25.10.

Der Tag hält für uns unglaubliches Bergpanorama bereit- dafür müssen wir natürlich ordentlich hoch und wieder runter strampeln, aber langsam ist man tatsächlich trainiert. Es ist herrlich, sag ich euch. Kleine Serpentinen und große Berge.

Inmitten dieser Berge geht der gelegentliche Nieselregen, mit dem der Tag angefangen hat, in einen ordentlichen Regenguss über, dass uns die Tropfen beim Bergabsausen nur so ins Gesicht peitschen. Die Mittagspause wird also schnell vorgezogen und unter der Markise eines kleinen Gemischtwarenlädchens abgehalten. Kaum dort untergestellt, kauft ein gerade ankommender Kunde uns drei Kaffee, einfach so. Die Türken sind so wahnsinnig, wahnsinnig nett zu uns.

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Wie die Pinguine also stehen wir da in den eklig am Körper klebenden, kalt werdenden Kleidern und schmieren uns unsere Brote, danach regnet es auch tatsächlich weniger und wir nehmen die nächsten Berge in Angriff, bis wir am Nachmittag in flachere Gefilde düsen. Luftlinie fahren wir jetzt zwei Kilometer neben dem Meer. Es dämmert und wie so oft, seit wir nurnoch zu dritt sind, fragen wir beim ersten Haus im Dorf, ob wir dort im Garten unser Zelt aufstellen können. Das Wort „Zelt“ wird von dem Ehepaar, das gerade ihre Kühe in den Stall bringt, nur weggewischt und wenig später sitzen wir drei frisch geduscht in dem Wohnzimmer der Familie, glücklich, warm, trocken und mit obligatorischem Tee in der Hand. Es wird für mich einer der schönsten Abende bisher: zwar versteht niemand mehr als drei Brocken Englisch, aber mit dem Laptop auf dem Schoß und Übersetzungsseiten schaffen wir es, eine kleine Konversation zu betreiben. Man stellt uns Börek vor die Nase, das sind Blätterteigschnecken und in diesem Fall frisch aus dem Ofen und mit Käse und Zwiebeln und Kartoffeln gefüllt. Wir lachen viel, Christian kriegt auch gleich das Baby auf den Arm und später zieht die ganze Familie auf eine Decke auf dem Fußboden um, auf der dann zusammen frisch gesammelte und geröstete Esskastanien in der Mitte stehen. Man knackt gemütlich Kastanien, palavert mit Händen, Füßen und google translate und wir freuen uns unglaublich, hier gelandet zu sein.

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Der Vater und die Mutter der Familie bedeuten uns irgendwann, dass sie jetzt nochmal für eine Stunde weggehen, sie ziehen sich fein an und wir fragen mit all unseren Ideen von der türkischen Gesellschaft, ob sie jetzt in die Moschee gehen- „Nein, tanzen!!“ ist die Antwort, mit entsprechender tanzender Körpersprache dazu =)

Zum Schlafen bekomme ich als Dame ein Extrazimmer, und das ist tatsächlich das erste Mal seit zwei Monaten nun, dass ich allein in einem Raum schlafe.

Es ist die Nacht der Zeitumstellung. In Deutschland würde ich mich jetzt tierisch freuen, dass ich eine Stunde länger schlafen kann, bis ich zur Arbeit muss. Unser Tagesablauf aber hält sich nicht an die Uhr, sondern an die Sonnenstunden. So müssen wir ab jetzt eine 6 vor dem Komma auf dem Wecker einstellen, wenn wir den Tag gut nutzen wollen, denn um 17:00 wird es schon dunkel.

26.10.

Am Morgen bekommen wir von den netten Menschen auch noch frisch vom Strauch gepflückte Mandarinen mit auf den Weg und freuen uns dann tierisch über 30 sonnige Kilometer im Flachland. Links von uns ist das Meer in seiner ganzen meerigen Herrlichkeit, rechts von uns erheben sich die grünen und teilweise herbstbelaubten Berge bis in die Wolken. Sehr gerne wollen wir zur Mittagspause an einem Strand sein, gerade Christian will unbedingt baden – leider landen wir aber das nächste Mal, wo wir nicht mehr auf Klippen 60 m über dem Meer fahren, an einem Hafen, haben zu viel Hunger zum Weitersuchen und mit dem Baden wird es nichts. Schön ist es dennoch, wunderschön, aber Christian ist doch sehr geknickt. Wird nicht besser, als er eine Stunde nach der Mittagspause bemerkt, dass er seinen einen Schuh irgendwie dort vergessen hat! Zunächst will er noch zurückfahren, hat auch schon das Gepäck abgesattelt, uns zurückgelassen und ist nochmal auf dem Weg zurück, überlegt es sich dann aber anhand der bald einsetzenden Dunkelheit anders, kommt zu uns zurück und wir setzen die Reise ohne Christians Lieblingsschuhe fort. Was flucht er über sich selbst!

Aber weiter geht es, und zum Abend erreichen wir nach 93 Kilometern Eregli, wo wir einen Couchsurfing-Host aufgetan haben. Der hatte zuvor geschrieben, dass wir uns in der Innenstadt treffen. Als wir uns gerade zum Zentrum durchfragen, hält vor uns mitten auf der Straße ein Auto an, ein Mann steigt mit seiner Tochter aus und erzählt uns ganz aufgeregt, dass er auch Fahrrad fährt =) Er zeigt uns auf dem Handy Fotos von sich auf dem Mountainbike und fragt, ob er uns ins Zentrum eskortieren soll, aber auf der stark befahrenen Straße wehren wir das vehement ab. Als wir dann wenig später im Zentrum sind, hat er sein Auto dort wieder abgestellt und bestätigt uns nochmal, dass wir im Zentrum sind. Dann ruft er für uns noch bei unserem Host an und macht eine Verabredung in einem Café aus, und dann schmeißt er wirklich den Warnblinker rein, sperrt uns Kreuzungen ab und eskortiert uns zum Café. Und dort setzt er uns hin und bestellt auf seine Rechnung zwei Runden Tee für uns, bis Ibrahim, unser Host, ankommen soll, holt uns aus dem Auto noch eine Packung Kekse und verabschiedet sich. Wahnsinn.

Dann kommen zwei junge Männer zu uns, die Freunde von Ibrahim sind und eigentlich einen Erste-Hilfe-Kurs gehabt hätten. Als sie aber erfahren haben, dass Ibrahim Gäste aus Deutschland hat, haben sie den abgesagt. So sitzen wir dann mit den beiden und mit Ibrahim erst dort und trinken Tee, dann bringen sie uns in ein Café, wo wir noch mehr Tee trinken und seine Salsa-Freunde kennen lernen, von unserer Reise erzählen und ganz viel Staunen ernten. Und dann gehen wir noch etwas essen, Türkische Spezialitäten, die ich ganz toll finde, die Christian aber nicht begeistern können.

Jetzt, als wir nach den 93 km und mit einem dicken Bauch ordentlich faul werden, eröffnet uns Ibrahim, dass es zu ihm nach Hause auch nochmal 6 km den Berg hoch geht. So kommen wir dann noch auf 99 km an diesem Tag =)

Mit den Jungs ist es dann auch noch wirklich nett, sie finden es okay, dass wir ein paar Bier bei ihnen zu Hause trinken, wir unterhalten uns, haben Spaß, und später führt Christian auch noch eine sehr angeregte Debatte über die Kurden mit den Jungs, während Marcel schon schläft und ich mit Zuhause skype.

27.10.

Am Morgen kommen wir wegen Zeitumstellung, Bier und angeregten Gesprächen bis in die Nacht erst sehr spät los und dann auch direkt wieder in ordentliche Berge. Der erste geht direkt von Eregli los und der Anstieg zieht sich die ganze erste Stunde, 10 km nur hoch, hoch, hoch. Uns läuft der Schweiß aus allen Poren. Oben angekommen treffen wir einen Mitarbeiter eines Asphaltwerkes, der fragt, was denn mit den Deutschen los sei- zweimal seien hier schon welche vorbei gekommen, die nach einem Schlafplatz gefragt haben. Haben wir denn nichts besseres zu tun?

Nein. Das hier ist super =)

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3000 km – 3 Räder und 3 Nullen =)

Wer 500 Meter hoch fährt, darf die dann auch irgendwann wieder runter. Wir fahren also noch recht lange auf den Bergrücken lang und haben momentan oft das Glück, dass eine Seite der mehrspurigen Straße neu gemacht wird, und dann fahren wir auf der gesperrten Seite ganz allein und ganz entspannt. Die Ausblicke sind wieder der Wahnsinn. Und: hier fahre wir dann unseren 3000. Kilometer =)

Am späteren Nachmittag wird es ganz grandios, als wir auf der Steilküste direkt über der Brandung fahren und in unserem Rücken die Sonne untergeht. Un- un- unglaublich schön!DSCF3780 Aber halt? Sonnenuntergang? Eigentlich wollten wir heute noch sehr viel weiter kommen, aber so (blöde Verwirrung durch die Zeitumstellung) ergibt es sich, dass wir mitten in der Stadt Zonguldak sind, als es dunkel wird. Zonguldak ist die Partnerstadt von Bottrop. Ein hässliches Industriemoloch und völliges Verkehrschaos. Da stehen wir dann auf dem ersten Fußweg im Zentrum und versuchen, etwas zum Schlafen aufzutreiben. Zwei Stunden lang gehen wir abwechselnd zu Hotels, um nach den Preisen zu fragen und nach Internet Ausschau zu halten, um vielleicht noch einen spontanen Warmshowers-Host zu finden.

Auf dieser Tour gibt es sehr wenig Stress, geschweige denn Panik, wir harren einfach der Dinge, die da kommen und wissen alle aus unseren Erfahrungen, dass sich schon irgendetwas ergeben wird. Und genau, irgendwann steht ein breit gebauter Mann vor uns, der hervorragend Deutsch spricht, Nachtclubs betrieben und bei der Security gearbeitet hat und wahnsinnig nett und hilfsbereit ist. Er ruft den Hotelbesitzer des nächsten Hotels an, der ein Bekannter von ihm ist, und handelt den Preis für uns runter. Inzwischen kommt Christian von seinem Hotel-Erkundungszug zurück. Er hat kein gutes, günstiges, freies Hotel gefunden, in das wir die Räder mit rein nehmen können. Dafür wird er nun von zwei Jungs begleitet, die ihn durch dolmetschen und Ortskundigkeit tatkräftig unterstützen. Wir kriegen noch ein paar Mandarinen geschenkt und eine junge Frau, die nur „How are you“ auf Englisch herausbekommt, kauft uns drei Schokoriegel, dann zieht der nun schon beachtliche Tross aus drei Reiseradlern und drei Helfern zum Hotel. Es erwartet uns in, nunja, dem Preis angemessener schlichter Anmut. Der Straßenlärm ist ziemlich präsent und wir verspüren leichten Widerwillen, uns in die Betten zu legen. Als dann ab 20:00 noch nebenan ein riesiger Bagger anfängt, das Haus abzureißen, das mit unserem die Außenwand teilt, und Christian DANN feststellt, dass er in seinem Postfach eine Couchsurfing-Einladung für genau diesen Ort nicht gelesen hat, ist der Zonguldak-Abend an tragischer Komik kaum noch zu überbieten. Bis nach Mitternacht erzittert das Haus immer wieder, wenn im Haus nebenan die Trägerwände eingerissen werden. Ich muss dazu (eben wegen der tragischen Komik) jedes Mal so lachen, dass ich erst recht spät zu unserem wDSCF3808ohl verdienten Schlaf komme

 

28.10.

Und wieder beginnt unser Tag mit einem laaangen Anstieg, nachdem wir im Hotel noch super türkisches Frühstück bekommen haben. Das besteht im übrigen aus dem leckeren türkischen Tee, Brot, Aufstrichen, Gurken, Tomate und weißem Käse. Omnom! Und wir langen für eben diesen laaangen Anstieg ordentlich zu. Achso, und dann kaufen wir Christian noch neue Schuhe und bekommen den Tip, nicht direkt an der Küste, sondern etwas weiter ins Landesinnere zu fahren. Das seien wohl ein paarzehn Kilometer mehr, dafür sei aber die Steigung sehr viel humaner. Und so ist es, der lange Anstieg geht in eine nicht enden wollende Abfahrt über und die wiederum in eine richtige Flachlandetappe. Seit Ewigkeiten fahren wir mal wieder Windschatten! Und machen dann in einem kleinen Ort an der Straße auf einem Spielplatz/Park rast.DSC01291 Hier breiten wir die Plane aus und essen unser Picknick, und in kürzester Zeit haben sich wieder einige Menschen eingefunden, die sich für uns interessieren und uns gutes tun wollen. Ein Deutschtürke, der in Northeim aufgewachsen ist und gelebt hat, unterhält sich sehr nett auf Deutsch mit uns und übersetzt seinen Dorffreunden. Zigmal werden wir noch gefragt, ob wir aus dem Dorf noch irgendwas gebrauchen können, aber tatsächlich sind wir wunschlos glücklich und düsen weiter. Immer nach Osten.

Am Abend klingeln wir nach 96 Kilometern bei einem Haus und dürfen sofort das Zelt in den Garten stellen und werden auch zum Essen reingebeten. Langsam wird es Christian etwas zu viel Eingeladerei, der möchte schon seit Tagen und Tagen wieder Nudeln mit Tomatensauce essen =) Aber natürlich ist es wahnsinnig nett und auch das Essen lecker, und bei Chai und Keksen versuchen wir dann noch, etwas Konversation zu betreiben. Englisch oder Deutsch spricht leider niemand, man freut sich aber sehr über unsere Pantomimen-Fähigkeiten. Und auch zum Zelt werden wir kaum zurück gelassen, sondern sollen am liebsten im Wohnzimmer schlafen. Aber nein, heute Nacht wollen wir mal wieder im Zelt wohnen, sonst schleppen wir es ja ständig umsonst mit

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29.10.

Zum Sonnenaufgang sind wir schon wach, kommen aber erst recht spät los, weil wir bei den netten Menschen noch zum Tee reingebeten werden. Das kann ich schlecht ablehnen =)

Danach kommt…. ein laaanger Anstieg, der uns zurück zum Meer führt. Als wir die dicke Straße wieder runtersausen, liegt dann da schräg unter uns die malerische Stadt Amasra im Wasser. Aufgrund der uns trennenden 100 Höhenmeter beschließen wir aber, sie nur von oben anzusehen und derweil von den vielen Marktständen lecker lecker türkischen Honig zu kaufen. Unser Lieblingsimker aus Deutschland hat uns zwar davon abgeraten, aber ich hab den türkischen Honig so gern, dass ich das Damoklesschwert über mir in Kauf nehme. (wie schreibt man Inkaufnehmen nach neuer deutscher Rechtschreibung?!)

Weil wir im Amasra nicht zum Meer gefahren sind, machen wir im nächsten Ort, der wieder im Tal und am Meer liegt, eine lange Mittagspause. Hier gehe ich tatsächlich auch kurz baden, auch wenn es heut nur ca. 18 Grad sind und ich mich als (beim Umziehen kurz) nackige Frau am Rande des Dorfes sehr unpassend fühle. Auch das Gefühl, die einzige im Bikini zwischen lauter Kopftüchern zu sein, überzeugt mich nicht.

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Überall, wo wir hinkommen, werden wir jetzt übrigens angeschaut wie bunte Hunde, Leute am Wegesrand schreien uns Einladungen zum Tee hinterher und in Dörfern und Städten bleiben immer Menschen um uns herum stehen.

Stehen bleiben… Am Nachmittag bei einer besonders sausigen Bergabfahrt bleibt Marcel plötzlich stehen, weil ihm eine Speiche aus der Felge gerissen ist – er hat also ein großes Loch im Innenkreis der Felge, die Speiche hält nicht mehr und er hat eine dicke Acht. So ein Mist! Dafür gibt es keine Notfallreperatur, also auf jeden Fall keine, die wir kennen oder jetzt ausprobieren wollen. So ist der Plan, bis in den nächsten größeren Ort zu kommen, dort zu schlafen und vielleicht eine Felge, eine Werkstatt oder einen Bus in die nächste Stadt aufzutreiben. Marcel schiebt also die nächsten 12 Kilometer bis nach Kurucaside, Christian und ich sind aber wegen der wirklich höllischen Steigungen gar nicht sooo viel vor ihm da, vielleicht eine ¾-Stunde.

Wir kommen in einem kleinen Hotel unter, im viiiiieeeerten Stock, müssen also nachdem wir bis in die Dunkelheit Berge bezwungen haben auch noch zigmal hoch und runter und unseren ganzen Kram hochtragen. Dafür gibt es ein schönes Zimmer mit Meerblick, einer sehr lustigen Dusche (einfach in das voll ausgekachelte Bad irgendwo in die Mitte einen Duschkopf gehangen und Zack!, fertig ist die Nasszelle) und einen Balkon ohne Geländer, auf dem Christian endlich seine lang ersehnten Nudeln kochen darf. Marcel müssen wir zum Essen dann schon wecken, der ist völlig erschöpft umgefallen.

30.10. Die Busetappe

Marcel steigt um 07:00 in den Bus nach Cile, der nächsten größeren Kleinstadt. Christian und ich drehen uns noch ein paar mal in den Laken, essen lecker Frühstücks-Restenudeln, packen zusammen und zuckeln dann mit dem Rad hinterher. Das ist jetzt tatsächlich das erste Mal, das „Chris & Jule“ stimmt, wir sind das erste Mal zu zweit unterwegs =) Und unterhalten uns prächtig, über die Revolution und die Welt und die Menschen, und zack! Sind wir auch schon in Cile.

Hier finden wir den Marcel am Busbahnhof. Leider gibt es keine neue Felge, dafür hat aber eine Werkstatt ein Stück Metall hinter das Loch in seiner Felge gedengelt, das neue Stück Metall durchbohrt und die Speiche so wieder befestigt. Prinzipiell ist das wahrscheinlich keine schlechte Lösung, wir müssen nur feststellen, dass die Felge auch an zwei weiteren Speichen ausreißt. Dementsprechend können wir mit Marcels Rad jetzt weiterfahren, möchten die Felge aber so schnell wie möglich austauschen. Das wird sich jetzt als problematisch erweisen, weil Marcel nicht auf Christians gut belesenen Rat gehört hat und sich kein 26-er Rad für die Tour zugelegt hat. Marcel fährt mit 28-Zoll-Rädern, was in Deutschland durchaus üblich ist, aber scheinbar schon ab der Türkei etwas ziemlich exotisches ist. 26er-Felgen bekommt man hier überall, nach einer 28er werden wir noch lange suchen.

Nun strampeln wir also wieder zu dritt, Berge hoch und Berge runter, das Panorama ist immernoch unglaublich schön, aber das Wetter wird schlechter. Es nieselt und nebelt und ist schrecklich ungemütlich. Beim Radfahren merkt man es zum Glück gar nicht so sehr, weil einem immer recht warm ist und man sich so sehr auf die ollen Steigungen konzentrieren muss, aber bei jedem Stehenbleiben wird bewusst, dass jetzt Ende Oktober und wirklich Herbst ist. Das Wetter hier ist genau wie Ende-Oktober-Wetter in Deutschland, man möchte sich fast einen geschnitzten Kürbis auf den Gepäckträger schnallen. Und am Kamin sitzen. Hmmmm… Wohnzimmer… Nicht drüber nachdenken!

Gegen Abend (nuja, gegen Dämmerung, das ist ja jetzt leider schon 16:50) kommen wir an ein kleines Dorf, das auf der linken Seite der Straße, direkt auf den Klippen über dem Meer liegt. Hier fahren wir zu drei Häusern, vor denen ein Stück Wiese wirklich direkt an der Klippe ist, klingeln und fragen, ob wir dort ein Zelt aufstellen dürfen. Nun kommt innerhalb der nächsten halben Stunde regelrecht das ganze Dorf zur Beratung zusammen, weil wohl die Wiesen-Nutzungsrechte nicht ganz klar auf der Hand liegen, und man diskutiert, telefoniert und dolmetscht, bis wir fast schon keinen Schlafplatz mehr brauchen, weil wir erfroren sind. Im Endeffekt aber dürfen wir in der Garage einer hilfsbereiten und resoluten Frau schlafen. Mit uns kommen noch drei Menschen in die Garage, wuseln rum, fegen aus, bringen und Tische und Stühle bis die Garage fast so voll ist, dass wir keinen Platz mehr finden, bringen uns frisch vom Baum gezupfte Granatäpfel und Mandarinen und eine Glühbirne. Und dann kommt die liebe Frau nochmal raus und bringt uns Käse in frittiertem Teig (soooo gut) und Bohneneintopf. Wir schauen kritisch auf den Teller und sagen vorsichtig, dass wir Vegetarier sind, und uns wird versichert, dass da kein Fleisch drin ist. Nun hab ich ja nicht so die Ahnung von Fleisch und so, aber das, was da zwischen den Bohnen aussieht wie Rindfleisch, das schmeckt auch verdächtig nach Rindfleisch.

Hoffen wir mal für uns und unseren ständigen Konflikt mit der Veganerpolizei, dass das einfach nur richtig gut gemachter Fleischersatz aus Seitan oder Tofu war =)

Wir kochen noch Reis mit Bohnen, spielen eine Runde Skat und gehen dann früh schlafen. Die Kälte, die frühe Dunkelheit und die Berge ermüden uns scheinbar heftig. Um 22:00 dreht der letzte die Glühbirne raus. Es ist recht kalt auf dem Betonfußboden und ich hole das erste mal meinen in Istanbul mühsam erworbenen Daunenschlafsack raus- und freu mich prächtig, denn da hab ich einen Hochleistungsofen gekauft, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Bei vielleicht höchstens 10 Grad musste ich mit offenem Schlafsack und Beinen und Armen rausgestreckt schlafen, sonst wär es zu warm gewesen. Heftige Berge mit Schnee in der Osttürkei- kein Problem, ich komme!

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31.10.

Es regnet heftig, als wir aufstehen und uns aus unserer Garage schälen. In voller Regenmontur geht es auf die Straße und wir ziehen heftig durch, weil wir bei jeder Pause zu sehr auskühlen würden. Die 40 km bis zur Mittagspause werden also „durchgerockert“, wie man bei uns so sagt, und ziemlich erschöpft kommen dann in einem kleinen Ort bei einer Teestube an, in der wir Mittag essen dürfen und unsere nassen Kleider auf die Heizung hängen. Nicht, dass die während der Stunde Pause trocknen würden, aber so sind sie wenigstens warm-nass, wenn wir sie zum Weiterfahren wieder anziehen müssen.

Es ist ja nun so, dass wir das Türkei-Level in der uns vorgegebenen Zeit höchstwahrscheinlich eh nicht durchspielen können. Am 18. November möchten / müssen wir in den Iran einreisen. (Wir hätten so gern mehr Zeit für die ganze Reise…) Daher müssen wir in der Türkei wohl eh irgendwann einmal eine Etappe mit dem Bus fahren. Dementsprechend wird nun diskutiert, ob sich dieses Busfahren jetzt gerade anbieten würde: Wir haben ein kaputtes Rad, es regnet ekelhaft, ein Pausentag ist sehr überfällig und wir fahren alle etwas aus den Reservekräften, und zwischen uns und der Stadt Sinop, wo wir Pause machen wollen, liegen noch mehr heftige Berge und mindestens 4 Tage. Im Endeffekt entscheiden wir uns aber, noch bis Inebolu, dem nächsten größeren Ort, mit dem Rad zu fahren. Bis dahin sind es nochmal 33 Kilometer (im Flachen sind 77 Kilometer kein Problem, aber mit diesen 10%-Bergen und der Kälte kommen wir an die Schmerzgrenze) und wir kommen im Dunkeln an.

DSC01422Fahren direkt zum Busbahnhof, um herauszufinden, wann der nächste Bus nach Sinop geht. Dort bildet sich die obligatorische Menschentraube um uns herum und es wird heftig diskutiert, in welchen Bus wir eventuell die Räder mitnehmen können. Eine Frau spricht uns auf Deutsch an, sehr energisch und tatkräftig. Leider ist sie irgendwie etwas verpeilt, auf jeden Fall mündet das ganze darin, dass wir erstmal mit ihr Abendessen, Tee trinken, noch drei Tee trinken, und nochmal Tee trinken und uns ihre sehr schwer verständliche Lebensgeschichte mehrmals recht unzusammenhängend anhören, bevor sie zustimmt, mit uns nach dem Ticket zu gucken. Dafür gehen wir dann auch nicht den Busticket-Verkäufer fragen, sondern ihren Onkel, der am Busbahnhof einen kleinen Laden hat. Hier bete ich zigmal wieder runter, was wir wollen: Bus, mit Platz für drei Räder, so schnell wie möglich, so günstig wie möglich, nach Sinop. Ewige Diskussionen folgen, dann immer wieder eine Nachfrage: wohin nochmal? Sinop…. Wann? Am liebsten morgen…. Und immer wieder: „Kein Problem! Ach, doch…“ Das Problem scheint zu sein, dass sie ziemlich verwirrt ist oder sich schlecht konzentrieren kann, und obwohl ich tierisch dankbar bin, dass sie versucht uns zu helfen, macht sie es irgendwie nur schlimmer. Irgendwann dreht sie sich zu mir um und sagt: „Aber, nach Sinop sind es doch nur 170 km, das könnt ihr doch auch mit dem Rad fahren? Mein Onkel sagt, in ca. 3 Stunden seid ihr da!“ Da fall ich fast um, denn ich hab doch die letzten zwei Stunden damit zugebracht, ihr zu erklären, warum wir jetzt gerade nicht mehr Rad fahren wollen (Rad kaputt, heftige Berge, große Erschöpfung…) und 170 km in diesen Bergen machen wir auch nicht in 3 Stunden, sondern in 2 oder 3 Tagen! Hui. Als ich ihr das sage, meint sie, jetzt ist sie verwirrt und geht wieder Tee trinken. Ich geh dann allein nochmal zum Ticketschalter, irgendjemand zaubert einen englischsprechenden Menschen am Handy hervor und so wird zwischen mir und dem Busticket-Verkäufer übersetzt. Ich verstehe jetzt, dass die großen Reisebusse zwar prinzipiell genug Platz für die Räder haben, morgen aber Samstag und somit Basar-Tag ist und der Bus auf der Strecke viele Menschen mit viel Gepäck einsammeln wird. Somit möchte er den Bus nicht mit unseren Rädern blockieren. Dementsprechend können wir morgen nicht fahren, dafür aber übermorgen. Okay! Danke!

Weil Christian sich erinnert, dass einer der Männer in der Traube am Anfang meinte, er könnte uns am nächsten Tag wohl irgendwie in einem der Minibusse mitnehmen, entschließen wir uns, jetzt ein Hotel zu suchen und am nächsten Morgen einfach früh wieder zum Busbahnhof zu kommen. Die gute Frau sagt, dass sie uns bei der Hotelsuche helfen kann, und prinzipiell ist das supernett, aber sie bestellt sich erstmal noch ein paar Tee, raucht ein paar Zigaretten… uns wird ziemlich kalt, weil wir in den feuchten Radelklamotten die ganze Zeit draußen sitzen. (Christian hat sich mitten auf dem Busbahnhof umgezogen und dabei gelernt, dass es in der Türkei nicht problemfrei ist, kurz beim T-Shirt-Wechsel oben ohne dazustehen, er wurde ziemlich angeblafft.) Als wir dann sagen, wir seien sehr dankbar für ihr Angebot, jetzt würde uns aber zu kalt und wir würden einfach allein auf die Suche gehen, kein Problem, kommt sie doch und sagt, sie muss sich nur kurz ein Taksi bestellen, das vor uns her zu dem präferierten Hotel fährt. Okay, darauf können wir natürlich noch warten. Ah!, sagt sie, eine Sekunde, sie würde noch gern beten gehen drüben in der Moschee, ob wir vielleicht kurz….? Nein, sage ich, wir fahren jetzt einfach los, ist schon okay, vielen Dank für die Hilfe! Da kommt sie dann aber mit, ich hab ein schlechtes Gewissen, weil wir sie vom Beten anbgehalten haben, aber sie meint, dass das kein Problem ist. Das bestellte Taxi hält wenige Minuten später vor uns. Ich sage ihr noch kurz, dass das Taxi langsam vor uns herfahren müsste, weil wir halt nicht so schnell sind. Christian meint lachend, da ist er ja mal gespannt- und zzzuuuuummmm, mit quietschenden Reifen ist das Taxi außer Sichtweite an der nächsten Kreuzung abgebogen =)

Wir finden es aber wieder, und nun fährt es auch langsam und obwohl Marcel seeehr skeptisch ist, dass uns das jetzt irgendwas bringt, wird es ein riesiger Glücksgriff, für den wir unserer etwas anstrengenden Helferin unglaublich dankbar sind: Sie bringt uns zu einer Pansiyon, die direkt direkt direkt am Meer liegt, wo die Wellen sozusagen in den Garten schlagen, und wo die Besitzerin perfektes Deutsch spricht (sie ist in Garbsen aufgewachsen und kennt somit natürlich auch meine kleine Heimatstadt Barsinghausen ^^) und uns aus purer Menschlichkeit einfach das Zimmer für die Nacht schenkt! Wir versuchen uns später noch ein wenig mit ihr zu unterhalten, weil sie sehr interessant ist und eben auch so tolles Deutsch spricht, dass man mal über tiefere Themen reden kann, aber leider ist unsere Helferin immer sehr schnell dabei und erzählt wieder von sich und ihrer Lebensgeschichte. Somit bleibt uns irgendwann nichts anderes, als sehr, sehr dankbar und glücklich in das schöne Zimmer zu gehen und zu schlafen. Am nächsten Morgen ist die Hotelbesitzerin leider nicht da und wir können ihr nur ein kleines Briefchen hinterlassen, das sicher nicht ausdrücken kann, was für eine Freude sie uns gemacht hat.

01.11. Die zweite Busetappe

Als wir dann am nächsten Morgen zum Busbahnhof gehen, ist da wirklich ein Minibus, in den wir unsere Räder und all unser Gepäck reindiskutieren (und reinbezahlen…) können. Er bringt uns bis nach Türkile und dort geht das gleiche Diskutieren wieder für den Anschlussbus nach Sinop los. Im Endeffekt müssen wir immer für ein paar Plätze mehr bezahlen, weil unser Gepäck den halben Bus füllt, irgendwie läuft es aber schon. Busfahren fühlt sich einerseits ziemlich schrecklich an, weil es eben geschummelt ist, andererseits ist es sehr schön, einfach entspannt da zu sitzen, den Regentropfen auf der Scheibe zuzugucken und sich in sich rein zu freuen, wenn der Bus im zweiten Gang die 10%-Steigungen hochjuckelt.DSC01437 DSC01436 DSCF3927

Für Christian und mich war es schon im Vorfeld der Reise klar, dass wir aufgrund der knapp bemessenen Zeit hie und da mal einen Bus oder Zug nehmen würden, und vor der Reise habe ich auch noch gesagt, dass ich da nicht allzu peinlich ehrgeizig bin. Jetzt aber fällt es ziemlich ziemlich schwer, tatsächlich in den Bus zu steigen. Nuja. In mir reift schon der Gedanke, dass diese Reise eventuell nur eine erste „Probetour“ ist und ich dann, später, irgendwann noch einmal nach Vorbild der großen Reiseradler ein paar Jahre um die Welt will. Es macht einfach tierisch Spaß- und ohne Zeitdruck stell ich es mir paradiesisch vor. An jedem Strand mal einen Tag verweilen… Mit jedem interessanten Menschen so lange reden, wie man sich was zu erzählen hat… Zu jedem historischen Ort fahren und tief in Geschichte und Kultur vordringen… Die Sprachen lernen…. Huja, das will ich =)

Wo war ich?

Ahja- Bus. Da kommen wir in Sinop an und suchen dann direkt einen Radladen, bei dem es 28er-Felgen gibt. Ist ein Problem! Irgendwo in der Stadt hat dann tatsächlich eine Hinterhofwerkstatt eine 28er-Felge da und wir freuen uns halb tot. Der junge, ca. 16-jährige Mann, der da arbeitet, meint, dass er zwei Stunden für das Neu-Einspeichen braucht, und so gehen wir irgendwo einen Tee trinken, Skat spielen und unsere Emails checken, ob sich hier ein Couchsurfer gemeldet hat, bei dem wir schlafen können. Wir haben 16 Menschen angeschrieben und sind deswegen recht guter Hoffnung.

Nach zwei Stunden Skat spielen, Tee trinken und Baklava essen gehen wir zurück zur Werkstatt und es wird uns gesagt, dass wir in wiederum 2 Stunden wieder kommen sollen. Jetzt gehen wir unsere Einkäufe machen und treffen dabei einen 67 jährigen Mann, der tolles Englisch spricht, weil er hier in Sinop jahrelang für eine amerikanische Textilfirma gearbeitet hat. Jetzt bessert er sich wohl seine Rente mit Schuhputzen auf. Der Mann mit den schwarzen Fingern, wachen Augen, dem gepflegten graumelierten Bart und der Bassstimme scheint bei allem im Ort beliebt zu sein, jeder, der vorbei kommt kennt ihn und wechselt ein paar Worte. Er gibt uns auch einen Tee aus, wir rauchen eine zusammen, erzählen ein bisschen, bis dann bei dem Thema Religion bzw. Gottglaube die Sprachbarriere erreicht ist.

Dann gehen wir wieder zur Werkstatt und müssen mit Entsetzen feststellen, dass der junge Mann gerade wieder Marcels alte, kaputte Felge einbaut. Er erklärt mit Händen und Füßen und google translate, dass die andere Felge die falsche Speichenanzahl hatte. Mist, da haben wir gar nicht dran gedacht! Es wird noch eine lange Diskussion mit den Werkstattbesitzern, in der sie uns erklären, dass es solche Felgen höchstens in Istanbul gibt und sie sie bestellen könnten, das würde ca. 4 Tage dauern. Wir überlegen hin und her und entscheiden dann, erstmal ein Hotelzimmer zu suchen und eine Nacht drüber zu schlafen. Leider hat sich von den 16 Couchsurfern nur eine Frau gemeldet, die aber leider 40 km außerhalb wohnt, das schaffen wir heute nicht mehr. Uns wurde aber eine schöne Pension empfohlen, von einer Familie betrieben, die ihren ausgestopften Hund in der Rezeption stehen hat, und hier bekommen wir günstig ein Zimmer.DSC01443 Das Zimmer liegt im 3. Stock, wir sind genau am Hafen und schauen aus zwei Seiten Fenstern auf das Wasser und die Boote, es gibt rosa Bettwäsche und heißes Wasser und wir fühlen uns gleich wohl. Ist nur ziemlich kalt, die türkischen Häuser sind miserabel isoliert, der Wind pfeift uns heftig durch das Badezimmerfenster und die Balkontür und ich bin recht schnell im Schlafsack.

Bis zum Schlafen aber finden wir noch heraus, dass die beiden Italiener IMMERNOCH in Istanbul sind und sie und Aytac, den wir damals in Instanbul beim Abendessen getroffen haben, gerne bereit sind, uns bei unserem Felgenproblem zu helfen. Es sieht so aus, als ob nun Aytac in einem türkischen Fahrrad-Internetshop eine Felge bestellt und sie zu einem Freund nach Samsun schicken lässt. Das Schicken sollte ca. 3 Tage dauern, und wir brauchen da auch ca. 3 Tage hin, also sind wir mal gespannt, ob das alles so klappt!

!!! Tesekür ederim, Aytac !!! Vielen Dank !!!

02.11.

Die Couchsurferin Elif, die 40 km von Sinop entfernt wohnt, klingt nach einen äußerst interessanten und feinen Menschen, und so beschließen wir, die 40 km heute entspannt zu fahren und dann bei ihr einen ganzen Pausetag, also zwei Nächte zu bleiben. Weil sie tagsüber wandern gehen möchte, schickt sie uns tatsächlich eine Nachricht, in der sie beschreibt, wo sie den Schlüssel für uns versteckt, wie wir uns in ihrem Haus zurechtfinden und wo Kuchen und etwas zu Essen auf dem Herd steht. Ist das nicht der Wahnsinn?! Für völlig fremde Menschen! Ich liebe Couchsurfing und diese Reise =)

Nachdem wir also lange ausgeschlafen haben, im Bett noch etwas gelesen, gemütlich gefrühstückt und mit Aytac kommuniziert haben, fahren wir Richtung Gerze, wo Elif wohnt. Das Wetter ist verrückt, Regen und Sonne und Regenbogen über dem Meer, Kälte und frierende Hände. DSCF3971Als wir schon in Gerze sind, halten wir an einem kleinen Laden, um uns zu der genauen Adresse durchzufragen. Der Besitzer wohnt seit 40 Jahren in Saarbrücken und in der Türkei, spricht perfektes Deutsch und lädt uns auf einen Tee ein. Während Christian und ich da stehen und reden und den Tee annehmen und uns freuen, tanzt Marcel spontan ein paar Meter die Straße runter mit einer Gruppe junger Männer, die auf der Straße Trommel- und Flötenmusik spielen, ausgelassen tanzen und mit Türkeifahnen feiern. Der Ladenbesitzer erklärt, dass da gefeiert wird, dass einer der jungen Männer zum Militär geht. In der Türkei, erklärt uns Elif später, gibt es keinen Weg, am Militärdienst vorbei zu kommen. Jeder junge Mann muss mindestens sechs Monate hin, so auch ihr philosophie-lehrender Ehemann, der bekennender Anti-Militär und Pazifist ist. Er hat seit seinem Dienst beim Militär heftige psychische Schwierigkeiten.

Es setzt heftiger Regen ein und auf den letzten paar Metern zu Elifs Haus werden wir noch furchbar nass und kalt. Zum Glück ist sie schon zu Hause und wir kommen dankbar in die gute Stube, in der der Ofen bollert. Wir waschen endlich mal wieder unsere stinkenden Kleider, bekommen hervorragende Linsensuppe, selbstgebackenen Kuchen, eingelegtes Gemüse aus dem eigenen Garten usw usf, und führen mit Elif sehr interessante Gespräche. Sie ist Aktivistin, zB gegen die Privatisierung von Wasser in dieser Region (nächste Woche fährt sie zu einer großen Konferenz und Demonstration in Trabzon, wenn wir uns sputen, können wir da mit ihr demonstrieren ^^) und gegen den geplanten Bau der ersten 3 türkischen Atomkraftwerke. Sehr kritisch schaut sie auf die Flasche Efes Bier, die der Christian aus der Tasche holt- denn Efes möchte genau hier, in dieser schönen Stadt, eine Raffinerie bauen. Auch über den Kurdenkonflikt, über Utopien und die weltweite Revolution, die jetzt echt mal überfällig ist, über selbstverwaltete Ökodörfer in Deutschland und das Wesen der Menschheit können wir sabbeln- es ist herrlich bei Elif.

!!! Tesekür ederim, Elif !!!

4 Kommentare zu „“

  1. Hallo Jule, Christian und Marcel,

    Gestern war ein Artikel in der FP über Euch, so dass ich hier mal reingeschaut habe. Mit meinem Ex, der aus dem Iran stammt, habe ich noch gute Kontakte, so dass vielleicht eventuell hier einige Unterstützung kommen könnte. Trotz (oder auch wegen) einiger notgedrungener Zwischenreisen mit Bus werdet ihr immer Aufsehen erregen. Vorsicht im Iran, dort wird Euch öfter die Pasdaran (Sittenpolizei) aufgreifen, denn unverheiratete gemeinsam reisen ist dort in der Regel nicht angesagt. Frau muss unbedingt Kopftuch tragen und darf Mann körperlich nicht berühren (und umgekehrt). Aber sicher habt Ihr Euch darauf vorbereitet. Gute Weiterreise und viel Glück! Liebe Grüße Kornelia
    Übrigens: Meine Tochter Marion plant nächstes Jahr einige Monate Auszeit und will mit ihrer Freundin Afrika, Asien und auch Australien bereisen (ohne Fahrrad)

  2. hier, wie war das mit dem „wir geloben besserung, jede woche nen beitrag“ ? der letzte von euch ist von montag, also vor 13 tagen…
    (ich hab enas beitrag mal rausgerechnet, weil man da ja nix von euch aktuell erfährt)
    😉

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