11.11. – 21.11. von der Jule

 

Sooo meine lieben Leser, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja! Unsere tapferen drei Radeltiere sind gerade in Trabzon eingelaufen, wo sie sich für ihren Kampf um das heilige Iranische Visum wappnen. Werden sie ihn gewinnen? Werden sie in den Iran einreisen dürfen? Schaffen sie es, ihre Reise vor Einbruch des wirklichen minus-15°C-Winters in den Bergen fortzusetzen? Und werden sie dabei tatsächlich auch nicht ihre gute Laune und ihre schlechten Witze verlieren? Das alles und viele unnötige Nebeninformationen erhaltet ihr, wenn ihr euch durch die nächsten gefühlten 12 Seiten Tagebuch lest…!

11.11.

Haha, Karneval…

und zwar Karneval auf der Iranischen Botschaft. Wir sind früh raus, damit wir auch ja rechtzeitig da sind, denn wir haben schon etwas bammel, dass wir das Visum nicht bekommen. Unser Host hat uns erzählt, dass die letzten Touristen bei ihm ihr Visum erst nach 6 Tagen bekommen haben, und auf unserem Gästebett lag noch eine Notiz von anderen Gästen, dass sie den nächsten Reisenden mehr Glück mit dem Iranischen Visum wünschen, da sie es nicht bekommen haben. Wir hingegen haben unsere straffe Zeitplanung daran ausgerichtet, dass wir nur einen Tag auf unser Visum warten müssen.

Um 15 vor 9 also stehen wir vor dem Tor der Botschaft, ich mit Kopftuch und Christian und ich mit Eheringen am Finger, da das die Familienkonstellation ist, die uns im Iran hoffentlich helfen wird. Nach und nach kommen da weitere Reisende an, die auch heute ihr Visum benatragen wollen: Rok aus Slowenien, der letztes Jahr mit dem Rad nach Indien ist und jetzt Sehnsucht nach diesem inspirierenden Land bekommen hat, Diogo aus Portugal, der schon zwei Jahre auf Reisen ist, und eine französische Familie mit drei Kindern, die im Caravan eine drei-Jahres-Welttour machen… Es ist herrliche Stimmung und unglaublich inspirierend und schön, diese Menschen alle zu treffen.DSCF4246

Wir werden dann in die Botschaft gelassen und eine sehr wenig freundliche Dame empfängt uns, man sitzt mit gesenktem Kopftuchkopf da und fühlt sich ihr völlig ausgeliefert. Nach uns kommt noch ein französisches Reiseradler-Pärchen rein, sie werden direkt abgewiesen und auf nächste Woche vertröstet. Die beiden diskutieren, dass es da in den Bergen, die wir alle auf dem Weg nach Iran überqueren müssen, schon wirklich dramatisch kalt wird, aber das Herz der Dame scheint ähnliche Temperaturen zu haben, denn sie schickt sie genervt und gnadenlos weg. Wir alle, die wir das mitbekommen, sitzen etwas schockiert da und senken den Blick noch etwas mehr. Ein japanisches Pärchen wird einfach so abgewiesen, weil sie aus Japan sind.

Nun bekommen wir mit, dass man eine Kopie der Krankenversicherung abgeben muss, was wir alle nicht auf dem Schirm hatten. Keiner von uns hat das Dokument dabei- wir schwitzen Blut und Wasser. Im Endeffekt aber dürfen wir den Visumsantrag ausfüllen und danach schnell in die Stadt flitzen, um die Dokumente zu kopieren. Das wird ein ganz schönes Gerenne, denn zunächst müssen wir für unseren recht diktatorischen Host Barabaros noch weitere Gäste abholen und zu ihm nach Haue bringen. Das machen wir, dann ist im ersten Kopierladen die Druckerpatrone alle, der zweite hat so was gar nicht und erst beim Dritten wird unser Zeug kopiert. Für wirklich unanständig viel Geld. Ist alles ziemlich unangenehm. Mit den Dokumenten stratzen wir dann wieder den Berg zur Botschaft hoch und geben sie ab- dann ist auch alles recht problemlos, wir bekommen eine Bank gesagt, auf die wir die 75 Euro Gebühr einzahlen müssen, und sollen unsere Visa in vier Tagen abholen.

Vier Tage… das war so nicht geplant und leider ist Trabzon auch keine Stadt, in der man lange bleiben möchte. Weiterhin ist unser Host eben, hm, gewöhnungsbedürftig, und das Gefühl, ihm gleichzeitig dankbar für seine Gastfreundschaft zu sein, aber andererseits mit ihm nicht klar zu kommen, macht auch keine Lust darauf, hier vier Tage zu verbringen.

Zum Glück haben wir diese tollen Menschen an der Botschaft kennen gelernt: Als wir nachmittags ziellos durch Trabzon laufen, treffen wir sie alle wieder und dazu noch einen Exil-Iraner, der wegen seiner politischen Aktivitäten schon dreimal im iranischen Gefängnis war, bevor er in die Türkei ist. Mit all diesen tollen Menschen und noch mehr, die sich ansammeln, gehen wir dann erstmal Tee trinken und haben eine herrliche Zeit. Später dann, als wir zum Host nach Hause kommen, kochen wir für ihn, uns und das französische Pärchen, das auch bei ihm wohnen soll. Als er nach Hause kommt, bringt er dann noch zwei Deutsche (Freiburger!) Reiseradler mit und türkische Freunde, und wir sitzen alle im Wohnzimmer und wie durch ein Wunder reicht auch das Essen =) Ein sehr schöner Abend mit haufenweise Globetrottern, die sich so ihre Geschichten erzählen.

Aaah ja, wichtig und dennoch vergessen: am Nachmittag haben wir unten am Pier, direkt am Meer, einen Kicker gefunden! Das war das erste Mal, seit ich im ISE gekündigt habe, dass ich gekickert hab =) Und natüüürlich, liebe Abteilung, die Zeit mit Euch war nicht umsonst, ich hab auch allein gegen meine beiden Radelfreunde gewonnen. Das fanden sie gar nicht so gut, deswegen haben wir, um den Gruppenfrieden nicht zu stören, lieber von den beiden Siegerfotos gemacht =)DSCF4252

12.11.

Und als wir am nächsten Morgen in Trabzon aufwachen, gehen wir tatsächlich nochmal zur Botschaft, nur um die coolen Leute wieder zu treffen. Mit Rok und Diogo (wir erinnern uns, der Slowene und der Portugiese) und Leo, einem deutschen Reisenden, fahre ich dann per Anhalter in die Berge, um zusammen ein Feuer zu machen, unter den Sternen zu schlafen und ein wenig aus Trabzon rauszukommen. Marcel und Christian bleiben lieber in der Stadt, um die obligatorischen Stunden im Internet zu verbringen. Daher kann ich jetzt nur von den Bergen berichten- wir sind von Trabzon aus zum berühmten Kloster Sümela gestartet. Obwohl wir zu viert waren, wurden wir enorm gut mitgenommen und sind die letzten paar (kalten) Kilometer sogar ganz klassisch auf der Ladefläche eines Pickups gefahren- den Fahrtwind in den Haaren, das Glück, gerade mitgenommen zu werden, der Spaß mit den drei anderen: das war einfach wunderschöne Freiheit.

13.11.

Nachdem wir bei 3 °C unter dem übervollen Sternenhimmel zwischen massiven Bergen geschlafen haben, trampen wir vier wieder zurück- und wer kommt uns da entgegen? Genau, Marcel und Christian auf dem Fahrrad, in Begleitung von Julian und Linda, dem Freiburger Reiseradler-Duo. Alle ohne Gepäck, das sieht man selten, eben einen Tagesausflug machend. Lachend lassen wir den netten Mann, der uns gerade ins Auto geladen hatte, anhalten und begrüßen die keuchenden Radler, dann bin ich wieder in Trabzon und fange an, meinen Internetkram zu machen.

14.11.

Heute ist dann auch schon der große Tag, an dem wir erfahren werden, ob wir in den Iran dürfen. Bis 16:30 müssen wir warten, dann wird wieder das Kopftuch aufgesetzt und wieder treffen wir all die tollen Leute vor den Gittertoren der Botschaft. Als wir eingelassen werden, sind alle ganz schön am zittern… Ist aber auch eine fiese Stimmung in dieser Botschaft… Aber dann geht alles glatt und wir haben diese wunderschönen Visa in persischer Schrift in den Pässen. Das Datum, an dem es fertig gestellt worden war, so sagt uns das Visum, ist übrigens vor zwei Tagen gewesen- aber das nur am Rande.

Als wir alle die Botschaft verlassen, sind wir richtig glücklich und ausgelassen und die französische Caravan-Familie (die Familie Bos oder auch die Bostrotters) eröffnet, dass sie noch dutzende Flaschen Champagner und Wein im Caravan haben, die vor der Iranischen Grenze noch leer werden müssen. So zieht der fröhliche Tross zum Caravan und feiert eine wunderschöne Party auf einem kleinen PKW-Parkplatz. Der Parkplatzwächter kommt ob des Lärms dann auch mal schauen, schimpft aber gar nicht, sondern bringt uns noch extra lecker lecker Kuchen. In dieser Gruppe fühlt es sich jetzt ganz arg nach Familie an, obwohl wir uns alle noch gar nicht lang kennen. Ach, ich kann’s nicht beschreiben, es ist wirklich wunderschön gewesen.

Um 20:00 müssen wir die Party dann aber auch verlassen, weil wir den Abendbus nach Hopa gebucht haben. Wir müssen, wie ihr schon wisst, Kilometer schrubben, um schön viel Zeit im Iran zu haben, und kürzen deswegen die letzten Küstenkilometer ab. Hopa ist die Stadt, von der aus wir in diese sagenumwobenen Berge abbiegen werden. Dort kommen wir dann etwa angeheitert und echt müde um Mitternacht bei unserem Host an- das war so nicht geplant, wir dachten eigentlich, dass wir früher da wären. So haben wir den Host echt lang wach gehalten und dazu war er noch krank; furchtbar schlechtes Gewissen!!

15.11.

Eigentlich wären wir dann (Zeitdruck, Zeitdruck) eigentlich gern früh gestartet, wollten aber unseren Host auch nicht einfach als Hotel missbrauchen, und haben deswegen den Vormittag noch mit ihm gefrühstückt und ihn ein wenig kennen gelernt. Auch wieder ein super sympathischer Mensch, interessant und inspirierend. Und seine Wohnung war der Wahnsinn: siebter Stock und nur eine Querstraße vom Meer, und sowohl in der Küche als auch im Wohnzimmer eine Fensterfront, die bis zum Boden geht. Das war ein atemberaubender Ausblick, mit dem man sich gut von dem liebgewonnen Begleiter Karadeniz / Schwarzmeer verabschieden konnte.

Gegen Mittag sind wir dann auf die Straße, wurden aber gleich wieder hart verzögert, weil einfach zufällig direkt vor der Tür zwei weitere Reiseradler standen, in die wir reingelaufen sind. Das war schon wieder viel zu interessant und angenehm, um einfach aufzubrechen. Die beiden waren aus Großbritannien bzw Kanada und sehr neidisch auf uns, weil sie beide keine Chance auf ein Iranvisum haben. Ihre Website: puncturesandpanniers.com

Nach einem glücklichen Austausch sind wir dann auch tatsächlich mal losgefahren, es war sicher schon nach 12 Mittags, und wie ihr wisst, wird es hier schon um 16:00 dunkel. Und aaaaab ging es in die Berge, Richtung Artvin. Jetzt sind wir plötzlich inmitten von satten Teeplantagen, die wie endlose und ausgepustete Buchsbaumbeete die Hänge bedecken. Endlich in diesen Bergen! Es ist (mal wieder) un- un- unglaublich schön.DSCF4307

Hier bricht mir dann tatsächlich die fünfte Speiche unserer Tour. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich falsch mache, denn ich habe jetzt auf jeden Fall auf der Hinterachse wirklich sehr viel weniger Belastung als Christian, der ja ein baugleiches Rad fährt. Aber irgendwie ist es auch egal, denn das Wechseln der Speiche geht mittlerweile pfeilschnell und auch parallel zur Mittagspause. Marcel schmiert mr Brote und füttert mich, ich werkel eben mal wieder am Hinterrad. Und dann kann es weitergehen.

Als es dann dunkel wird, finden wir einen kleinen Rastplatz bzw. vielleicht eher einen kleinen Imbiss am Straßenrand, der auch ein paar Tische an der Straße stehen hat, und fragen, ob wir dort das Zelt aufstellen dürften. Und na klaaaar, die Türkei wäre nicht die Türkei, wenn das nicht überhaupt kein Problem wäre! Dazu bekommen wir noch Chai und ein paar schöne Unterhaltungsfetzen zusammen und bestellen ein lokales Gericht, das in etwas einem Käsefondue entspricht…. Omnomnom!! Genau das richtige für ehemals vegane Reiseradler mit höchstem Energiebedarf =)

Der Rastplatz liegt direkt flussaufwärts eines riesigen Staudammes und so ist die Aussicht mal wieder… mir gehen superlative Adjektive aus…. richtig gut.

16.11.

Ein mieser Gegenwind versucht, uns unseren nächsten fast-nur-bergauf-Tag noch ein wenig schöner zu gestalten. Wir kriechen dicht hintereinandergedrängt die Berge rauf und an Artvin vorbei, das sich ziemlich hässlich aber beeindruckend an die Bergflanken klebt. Gegen Mittag sind wir wieder an einem riesigen Staudamm und an der Straße steht ein Schild, das nach links einen kleinen Supermarkt verspricht. Weil es hier oben nicht viel gibt, wir aber umso mehr essen müssen, folgen wir dem Schild und landen in einer staatlichen Stadt, die von einem Zaun umgeben und mit einer Schranke gesichert ist. Wir sagen, dass wir zum Supermarkt wollen und werden auch durch gelassen. Im Markt bezahlen wir astronomische Preise, bekommen dafür aber vom Ladeninhaber zu unserer Mittagspause, die wir gegenüber des Ladens abhalten, einen Tee geschenkt. Zwei Kinder schenken uns Mandarinen und Khaki, und ihre Mutter ist hier Deutschlehrerin und erklärt uns, dass das hier eine Stadt nur für die Mitarbeiter und Ingenieure des Staudamms ist. Weiter zieht sich unser Weg, nochmal ein paarhundert Höhenmeter runter und in einem schönen Flusstal wieder rauf, bis es dunkel und kalt wird und wir unser Zelt auf einer sehr hübschen Halbinsel in den Flussauen aufschlagen. Wir kochen ganz schnell und weil es wirklich rattenkalt wird, verkriechen sich die ersten schon um 20:00 ins Bettchen. Ich muss mal wieder mit den Speichen schimpfen und ein wenig hin- und herjustieren, und das mal wieder unter diesem herrlichen Sternenhimmel, dann geht’s auch für mich schlafen. Morgen ist der große Tag- wir wollen über den höchsten Pass unserer bisherigen Reise, und eventuell sogar bis China (das müssen wir noch recherchieren) =)

17.11.

Also stehen wir noch vor Sonnenaufgang auf, um 5:30 wird vor dem Zelt Kaffee gekocht. Mit Sonnenaufgang steigen wir dann auf die Räder und es heißt strampeln, strampeln, strampeln. DSCF43961700 Höhenmeter haben wir zu überwinden und brauchen dafür bis 15:00. Belohnt werden wir von einer Landschaft wie aus dem Bilderbuch, die immer weiter unter uns rückt. Die Berge machen mir Spaß, sie sind wunderschön und man muss nur wenig Blog schreiben, weil man das eh nicht in Worten ausdrücken kann. Dafür haben wir natürlich viele Fotos parat.DSCF4411

 

Als es schon dunkel wird, fahren wir dann wieder ein beachtliches Stück bergab, um noch bis in die Stadt Ardahan zu kommen. Christian wünscht sich nämlich ein Hotel, weil er gern duschen möchte- das passiert sonst auch nicht so oft 😉 Wir bemerken auf der Straße, dass Christians Felge entlang der Bremsenfläche gerissen ist und wissen damit, dass wir mal wieder einen Fahrradladen und eine neue Felge auftreiben müssen- diesmal wenigstens eine 26-Zoll-Felge, das dürfte kein Problem werden. Und so überfahren wir dann saussaussaus unseren 4000. Kilometer =)DSCF4431

Als wir in Ardahan sind und uns auf die Suche nach einem günstigen Hotel begeben, finden sich sofort zwei hilfsbereite Türken (oder Kurden? vielleicht), die das Handy in die Hand nehmen und so lange rumtelefonieren und für uns verhandeln, bis wir ein Zimmer mit vertretbarem Preis gefunden haben. Danke, mensch, ihr seid echt super. Und der eine Helfer ist Restaurantbesitzer und lädt uns ein, später zu ihm auf einen Tee vorbei zu kommen.

Zunächst aber müssen wir noch mit unserem zweiten Helfer das Problem lösen, dass die Räder nicht mit ins Hotel dürfen. Für uns ist es aber nicht vorstellbar, sie einfach auf der Straße zu lassen; zu groß ist der Schaden, falls uns unsere Lastentiere abhanden kommen würden. Im Endeffekt dürfen wir sie gegenüber in ein Einrichtungsgeschäft stellen, wo sie dann zwischen Couchtischen, Sofas und Einbauschränken übernachten.

Wir bekommen ein urgemütliches Zimmer und die Jungs müssen allein den Tee trinken gehen, weil ich mich nach diesem Tag im Schlafanzug viel zu gut fühle und lieber die Aufgabe übernehme, den letzten Blogbericht hochzuladen und mich um die Fotos zu kümmern. Als die beiden dann wiederkommen, bin ich aber doch etwas neidisch: das Restaurant ist wohl das nobelste und beste in der ganzen Stadt (Christian und Marcel im Jogginganzug dort hätte ich gern gesehen) und aus der Einladung zum Tee wurde ein ganzes mehrgängiges Menu. Die beiden kommen mit dicken Bäuchen und sogar noch mit eingepacktem Essen zurück. Alles als Geschenk, nur weil die Menschen so lieb zu uns sind =)

Dann schlafen wir (ich nach einer Dose Bohnen ^^) tief und selig und stolz auf uns, dass wir den 2400m-Pass gemeistert haben!

18.11.

Christian fährt dann morgens mit dem Bus in die nächste Stadt, nach Kars, weil er gern früh ankommen und sofort seine Felge austauschen lassen möchte. Obwohl Christian nicht viel Ahnung von der Radtechnik hat, beschließen wir, dass er das auch allein regeln kann. Dann können Marcel und ich nämlich noch einen Tag durch die Hochebene Westanatoliens radeln.

Hier oben gibt es fast keine Farben mehr, es gibt nur beige-braun-grau und keine Bäume, es gibt endlose Straßen und weite Flächen mit uneingezäunten Pferden, es gibt kleine Dörfer mit vielen Lehmwänden und blauen Plastikplanen überall. Und überall begrenzt irgendeine hohe, meist schneebedeckte Bergkette die Sicht. Und, das finden Marcel und ich beim radeln noch heraus: es gibt Wildschweine! Nur vielleicht 30 Meter vor uns überquert eine Rotte mit vielleicht 40 Mitgliedern die Straße. Uiuiuiui!

Als wir nachmittags nach 90 km in Kars ankommen, wartet Christian schon ziemlich fertig an einer Tankstelle auf uns: Die Radwerkstatt, zu der er sein gelbes Flitzerchen gebracht hat, haben aus seinem kleinen Problem ein großes gemacht.

Als die Männer dort den Ritzelblock abnehmen wollten, haben sie ihn falschrum gezogen, also immer fester. Und dann, weil es in diese Richtung natürlich unmöglich aufzumachen war, haben sie die Nuss, die man zum Abziehen des Ritzels braucht, einfach mal mit dem Hammer weiter reingekloppt. Dabei sind die Kugeln aus dem Lager nur so umhergespritzt, das hat aber keinen mehr interessiert. Als Christian dann ziemlich geschockt angedeutet hat, dass man das andersrum aufbekommt und man dafür eben eine Kettenpeitsche braucht, wussten sie zunächst gar nicht, was gemeint ist. Kurz darauf hingegen hatten sie doch eine organisiert, jetzt aber was das Ritzelpaket schon so mit aller Kraft festgekloppt, dass es sich keinen Millimeter mehr bewegen ließ, auch mit aller Kraft. Im Endeffekt haben wir sogar noch unsere Kettenpeitsche verbogen, als Marcel und ich später dazu kamen.

Irgendwann haben wir das dann aufgegeben und uns entschieden, für Christian ein komplett neues Laufrad, also Felge, Nabe, Ritzelblock, zu nehmen, damit wir weiterfahren können. Natürlich hat nun aber das neue Laufrad im Vergleich zu unseren vorherigen eine wirklich miese Qualität, die Felge ist 2mm breiter und es hat ein Ritzel weniger… Ayayay, da hat sich der Christian geärgert. Zum Glück hatte er dann beim auf-uns-Warten Freundschaft mit dem Tankstellenwart Murat geschlossen, der sich um ihn gekümmert und ihm Tee ausgegeben hat. Und zum Glück ging es dann, mit dem neuen aber schlechteren Laufrad weiter zu unserem Host Taifun. Und der war so toll, dass man den Stress vom Tag gut vergessen konnte. Taifun hat sich wahnsinnig süß um uns gekümmert, hat seine wirklich schöne Wohnung zu unserer deklariert, sein Bett für uns geräumt und auf der Couch geschlafen, hat mit uns einzweiviele Bierchen getrunken und ultra-spannende Einblicke in sein Leben als Kurde, Alevit UND Armenier in diesem Land gegeben. Dazu war er noch lustig und einfach nett… kurz: das war mal wieder ein perfekter Abend.

19.11.

Von Kars aus wollte ich unglaublich gerne nach Ani. Ani war mal vor 1000 Jahren die armenische Hauptstadt und ist heute eine Geisterstadt, nachdem sie immer mal umkämpft und erobert und am Ende in die mongolische Herrschaft gefallen ist, wo sie jedoch keinen Zweck mehr erfüllte und deswegen zerfiel.

Als wir gestern Abend vor dem Haus unseres Hosts auf eben diesen gewartet haben, hatte uns ein Herr angesprochen, der Touristenshuttles dorthin organisiert und eben heute um 7:30 aufbrechen würde. Da war ich dann mit an Bord und hab einen wahnsinnig beeindruckenden Morgen erlebt. Außer mir waren nur 5 andere Beusucher auf dem riesigen Gelände der alten Geisterstadt, über der Steppe herrscht vollkommene Stille, teilweise stehen noch Kathedralen dort, die seit 1000 Jahren jedem Wetter und jedem Erdbeben trotzen, und gleich unterhalb der Stadt liegt der Grenzfluss zu Armenien, an dem hunderte Wohnhöhlen in den Fels getrieben sind. Beim Schlendern durch die Ruinen lagen dann sogar noch menschliche Knochen einfach so in einer Kirchenruine… Huiii, ein faszinierender Morgen.

Als ich dann mittags wieder nach Hause gekommen bin, meditativ-entspannt und glücklich, haben wir alle beschlossen, dass wir noch einen Tag in Kars bleiben, um noch mehr Zeit mit Taifun verbringen zu können und noch einmal auuusgedehnt das Internet zu benutzen, bevor es morgen in den Iran gehen soll. Einmal noch stundenlang mit den Partnern und der Familie skypen, bevor man nicht mehr weiß, ob und wann es Internet geben könnte.

War dementsprechend ein sehr schöner Nachmittag/Abend im Jogginganzug.

Ahja, und in meinem ebook-Reiseführer, dem lonely planet Turkey, hab ich dann noch gelesen, dass genau dieser Touristenguide, der uns gestern Abend zufällig auf der Sraße getroffen hat, empfohlen wird =)

20.11.

Ab in den Bus und nach Dogubayazit und von dort die letzten 30 km nach Iran radeln, das ist der Plan.

Dafür müssen wir um 7:30 mit allem Zeug am Busbahnhof sein. Wie gut, dass Marcel da um 6:50 noch bemerkt, dass er einen Platten hat! Er flickt also, zuerst funktioniert auch die Luftpumpe nicht, alles wird hektisch (zum Glück waren wir wie immer, sehr deutsch, zu früh dran), Christian und ich fahren schonmal zum Busbahnhof vor und fangen an, unsere Räder in einen Bus reinzudiskutieren. Es heißt dann auch, dass das klar geht, wenn wir auch jeweils für die Räder ein Ticket lösen. Das ist durchaus gerecht. Nun kommt auch Marcel um die Ecke gebogen. Also geht das alte Spiel wieder los: Vorderräder rausschrauben, Räder in den Bus tragen, irgendwie auf der Rückbank stapeln und mit unseren zig Satteltaschen den restlichen freien Gepäckplatz auffüllen. Kurz vor Abfahrt sagt uns der Mann von der Busgesellschaft dann noch, dass unsere Räder so viel Platz wegnehmen, dass wir noch mehr Geld auf den Tisch legen sollen, aber das sehen wir nicht ein und diskutieren so lange und so hartnäckig, bis der Bus abfahren will und der Mann aufgibt. Wir sitzen ziemlich fertig im Bus und wollen nur in Ruhe losfahren, da hält der Bus dann nochmal an einem zweiten Busterminal in der Stadt. Der gleiche Mann steigt wieder ein und will nun die Tickets kontrollieren- und wird kalt und heiß, denn nachdem alle Parteien beim Verhandeln irgendwelche Preise auf dem Ticket aufgeschrieben hatten, hat Marcel es nicht mehr gefunden gehabt. Als der Kontrolleur, der uns eh nicht mehr leiden mag, dann aber vor uns steht, zückt Marcel das Ticket einfach. Er hatte es wiedergefunden und einfach nicht als wichtig empfunden, uns das zu sagen…

Nun fahren wir also durch Nebel und karge Felslanschaft in Richtung Dogubayazit. In Igdir müssen wir nochmal umsteigen, dort geht aber alles wirklich problemlos. Es ist zwar ein noch viel kleinerer Bus, der Fahrer will aber nicht einmal Extrageld von uns haben.

Als wir, nachdem wir in Dogubayazit unsere letzten Lira in Käsepide verwandelt haben, dann aufbrechen, ist der Sonnenuntergang nur noch zwei Stunden entfernt. Wir radeln jetzt vorbei an Militärgebieten und Panzern, ein gepanzertes Fahrzeug überholt und, alles ist weiterhin felsig und grau und hässlich. Und da taucht dann plötzlich aus den dichten Wolken der Gipfel von Ararat auf- wahnsinn!!

FOTO

Nun macht Christians neues Hinterrad leider Zicken, es schlägt nach oben aus und es sieht so aus, als ob die Felge völlig gerade sei, aber der Mantel sehr ungleichmäßig. Das wird am Abend genauer angeschaut werden.

Als wir ca. zehn Kilometer vor der Grenze sind, überholen und zufällig die Bostrotters in ihrem Wohnmobil! Das ist eine Freude, die wieder zu sehen, sie halten an und alle liegen sich in den Armen und dann erzählen sie, dass sie heute Nacht an „dem größten Meteoritenkrater der Erde“ schlafen wollen, der nur 2 km vor der Grenze ist. Und das gefällt uns gut, da die Idee, so müde, wie wir sind, noch in der Dämmerung über die Grenze zu fahren und dann dahinter nicht zu wissen, wo wir schlafen können, ziemlich unangenehm war. Also radeln wir dem Caravan hinterher zum Meteoritenkrater. Ich hatte mir bei der Größenausssage vorgestellt, ein wirkliches Tal vorzufinden. Zunächst aber müssen wir an einem Militärposten mit vier schwerbewaffneten Soldaten vorbei, da der Krater genau in der militärischen Sperrzone liegt. Müssen unsere Pässe abgeben. Dann finden wir den Krater- und er ist vll. 15m im Durchmesser und 30m tief. Das kann doch nicht der größte der Welt sein?! Sieht auch irgendwie gar nicht wie ein Einschlagskrater aus. Naja, begeistert sind wir nicht. Nun können wir aufgrund des Sperrgebiets da auch nicht schlafen, also fahren wir mit den Bostrotters zusammen wieder aus der Zone raus, holen unsre Pässe ab, und der Bostrotter-Papa fragt die Soldaten, wo wir denn den Caravan abstellen könnten. Die sagen, hier überall ginge es keinesfalls, wegen der Sicherheitsstufe des Gebiets. Er meint, dann fahren wir eben einen Kilometer außer Sicht und stellen uns dort ab.

Als wir dort stehen und gerade Christians Rad auseinander genommen haben, um uns das Problem des Tages mal genauer anzusehen, kommen die Soldaten natürlich wieder und sagen uns, dass wir hier nicht bleiben können. Wir diskutieren, dass wir das verstehen, aber eben auch keinen anderen Platz wissen, zu dem wir können: 2km weiter ist die Grenze, da können wir ja nun auch nicht bleiben, und auf der anderen Seite ist ein Dorf, in dem der Bostrotter-Caravan von frechen Kindern mit Steinen beworfen wurde. Dort fühlen sie sich nicht sicher. Die Militärs sagen, wir sollten einfach zurück nach Dogubayazit – das sind die 30 km, die wir heute geradelt sind! Also nein! Wir erklären ihnen, dass wir jetzt in der Dunkelheit auch echt nicht mehr weit radeln können- da bestellen sie dann eine Eskorte für uns und rufen in der nahegelegenen Station der Gendarmerie (paramilitärische Polizei) an und sagen, dass wir dort schlafen können. Und so zieht dann im Endeffekt ein sehr unterhaltsamer Tross los, den ich leider nicht fotografieren durfte: zuerst fährt da ein gepanzerter Gruppenwagen mit richtig jemandem oben im Ausguck und so, dahinter wir drei Räder und dahinter die Familie im bunt bemalten Wohnmobil =)

Als wir jedoch an der Gendarmei ankommen, wissen die von nichts und lassen uns auch dort nicht bleiben. Sie sagen, wir sollen nach Dogubayazit fahren. Nein! Und sie sagen, dass etwa 2 km weiter ein bewachter Parkplatz ist, auf dem wir wohl schlafen könnten. Wir glauben das nicht so richtig, deswegen fahren die Bostrotters erstmal mit dem Wohnmobil hin, um das zu checken. Und da meine ich deutlich zu merken, wie unterschiedlich die Leute auf uns mit unseren Rädern reagieren: plötzlich sind die Gendarmen nicht mehr schrecklich abweisend, sondern fragen uns, ob wir nicht reinkommen und was essen wollen. Und einer erzählt uns, dass er nicht weit entfernt wohnt und dass wir auch dort in seinem Haus schlafen bzw. im Hof campen könnten. (Wohlgemerkt, alles irgendwie kompliziert über Smartphones und elektronische Übersetzer, weil hier niemand Englisch spricht). Scheinbar lösen die Bostrotters im Wohnmobil andere Reaktionen aus.

Auf jeden Fall aber kommen sie zurück und sagen uns, dass der Parkplatz gut sei, und so fahren wir dort noch hin. Es scheint eine lange Diskussion gewesen zu sein, bis wir dort schlafen durften, weil der (LKW-)Parkplatz eigentlich geschlossen war. Dennoch trafen wir dort 5 Sicherheitsmänner an, die sich eben nur sinnlos die Zeit vertrieben… verrückt.

Das war dann ein ganz schöner Abend mit der Familie im Caravan, wir haben mit den Kids gespielt und mit den großen geredet, haben zusammen gegessen und am Ende den Esstisch so eingesenkt, dass wir drei auch mit im Wohnmobil schlafen konnten. Zu acht in einem Auto =) War auf jeden Fall mal wieder grandios!!

21.11.

Heute geht’s hoffentlich in den Iran!

Nach dem Frühstück mit den Bostrotters haben wir noch auf die beiden Freiburger Reiseradler Julian und Linda gewartet, die nur wenig hinter uns sind und mit denen wir gerne gemeinsam ein Stück radeln wollen. Und dann ging es mit allen zusammen über die Grenze! War gar nicht so schrecklich, nur etwas verwirrend, weil sowohl der Polizist, der unser Gepäck durchsucht hat, als auch der, der unsere Pässe zum zweiten Mal eingescannt hat, keine Uniform trugen. Deswegen waren wir höchst skeptisch und haben zunächst mal jede Mitarbeit verweigert, konnten dann doch aber jeweils auch von der rechtmäßigkeit überzeugt werden. Noch in dieser Hochsicherheitszone der Grenze kam dann auch eine Dame vom Iranischen Tourismus-irgendwas an und hat sich unsere Namen und Adressen geben lassen, dazu hat ein professioneller Fotograf die ganze Zeit Bilder von uns gemacht…

Und an der Grenze haben wir noch einen anderen Reiseradler aus Prag getroffen!

Und dann- waren wir wirklich im Iran!!

Noch sieht der aber natürlich ziemlich so aus wie die Türkei, nur mit den wunderschönen persischen Schriftzeichen überall.

Im ersten Ort haben wir dann auch gleich wieder die Bostrotters getroffen und Euro in Rial getauscht. Zack, waren wir vielfache Millionäre, denn ein Euro ist 40.000 Rial =) Und dann kam uns noch ein weiterer Reiseradler aus Taiwan entgegen, der uns auch gleich seine Iran-Karte vermacht hat. Das ist ein Wahnsinnsgeschenk, denn detallierte Karten kann man hier nicht kaufen, so wie auch GPS verboten sind.

Und dann sind wir endlich mal wieder ein bisschen geradelt, seit heut morgen ja nun zu fünft. In der ersten Stadt wollten wir Brot kaufen und Mittag essen. Zuerst wurden wir von einem Helfer, der uns aufgegabelt hat, zu einem Imbiss gebracht, wo es aber partout nichts vegetarisches gab. Dann haben wir Brot kaufen wollen, aber das einzige, was es gab, war trocken wie Cracker, groß wie unsere Räder,, dünn wie Papier und wurde verkauft im 30er-Pack. Dennoch haben wir uns dann dafür entschieden und es nicht wirklich überzeugt zum Mittag gegessen. Danach sind wir noch weiter gefahren, bis es dunkel wurde, da wollten wir gerade an einem Haus fragen, ob wir dort campen könnten, da kamen zwei junge Frauen über ein Feld gelaufen und haben sich übelst über uns Touris gefreut. Und als sie unsere Frage nach der Zeltmöglichkeit nicht verstanden haben, haben sie ihren Bruder geholt, der Englisch konnte. So haben wir also Ali und seine Familie kennen gelernt =) Die alle haben uns sofort eingeladen, mit zu ihrem Gewächshaus zu kommen, wo sie gerade ein Wochenends-Familienpicknick abhalten. So wurden wir in einen Innenhof gelassen und sofort wurde uns zugerufen, dass wir die Kopftücher abnehmen sollen. Dann wurden wir in ein kleines Wohnzimmer mit Ofen gebracht, uns wurde Tee gegeben (der iranische ist sogar noch besser als der türkische!!) und die ganze Familie, vielleich 15 Leute, haben sich um uns herum geschart. Bis irgendwie das Thema Tanzen aufkam, da wurde ein mobiler Lautsprecher gebracht und alle sind zusammen in den Hof, um zusammen zu tanzen. Es war richtig ausgelassene Stimmung, alle waren total glücklich und haben sich gefreut, es gab ein Feuer und wir haben ewig zusammen am Feuer gesessen, getanzt und palavert. Ich hab sogar noch der einen jungen Frau eine Dread gemacht, weil sie meine so mochte und weil ihre Schwester Friseurin ist und das mal sehen wollte, damit sie es auch anbieten kann =)

Irgendwann mussten wir dann doch auch mal ins Bett. Dieser erste Abend im Iran hat uns komplett überzeugt =)

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