km hinter Yazd raus (warum nicht direkt in Yazd? Es wird ein Rätsel bleiben…) und versucht, seinen Kumpel zu wecken, der zwischen uns und den Rädern liegt. Es gelingt nur mäßig, der Freund zieht sich erst einmal noch protestierend die Decke über den Kopf, dann verkrümelt er sich in eine Ecke der Ladefläche und wir heben Gepäck und Räder über ihn drüber.

Wir rufen einen jungen Mann aus Yazd an, dessen Nummer wir durch dieses faszinierende iranische Radler-Netzwerk bekommen haben (von dem wir auch den Werkstattkontakt in Tabriz hatten, zB), und der will sich auch sofort mit uns treffen und mir mit dem Radproblem helfen. Erst einmal müssen wir aber die 10 km nach Yazd reinradeln, dabei reißt mir dann aber die Felge viel weiter, ca. 15 cm lang, auf und der Schlauch explodiert mit seinen 5 bar sehr beeindruckend. So werde ich dann von einem SUV mit nach Yazd genommen und treffe die Jungs dann dort vor dem Hotel wieder, das uns unser Kontakt hier empfohlen hatte. Als ich vor dem Hotel warte, treffe ich zunächst einmal die zwei Japaner wieder, die wir in der iranischen Botschaft in Trabzon getroffen hatten – alle freuen sich enorm! Und dann kommt auch unser Kontakt, der Yaqub, und zeigt uns das (eigentlich für unser Budget etwas zu teure, aber was soll’s…) Hotel. Das Hotel ist ein traditionelles Yazder Hotel und hat einen wunderschönen überdachten Innenhof, von dem die Zimmer abgehen und in dem so Tagesbetten stehen, auf denen man rumlümmeln und Tee trinken kann. Außerdem kommen hier sehr viele Reisende unter, sodass wir den Abend mit zwei anderen Reisenden aus Irland bzw. Lettland mit durch-die-Stadt-schlendern verbringen. Derweil kümmert sich Yaqub um mein Rad, denn Yaqub ist Radsportprofi und besitzt zudem noch einen Radladen in Yazd und einen in Isfahan. Er versucht nun, hier in Yazd eine gute neue Felge für mich aufzutreiben. So ein Service, und so ein netter Typ!

6.12.

Wir laufen den ganzen Tag durch Yazd und schauen uns die wunderschöne Stadt an =)

Am Nachmittag sind wir auf dem Weg zu einem Zoroastrischen Tempel, da laufen uns doch tatsächlich die Bostrotters wieder über den Weg! Und wieder freuen wir uns alle tierisch, uns zu sehen, gehen zusammen Tee trinken, spielen mit den Kindern und essen auch noch zusammen zu Abend bei uns im Hotel. Die Familie bestellt Kamelfleisch, das muss ich dann auch mal kurz probieren, stelle aber keinen Unterschied zu Rind fest und hege den Verdacht, eventuell von der Küche veräppelt worden zu sein.

Außerdem baue ich mit Yaqub noch ein komplettes Ersatz-Hinterrad in mein Fahrrad, weil er in Yazd keine gute Felge für mich auftreiben konnte. Somit ist der Plan nun, dass ich mit dem Ersatzhinterrad bis nach Isfahan fahre und wir dort eine richtige neue Felge einbauen. Zwischen Yazd und Isfahan, so haben wir nun geplant, soll diesmal keine Fahrt auf der Autobahn liegen. Stattdessen wollen wir die gut befahrenen (und gut ausgebauten) Straßen verlassen und quer durch die Wüste fahren. Die Strecke wird auf Google Maps angesehen, ausgespäht, wie gut oder schlecht der Straßenzustand sein könnte, und wir freuen uns auf das Abenteuer.

7.12.

Morgens geht es dann auch schon wieder raus aus Yazd, nachdem wir noch sehr nett mit einem belgischen Reiseradler gefrühstückt haben, der auch in dem Hotel untergekommen ist und der open end, ganz in seiner eigenen Geschwindigkeit und nur seinem Bankkonto verpflichtet, durch die Welt tourt… Da werden wir alle mal wieder ein wenig sehnsüchtig nach der großen Freiheit der Unabhängigkeit.

Wir fahren unsere hoffentlich letzten 100 km Autobahn und kommen abends in Akhda an, was sich unerwartet als unglaublich schönes Städtchen mit alten Lehmhäusern und engen, gewundenen Gässchen herausstellt. Wir stehen ein wenig blöd vor der Moschee, weil wir eigentlich dort drin schlafen wollen, jetzt gerade aber Gebetszeit ist, bis Yaqub sich meldet und sagt, dass er gerne heute Abend mit dem Auto hinter uns her fahren und mit uns in der Wüste zelten würde. Alles klar, das klingt auch super! Also fragen wir, wo die Straße aus Akhbar hinaus in die Wüste denn anfängt (da sie so klein ist, dass mein Navi sie nicht mehr kennt), und ein Mann steigt auf sein Motorrad und fährt vor uns her. Er hält aber zunächst an seinem Haus und bittet uns auf einen Tee herein, was wir auch sehr gern annehmen. In seinem Wohnzimmer sitzen wir mit der Familie auf dem Teppich und bekommen Mandeln, Pistazien, Granatäpfel, Mandarinen und süße Zitronen (!) serviert und versuchen, eine kleine Konversation zu betreiben. Wir werden auch eingeladen, die Nacht dort zu schlafen, lehnen aber ab und radeln dann noch im Mondschein weiter hinaus in die Wüste. Die Familie hat uns abgeraten, diese Strecke zu nehmen, dort seien nach 50 km die Straßen nur noch Sand- aber wir haben von Yaqub die Information, dass die Straßen beradelbar wären, also wollen wir es versuchen!

10 km hinter der kleinen Stadt schlagen wir dann das Zelt auf, Yaqub kommt noch mit einem Freund vorbei, wir machen Feuer und haben einen sehr schönen Abend unter dem dicken Mond. Lustigerweise fährt Yaqub nach ca. einer Stunde wieder, obwohl er uns eben ca. 110 km extra hinterher gefahren ist, um mit uns in der Wüste den Abend zu verbringen. Benzin ist sehr billig im Iran… =)

Ziemlich kalt ist es auf jeden Fall, ich würde schätzen, die Nacht hat ca. 1 °C.

8.12.

Jetzt geht es wirklich rauf in die Wüste! Die Teerstraße hört nach einem sehr kleinen Ort auf, in dem sich die Jungs noch eine handgemalte Karte über den weiteren Verlauf der Route anfertigen lassen. Die besagt: immer geradeaus. Bis zu den Strommasten. Da verzweigt sich der Weg. Links halten. Und dann immer geradeaus, 30 km bis zum nächsten Ort. Auf dem Weg treffen wir niemanden, wir machen an den Strommasten Pause und Marcel und Christian diskutieren, welcher der zwei Pfade, die nun beide recht parallel an den Masten vorbeiführen, denn der gemeinte ist. Es scheint recht waghalsig, hier jetzt einfach weiter zu fahren, wenn wir uns schon am Anfang unserer Wüstenetappe nicht einig sind, welcher Weg der richtige ist. Dann denken wir uns aber, dass wir genug Wasser, zwei Kompasse und ein Navi dabei haben und im Notfall auf jeden Fall einfach zurück fahren könnten. Und die Jungs einigen sich auch darüber, welchen Weg wir weiter fahren, und so geht es weiter, durch sandige Staubpiste und endlose Weite, immer leicht bergauf. Über den ganzen Tag klettern wir 800 Höhenmeter. Irgendwann, wohl nach 30 km, kommen wir an dem „Ort“ an, den uns die Menschen im Dorf davor genannt hatten. Es ist eine einsame, wunderschöne Farm an einer einsamen Quelle auf dem einsamen Kamm des Berges, bei der wir von den beiden Mitarbeitern direkt zum Tee hereingebeten werden. Sie sind sehr lustig und freundlich, wir betreiben Basis-Konversation und der eine spielt uns noch auf einem iranischen, zweisaitigen, bauchigen Zupfinstrument erstaunlich schöne traditionelle Musik vor. Sie zeigen uns ihre Mandel- und Granatäpfelbäume, ihre Schafe und Ziegen und die Intensivtierhaltungsställe mit 5000 Hühnern, die wir hier oben nicht erwartet hätten. Dann fahren wir weiter, finden nach kurzer Zeit die schon wieder etwas befestigtere Straße und freuen uns sehr, dass wir wieder auf einem Weg sind, den das Navi kennt- und der eindeutig Richtung Isfahan geht!

Hier oben ist es magisch- wie so oft sind um uns herum die dicken Berge und wir radeln im Sonnenuntergang über die Staubpiste durch die Hochebene. Es ist total still. Als wir mal wieder über eine Kuppe steigen, taucht weit unter uns der Salzsee auf, der uns zur Orientierung dient und der in der untergehenden Sonne wunderschön aussieht. Da beschließen wir, dass es für heute gut ist und dass wir unser Zelt vor diesem Hintergrund aufbauen möchten.

In dieser Nacht wird es rattig kalt- zuerst ist dort auch kein Mond, was uns einen völlig übertriebenen Sternenhimmel auf samtschwarzenem Hintergrund beschert, den ich mir noch unter freiem Himmel im Schlafsack anschaue, während die Kälte die Jungs schon ins Zelt gezwungen hat. Wie gesagt- bis auf Marcels Schnarchen hin und wieder ist es komplett still. Wann habe ich das zum letzten Mal erlebt?

Irgendwann geht dann aber auch der Mond hinter den gezackten Berg-Scherenschnitten auf und klaut mir leider sehr viele Sterne, da gehe ich auch schlafen. In der Nacht ist es wohl so kalt wie bisher noch nie auf dieser Reise- am Morgen sind alle Wasserflaschen teilweise gefroren und wir müssen den Kocher nicht nur zum Kaffeekochen anschmeißen, sondern auch, um unser Zahnputz- und Trinkwasser zu erwärmen.

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