Iran Nr. 1 (22.11. – 28.11.)

Der „Extremradler“ Chris übernimmt die volle Verantwortung für den folgenden Beitrag.

22.11.

Zum Frühstück gab es heute Lawash. Das ist das Cracker-Brot vom Vortag, aber dieses mal richtig zubereitet. Dieses Brot muss nämlich etwas angefeuchtet werden, bevor man es Essen kann. Für die Einheimischen muss es lustig ausgesehen haben, als wir es einfach so gegessen hatten.

Wie bereits am Vortag bestand unsere Tagesaufgabe im besorgen von Brot. Letztendlich hatte Jule die zündende Idee und besorgte Brot von einem Kebab-Laden. So einfach kann es manchmal sein. Unser Mittagessen war also gesichert und wir konnten an einer Tee-Stube ausreichend Brot vertilgen.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die Schreiberlinge dieser Homepage einen unterschiedlichen Tee-Geschmack haben. Sicher der iranische Tee ist gut, aber an den türkischen kommt er aus meiner und Marcels Sicht nicht heran. Jule hingegen findet den iranischen besser.

Die knapp 70 Tageskilometer führten uns heute auf einer Hochebene größtenteils leicht bergauf. Als wir dann in Qara Ziya’Eddin anhielten um unsere Vorräte aufzufüllen zog ein fürchterliches Unwetter inklusive Hagel heran. Die Entscheidung 7,50€ für ein Hotelzimmer zu berappen viel uns dementsprechend relativ leicht. Lustigerweise hatte uns Martin (ein tschechischer Reiseradler, der uns schon an der Grenze begegnet war und in Prag 10 Tage nach unserer Durchfahrt gestartet war) unmittelbar vor dem Hotel eingeholt. Heute hieß es dann also mit 3 Gaskochern im Hotelzimmer für 6 Personen kochen. Eine logistische Aufgabe, die wir seit Tabor (Tschechien) nicht mehr bewältigen mussten. Aber es hat alles super geklappt und keiner musste hungrig ins Bett gehen.

Jule hat uns im Übrigen eine Sim-Karte versorgt mit der wir auch im Iran ständiges, wenn auch sehr langsames und zensiertes, Internet haben.

23.11.

Martin verabschiedete sich heute bereits am Morgen von uns da wir ihm wohl zu langsam beim zusammenpacken waren. Aber wir sollten ihn wiedersehen, wie sich später herausstellte.

Wir setzten unsere Tour um 9:15 Uhr fort. Der Weg führte durch eine wunderschöne Hochebene, welche von hohen, teils schneebedeckten Bergen gesäumt wurde. Ab und zu fügt sich dann auch noch einer der malerischen Dörfer an den Fuß eines Berges ein. Die Abteilung Agitation und Propaganda wird sicherlich noch einige schöne Bilder in den Beitrag einfügen und auf Flicker hochladen. 🙂

Zur Mittagspause begegnete uns erneut ein Reiseradler. Es war Neal, welcher von seiner Wahlheimat Taiwan auf den Weg in seine Geburtsstadt Kapstadt ist. Für ihn waren wir die ersten Reiseradler, welche er seit 2 Monaten gesehen hatte. Kaum zu glauben, denn wir hatten allein in den letzten beiden Wochen 9 Menschen auf der langen Meile gesehen. Wer sich für Neals Reise interessiert kann gern mal auf folgende englischsprachige Homepage gehen: http://h2htrip.com/site/

Heute sind wir mal wieder richtig viel geradelt. Insgesamt waren es 107km bis in die Dunkelheit hinein. Kurz vor Marand begann die Straße dann zweispurig zu werden. Allerdings war die eine Seite noch nicht freigegeben und so hatten wir diese komplett für uns allein. Nah ja, sagen wir fast für uns allein, denn einige Anwohner hatten wohl entschieden, die frisch geteerte Straße zum trockenen von Kuhscheiße zu verwenden. Lustige und stinkende Sache.

In Marand selbst haben wir einen jungen Mann mit dem Namen Akbar kontaktiert. Seine Telefonnummer hatten wir von Neal, welcher der Meinung war: „Ihr müsst ihn nicht suchen. Er findet euch!“ So war es dann auch. Wir sind auf Akbars Anweisung hin einfach in die Innenstadt gefahren und da stand Akbar winkend am Straßenrand, nur mit einem Warm Showers-Shirt bekleidet. In seine kleinen Einkaufsladen, an dem ebenfalls Warm Showers stand, haben wir dann auch Martin wiedergesehen und gemeinsam sind wir Falafel essen gegangen. Wir haben uns tierisch gefreut mal wieder etwas vegetarisches in einer gastronomischen Einrichtung zu erhalten und lecker war es auch noch.

Doch es kam noch besser, als der Warm Showers-Guru seine Fotoalben mit Reiseradlern die er schon aufgesammelt hat auspackte. Unfassbar! Verschiedene Kontinente und Länder haben bei ihm eigene Alben. Die deutschen Pedaleure haben sogar ein Album für sich allein. In 2 Jahren Aktivität hat Akbar bereits 498 Personen mit dem Rad abgefangen. Einfach unfassbar! Als wir uns in seinem Heft unter den Nummern 493 – 498 eintragen haben, fühlten wir uns, als wären wir ganz normale Touristen und mit dem Fahrrad durch den Iran radeln wäre so etwas ähnliches wie nach Mallorca zu fliegen. Auf die Frage hin, wie Akbar denn so viele Menschen auf zwei Rädern auftreiben konnte, hat er uns erklärt, dass die LKW-Fahrer ihn anrufen, sobald Personen auf einem Zweirad die Grenze überqueren. Auch von uns wusste er schon das wir nach Marand kommen würden, noch ehe wir realisiert hatten, dass diese Stadt auf unserer Route liegen wird. Untergebracht wurden wir dann letztendlich in einem Hotel für schlappe 2€ pro Nase.

Danke dir vielmals lieber Akbar!!!!

Folgender Tag ist von Jule geschrieben 😉

24.11.

Aus unseren Holzbetten hat es uns recht fluchtartig um 8:00 auf die Straße getrieben. Die Zeitumstellung ist super- was vor 200km noch 6:30 war, fühlt sich jetzt schon fast „spät“ an. Wir werden von unserem Guest House von einem Freund Akbars abgeholt und zum Frühstück mitgenommen. Drei von uns frühstücken mit Akbar in dessen Laden, drei mit seinem Freund in dem Immobilienbüro nebenan. Zu unserem obligatorischen Tee und dem lustigen, flachen und mit Ei bepinselten Brot versuchen wir das erste Mal in unserem Leben Möhrenmarmelade und sind positiv überrascht =)

Den Tee trinkt man hier übrigens anders, als wir es bisher kannten. Ein Stück speziellen Würfelzuckers wird in den Mund genommen und der Tee drübergeschlürft, das bedarf einiger Übung und bleibt gewöhnungsbedürftig. Aber wenn wir nach einem Löffel zum Zuckerauflösen und -umrühren verlangen, geben wir uns der Lächerlichkeit preis =)

Dann radeln wir schnurstracks 300 Höhenmeter bergauf, es schneit zwischendrin ein wenig und der Wind beißt. Dafür ist die Landschaft immernoch dramatisch, mit schneebedeckten Bergketten, die unseren Weg flanieren, und weiten Feldern dazwischen. Die Trucks, die uns überholen, stoßen dicke schwarze Rauchwolken aus, die sofortigen Hustenreiz auslösen. Netterweise ist der Auspuff auch nach rechts, eigentlich zum Straßenrand, jetzt aber genau auf unsere Lungenhöhe, gerichtet. Es ist tierisch laut an der vielbefahrenen Straße, das kann einem (na, mir) ziemlich auf’s Gemüt schlagen. An der letzten Steigung finden sich ein paar kleine Stände, an denen man getrocknete Früchte und auch Fladen kaufen kann, die aus dünn auf Plastikfolie gestrichenem und getrocknetem Fruchtpüree bestehen. Davon kaufe ich gerade lockere 1,5 Kilo als Raketentreibstoff für unsere Muskeln, als neben mir ein Pickup hält- aus dem Chris aussteigt. Bei ihm, der weiter hinter mir war, sind ganze 8 Speichen gebrochen, er ist daraufhin doch besser mal abgestiegen und hat geschoben. Und keine hundert Meter konnte er schieben, da hat neben ihm eben dieser Pickup angehalten und ihn gefragt, ob er ihn und das Rad mit nach Tabriz (unserem Tagesziel) nehmen kann. Wahnsinn!! Ich hab dann auch kurzentschlossen mein Rad auf die Ladefläche geschmissen und bin zu Christian und dem netten Menschen in die Fahrerkabine, da auch ich in Tabriz zum Radladen muss und da furchtbare Dinge passiert sind, als Christian das letzte mal allein beim Radladen war.

So sausen wir an den drei anderen Radlern, denen von Linda Bescheid gesagt werden soll, vorbei und sind zackzack wenig später in Tabriz. Der supernette Mensch fährt uns auch bis zum Radladen, der uns von dem Profi-Radler-Host in Marand empfohlen wurde. Dieser Radladen soll wohl tatsächlich den Radtouristen kostenlos die Räder reparieren und auch noch wirklich kompetent sein- wir sind begeistert! Dort ist aber grad niemand zu Hause und wir warten auf den Shopbesitzer, wobei ich mich totfriere. Das Problem ist, dass ich in der iranischen Öffentlichkeit ja nun einmal gezwungen bin, den Mantel, einen überhüftlangen Mantel, zu tragen. Wenn ich nun aber radle und schwitze, dann kann ich den Mantel nicht ausziehen, um vielleicht darunter den Pullover auszuziehen. Deswegen schwitze ich mehr. Und wenn wir dann anhalten und ich kalt werde, dann kann ich (gerade in der Stadt!) nicht einfach den Mantel ausziehen und schnell einen Pulli drunter ziehen. Weil ich dann aber so auffällig zittere, werde ich in eine Moschee auf’s Klo geschickt, wo ich mich umziehen kann.

Danach sagt uns der Radladenmensch, dass er Christian ein neues Laufrad baut und wir morgen um 12:00 wieder kommen sollen. Wie cool ist das denn!

Und wir suchen dann entspannt ein Café zum Aufwärmen und Internet, um den Blog mal zu pflegen. Das Problem mit dem Blog: durch die iranische Internetzensur haben wir selber keinen Zugriff drauf.

Auf unseren Wegen durch die Stadt werden wir ständig mit „Welcome to Iran!“ oder „Welcome to Tabriz!“ begrüßt und auch gleich wieder in einem Baby-Ausstatter zum Tee eingeladen. Und ich beobachte eine für mich sehr beeindruckende Szene: eine etwas abgerissen aussehende Dame spricht uns an und ruft uns immer wieder Dinge zu, die wir nicht verstehen, mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Andere Menschen kommen vorbei und entschuldigen sich bei uns, dass diese Frau „verrückt“ sei, das solle uns nicht stören. Und ein Mann lässt, als sie gerade nicht hinschaut, einen Geldschein neben ihr fallen und macht sie dann darauf aufmerksam und tut so, als hätte sie ihn fallen lassen. Also meine Interpretation: er hat versucht, ihr was zukommen zu lassen, ohne sie zu beschämen. Sie nimmt das jedoch nicht an, sondern diskutiert und lehnt ab, bis der Mann das Geld selber wieder einsteckt.

Noch haben wir keinen Host für heute Nacht, aber irgendwann im Laufe des Nachmittags bekomme ich einfach eine SMS von einem Warm Showers-Menschen, der wohl von dem Akbar aus der letzten Stadt angehauen wurde, uns zu hosten. Auch er bekommt SMS von den Truck-Fahrern, wenn die Reiseradler auf der Straße sehen. Von uns, stellt sich später heraus, weiß er auch schon seit einiger Zeit =) Er selber kann uns nicht hosten, hat uns aber mit Mehmet (wir haben uns dazu entschlossen im Iran größtenteils auf die echten Namen zu verzichten, um niemanden in Gefahr zu bringen) in Verbindung gebracht. Mehmet soll perfekt Deutsch sprechen, wir sind gespannt!

Dann treffen wir also noch Marcel bei den Radläden, wo er zwei deutschsprachige Iraner aufgetrieben hat, die uns natürlich auch nochmal zum Tee einladen, und dann treffen wir unseren Host Mehmet. Bei ihm zu Hause ist es wunderschön, er hat noch Freunde da und wir können schöne Gespräche führen. Er selber ist in Deutschland aufgewachsen und hat dann vor 6 Jahren seinen Vater in Tabriz besuchen wollen, seitdem darf er nicht mehr ausreisen, weil der Iran seine deutsche Staatsbürgerschaft nicht anerkennt.

Der Freundeskreis hat sich wie so viele Iranerinnen und Iraner eine Art Parallelwelt aufgebaut. In den eigenen 4 Wänden werden amerikanische Musikvideos angeschaut, die Kopftücher abgenommen und wohl sogar etwas getanzt. Auch Alkohol bekommt man, sofern man das Geld dafür hat, wohl relativ problemlos.

Der Iran: Ein faszinierendes Land voller Widersprüche, soviel steht schon nach 4 Tagen fest!

Hier wieder ich:

25.11.

Heute haben wir mal wieder einen Pausentag eingelegt, da unsere Räder noch gewartet werden mussten. Gegen 13 Uhr besuchen wir Mr. Mohammed Saeed in seinem Radladen um nach unseren Rädern zu schauen. Der etwa 45 jährige etwas kräftigere Mann hockt zusammen mit einigen Fahrern des Tabrizer Radclubs in seiner kleinen Werkstatt (er ist im Übrigen der offizielle Mechaniker des Radclubs, der sich auch an internationalen Wettkämpfen beteiligt). Mein Hinterrad hat er doch tatsächlich wieder flott bekommen und auch Jules sowie mein Tretlager erneuert er vor unseren Augen fachmännisch. Sie hatte angefangen zu wackeln und waren im inneren verrostet. Vermutlich war der Druck, den wir an den steilen Bergen des Schwarzen Meeres ausübten einfach zu groß.

Leider hat sich die Reparatur so arg in die Länge gezogen, dass unser nächster Termin bereits wortwörtlich vor der Tür stand. Die beiden jungen Männer, welche uns drei Tage zuvor vom Fahrrad fahren, zu sich eingeladen hatten, warteten vor dem Laden, da wir uns zum Essen verabredet hatten. Wir mussten die Räder also einmal mehr stehen lassen und machten einen Termin für den nächsten Tag aus. Mit Ali und Murat ging es also im Auto zu ihrem Haus. Obwohl wir versucht hatten ihnen klar zu machen, dass wir Vegetarier sind, hatten wir am Ende eine Wurstpizza vor uns stehen. Da wir das Maß an Unhöflichkeit aufgrund diverser Terminverschiebungen und Absagen aber schon mehr als überspannt hatten und die Pizzen sonst im Müll gelandet wären, haben wir sie ohne etwas zu unseren Gastgebern zu sagen gegessen. Unsere erste Fleischmahlzeit auf unserer Tour. Nunja. Die beiden haben sich aber wirklich alle Mühe gegeben, damit es uns gut geht. Es gab Getränke, Ananas, Nüsse und zu unserer Freude Unmengen von Pistazien aus ihrem eigenen Laden. Auf letztere hatten wir uns schon die ganze Reise lang gefreut und sie waren wirklich so gut, wie ihr Ruf ist. Zum Entzücken Marcels wurde dann auch noch die Wasserpfeife angeschmissen.

Bei vielen Menschen aus dem Iran ist das Thema Hitler fast unvermeidlich. So auch am heutigen Nachmittag, an dem positiv festgestellt wurde, dass eben jener sehr seriös gearbeitet hat. Das „Der Führer“ eine Kackbratze sondergleichen ist, und ein großes Stück Schuld am Leid vieler Millionen Menschen trägt scheint nur den wenigsten bewusst zu sein, beziehungsweise stört nicht weiter. Immer wieder hören wir auch, dass wir (Iran und Deutschland) ja alle arischer Abstammung sind. Auch hat Hitler wohl den Iran unterstützt und die Angehörigen des jüdischen Glaubens haben sowieso nicht den besten Stand im Iran. Ich will wirklich niemanden schlecht machen und die Menschen hier sind wirklich unglaublich interessant und zuvorkommend, aber ich möchte eben auch nichts unter den Tisch fallen lassen. Und gerade für uns, die wir aus Deutschland kommen, ist eine Verharmlosung der Zeit des Nationalsozialismus ein Rotes Tuch. Wir versuchen dass auch in unseren Gesprächen unserem Gegenüber klar zu machen.

Die Zeit mit Ali und Murat Verging jedenfalls wieder wie im Fluge und so haben wir mit unseren beiden Gastgebern ausgemacht, am nächsten Tag noch einmal über den Basar zu schlendern, um noch etwas Zeit zusammen verbringen zu können. Für uns kaum zu glauben, aber wir waren die ersten Ausländer mit den die bereits 24-jährigen gesprochen hatten. Ein paar Pistazien haben wir auch noch geschenkt bekomme. Jeder Versuch dafür etwas zu bezahlen, scheiterte allerdings kläglich. Stattdessen wurden wir noch im Renault zu unserem Host gefahren und das wurde auch höchste Zeit, denn für 20 Uhr hatten wir uns mit Karina und Jan verabredet. Die beiden sind bereits fast 4 Jahre auf der langen Meile unterwegs und gehören zu den ersten die als Individualreisende die Grenze von Myanmar nach Indien überwunden haben. Nun sind sie uns entgegengeradelt und wir sind zufällig am gleichen Tag in Tabriz eingetroffen. Da liegt es natürlich nahe sich einmal gründlich auszutauschen und gemeinsam zu Abend zu essen. Vielen Dank an die beiden noch mal für die vielen nützlichen Informationen, die uns bei der weiterfahrt sicher helfen werden. Auch unser Host Mehmet hat sich sichtlich darüber gefreut, dass so viele deutschsprachige Menschen im Haus waren und er ein bissel in seiner Muttersprache quatschen konnte.

Wer mehr über die Reise von Jan und Karina erfahren möchte kann im Übrigen auch deren Homepage besuchen:

http://www.nie-mehr-radlos.com

Anfang Mai wird es auch die Möglichkeit geben die beiden auf ihren letzten Kilometern in Süddeutschland zu begleiten. Wer weiß, vielleicht ist ja dann auch von uns jemand dabei.

1:30 Uhr ist der Besuch aus Deutschland dann gegangen. Anschließend haben sich Marcel und ich noch eine ganze Weile mit Fateme unterhalten, die uns einen sehr interessanten Einblick in das Leben einer Frau im Iran geben konnte. Durch Menschen wie Fateme und Mehmet bekommt der Iran, welchen wir bisher nur aus den Nachrichten kannten ein Gesicht oder besser gesagt viele Gesichter. Dieses abstrakte Gebilde wird zu etwas greifbaren mit dem wir uns verbunden fühlen.

26.11.

Heute Vormittag war also die Besichtigung des größten überdachten Basars im Iran angesagt. Ein nettes Gewusel, in dem alles mögliche an Dingen angeboten wurde. Neben lokalem Käse, Bekleidung, Porzellan, bergen von Gewürzen, Hygieneartikel und Rinderpfoten in Schubkarren, wurden hier natürlich auch verschiedenste Teppiche angeboten. Am Ende unserer Exkursion haben wir unseren netten Guids Ali und Murat noch den Kontakt zu einigen ehemals in Deutschland lebenden Tabrizern vermittelt, die ihnen vielleicht helfen können, ein Visa für die BRD zu erhalten. Einfach wird das allerdings nicht, denn das wollen sehr viele junge Leute aus dem Iran und das Visa wird nur selten und unter hohen Auflagen vergeben.

Nach dem Einkaufsbummel gingen wir zum Radladen zurück um unsere Fahrräder in Empfang zu nehmen. Bereits vor dem Laden warteten unsere beiden Freunde Julian und Linda auf uns. Wir wollten an diesem Nachmittag noch ein bisschen Zeit miteinander verbringen, ehe es sie nach Esfahan und uns nach Teheran verschlägt. Vorerst hieß es aber Räder abholen und Mr. Mohammed Saeed einen rießen Dank dalassen. Wir musste am Ende tatsächlich nur die neuen Komponenten zahlen und der gute Mann ließ sich nicht davon überzeugen eine Aufwandsentschädigung anzunehmen. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Ausländern ist im Iran wirklich etwas ganz besonderes.

Mit fünf funktionierenden Reiserädern ging es Tee trinken und dann Falafel essen und Kuchen schnabolieren. Abschließend verabschiedeten wir Linda und Julian in Richtung Busbahnhof. Vielleicht sehen wir sie ja noch einmal wieder, ehe die beiden am 10. Dezember zurück nach Deutschland reisen.

Falls ihr lesen wollt, mit wem wir 300km zusammen geradelt sind, dann schaut doch mal auf ihrer Homepage vorbei:

http://radeln-in-den-sonnenaufgang.de

Auch für uns hieß es zusammenpacken und bereit machen zur Verabschiedung von Mehmet und den drei Mädels. Obwohl wir nur zwei Tage mit ihnen verbringen konnten, sind sie uns sehr ans Herz gewachsen und wir hoffen sie eines Tages wiederzusehen um dann in Deutschland ein Bierchen zusammen zu trinken. Lasst es euch gut gehen. 😉

Unser Zug sollte dann 21:30 Uhr in Richtung Teheran abfahren. Bereits 20 Uhr kamen wir am Bahnhof an, wo es auch gleich eine Passkontrolle gab. Nach kurzer Diskussion, ob wir unsere Fahrräder kostenlos mit in den Zug nehmen dürfen, gab sich der Zugbegleiter geschlagen und zeigte uns schon vorab, wo wir sie später hinstellen sollten. Die Bahnhofshalle begann sich nun immer mehr zu füllen und interessanterweise hatten sämtliche Frauen einen schwarzen Umhang an. Alle Frauen?! Nein! Unsere Jule war in blauer Jacke unterwegs und da störte sich auch keiner dran. 🙂

Letztendlich durften wir den Bereich in dem der Zug bereitstand bereits vor den restlichen Passagieren betreten. So konnten wir unsere Räder am Ende des Zuges unterbringen und auch unser Gepäck im Abteil verstauen, ehe der große Ansturm losging. In dem Sechserabteil haben wir es uns letztendlich gemeinsam mit einer iranischen Familie gemütlich gemacht. Diese hat uns neben Tee, Brot und Äpfeln auch Bonbons angeboten und das obwohl es eigentlich der Proviant für ihre Zugfahrt war. Als klägliche Gegenleistung konnten wir lediglich etwas Kuchen anbieten, da unsere Vorräte nahezu aufgebraucht waren. Gegen 0 Uhr haben wir unsere Betten umgeklappt und konnten erstaunlich gut in dem viel zu warmen Abteil schlafen.

27.11.

Aufwachen im Zug und der erste Blick geht gleich zur Uhr, denn die Abteilung für konsularische Angelegenheiten der Deutschen Botschaft schließt bereits um 10:30 Uhr. Letztendlich half alles auf die Uhr schauen nichts und der Zug kam mit reichlich Verspätung nach 14 Stunden gegen Mittag an. Wir entschlossen uns dennoch dazu zur deutschen Botschaft zu fahren und so konnten wir gleich mal wieder Fahrrad fahren in der Großstadt üben. Das ganze auch noch ohne unsere Rückspiegel, da uns diese um Zug geklaut wurden. Der erste Verlust dieser Reise durch Diebstahl. Ich denke das ist durchaus zu verkraften.

Die Botschaft konnten wir dann leicht finden und wir freundeten uns auch gleich mit dem Sicherheitspersonal an. So konnten wir für kurze Zeit sogar mal wieder die Bundesrepublik Deutschland betreten, denn Botschaftsgebäude gehören immer zu dem jeweiligen Land. Nach einem kurzen Toilettenaufenthalt (leider mit türkischer Toilette) betraten wir dann wieder iranischen Boden und warteten weiter auf die zuständige Sachbearbeiterin. Als die Mitarbeiterin dann doch noch auftauchte, konnte sie uns innerhalb einer Stunde die Konsularische Bestätigung über den rechtmäßigen Besitz unseres Reisepasses erteilen, die wir benötigen um das indische Visum beantragen zu dürfen.

Mit dem Scheinchen in der Tasche machten wir uns auf den Weg zur indischen Botschaft, natürlich waren wir auch dort zu spät. Dies mal half auch alles reden und überreden nichts, denn die Visastelle hatte zu und macht erst drei Tage später wieder auf. Für uns heißt das also auf Sonntag 9 Uhr warten, Visum beantragen und dann kann unsere Reise endlich weiter gehen.

Vorerst mussten wir mit dem dichten Teheraner Verkehr vorlieb nehmen. Auf dem Weg zu unserem Host bekamen wir an verschiedenen Orten noch Brot, Muffins und Tee geschenkt.

Die letzten Meter wurden wir von einer Familie (Mutter, Tochter und Tante) begleitet. Das spannende daran war, dass die Tochter ihre Zöpfe offen trug und nur einige Haare bedeckte. In der Öffentlichkeit hatten wir so etwas im Iran noch nicht gesehen. An sich müssen die Haare und insbesondere die Haarspitzen nämlich bedeckt sein.

Unser Host Ali bereitete uns nach unserer Ankunft ein leckeres Abendessen zu und später legten wir uns alle in das Wohnzimmer seiner kleinen, aber schönen Wohnung, um dort zu schlafen.

Obwohl wir nur in der Stadt geradelt sind, hatten wir am Ende doch stolze 27km auf dem Tacho stehen.

28.11.

Richtig lange und gut schlafen! Juhu! Nach dem aufstehen und Frühstücken sind wir mit der U-Bahn n die Stadt gefahren. Begleitet wurden wir von Ali, der uns alles organisierte. Die Metro hatte ein großes Extraabteil für Frauen, damit diese von den Männern nicht belästigt werden. Ob diese Angst berechtigt ist kann ich nicht sagen. Jedenfalls waren die einzigen Männer in den Frauenabteilen fliegende Händler, welche durch die U-Bahn liefen und verschiedenste Waren wie: Türkische Kaugummi, Socken, Gürtel, Spangbob-Luftbalons und Wörterbücher anboten.

Erste Station unserer Sightseeingtour war der Golestan Palast, welcher vor über 100 Jahren erbaut wurde. Besonders famos waren die zahlreichen Spiegel und Spiegelchen, die in ihm verbaut wurden. Interessant auch, dass wir als Touristen den dreifachen Preis zahlen mussten. Das trifft im Iran anscheinend auf viele Museen und Sehenswürdigkeiten zu.

Zum Mittagessen konnten wir erneut eine Falafelbude ausfindig machen. Hier bekam man das Baguette mit 4 Falafelbällchen in die Hand gedrückt und konnte sich dann Salat und Soße selbst nach Herzenslust dazugeben.

Am Nachmittag haben wir dann noch den Avotach Park (bestimmt falsch geschrieben) einen Besuch abgestattet, dass soll wohl der modernste Park der Stadt sein und in der Tat ist er ziemlich beeindruckend. Durch schöne Bepflanzungen weiß er zwar nicht zu überzeugen, aber seine Bauwerke sind dafür umso imposanter. Unter anderem verbindet eine Fußgängerbrücke mit drei Ebenen, die sich immer wieder kreuzen, die beiden Parkteile, welche durch eine große Straße voneinander getrennt sind. Ein plötzliches Unwetter verkürzt unseren Parkaufenthalt allerdings und wir kehren zur Wohnung von Ali zurück um dort gemeinsam Abendbrot zu Essen. Seit langem gibt es mal wieder Kartoffelbrei.

Jule nimmt außerdem noch ein bisschen Farsi-Unterricht bei unserem Host. Nach ein paar netten Gesprächen und der ersten süßen Zitrone unseres Lebens entschwinden wir dann erneut in das Land der Träume. An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner superbequemen Luftmatratze bedanken, die mich jetzt schon drei Monate treu begleitet. 🙂

Ein Gedanke zu „Iran Nr. 1 (22.11. – 28.11.)“

  1. Heute, am 7.12.14 will ich mich mal wieder aus der Heimat melden. Mein Ex hat mich gestern angerufen und hatte erst am Vortag meine Mail gelesen. Vielleicht begibt er sich jetzt in die Spur, denn er hat Verwandtschaft in Teheran und Esfahan.
    Hier in Freiberg bin ich die letzte Zeit nur Rotiert, Fest der Kulturen, Kinderweihnachtsfeier – alles gut verlaufen. Beim OB hat sich jetzt eine Runde gebildet, die Arbeitsgruppe Asyl und Integration. Wir reden nun viel über das Thema Asyl, denn das dritte Heim wurde eröffnet und es kommen immer noch mehr Asylsuchende. Auch für unseren kleinen Arbeitskreis eine Herausforderung. Aber in der Arbeitsgruppe spürt man, dass auch andere Kreise sich mit den Flüchtlingen vertraut machen und ihnen helfen. Nun kommt es darauf an, dass an irgendeiner Stelle ein Überblick erstellt wird, wer was wann macht, damit Doppelbelegungen, Überschneidungen nicht geschehen und wichtige Aktionen nicht vergessen werden.
    Euch wünsche ich eine gute Weiterreise ohne böse Vorkommnisse, viele gute Begegnungen und Erlebnisse.
    Kornelia

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