Alltag

Zwischen schreiben des Artikels und dem hochladen liegen 50 Tage. Wundert euch also nicht, wenn der Alltag noch an die Türkei angepasst ist.

Schon lange hab ich einen Alltagsartikel geplant, aber nun ist es soweit. 🙂

Endlich kommen auch mal die kleinen Dinge zur Ansprache, die sonst hinten runter fallen und in einem Reisebericht halt auch nichts verloren haben. Aber gerade die kleinen Dinge, die für uns eben alltäglich sind, sollen hier auch einmal erwähnt werden.

Beginnen wir nun also den Tag. In der Regel stehen wir zusammen mit der Sonne auf. Der Erste bin dabei meistens ich (Christian). Nachdem sich alle aus ihrem Schlafsack rausgepellt haben, gibt es Frühstück. Jule macht für sich und Marcel einen Kaffee und ich decke den „Tisch“ (packe den Inhalt meiner großen Ortlieb-Tasche aus). Wir präferieren für das Frühstück Ekmek (türkisch für Brot). Auf das Ekmek gibt es dann Marmelade, Schokocremé, Honig, Tahin, Käse, Haselnussbutter oder Tomatenaufstrich. Gerne werden die Sachen von Marcel und Jule auch miteinander kombiniert. Manchmal gibt es zum Frühstück auch noch die Reste vom letzten Abend. Nach dem Essen wird dann der ganze Krempel zusammengepackt und das Zelt (sofern es aufgebaut wurde) abgebaut. Anschließend werden auch noch mal die Wasserflaschen aufgefüllt mit Leitungswasser, oder gekauftem Wasser. Vom Aufstehen bis zum Po auf den Sattel heben vergehen hierbei sicherlich 2 Stunden. Euch erscheint das recht lang? Uns auch! Aber wir haben aaber keine Ahnung, wo die Zeit morgens liegen bleibt und wie wir schneller werden könnten.

Geht es dann endlich los (meist zwischen 8:30-10:30 Uhr), verabschieden wir uns herzlichst von unseren Gastgebern, so wir denn welche hatten, und machen noch ein gemeinsames Foto. Auf den ersten Tageskilometern habe ich dann meistens stark zu kämpfen, ehe meine Beine das tun was ich will. Kommt dann auch noch ein steiler Berg gleich in der Anfangsphase, fahren mir Jule und Marcel gleich davon. Besonders Marcel schießt die Berge geradezu hinauf, außer wenn es zu steil wird, dann hält er sich an das Motto: „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt!“ Generell fahren wir eigentlich immer als Gruppe, nur an Bergen fährt jeder in seinem eigenen Tempo. In regelmäßigrn Abständen wird dann aufeinander gewartet.

Nach etwas mehr als einer Stunde radeln wird die erste Kekspause eingelegt. Generell machen wir ca. aller 60-90 Minuten eine Kekspause, um Energie nachzuschieben.

Die Mittagspause folgt dann zwischen 12:30-14:30 Uhr. Hier gibt es an sich das gleiche wie schon zum Frühstück, nur mit dem Unterschied, dass mit Hilfe von verschiedenem Gemüse von Jule und Marcel häufig Burger hergestellt werden. Christian hingegen trinkt gerne mal ein Pausenbier, vor allem wenn es warm und anstrengend ist. Nach etwas mehr als einer Stunde machen wir uns dann wieder auf den Weg.

Sofern die Etappe flach ist, fahren wir auch die ganze Zeit im Windschatten und wechseln uns dabei ca. aller 8km ab. Klar sollte man das eigentlich öfters machen, aber wenn man vorne im Wind ist, ist die Motivation auch immer besonders groß. 🙂

Nachmittags werden in der Regel dann auch wieder die Vorräte an irgendeinem dieser zahllosen kleinen Lädchen aufgefüllt. Es wird Wasser, Bier, Brot und anderer Kram gekauft. Bezahlen tun im Übrigen meist Jule oder Marcel, da sie gebührenfrei über die DKB abheben können.

Nach etwas mehr als 5 Stunden auf unseren Drahteseln suchen wir aufgrund der einbrechenden Dunkelheit eine Unterkunft. Sind wir in großen Städten, dann nutzen wir Couchsurfing oder Hotels. Lieber aber befinden wir uns in kleinen Dörfern, wo wir meist gleich beim ersten Haus anfragen, ob wir unser Zelt im Garten aufstellen dürfen. Fast immer dürfen wir das auch oder werden sogar hereingebeten und bekommen etwas zum Abendbrot sowie Cay (Türkischer Tee) angeboten. Diese Angebote werden im Übrigen mit Nachdruck ausgesprochen und lassen sich kaum ablehnen, was wir ja in der Regel auch nicht wollen, da wir gern in den Kontakt mit Menschen kommen. 🙂

Für den Fall das wir selber kochen, machen wir uns meist einen Gemüsepamps, mit dem was eben da ist und als Beilage gibt es Nudeln, Reis, Linsen oder Couscous. Unsere Küchenchefin ist dabei meist die Jule und Marcel und ich sind die Schnippler.

Vor dem Essen wird aber noch das Zelt aufgebaut und ich trinke ein Feierabendbierchen (EFES). Jule hingegen präferiert Tuborg. Weitere Sorten gibt es in der Türkei auch kaum und auch Marcel, hat hier noch kein alkoholfreies Bierchen bekommen.

Nach dem Essen wird dann noch ein Skat geklopft, Tagebuch, Homepagebericht und SMS geschrieben oder, sofern vorhanden, mit den Gastgebenden gequatscht. Sind wir bei Couchsurfern, können wir Gespräche führen die in die Tiefe gehen. Sind wir allerdings bei der Landbevölkerung zu Gast bleibt das Gespräch, aufgrund der Sprachbarriere eher oberflächlich, aber nicht minder Interesant. In diesen Fällen versuchen wir uns mit dem Point-It, einer Vokabelliste, digitalen Übersetzern sowie Händen und Füssen weiterzuhelfen. Auch Familienfotos kommen immer gut an, da dass die Leute interessiert.

Nach einem anstrengenden Radeltag, bei dem wir immer so zwischen 60 und 100 Kilometer radeln (neuerdings auch mehr), brauchen wir auch eine gute Mütze voll Schlaf. Am meisten davon braucht Marcel, der nicht nur als letzter aufsteht, sondern auch als erster ins Bett geht. Schlafen gehen heißt für uns im Übrigen zwischen 20-1 Uhr anfangen zu ratzen. Die Zeiten variieren je nach Unterkunft und dem verfügbaren Licht sehr stark. Heut sind wir z.B. mal wieder im Zelt, weswegen keiner länger als 21:30 Uhr aufbleibt.

An sich ist damit auch ein ganz gewöhnlicher Radeltag zu Ende, außer er hält nachts noch die Höchststrafe bereit und man muss raus in die Kälte, weil man es einfach nicht mehr aushält und unbedingt pullern muss.

Was mir auch einfällt, aber nicht in den Beitrag gepasst hat:

Irgendwann am Tag trinken wir mindestens eine Tasse Cay, meistens aber mehr. Das türkische Nationalgetränk gibt es hier überall für oftmals nur 1 türkischen Lira (ca. 35 Cent) zu erstehen und schmeckt wirklich unheimlich lecker. In den Restaurants und Teestuben können wir so auch immer für wenig Geld deren Internet nutzen. Nicht selten gibt es das Heißgetränk auch ganz umsonst oder im Gegenzug zu ein paar Radstorys der verrückten Deutschen, die mit dem Fahrrad um die Welt reisen.

Hätte ich den Artikel im Übrigen vor einem Monat geschrieben, wie eigentlich geplant, hätte dieser etwas anders ausgesehen. Zum Frühstück hätte es z.B. Müsli gegeben und übernachtet hätten wir fast immer im Zelt. Außerdem war das noch die Zeit, in der Ena uns zu Höchstleistungen angetrieben hat und Mücken sowie Hunde furchtbar nervig waren. 🙂

In einem Monat wird unser Alltag bestimmt wieder ganz anders aussehen und dann werden wir erneut davon berichten.

Es verbleibt mit besten Grüßen

Lazy Biker Chris 🙂

Advertisements

Iran Nr. 3

Aus der Feder von Chris:

9.12.

Was war ich froh, dass wir das mit der sternenklaren Nacht in der Wüste doch noch hinbekommen haben, denn die Jule hat schon die ganze Zeit davon geschwärmt wie gern sie das erleben würde. 🙂

Der kalte Morgen danach war leider weniger erfreulich. Bei einer solchen Kälte macht das Frühstücken einfach keinen Spaß: Es frieren einem bald die Finger ab, das Wasser ist so kalt, dass die Zähne wehtun und die Gaskartuschen können das teilweise gefrohrene Wasser kaum erwärmen. Zu allem Überfluss hatten wir nicht einmal genügend Brot dabei.

Unsere Drahtesel haben wir dann dennoch bestiegen und die relativ menschenleere Steppe (andere mögen es Wüste nennen) entschädigte für das karge Morgenmahl. Nur ab und an begegnete uns ein LKW, während wir auf der immer besser werdenden Schotterstraße unterwegs waren. Dann schließlich kamen wir zu einem Bautrupp, hinter dem die geteerte Straße anfing. Eines Tages wird wohl auch die restliche Piste befestigt sein und der Verkehr auch durch diese Gegend rollen. Bis dahin kann allerdings noch eine gewisse Zeit vergehen, denn die Bauarbeiten schreiten recht langsam voran, zumindest deutet der geteerte Teil der Straße darauf hin, da dieser vom ersten Kilometer an schon wieder mit Löchern durchsetzt ist.

Die Straße führte uns lange Zeit vorbei an einem riesigen Salzsee, an verlassenen Häusern und an viel Nichts. So leer wie die Gegend waren auch unsere Mägen, denn außer ein paar Keksen konnten wir ihnen Leider nichts anbieten. Nach insgesamt 58 Kilometern sind wir dann endlich in Varzaneh angekommen. Das war der erste Ort seit über 100km und er hatte auch gleich eine Imbissbude, wo wir uns mit Falafel und Pizza eindeckten. Mit gefüllten Mägen sind wir dann locker flockig weitergeradelt. Mittlerweile gab es auch wieder mehr Verkehr und grüßende Menschen um uns herum.

Heute sollte dann auch endlich einmal der große Tag sein, an dem wir in einer Moschee übernachten wollten. Wir hatten schon so oft gehört, dass diese Gotteshäuser auch Reisende aufnehmen würden. Wir hatten allerdings keinen Erfolg. Es versammelte sich zwar ein beachtliche Anzahl an Menschen um unser herum, die Räume blieben aber verschlossen. Stattdessen lud uns eine der herumstehenden Personen zu sich nachhause ein. Wie sich später herausstellen sollte, war es nicht sein Haus, sondern dass seines Schwagers. Wir haben natürlich trotzdem dankend angenommen. Sogleich wurde noch die Schwiegermutter herbeigeholt, die auch für uns kochte. Besonders interessant war, dass sie auch in der Wohnung den Tschador (der traditionelle schwarze Umhang) anbehielt. Wir hielten uns dementsprechend ebenfalls mit dem entledigen der Kleidungsstücke zurück und das obwohl unsere Gastgeber die Räumlichkeit wirklich beachtlich einheizten. Nach gefühlten 100 Tassen Tee und einem regen Austausch mittels der mitgebrachten Farsi – Deutsch-Vokabelliste, ging es mit über 100km Radstrecke in den Beinen, ins Bett.

10.12.

Heute also der letzte Radtag in diesem Jahr, an dessen Ende wir immerhin auf 68km kommen sollten. Erstmal galt es allerdings etwas für das Fotoalbum zu tun, denn schließlich hatten wir unseren 5000. Kilometer absolviert. Schon Mittags erreichten wir Esfahan, die mit 2 Millionen Einwohnern drittgrößte Stadt des Irans. An einer Ampel wurde ich von Jule und Marcel getrennt. Als ich wieder herankam, quatschten die Beiden mit einer Frau, was im Iran absolut nichts unübliches ist. Als ich dann allerdings noch näher heran kam, sah ich, dass unter dem Kopftuch Jules Mutter Britta steckte. Sie ist uns extra besuchen gekommen und wird uns die kommende Woche begleiten.

Als erstes rollen wir zu ihrem Hotel, welches sich auf der anderen Straßenseite befindet. Aufgrund der schwierigen Bebauung, müssen wir mit unseren Rädern aber einen kleinen Bogen machen. Als wir vor dem Hotel ankommen, steht Britta immer noch auf der anderen Straßenseite. Wir müssen lachen, denn so haben wir im Iran auch angefangen. Man muss lernen, dass man hier eben nicht wartet bis der Verkehr abreist oder ein Auto anhält um einen über die Straße zu lassen, denn beides wird nicht passieren. Stattdessen muss man einfach selbstbewusst und in konstanten Tempo über die Straße gehen, sobald es eine kleine Lücke gibt. Die Autos und Motorräder bremsen dann schon. Britta wird diese Lektion bereits am ersten Tag lernen. Fürs erste holt Jule ihre Mutter aber noch von der anderen Straßenseite ab, um sie mit hinüber zu nehmen.

Unser Besuch hatte auch dringend erwartetes Material mit. So konnten wir mal wieder eine richtige Brotzeit machen mit veganen-bio-Aufstrichen, Brot und Brötchen sowie selbst gebackenen Keksen. Richtig Klasse! Vielen Dank dafür! 😉

Nach dem Essen gab es erst einmal einen kleinen Stadtspaziergang zum angeblich zweitgrößten Platz der Welt. Eingerahmt wird dieser von herrlich verzierten Häuserzeilen, in denen sich eine Menge Verkaufsstände befinden. Aber nicht nur das. Der Platz scheint auch ein Magnet für zahlreiche Touristen zu sein. So habe wir u.a. eine Frau, die wir in Yazd kennengelernt hatten, wiedergetroffen und den griechischen Reiseradler Konstantin kennengelernt, von dem uns bereits unser Host in Tabriz berichtet hatte. Während ich noch mit dem Pedaleur quatschte besichtigten die anderen drei eine anliegende Moschee, in der sie die Japaner sahen, die wir sowohl in Trabzon, als auch in Yazd getroffen hatten. Wie klein ist doch die Welt?!

Konstantin ist ein außergewöhnlicher Reiseradler. Trotz seiner geschätzten 60 Jahre begibt er sich alleine auf einem Zweirad in Richtung Indien und das mit einem herkömmlichen Rad für schlappe 300€!!! Besonders unfair: Mit seinem billigen Fahrrad hatte er bislang keinerlei Problem. Nicht zu fassen.

Abends ging unsere Reisegruppe dann getrennte Wege. Während Jule und Britta im Hotel eincheckten, suchten Marcel und ich unseren Host (Mehmet) auf. Schnell hatten wir ihn gefunden, doch wir mussten erfahren, dass wir nicht bei ihm, sondern bei einem Kumpel (Ali) übernachten würden. Auch wohnt dieser nicht in der Nähe des Treffpunktes, sondern 5km den Berg rauf. Wir haben also unsere Räder nach oben gebuckelt während die beiden Hosts Taxi gefahren sind.

Ali zeigte uns im Laufe unseres Aufenthalts seine Bilder, die er gemalt hat. Viele dieser Werke verkauft er wohl auch als Zuverdienst zu seinem Studium (Teppichdesign). Nach einigen netten Gesprächen ging es für uns ab in die Heia.

11.12.

Große Städte und Sightseeingprogramm, das ist so eine Sache mit Christian. Würde Jule jetzt schreiben, dann würden bestimmt detaillierte Bilder von wunderschönen Moscheen und Palästen in euren Köpfen entstehen. In der tat sind Gebäude wie die Blaue Moschee auch unglaublich aufwendig und schön verziert. Es ist wirklich spannend so etwas mal zu sehen und an einem Platz zu sein, der so viele Menschen von höchster Bedeutung ist. Bei Palästen aber schalte ich weitgehend ab. Für mich sind das ein paar protzige Hütten, die sich die reichen Herrscher einst hingestellt haben, während die Bevölkerung kaum genug zum Essen hatte. Das ist für mich in etwa so, als würde ich heute zu den Villen der Aldi-Familie Pilgern oder das Anwesen der kik-Manager besichtigen. Ihr mögt vielleicht lachen, aber ich bin mir absolut sicher, dass die Menschen in 100 Jahren eben das machen werden.

Zum Mittag Essen hat uns Britta heute in ein traditionell iranisches Restaurant eingeladen, welches interessanter Weise sogar einen Weihnachtsbaum besaß. Das Essen war gut und den Deutschen Gästen wurde auch gleich eine Deutsche Fahne auf den Tisch gestellt.

Am Abend sind Marcel und ich mit unseren Hosts durch die Straßen gezogen. Folgt man ihnen nur 15 Minuten, so drängt sich bereits das Gefühl auf, dass Mehmet und Ali in Esfahan ungefähr die Hälfte der Menschen kennen. Überall halten sie einen kurzen Plausch und quatschen mit den Leutchen, die wohl vornehmlich Künstler sind.

12.12.

Heute ist wieder nichts spannendes passiert bei Marcel und mir. Einzig erwähnenswert ist, dass wir im Internet waren, weil das nicht alle Tage klappt.

Britta und Jule hatten da schon mehr Action, da sie noch einmal das Hotel gewechselt haben. Während wir Jule auf dem Fahrrad begleitet haben, hatte Britta noch eine ungewollte Stadtführung mit dem Taxi bekommen. Vielleicht wird Britta noch einen Gastbeitrag für unsere Homepage schreiben. Dann bekommt ihr einige Geschichten noch ausführlicher zu lesen, da die beiden Damen ja doch oft ein etwas anderes Programm als wir hatten.

Am Abend noch eine böse Überraschung. Mehmet, der inzwischen mit seinen Freunden nach Shiraz gefahren war, hat uns angerufen und gesagt, dass wir für die Übernachtungen Geld zahlen sollen an Ali. Das ist natürlich eine Unart, denn so etwas macht Plattformen wie Couchsurfing kaputt. Dazu wollten wir auf keinen Fall einen Beitrag leisten, was wir Ali (bei dem wir ja eigentlich übernachteten) auch klar machten. Er hatte damit kein Problem. Dennoch machte es die gute Stimmung zwischen uns etwas kaputt. Die letzten Tage waren eigentlich recht lustig und so hatte Ali unter anderem auch einige kleine Bilder extra für uns gemalt. Um uns dennoch irgendwie erkenntlich zu zeigen, haben wir ihm dann unsere Peace-Fahne dagelassen, welche den weiten Weg von Freiberg bis nach Esfahan zurückgelegt hatte. Ali, welcher selber mit vielen Peace-Symbolen hantiert, hat sich darüber auch sehr gefreut. Vielen Dank für die tolle Zeit!

Eine Geschichte bleibt noch, die zu unserem Host erzählt werden muss: Am ersten Abend hat er uns den Kreidekasten hingereicht und jeder durfte eine Farbe wählen. Dann hat er an seine Wand ein Rechteck gezogen und wir konnten frei drauf losmalen. Das ganze wurde noch signiert und fertig. 🙂

13.12.

Heute sollte es nun also mit dem Bus wieder nach Teheran gehen. Um Jules Mutter auch mal etwas anderes als immer nur die großen Städte zu zeigen, haben wir noch einen Zwischenstopp in Kashan eingelegt. Das Städtchen hat eine ähnliche alte Bausubstanz wie Yazd, hab ich mir von den Anderen sagen lassen. Gesehen habe ich das Städtchen nämlich nicht, da ich auf das Gepäck und die Räder auf dem Busterminal aufgepasst habe. War auch mal schön einige Stunden Zeit zum lesen und Postkarten schreiben zu haben.

Die Weiterfahrt nach Teheran war dann sehr staureich. Grund dafür war ein Feiertag, der dem Imam Hussein gilt, welcher vor vielen Jahrhunderten ermordet wurde und einer von 12 Nachfolgern Mohammeds ist. Ihm galten auch all die Schwarzen Trauerfahnen, welche wir während unserer Reise durch den Iran gesehen hatten.

In Teheran kamen wir dann auch sehr spät an und wurden am Busterminal von Ursula und Ali, bei denen wir die restlichen Tage verbringen sollten, in Empfang genommen. Ursula ist eine alte Freundin von Britta und vor mehr als 20 Jahren zusammen mit Ali (gebürtiger Perser) und den beiden Töchtern in den Iran ausgewandert.

Die Beiden hatten einen Pick-Up bestellt, auf den unsere Räder und das Gepäck verladen wurden. In einen weiteren Minibus wurden dann wir verladen. 🙂

Ali und Ursula haben uns eine Hälfte ihrer wunderschönen Wohnung zur Verfügung gestellt. Besonderes Highlight für den geplagten Radreisenden war eine europäische Toilette und eine Badewanne. Super Sache!

Da es schon spät war und am nächsten Tag die indische Botschaft auf uns wartete, ging es dann husch husch ins Bett.

14.12.

Die zweite Nacht in Folge viel zu zeitig aufstehen. Obwohl wir in Teheran ja fast schon U-Bahn-Profis sind, hat uns Ali bis zum Gleis gebracht. Das ist nur ein Beispiel der Fürsorglichkeit die uns in den nächsten Tagen noch zu Teil werden sollte. Es war fast ein bisschen wie Zuhause bei den Eltern und Großeltern. 🙂

Weniger fürsorglich ging es auf der indischen Botschaft zu. Es herrschte die gewohnt miserable Stimmung, ohne die Anscheinend keine Visa-Ausstellung abläuft. Immerhin bekommen wir heute ein festes Datum gesagt, wann unsere Visen abholbereit sind. Einziges Manko: Es ist nach unserem Abflug. Nach kurzen Verhandlungen können wir es aber wohl auch 2 Tage eher bekommen. In der Botschaft spricht Jule außerdem noch mit einem Niederländer der gleich wieder geht, als er hört wie schwierig man hier sein Visum bekommt.

Nachdem der wichtigste Tagespunkt absolviert ist, besorgen sich Jule und Marcel nach einer langen Odyssee durch die Stadt Bücher. Später gehen dann Ursula, Britta und Jule ins Juwelen-Museum, während Marcel und ich die alte Amerikanische Botschaft anschauen. Letztere wurde nach der islamischen Revolution (Ende der siebziger) besetzt und geschlossen. Heute verziert antiamerikanische Hetze die Botschaftsmauern. Allerdings hatten wir uns die deutlich umfangreicher vorgestellt. Da haben wir einige Male schon schlimmere Sachen gesehen.

Beim Kaffee trinken waren wir dann wieder vereint und hatten auch noch Zuwachs bekommen. Fatima hatte sich uns angeschlossen. Das junge Mädchen war sehr aufgeweckt und trug das Kopftuch kaum noch über den Haaren. Immer wieder rutschte es sogar komplett runter und das war nicht ungewollt.

Am Abend hat dann der liebe Ali für uns gekocht und wir haben zusammen gegessen.

15.2.

Keine 72 Stunden her und mir fällt auf Anhieb nicht ein was wir gemacht haben. Ah doch da kommt es. Ich hab nachts noch lange mit Zuhause geskypt. Lieben Gruß an die Mama und die Schwester. 🙂

Entsprechend lange hab ich dann auch am Morgen geschlafen und den Tag für Internetrecherche genutzt, was ich mir schon sehr lange vorgenommen hatte. War mal wieder richtig schön. Die anderen sind noch vor dem Sonnenaufgang aufgestanden und in Richtung der Berge aufgebrochen, die direkt an Teherans Norden angrenzen. Marcel und Fatima sind eine etwas größere Strecke gelaufen und wohl relativ einsam in den Bergen gewesen. Ab und an zeigen Totenkopfsymbole, dass die Strecke wohl recht gefährlich ist, was aber nicht stimmt. Ein Highlight war eine 200m Rutschpartie über den Schnee. Eine schöne Aussicht über Teheran hatten Fatima und Marcel aber wohl nicht, denn über Teheran lag eine riesige Smogwolke, die bloß bei Regen und Wind durchbrochen wird.

Jule, Ali und Britta sind auch ein Stückchen gewandert, aber nicht all zu viel. Sie hat es stattdessen auf den Basar gezogen. Am Abend haben die lieben dann berichtet, dass sie Jule fast verheiratet hätten. Das ist tatsächlich kein Scherz und war richtig ernst. Jedenfalls von der Partei des Mannes. Ein Ladenbesitzer auf dem Basar hatte anscheinend gegenüber Ali geäußert, das er Jule für seinen Sohn als passend empfinden würde. Eben jener wurde dann auch kurz hergewunken, ehe der Vater nach einer Minute seinen Sohn wieder weggeschickt hat, da er nicht so lange auf Jule schauen sollte. Es wurde noch geklärt, dass beide die Sprache des jeweils anderen binnen 3 Monaten lernen sollten und dann kann geheiratet werden. Letztendlich sind Britta, Jule und Ali dann aber doch gegangen. Die beiden Mädels hatten die Unterhaltung wohl nicht richtig verstanden und Ali hatte anscheinend Spaß daran, auch wenn er Jule natürlich niemals verheiratet hätte. Kann er auch nicht, denn sie muss ja schließlich noch ein bisschen mit uns radeln. Was dann in 5 Monaten passiert ist mir egal. 🙂

16.12.

Heute war nun also der große Tag des Visum Abholens. Das ganze hat dann auch ratzbatz und zügig geklappt. Einziges Manko wir haben nur 30 Tage Visa bekommen anstatt der beantragten 90 Tage. In der kurzen Zeit müssen wir auch noch das Myanmar-Visum beantragen und Besuch bekommen wir ja auch. Damit steht dann wohl auch fest, dass wir auch in Indien mal wieder den ÖPNV testen müssen. Besonders ärgerlich ist, dass es seit November in Indien ein Visa on arrivel für 30 Tage gibt. Wir hätten uns den ganzen Ärger mit der indischen Botschaft in Teheran also sparen können. Nun ja, so ist das Leben eben. Beeindruckend ist auch, dass die äußerst unfreundliche Dame, die die Visen bearbeitet sich innerhalb von zwei Wochen eine regelrechte Festung gebaut hat. War bei unserem ersten Besuch nur ein Fenster zwischen uns, hatte sie beim zweiten bereits ein Gitter davor und Tresen so vor das Fenster gestellt, dass nur noch eine Person durch den schmalen Gang nach vorne treten konnte. Bei unserem letzten Besuch wurde dann sogar noch das Gitter mit Papier abgeklebt, so dass man die Person mit der man redet nicht mehr sehen kann, außer wenn man sich bückt und durch einen Schlitz schaut. Unglaublich!

Die Botschaften haben aber auch einen Vorteil: Man trifft immer nette Reisende. Dieses Mal war es der Pedaleur Sascha, welcher gut einen Monat vor uns in Deutschland aufgebrochen ist. Er wartet bereits 4 Wochen auf sein Visum und war dementsprechend auch bereits ein wenig verärgert. Immerhin hat er nun die Zusage den Wisch 6 Tage später abholen zu dürfen. Sollte er ebenfalls bloß 30 Tage Visum bekommen, dann wird er wohl auch nach Kalkutta kommen und wer weiß, vielleicht pedalen wir dann ein wenig zusammen, denn auch Sascha würde gerne durch Myanmar radeln.

Wer mehr über Saschas Reise erfahren will, der kann das unter folgender Homepage tun:

www.saschasreise.wordpress.com

Nachdem wir das Visa nun in der Tasche hatten haben wir uns noch…

Wir unterbrechen den Beitrag für folgende Eilmeldung:

Ich sitze gerade im Flugzeug und die Dame mit dem Getränkewagen kommt vorbei. Sie bietet Saft, Tee und Wasser an. Auf meine Nachfrage hat sie aber tatsächlich auch ein Bier!!!!!!! BIER!!!!!! Wie lang musste ich warten um endlich wieder ein Bier genießen zu können? In Kars (Türkei) hatte ich den letzten Hopfenblütentee inhaliert und nun ist es wieder einmal so weit. Ein wirklich toller Moment, noch mit dem Flug und dem ganzen drum herum. 🙂

…mit Britta und Ursel auf einen Kaffee in der Stadt getroffen, 2Kg der legendären iranischen Pistazien gekauft und die letzte von vielen Falafeln im Iran reingepfiffen. Dann ging es mit dem Sammeltaxi für umgerechnet 20 Cent pro Person zurück zu unserer Unterkunft, dort hatte Ali überraschend bereits Reis und Kartoffeln zubereitet. Nun hat es sich gerecht, dass ich wie zuletzt üblich gleich 2 Falafeln genommen hatte. Aber ich hab mich natürlich dennoch tapfer geschlagen. 🙂

Für Jules Mutter hat sich an dem Abend auch noch ein lange gehegter Traum erfüllt und so konnte sie mit ihrer Tochter Doppelkopf spielen (Jule musste extra noch die Regeln lernen). Um 1:30 Uhr verabschiedeten wir dann Britta in Richtung Deutschland. Schön dass du da warst und unsere Reisegruppe bereichert hast! 🙂

Und noch mal vielen Dank, dass du die ganzen Wintersachen, die wir nun nicht mehr brauchen mitgenommen hast.

17./18.12.

Vormittags haben wir gemütlich rumgegammelt und dann sind wir noch einmal mit Fatima Mittag essen gegangen und zwar in ein vegetarisches Restaurant. Das ist in einem Fleischesserland wie dem Iran durchaus etwas besonderes. Neben gutem Essen hatten wir auch viele interessante Fragen auf dem Tisch. Eine war an uns gerichtet: „Würdet ihr, wenn ihr im Iran geboren seid, in dem Land bleiben oder ins Ausland gehen?“ Eine sehr schwierige Frage, die wir unmöglich beantworten konnten und können, da wir einen viel zu geringen Einblick haben in den Iran und das dortige Leben. Aber es ist eine Frage die viele junge Menschen umtreibt und bewegt. Auf der einen Seite lockt die große Freiheit. Auf der anderen Seite möchte man nicht alles aufgeben müssen. Wir sind sehr froh, dass sich uns eine solche komplizierte Frage nicht stellt.

Nach dem Essen ist vor dem Essen und so hat der liebe Ali schon wieder für uns alle gekocht und dieses mal Reis mit Omelett. Wir haben noch einige nette Gespräche und wir wären sehr gerne noch viel länger geblieben bei Ursula und Ali, denn wir haben die Beiden wirklich sehr lieb gewonnen, doch unsere Reise geht weiter und das ist ja auch schön. Vielen, vielen lieben Dank euch auch auf diesem Weg noch einmal! 🙂

Mit einem Minibus fahren wir zum Flughafen. Hier wird das einchecken und die ganzen Sicherheitskontrollen zu einer waren Geduldsprobe. Erst polstern wir die zerbrechlich Teile unserer Räder mit etwas Pappe und Panzertape. Anschließend heißt es anstellen in die ewig lange Schlange bei der ersten Sicherheitsschleuse. Fahrräder scheinen hier nicht all zu häufig vorbeizukommen, jedenfalls waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim einchecken überrascht, dass unsere Räder nicht extra kosten, sondern in die 30kg Freigepäck eingerechnet werden. 40€ mussten wir dann allerdings doch noch Löhnen für das einpacken der Fahrräder, welche in Folie eingewickelt wurden. Der Preis ist ok, dafür, dass wir die Räder mitnehmen können. Wir können die Fluggesellschaft Emirates für den Radtransport hiermit empfehlen.

Bei der vierten und damit letzten Sicherheitsschleuse mussten wir dann leider noch Jules Fahrradschloss zurücklassen. Es war für das Handgepäck leider nicht gestattet. Wird hatten das Schloss und fast alle anderen schweren Sachen überhaupt erst in das Handgepäck getan, damit wir unter den 30kg bleiben. Jedes weitere Kilo hätte sonst 20$ bedeutet.

Nichts desto trotz saßen wir dann rechtzeitig (4 Uhr nachts) im Flugzeug. Es war allerdings wirklich knapp und wir hatten die 5 Stunden, die wir auf dem Flughafen verbracht hatten, voll ausgereizt.

Außer nach Bulgarien bin ich generell noch nie geflogen und so ist das ganze Flughafenprozedere mit seinen startenden und landenden Flugzeugen schon etwas Besonderes für mich. Da fahren Tanklaster herum. Kleine Wägelchen holen Gepäck ab und bringen neues und generell herrscht reges Treiben. Vom Flugzeug aus sehen wir dann die Lichter, welche ganz klein am Boden zu sehen sind. Es ist wirklich überraschend wie viele Menschen überhaupt da unten wohnen, hatten wir doch den Eindruck, dass der Iran eher spärlich besiedelt ist.

Während wir durch die Dunkelheit fliegen und an den Lichtern von Esfahan vorüberziehen, gehen meine Gedanken zurück. Sie bleiben hängen bei den Menschen, die wir im Iran kennengelernt haben. Wir haben viele spannende Momente zusammen erlebt und von ihnen erfahren wie das Leben im Iran ist. Nun fliegen wir einfach davon und unsere neuen Freunde lassen wir zurück, wohl wissend, dass sie nicht einfach mit dem Flugzeug das Land verlassen können und das wir die Meisten von ihnen nicht mehr wiedersehen werden. Es ist ein seltsames Gefühl, welches sich nur schlecht in Worte fassen lässt und deswegen hier auch nicht wiedergegeben werden kann.

Nach etwa einer Stunde wird es am Horizont immer heller. Wir fliegen gleichzeitig immer noch über den Iran, der unter uns liegt und schwarz wie die Nacht ist. Wirklich atemberaubend das einmal so zu sehen. Dann taucht da plötzlich der persische Golf unter uns auf. Es wird heller. Wellen sind schemenhaft zu erahnen. Und dann sind da die ersten großen Boote und Ölplattformen. Wenig später taucht wie aus dem nichts die Küste Dubais mit ihren Wolkenkratzer auf. Im gleichen Moment sind da auch die kleinen Schäfchenwolken unter uns. Ein unfassbar geiler Anblick über die Häuser und die sechsspurig Straßen zu fliegen. Von oben kann man gut sehen, dass Dubai eine sehr junge und am Reißbrett geplante Stadt ist. Alles ist rechteckig und die Teerstraßen werden bereits lange vor den Häusern in den Wüstensand gesetzt. Einige dieser Straßen erobert sich die Wüste sogar schon wieder zurück.

Unser Flugzeug sinkt immer weiter und dann setzen wir in Dubai auf. Der Flughafen ist einfach nur gigantisch. Wir warten einige Stunden im Flughafen und nutzen die Zeit um zu schlafen und Bericht zu schreiben. Dann geht es in den zweiten Flieger. Leider haben wir nun Wolken und können nur gelegentlich sehen was unter uns vor sich geht.

In Kalkutta müssen wir dann noch lange warten, ehe unsere Fahrräder gebracht werden und wir mit Ebolatest und anderem Papierkram fertig sind. Als wir die Räder bekommen sind wir einigermaßen schockiert, denn bei Marcel ist ein Lenkerhörnchen abgeschliffen. Jules Rad hat es sogar noch härter erwischt. Ihr Lenkerhörnchen wurde beim Flug abgebrochen. Gut es hätte schlimmer kommen können, aber mit kaputten Lenkerhörnchen hatten wir einfach nicht gerechnet, dafür hatten wir etliche andere Teile gut abgepolstert.

Nachdem wir alles beisammen haben, kümmern wir uns um den Transport zu unserem Hotel. Da dieses 16km entfernt liegt, es bereits Nachts ist und wir eine gehörige Portion Respekt vor dem Straßenverkehr in der 4,5-Millionen-Einwohnerstadt haben, wollen wir nicht radeln. Der Zug nimmt leider keine Fahrräder mit und auch in die Taxis passen die Räder nicht hinein. Kurzerhand wird ein Jeep herbeigeholt, welcher auch zu klein ist. Anschließend rollt ein kleiner Pick-Up vor, wo dann tatsächlich alles verstaut werden kann. Der Beifahrer und Marcel sogar auf der Ladefläche. Das Gefährt rollt an und nach 100m ist Schluss. In der Mitte der dreispurigen Straße gibt der Pick-Up den Geist auf. Nach einer ganzen Weile rollt das Gefährt wieder und wir kommen, unverschämte 40€ ärmer, am Hotel an, wo uns Jules, Paulina und Katharina in Empfang nehmen.

29.11. bis 08.12. – Iran Nr. 2

Und nach dem schon bekannten Prinzip ist jetzt Jule wieder dran =)

Falls ihr euch diese Frage übrigens stellt: es ist immer sowohl Pflichtübung als auch Vergnügen, mit dem Blogschreiben dran zu sein. Einerseits haben wir so unglaublich viel um die Ohren, dass es immer ein wenig belastet, abends dann auch noch den Bericht zu tippen. Außerdem möchte ich auf dieser Reise gern so wenig Kontakt mit den technischen Errungenschaften unserer Zivilisation haben wie möglich, und das gelingt überhaupt mal gar nicht. Nicht mal ein bisschen.

Aber andererseits macht es sehr viel Spaß, die Erlebnisse, Eindrücke, Gefühle, die hier immer über einen hereinbrechen, in Worte zu gießen und seine Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Mittlerweile haben wir schon von einer wirklich erstaunlichen Zahl begeisterter Blog-Leser gehört und geben uns deswegen NOCH mehr Mühe, euch unsere wilde Fahrt ein wenig nach Hause zu bringen.

Dort, wo FOTO steht, wird dann in Zeiten besseren Internets (Dubai Flughafen?!) mal ein Bild hochgeladen, und dann bekommt ihr auch Fotos auf die flickr-Seite.

29.11.

So, wo waren wir? Richtig, wir sind in Teheran, bei unserem Host (…. hmmm, wie hat ihn Christian aus Sicherheitsgründen genannt?… aaah Ali, also bei unserem Host…) Ali. Er muss heute zur Arbeit (er ist Geologie-Ingenieur und arbeitet an der Uni) und steht so früh auf, dass wir das gar nicht wahrnehmen. Wir frühstücken dann zusammen eine der interessanten Varianten des iranischen Brotes, und dann tingeln Marcel und ich wieder zur Metro und in die Innenstadt. Christian braucht Zeit im Internet und bleibt daheim. Die Metro ist ein Segen für diese Stadt, die durch den Autoverkehr und eben die uralten Autos als eine der verschmutztesten der Welt gilt. Die Luft ist tatsächlich widerlich, aber weil es gestern noch geregnet hat, geht es heute ganz gut. Und für zB 9 km Innenstadtfahrt sind wohl 4 bis 5 Stunden im Stau keine Seltenheit, wenn man in die Rushhour kommt. Daher ist die vor zehn Jahren eröffnete und sich immer noch im Ausbau befindliche U-Bahn ein großer Segen- und tierisch voll. So voll, dass man auch manchmal trotz Hochdruckschiebens nicht rein- oder rauskommt. Wahnsinn.

Marcel und ich wollen gern zum Nationalmuseum und werden im Zug gleich von einem jungen Mann angesprochen, der total begeistert von uns Touris ist. Er muss zur gleichen Haltestelle, meint er, und wir unterhalten uns sehr nett. Als er sich dann jedoch nach dem Aussteigen zur Uni verabschiedet (wobei er wirklich ernsthaft tierisch geknickt ist, dass er den Tag nicht mit uns verbringen und uns herumführen kann), merken wir, dass wir besser noch ein paar Haltestellen weiter gefahren wären. Das tun wir dann nochmal, und steigen irgendwo anders in diesem Monster von Stadt wieder aus dem Untergrund. Wissen natürlich überhaupt nicht, wo wir sind. Und gehen mal drauf los, zum Museum. Nette junge Mädels weisen uns den Weg und wir gehen in ein Gebäude, das wir für das Nationalmuseum halten, das sich jedoch als Museum für persische Kalligraphie und Kunst entpuppt. Ha, da bin ich glücklich! Das ist genau das, was mich an der persischen Sprache am meisten fasziniert, und ich bin ganz aus dem Häuschen über all die handgemalten und in ewiger Feinstarbeit erstellten Korane und Briefe. Herrlich! Eine junge Frau nimmt sich unserer an und zeigt uns das Museum auf Englisch, weil sie einfach Lust auf Touristen hat. Danach zeigt sie unseren hungrig gewordenen Körpern eine Falafelbude (unsere Ernährung ist wegen der krassen Fleischlastigkeit der iranischen Küche sehr einseitig, wenn wir auswärtig essen) und übernimmt auch noch die Rechnung für uns- und dann bringt sie uns zum richtigen Nationalmuseum und geht auch noch mit uns rein, obwohl sie da schon gewesen ist! Das Nationalmuseum bringt dann noch die richtige Portion persische Geschichte mit und zufrieden und glücklich können wir uns wieder auf den Heimweg machen. Vor der U-Bahn merken wir, dass die junge Frau zu der gleichen Haltestelle muss, also fahren wir zusammen. Als wir sie dann nur kurz fragen, wo denn dort ein Copy-Shop sein könnte, läuft sie mit uns noch einmal 20 Minuten durch die Kante, um einen zu finden (wir müssen Dokumente zum Beantragen des Indien-Visums kopieren). Und als Marcel dann auf dem Heimweg noch kurz fragt, ob sie wüsste, wo er mal zu einem echten Barbier könnte, um sich den Bart rasieren zu lassen, da bringt sie uns dort auch noch hin und wartet mit mir auf den Marcel. Sie kann gar nicht fassen, dass das für Marcel das erste Mal in dessen Leben ist, dass ihm von jemandem Fremden der Bart rasiert wird =)

BILD

Dann endlich darf sie nach Hause gehen und auch Marcel und ich kommen müde und abgekämpft wieder bei Ali an. Diese Großstädte machen so müde wie 120 km Fahrrad fahren…

Am Abend kocht Ali dann für uns wahnsinnig leckere Kartoffel-Nudel-Gerichte, bei denen (ernsthaft!) die Spezialität ist, dass sie am Topfboden ganz leicht „angebrannt“ sind. Nicht schwarz, aber kross. Und das schmeckt hervorragend!! Weil ich am morgen Geburtstag habe, telefonier ich bis nach 12 mit meinem Liebsten in Deutschland, und danach nehmen wir das leckere Mahl als Geburtstagsessen ein. Dazu bekomme ich von meinen beiden Jungs einen kleinen mobilen Lautsprecher geschenkt, der beim Zeltabbauen und beim Aufwachen und so weiter und so fort Musik machen kann, und den ich mir so gewünscht hab. Sie haben ihn sogar gebraucht von den beiden Freiburger Reiseradlern abgeschwatzt, was ihm eine Geschichte gibt und mir ein gutes Gewissen beschert, weil wir nicht noch mehr Elektronikkram konsumiert haben.

Um 2:00 mach ich endlich die Augen zu und ahne schon schlimmes, denn…

30.11.

… um 6:45 müssen wir wieder aufstehen, um rechtzeitig zur Visumsbeantragung an der indischen Botschaft zu sein. Der Weg dorthin wird schweigend und im Halbschlaf absolviert, in der zu dieser Zeit verrückt überfüllten U-Bahn. Dann stehen wir erst einmal eine Dreiviertelstunde vor der Botschaft, weil niemand sich an die Öffnungszeiten halten will, und sind trotz frühzeitigem Erscheinen die Zehnten in der Liste der Anstehenden. Wir sehen den Plan, am Nachmittag endlich mal wieder auf das Rad zu steigen und den Iran zu erkunden, schon am Zeithorizont verschwinden. Als wir reingelassen werden, herrscht Chaos. Zwar gibt es so Nummern-Anzeigetafeln, die die Wartenden aufrufen sollten, aber die sind nicht in Betrieb. Alle bilden eine chaotische Traube vor einem kleinen vergitterten Schalter. Irgendwann hat sich Marcel dann da durchgeboxt und bekommt drei Nummern und irgendwann werden die auch aufgerufen, aber die äußerst unfreundliche Dame, die wohl den gleichen „wie-gehe-ich-mit-Visumsantragstellern-um“-Kurs wie die Dame in der Iranischen Botschaft in Trabzon absolviert hat, sagt uns, dass wir den Antrag online ausfüllen müssen. Mehrmals sage ich ihr, dass wir das versucht haben, aber die Website nicht funktioniert. Nein, sagt sie, die funktioniert, sollen wir einfach nochmal mit nem anderen PC versuchen. Also hasten wir zu einem Internetcafé, das natürlich nur zwei PCs hat und die natürlich besetzt sind. Dann können wir endlich nach langem Warten den Antrag ausfüllen (!) und zurück zur Botschaft hasten, wo wir dann wieder an den Schalter drängen. Dass wir noch ein bisschen warten sollen, ignorieren wir einfach, und drücken der Dame immer und immer wieder unsere Dokumente in die Hand. Irgendwann fasst sie sich dann ein Herz, nimmt unser Geld und unsere Fingerabdrücke, sagt uns, dass es eine bis vier Wochen dauert, nimmt achselzuckend zur Kenntnis, dass wir Zeitdruck haben (die Flüge sind in gut zwei Wochen gebucht) und verabschiedet uns. Wir sollten uns glücklich schätzen, erfahren wir von einem irischen Visumsanstragsteller, der wohl schon fünf Wochen darauf wartet, seine Papiere abgeben zu dürfen…

Am frühen Nachmittag sind wir dann zurück bei unserem Host, völlig erledigt, und frühstücken erst einmal. Dabei wird klar, dass Losradeln heute zeitlich keinen Sinn mehr macht. Und zack! haben wir den Plan geändert und wollen nun mit dem Host, der eigentlich aus Shiraz ist, heute Nacht mit dem Nachtbus in den Süden nach Shiraz fahren, um von dort aus dann Richtung Yazd und Isfahan zu pedalen. Damit entspannt sich der Tag endlich, wir kuscheln uns noch ein wenig auf den Teppich, ich skype mit meiner Familie (auch wenn es sich nicht so anfühlt- ist ja mein Geburtstag) und dann satteln wir die Drahtesel, um die 15 Stadtkilometer zum Busbahnhof zu radeln. Der Stadtverkehr ist wieder jenseits aller Vorstellungen, überall schießen Mopeds an einem vorbei, alles schlängelt sich durcheinander und dabei muss man auf wirklich gefährliche Schlaglöcher aufpassen. Die Luft in den Straßen will man nicht atmen. Zeit, dass wir aus der Stadt kommen!!

Am Busbahnhof merke ich dann noch, dass mein Portemonnaie nicht mehr auffindbar ist. Ob ich es verloren habe oder ob es geklaut wurde, wird man nicht mehr erfahren. War auch nicht viel drin, das einzig wichtige ist die Kreditkarte, die meine Mama zu Hause dann nach ein paar Whatsapp-Nachrichten sperrt. Man danke Gott oder so für das Internet.

Wir sind wegen der Räder deutlich vor unserem Host Ali zum Busbahnhof aufgebrochen und ich hatte ihm nochmal eine SMS geschrieben, ob er zu Hause nochmal schauen kann, ob das Portemonnaie dort irgendwo liegt, und der gute ist dann extra von den U-Bahn nochmal nach Hause gelaufen, hat dort gesucht, nichts gefunden und auf weitere Anweisungen gewartet. Da hab ich aber das Handy nicht mehr gehört, weswegen er dann eine Dreiviertelstunde zu spät zum Bus los ist. Dennoch war seine einzige Sorge, dass uns eventuell kalt werden könnte… so gute Menschen hier!! Wir haben den Bus dann auch noch erwischt, Ali hat für uns super verhandelt, und dann sind wir in einen Bus gestiegen, wie wir ihn noch nie gesehen hatten… Für einen Aufpreis kann man hier Busse nehmen, in denen man extrabreite Liegesessel wie in der ersten Klasse im Flugzeug hat, in denen man warmes Abendessen serviert bekommt, wo ein dicker Perserteppich im Gang liegt und die einfach von vorn bis hinten LUXUS schreien. Und um mit so einem Geschoss 1000 km bzw 12 Stunden zu fahren, bezahlen wir 10 Euro… Deutsche Bahn, schau dir was ab! =)

So klingt der Tag noch sehr sehr schön aus, ich sitze neben Ali und wir futtern die Schoko-Pralinen, die er mir zum Geburtstag geschenkt hat, unterhalten uns sehr interessant über seine iranischen Ansichten und dann schlummern wir alle im durch den Iran schaukelnden Bus.

1.12.

Um 9:00 sind wir dann in Shiraz. Zuerst vergisst Marcel noch seinen Bus im Helm und Ali muss den Bus wieder finden, dann können wir die gute Seele endlich entlassen. Er ist nämlich in recht unangenehmer Mission unterwegs: sein Cousin hatte einen Autounfall, ist wohl sehr schwer verletzt und Ali möchte ihn im Krankenhaus besuchen. Tragisch ist an der Geschichte, dass ich Ali im Bus noch erzählt habe, wie kurios es für uns Deutsche ist, die haushoch überladenen Pick-Ups und LKW hier zu sehen. Oder die Motorräder, auf denen Kühlschränke transportiert werden. Als ich ihm sage, dass das in Deutschland nicht üblich weil verboten weil gefährlich ist, nickt er zustimmend und erzählt, dass sein Cousin eben genau deswegen einen Unfall auf der Autobahn hatte, weil von dem Fahrzeug vor ihm ein Sofa runtergefallen ist…

Wir drei frühstücken dann im Park vor dem Busbahnhof. Dafür sitzen wir einfach dort auf der Wiese zwischen den Blumenrabatten, was keinerlei Aufsehen erregt, weil der Iran die Picknicknation ist. Überall hier sitzen Leute in den Grünflächen und picknicken zusammen. Das Wetter ist herrlich sonnig, mir wird in meinem Regenmantel, den ich hier ja nicht ausziehen darf, ziemlich warm, und ich beschließe, mir für das Weiterfahren in diesem Wetter noch einen dünneren „Manto“ zu besorgen. Wichtig im iranischen Dresscode, der ja gesetzlich vorgeschrieben ist, ist, dass ich den Kopf bedecke, ein weites Oberteil an habe, das über den Hintern geht, und eine weit geschnittene Hose darunter. Alles zusammen soll keine weiblichen Formen erkennen lassen. Gerade in Städten wie Teheran hingegen gehen die Frauen mit ihrer Interpretation davon sehr weit und hier und da sieht man auch enge Strumpfhosen oder fast unbedeckte Haare, sodass ich schon fast konservativ daher komme =)

Wir fahren etwas durch Shiraz, um es uns anzusehen, und stehen irgendwann vor einem recht imposanten Gebäudekomplex. Es sieht sehr nach wichtiger Moschee aus, aber ein Passant sagt uns, dies sei der Basar, weswegen Marcel und ich hineingehen wollen, um mir den Manto zu kaufen. Chris bleibt bei den Rädern. Wir werden stutzig, als es einen Männer- und einen Fraueneingang gibt, und ich bezweifle, dass dies ein Basar ist, als mir ein Leih-Tschador (Tschador, wörtlich „Zelt“, ist ein zeltartiger Überwurf, eine Art Bettlaken, unter dem die konservativen Frauen hier verschwinden) übergelegt und eine Fremdenführerin zur Seite gestellt wird. Und zack! sind wir in einem der größten Heiligtümer des Irans, dem Schrein von irgendeinem Sohn des soundsovielten Imams und dessen Cousin. Ich darf mit der Fremdenführerin sogar in das Innere, und es ist atemberaubend schön. Jede Nische und alle Wände und Decken sind mit bunten, ganz feinen Spiegel-Mosaiken bedeckt, die dreidimensional aufgeklebt sind, dass es nur so glitzert und funkelt. Wie in einer riesigen Schatztruhe! Wir unterhalten uns sehr interessant über den muslimischen und den christlichen Glauben, dann darf ich mich auch noch kurz zwischen die betenden Frauen (bin natürlich im extra Frauenteil) setzen, um das alles auf mich wirken zu lassen. Als wir dann in einen zweiten Schrein gehen, sitzen da tatsächlich neben den betenden auch zB junge Studentinnen, die ihre Hausaufgaben zusammen machen, weil die Atmosphäre hier so gut ist =) Ich würde auch sehr gern hier sitzen und ein bisschen Farsi-Vokabeln üben.

Beim Verlassen des Schreins muss ich den Tschador wieder abgeben und dabei rutscht mir mein Kopftuch, das ich darunter trage, von Kopf, ohne dass ich es zunächst bemerke. Eine ältere Dame keift mich übel an, aber eine andere Dame wischt die Worte weg und lächelt mir sehr aufmunternd zu, als ich das Malheur bemerke und das Tuch wieder aufsetze, und entschuldigt sich mit vielen Gesten und Lächeln für ihre Landsmännin.

Dann finden wir mal wieder eine Falafelbude und auch noch einen Manto für mich, und so kann es gut ausgestattet endlich wieder auf’s Rad und raus aus all den Städten gehen. Leider ist die Straße, die Richtung Yazd führt, eine völlig verrückte Autobahn, furchtbar laut, dreckig, stinkend, einfach sehr stressig. Wir fahren zwar schön auf dem Seitenstreifen, aber die an einem vorbeiknatternden LKW, die vor Freude über uns auch noch übelst hupen, all die Mopeds und die Abgase machen mich verrückt.

Gegen Abend fahren wir dann ein paar Kilometer von der Autobahn weg und finden einen Ort, an dem einige Schilfhütten stehen und ein Mann noch bei der Arbeit ist. Natürlich dürfen wir das Zelt aufstellen, er erkundigt sich noch, ob wir noch irgendetwas brauchen, und dann sind wir allein in der iranischen Wüste. Wo wir tagsüber in der Sonne noch ordentlich geschwitzt haben, fällt die Temperatur jetzt mit Sonnenuntergang minütlich, bis wir bei ca. 0 °C unser Abendessen kochen und die erste Adventskerze in die Mitte stellen. Marcel kramt das extra so lange aufgehobene Päckchen mit Spekulatius aus, wir kochen Tee und haben einen herrlich ruhigen Abend unter dem Halbmond, der die weite Wüstenebene vor uns und die schroffen Felsenberge drum herum beleuchtet.

02.12.

Erst einmal ausschlafen nach den zwei Nächten niederer Schlafqualität- auch heute Nacht sind wir mal wach geworden, weil sich ein Hund an unser Zelt gebellt und unsere Mülltüte aufgerissen hat. Dann radeln wir los, immer weiter an dieser Autobahn entlang, bis eine kleinere Straße kommt, die parallel zur Autobahn und durch eine Stadt führt, in der wir unsere Wasser- und Brotvorräte aufstocken können. Dabei werden wir unglaublich oft angesprochen, aus dem Auto heraus nach unserem Befinden gefragt und um Fotos gebeten. Kurz nach der Stadt kommt das sagenumwobene Persepolis, vor dem wir die Räder abstellen, um abwechselnd einen Blick auf die Ruinen zu werfen. Niemand von uns ist sehr interessiert daran, Geld für alte Säulen zu bezahlen- viel interessanter ist da der Guide, der an unseren Rädern vorbei schlendert und uns einen historischen Überblick über die Stätte gibt. Dann radelradelradel weiter, zwischen zerklüfteten Bergen entlang und durch die knallende Sonne, die uns zwar sehr bräunt, aber nicht richtig zu wärmen vermag. Es ist kalt hier unten, und wenn die Sonne einmal hinter einem Berg verschwindet, wird es ganz schön kalt. Und dann ist’s mit dem Radeln auch mal wieder vorbei, weil mir wieder einmal eine Speiche reißt – scheinbar ist hier jemand zu dick für sein Rad 😉

Normalerweise ist das kein Problem und jetzt auch schon im Handumdrehen repariert, aber damit es immer spannend bleibt, geht diesmal auch die Kettenpeitsche kaputt und muss erst einmal wieder repariert werden, bevor wir die Reparatur angehen können. Auch das klappt aber nach einigem Gefluche gut und dann geht es im Dunkeln weiter. Das ist sehr schön, im Mondlicht zwischen den dicken Bergen hindurch zu fahren, und wir radeln so, bis wir an einem Bauernhaus vorbeikommen, wo noch jemand arbeitet, den wir fragen, ob wir dort das Zelt aufschlagen können. Das ist wie immer gar kein Problem, im Laufe des Abends wird es dem jungen Mann aber so unangenehm, dass er uns nichts anbieten kann (weil hier nur die Tiere wohnen, sonst niemand), dass er uns im Endeffekt zuerst Geld anbietet, und als wir das ablehnen, seinen Ring schenkt. Circa 20 Mal lehnen wir den ab, aber er nimmt ihn nicht mehr zurück, und so sind wir jetzt im Besitz eines Iranischen Siegelrings.

03.12.

Tagsüber zieht es sich heute einige kleine Anstiege hinauf, viel anstrengender ist aber der dichte, laute, stinkende LKW-Verkehr auf der dicken Autobahn neben uns. Wir zählen schon die Kilometer, in denen wir von der Autobahn nach Osten auf eine kleinere Nebenstraße abbiegen dürfen.

Am Abend kommen wir ziemlich müde in einer Stadt an, in der wir uns ein sehr billiges Hotel nehmen, in dem wir ein Apartment mit Küche und zwei Räumen bekommen =) Nach einer Dusche gehe ich los, um ein neues Handy zu kaufen, weil meines, das schon vor der Reise ordentlich lädiert war, nun vollends seinen Geist aufgegeben hat. Daher laufe ich zum Handyladen, schreibe mir das lokale Angebot auf, gehe mit dem Zettel ins Internetcafé, recherchiere ein wenig und schlage dann wieder im Handyladen zu. Der Handyladenmitarbeiter ist sehr nett und in einer Mischung aus Farsi und Englisch können wir uns sogar recht nett unterhalten, während ich die nächsten zwei Stunden hinten bei ihm im Laden sitze und meine Handyapps wieder runter lade =)

4.12.

Und heute ging es dann bergauf, bergauf, bergauf auf 2540m, wo uns schon fast die Kräfte verlassen. Aber wo es bergauf geht, geht es auch wieder bergab, und den Nachmittag rasen wir nur so die lange Abfahrt hinunter. Ich muss im Windschatten von Christian nur alle paar Minuten mal treten. Das Mittagessen mitten in der Wüste ist mal wieder episch, und als wir unsere Fladenbrote aufgegessen haben, hält ein lustiger LKW neben uns an, auf dessen Ladefläche fünf Männer auftauchen und sich tierisch über uns freuen. Sie machen ganz viel Fotos mit uns und schenken uns zum Schluss noch eine iranische Süßigkeit, die uns sehr begeistert (Summan aus Qom). Der Fahrer trägt eine geniale Haremshose, also so eine schwarze, weite Hose, deren Schritt irgendwo bei den Kniekehlen hängt. Sowohl Marcel als auch ich beschließen, so eine im Iran noch zu finden.

Gegen 15:00 haben wir schon 111km in der platten Wüste hinter uns gebracht und sind in Abarku, wo es eine alte Karawanserei zu sehen gibt- also eine Anlage, in der früher die Kamelkarawanen Pause gemacht haben. Es stehen in der ganzen Stadt verteilt noch Ruinen, die wir uns ansehen, und außerdem gibt es eine 4000 Jahre alte Zypresse zu sehen. Da ist es dann auch zu spät, um noch weiter zu fahren, und wir benutzen die Taktik „dumm gucken und auf den Marktplatz“ stellen, bis viele Menschen um uns herum stehen und uns helfen, einen Schlafplatz zu finden. Wir werden im Endeffekt im Gebetsraum des Bürgermeisterhauses untergebracht und schlafen dort sehr gut.

Meine Mama hat mir übrigens erzählt, dass es hier ein Naturschutzgebiet gibt, in dem Geparden, Leoparden etc. wohnen…. Da radeln wir morgen hin. Wo sind wir hier nur schon gelandet! So so so weit weg von zu Hause!

5.12.

Heut stehen wir früh auf, weil zwischen uns und Yazd heute ein 2800 m hoher Pass liegt (und wir gerade auf 1800 m rumdümpeln). Als wir jedoch mit Vorfreude die ersten 15 km gefahren sind, reißt mir doch tatsächlich die Felge… Genau das, was dem Christian ca. vor 500 km passiert ist! Und ich hatte mich vielleicht drei Minuten vorher noch gefreut, wie schön es ist, dass seit dem Werkstattbesuch in Tabriz alle Räder wieder wie neu funktionieren.

So beschließen wir, den Weg nach Yazd, der eigentlich noch ca. 2 Tage gedauert hätte, heute einfach mit dem LKW oder Bus zurück zu legen, und nach 10 Minuten hält auch schon ein LKW an, dessen Fahrer herausspringt und die Seifenkartons im Laderaum umsortiert, um unsere drei Räder und das Gepäck laden zu können. Und er räumt noch einen kleinen Liegeplatz frei, damit sein Kumpel, der auf dem Beifahrersitz geschlafen hat, hinten im Laderaum weiter pennen kann! Auch wenn wir sehr oft bedeuten, dass das jetzt echt nicht sein muss und auch wir zB nach hinten gehen können, wird der Freund dann hinten in den dunklen Kasten gelegt und wir drei drücken uns zum Fahrer, Akbar, nach vorne. Es wird eine sehr lustige und schöne Fahrt, weil Akbar sehr viel Lust auf Kommunikation hat, mir mehr Farsi beibringt und dabei etwas Deutsch lernt und wir uns über viel unterhalten können. Wir erzählen ihm die offizielle Version der Familiengeschichte (dass ich Christians Frau bin und Marcel Christians Bruder), was bei uns dreien dann immer wieder zu viel Gelächter führt, wenn Christian von seiner Familie erzählt, die plötzlich auch Marcels Familie ist. Und als wir erzählen, dass wir alle drei 26 Jahre alt sind, müssen wir uns fast totlachen, weil Christian und Marcel jetzt plötzlich Zwillinge sind- und sich so gar nicht ähnlich sehen =)

Außerdem toleriert Akbar es nicht, wenn ich Farsi-Vokabeln, die er mir beibringt, falsch buchstabiere, also nimmt er mir hin und wieder das Vokabelbüchlein aus der Hand und korrigiert meine Niederschriften. Dabei zieht er mit dem LKW unter lustigem Gehupe von allen Verkehrsteilnehmern über alle Spuren. Er bietet uns auch an, den LKW zu fahren, aber das wollen wir alle nicht =)

Am Ende lässt er uns 10 km hinter Yazd raus (warum nicht direkt in Yazd? Es wird ein Rätsel bleiben…) und versucht, seinen Kumpel zu wecken, der zwischen uns und den Rädern liegt. Es gelingt nur mäßig, der Freund zieht sich erst einmal noch protestierend die Decke über den Kopf, dann verkrümelt er sich in eine Ecke der Ladefläche und wir heben Gepäck und Räder über ihn drüber.

Wir rufen einen jungen Mann aus Yazd an, dessen Nummer wir durch dieses faszinierende iranische Radler-Netzwerk bekommen haben (von dem wir auch den Werkstattkontakt in Tabriz hatten, zB), und der will sich auch sofort mit uns treffen und mir mit dem Radproblem helfen. Erst einmal müssen wir aber die 10 km nach Yazd reinradeln, dabei reißt mir dann aber die Felge viel weiter, ca. 15 cm lang, auf und der Schlauch explodiert mit seinen 5 bar sehr beeindruckend. So werde ich dann von einem SUV mit nach Yazd genommen und treffe die Jungs dann dort vor dem Hotel wieder, das uns unser Kontakt hier empfohlen hatte. Als ich vor dem Hotel warte, treffe ich zunächst einmal die zwei Japaner wieder, die wir in der iranischen Botschaft in Trabzon getroffen hatten – alle freuen sich enorm! Und dann kommt auch unser Kontakt, der Yaqub, und zeigt uns das (eigentlich für unser Budget etwas zu teure, aber was soll’s…) Hotel. Das Hotel ist ein traditionelles Yazder Hotel und hat einen wunderschönen überdachten Innenhof, von dem die Zimmer abgehen und in dem so Tagesbetten stehen, auf denen man rumlümmeln und Tee trinken kann. Außerdem kommen hier sehr viele Reisende unter, sodass wir den Abend mit zwei anderen Reisenden aus Irland bzw. Lettland mit durch-die-Stadt-schlendern verbringen. Derweil kümmert sich Yaqub um mein Rad, denn Yaqub ist Radsportprofi und besitzt zudem noch einen Radladen in Yazd und einen in Isfahan. Er versucht nun, hier in Yazd eine gute neue Felge für mich aufzutreiben. So ein Service, und so ein netter Typ!

6.12.

Wir laufen den ganzen Tag durch Yazd und schauen uns die wunderschöne Stadt an =)

Am Nachmittag sind wir auf dem Weg zu einem Zoroastrischen Tempel, da laufen uns doch tatsächlich die Bostrotters wieder über den Weg! Und wieder freuen wir uns alle tierisch, uns zu sehen, gehen zusammen Tee trinken, spielen mit den Kindern und essen auch noch zusammen zu Abend bei uns im Hotel. Die Familie bestellt Kamelfleisch, das muss ich dann auch mal kurz probieren, stelle aber keinen Unterschied zu Rind fest und hege den Verdacht, eventuell von der Küche veräppelt worden zu sein.

Außerdem baue ich mit Yaqub noch ein komplettes Ersatz-Hinterrad in mein Fahrrad, weil er in Yazd keine gute Felge für mich auftreiben konnte. Somit ist der Plan nun, dass ich mit dem Ersatzhinterrad bis nach Isfahan fahre und wir dort eine richtige neue Felge einbauen. Zwischen Yazd und Isfahan, so haben wir nun geplant, soll diesmal keine Fahrt auf der Autobahn liegen. Stattdessen wollen wir die gut befahrenen (und gut ausgebauten) Straßen verlassen und quer durch die Wüste fahren. Die Strecke wird auf Google Maps angesehen, ausgespäht, wie gut oder schlecht der Straßenzustand sein könnte, und wir freuen uns auf das Abenteuer.

7.12.

Morgens geht es dann auch schon wieder raus aus Yazd, nachdem wir noch sehr nett mit einem belgischen Reiseradler gefrühstückt haben, der auch in dem Hotel untergekommen ist und der open end, ganz in seiner eigenen Geschwindigkeit und nur seinem Bankkonto verpflichtet, durch die Welt tourt… Da werden wir alle mal wieder ein wenig sehnsüchtig nach der großen Freiheit der Unabhängigkeit.

Wir fahren unsere hoffentlich letzten 100 km Autobahn und kommen abends in Akhda an, was sich unerwartet als unglaublich schönes Städtchen mit alten Lehmhäusern und engen, gewundenen Gässchen herausstellt. Wir stehen ein wenig blöd vor der Moschee, weil wir eigentlich dort drin schlafen wollen, jetzt gerade aber Gebetszeit ist, bis Yaqub sich meldet und sagt, dass er gerne heute Abend mit dem Auto hinter uns her fahren und mit uns in der Wüste zelten würde. Alles klar, das klingt auch super! Also fragen wir, wo die Straße aus Akhbar hinaus in die Wüste denn anfängt (da sie so klein ist, dass mein Navi sie nicht mehr kennt), und ein Mann steigt auf sein Motorrad und fährt vor uns her. Er hält aber zunächst an seinem Haus und bittet uns auf einen Tee herein, was wir auch sehr gern annehmen. In seinem Wohnzimmer sitzen wir mit der Familie auf dem Teppich und bekommen Mandeln, Pistazien, Granatäpfel, Mandarinen und süße Zitronen (!) serviert und versuchen, eine kleine Konversation zu betreiben. Wir werden auch eingeladen, die Nacht dort zu schlafen, lehnen aber ab und radeln dann noch im Mondschein weiter hinaus in die Wüste. Die Familie hat uns abgeraten, diese Strecke zu nehmen, dort seien nach 50 km die Straßen nur noch Sand- aber wir haben von Yaqub die Information, dass die Straßen beradelbar wären, also wollen wir es versuchen!

10 km hinter der kleinen Stadt schlagen wir dann das Zelt auf, Yaqub kommt noch mit einem Freund vorbei, wir machen Feuer und haben einen sehr schönen Abend unter dem dicken Mond. Lustigerweise fährt Yaqub nach ca. einer Stunde wieder, obwohl er uns eben ca. 110 km extra hinterher gefahren ist, um mit uns in der Wüste den Abend zu verbringen. Benzin ist sehr billig im Iran… =)

Ziemlich kalt ist es auf jeden Fall, ich würde schätzen, die Nacht hat ca. 1 °C.

8.12.

Jetzt geht es wirklich rauf in die Wüste! Die Teerstraße hört nach einem sehr kleinen Ort auf, in dem sich die Jungs noch eine handgemalte Karte über den weiteren Verlauf der Route anfertigen lassen. Die besagt: immer geradeaus. Bis zu den Strommasten. Da verzweigt sich der Weg. Links halten. Und dann immer geradeaus, 30 km bis zum nächsten Ort. Auf dem Weg treffen wir niemanden, wir machen an den Strommasten Pause und Marcel und Christian diskutieren, welcher der zwei Pfade, die nun beide recht parallel an den Masten vorbeiführen, denn der gemeinte ist. Es scheint recht waghalsig, hier jetzt einfach weiter zu fahren, wenn wir uns schon am Anfang unserer Wüstenetappe nicht einig sind, welcher Weg der richtige ist. Dann denken wir uns aber, dass wir genug Wasser, zwei Kompasse und ein Navi dabei haben und im Notfall auf jeden Fall einfach zurück fahren könnten. Und die Jungs einigen sich auch darüber, welchen Weg wir weiter fahren, und so geht es weiter, durch sandige Staubpiste und endlose Weite, immer leicht bergauf. Über den ganzen Tag klettern wir 800 Höhenmeter. Irgendwann, wohl nach 30 km, kommen wir an dem „Ort“ an, den uns die Menschen im Dorf davor genannt hatten. Es ist eine einsame, wunderschöne Farm an einer einsamen Quelle auf dem einsamen Kamm des Berges, bei der wir von den beiden Mitarbeitern direkt zum Tee hereingebeten werden. Sie sind sehr lustig und freundlich, wir betreiben Basis-Konversation und der eine spielt uns noch auf einem iranischen, zweisaitigen, bauchigen Zupfinstrument erstaunlich schöne traditionelle Musik vor. Sie zeigen uns ihre Mandel- und Granatäpfelbäume, ihre Schafe und Ziegen und die Intensivtierhaltungsställe mit 5000 Hühnern, die wir hier oben nicht erwartet hätten. Dann fahren wir weiter, finden nach kurzer Zeit die schon wieder etwas befestigtere Straße und freuen uns sehr, dass wir wieder auf einem Weg sind, den das Navi kennt- und der eindeutig Richtung Isfahan geht!

Hier oben ist es magisch- wie so oft sind um uns herum die dicken Berge und wir radeln im Sonnenuntergang über die Staubpiste durch die Hochebene. Es ist total still. Als wir mal wieder über eine Kuppe steigen, taucht weit unter uns der Salzsee auf, der uns zur Orientierung dient und der in der untergehenden Sonne wunderschön aussieht. Da beschließen wir, dass es für heute gut ist und dass wir unser Zelt vor diesem Hintergrund aufbauen möchten.

In dieser Nacht wird es rattig kalt- zuerst ist dort auch kein Mond, was uns einen völlig übertriebenen Sternenhimmel auf samtschwarzenem Hintergrund beschert, den ich mir noch unter freiem Himmel im Schlafsack anschaue, während die Kälte die Jungs schon ins Zelt gezwungen hat. Wie gesagt- bis auf Marcels Schnarchen hin und wieder ist es komplett still. Wann habe ich das zum letzten Mal erlebt?

Irgendwann geht dann aber auch der Mond hinter den gezackten Berg-Scherenschnitten auf und klaut mir leider sehr viele Sterne, da gehe ich auch schlafen. In der Nacht ist es wohl so kalt wie bisher noch nie auf dieser Reise- am Morgen sind alle Wasserflaschen teilweise gefroren und wir müssen den Kocher nicht nur zum Kaffeekochen anschmeißen, sondern auch, um unser Zahnputz- und Trinkwasser zu erwärmen.