Iran Nr. 1 (22.11. – 28.11.)

Der „Extremradler“ Chris übernimmt die volle Verantwortung für den folgenden Beitrag.

22.11.

Zum Frühstück gab es heute Lawash. Das ist das Cracker-Brot vom Vortag, aber dieses mal richtig zubereitet. Dieses Brot muss nämlich etwas angefeuchtet werden, bevor man es Essen kann. Für die Einheimischen muss es lustig ausgesehen haben, als wir es einfach so gegessen hatten.

Wie bereits am Vortag bestand unsere Tagesaufgabe im besorgen von Brot. Letztendlich hatte Jule die zündende Idee und besorgte Brot von einem Kebab-Laden. So einfach kann es manchmal sein. Unser Mittagessen war also gesichert und wir konnten an einer Tee-Stube ausreichend Brot vertilgen.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die Schreiberlinge dieser Homepage einen unterschiedlichen Tee-Geschmack haben. Sicher der iranische Tee ist gut, aber an den türkischen kommt er aus meiner und Marcels Sicht nicht heran. Jule hingegen findet den iranischen besser.

Die knapp 70 Tageskilometer führten uns heute auf einer Hochebene größtenteils leicht bergauf. Als wir dann in Qara Ziya’Eddin anhielten um unsere Vorräte aufzufüllen zog ein fürchterliches Unwetter inklusive Hagel heran. Die Entscheidung 7,50€ für ein Hotelzimmer zu berappen viel uns dementsprechend relativ leicht. Lustigerweise hatte uns Martin (ein tschechischer Reiseradler, der uns schon an der Grenze begegnet war und in Prag 10 Tage nach unserer Durchfahrt gestartet war) unmittelbar vor dem Hotel eingeholt. Heute hieß es dann also mit 3 Gaskochern im Hotelzimmer für 6 Personen kochen. Eine logistische Aufgabe, die wir seit Tabor (Tschechien) nicht mehr bewältigen mussten. Aber es hat alles super geklappt und keiner musste hungrig ins Bett gehen.

Jule hat uns im Übrigen eine Sim-Karte versorgt mit der wir auch im Iran ständiges, wenn auch sehr langsames und zensiertes, Internet haben.

23.11.

Martin verabschiedete sich heute bereits am Morgen von uns da wir ihm wohl zu langsam beim zusammenpacken waren. Aber wir sollten ihn wiedersehen, wie sich später herausstellte.

Wir setzten unsere Tour um 9:15 Uhr fort. Der Weg führte durch eine wunderschöne Hochebene, welche von hohen, teils schneebedeckten Bergen gesäumt wurde. Ab und zu fügt sich dann auch noch einer der malerischen Dörfer an den Fuß eines Berges ein. Die Abteilung Agitation und Propaganda wird sicherlich noch einige schöne Bilder in den Beitrag einfügen und auf Flicker hochladen. 🙂

Zur Mittagspause begegnete uns erneut ein Reiseradler. Es war Neal, welcher von seiner Wahlheimat Taiwan auf den Weg in seine Geburtsstadt Kapstadt ist. Für ihn waren wir die ersten Reiseradler, welche er seit 2 Monaten gesehen hatte. Kaum zu glauben, denn wir hatten allein in den letzten beiden Wochen 9 Menschen auf der langen Meile gesehen. Wer sich für Neals Reise interessiert kann gern mal auf folgende englischsprachige Homepage gehen: http://h2htrip.com/site/

Heute sind wir mal wieder richtig viel geradelt. Insgesamt waren es 107km bis in die Dunkelheit hinein. Kurz vor Marand begann die Straße dann zweispurig zu werden. Allerdings war die eine Seite noch nicht freigegeben und so hatten wir diese komplett für uns allein. Nah ja, sagen wir fast für uns allein, denn einige Anwohner hatten wohl entschieden, die frisch geteerte Straße zum trockenen von Kuhscheiße zu verwenden. Lustige und stinkende Sache.

In Marand selbst haben wir einen jungen Mann mit dem Namen Akbar kontaktiert. Seine Telefonnummer hatten wir von Neal, welcher der Meinung war: „Ihr müsst ihn nicht suchen. Er findet euch!“ So war es dann auch. Wir sind auf Akbars Anweisung hin einfach in die Innenstadt gefahren und da stand Akbar winkend am Straßenrand, nur mit einem Warm Showers-Shirt bekleidet. In seine kleinen Einkaufsladen, an dem ebenfalls Warm Showers stand, haben wir dann auch Martin wiedergesehen und gemeinsam sind wir Falafel essen gegangen. Wir haben uns tierisch gefreut mal wieder etwas vegetarisches in einer gastronomischen Einrichtung zu erhalten und lecker war es auch noch.

Doch es kam noch besser, als der Warm Showers-Guru seine Fotoalben mit Reiseradlern die er schon aufgesammelt hat auspackte. Unfassbar! Verschiedene Kontinente und Länder haben bei ihm eigene Alben. Die deutschen Pedaleure haben sogar ein Album für sich allein. In 2 Jahren Aktivität hat Akbar bereits 498 Personen mit dem Rad abgefangen. Einfach unfassbar! Als wir uns in seinem Heft unter den Nummern 493 – 498 eintragen haben, fühlten wir uns, als wären wir ganz normale Touristen und mit dem Fahrrad durch den Iran radeln wäre so etwas ähnliches wie nach Mallorca zu fliegen. Auf die Frage hin, wie Akbar denn so viele Menschen auf zwei Rädern auftreiben konnte, hat er uns erklärt, dass die LKW-Fahrer ihn anrufen, sobald Personen auf einem Zweirad die Grenze überqueren. Auch von uns wusste er schon das wir nach Marand kommen würden, noch ehe wir realisiert hatten, dass diese Stadt auf unserer Route liegen wird. Untergebracht wurden wir dann letztendlich in einem Hotel für schlappe 2€ pro Nase.

Danke dir vielmals lieber Akbar!!!!

Folgender Tag ist von Jule geschrieben 😉

24.11.

Aus unseren Holzbetten hat es uns recht fluchtartig um 8:00 auf die Straße getrieben. Die Zeitumstellung ist super- was vor 200km noch 6:30 war, fühlt sich jetzt schon fast „spät“ an. Wir werden von unserem Guest House von einem Freund Akbars abgeholt und zum Frühstück mitgenommen. Drei von uns frühstücken mit Akbar in dessen Laden, drei mit seinem Freund in dem Immobilienbüro nebenan. Zu unserem obligatorischen Tee und dem lustigen, flachen und mit Ei bepinselten Brot versuchen wir das erste Mal in unserem Leben Möhrenmarmelade und sind positiv überrascht =)

Den Tee trinkt man hier übrigens anders, als wir es bisher kannten. Ein Stück speziellen Würfelzuckers wird in den Mund genommen und der Tee drübergeschlürft, das bedarf einiger Übung und bleibt gewöhnungsbedürftig. Aber wenn wir nach einem Löffel zum Zuckerauflösen und -umrühren verlangen, geben wir uns der Lächerlichkeit preis =)

Dann radeln wir schnurstracks 300 Höhenmeter bergauf, es schneit zwischendrin ein wenig und der Wind beißt. Dafür ist die Landschaft immernoch dramatisch, mit schneebedeckten Bergketten, die unseren Weg flanieren, und weiten Feldern dazwischen. Die Trucks, die uns überholen, stoßen dicke schwarze Rauchwolken aus, die sofortigen Hustenreiz auslösen. Netterweise ist der Auspuff auch nach rechts, eigentlich zum Straßenrand, jetzt aber genau auf unsere Lungenhöhe, gerichtet. Es ist tierisch laut an der vielbefahrenen Straße, das kann einem (na, mir) ziemlich auf’s Gemüt schlagen. An der letzten Steigung finden sich ein paar kleine Stände, an denen man getrocknete Früchte und auch Fladen kaufen kann, die aus dünn auf Plastikfolie gestrichenem und getrocknetem Fruchtpüree bestehen. Davon kaufe ich gerade lockere 1,5 Kilo als Raketentreibstoff für unsere Muskeln, als neben mir ein Pickup hält- aus dem Chris aussteigt. Bei ihm, der weiter hinter mir war, sind ganze 8 Speichen gebrochen, er ist daraufhin doch besser mal abgestiegen und hat geschoben. Und keine hundert Meter konnte er schieben, da hat neben ihm eben dieser Pickup angehalten und ihn gefragt, ob er ihn und das Rad mit nach Tabriz (unserem Tagesziel) nehmen kann. Wahnsinn!! Ich hab dann auch kurzentschlossen mein Rad auf die Ladefläche geschmissen und bin zu Christian und dem netten Menschen in die Fahrerkabine, da auch ich in Tabriz zum Radladen muss und da furchtbare Dinge passiert sind, als Christian das letzte mal allein beim Radladen war.

So sausen wir an den drei anderen Radlern, denen von Linda Bescheid gesagt werden soll, vorbei und sind zackzack wenig später in Tabriz. Der supernette Mensch fährt uns auch bis zum Radladen, der uns von dem Profi-Radler-Host in Marand empfohlen wurde. Dieser Radladen soll wohl tatsächlich den Radtouristen kostenlos die Räder reparieren und auch noch wirklich kompetent sein- wir sind begeistert! Dort ist aber grad niemand zu Hause und wir warten auf den Shopbesitzer, wobei ich mich totfriere. Das Problem ist, dass ich in der iranischen Öffentlichkeit ja nun einmal gezwungen bin, den Mantel, einen überhüftlangen Mantel, zu tragen. Wenn ich nun aber radle und schwitze, dann kann ich den Mantel nicht ausziehen, um vielleicht darunter den Pullover auszuziehen. Deswegen schwitze ich mehr. Und wenn wir dann anhalten und ich kalt werde, dann kann ich (gerade in der Stadt!) nicht einfach den Mantel ausziehen und schnell einen Pulli drunter ziehen. Weil ich dann aber so auffällig zittere, werde ich in eine Moschee auf’s Klo geschickt, wo ich mich umziehen kann.

Danach sagt uns der Radladenmensch, dass er Christian ein neues Laufrad baut und wir morgen um 12:00 wieder kommen sollen. Wie cool ist das denn!

Und wir suchen dann entspannt ein Café zum Aufwärmen und Internet, um den Blog mal zu pflegen. Das Problem mit dem Blog: durch die iranische Internetzensur haben wir selber keinen Zugriff drauf.

Auf unseren Wegen durch die Stadt werden wir ständig mit „Welcome to Iran!“ oder „Welcome to Tabriz!“ begrüßt und auch gleich wieder in einem Baby-Ausstatter zum Tee eingeladen. Und ich beobachte eine für mich sehr beeindruckende Szene: eine etwas abgerissen aussehende Dame spricht uns an und ruft uns immer wieder Dinge zu, die wir nicht verstehen, mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Andere Menschen kommen vorbei und entschuldigen sich bei uns, dass diese Frau „verrückt“ sei, das solle uns nicht stören. Und ein Mann lässt, als sie gerade nicht hinschaut, einen Geldschein neben ihr fallen und macht sie dann darauf aufmerksam und tut so, als hätte sie ihn fallen lassen. Also meine Interpretation: er hat versucht, ihr was zukommen zu lassen, ohne sie zu beschämen. Sie nimmt das jedoch nicht an, sondern diskutiert und lehnt ab, bis der Mann das Geld selber wieder einsteckt.

Noch haben wir keinen Host für heute Nacht, aber irgendwann im Laufe des Nachmittags bekomme ich einfach eine SMS von einem Warm Showers-Menschen, der wohl von dem Akbar aus der letzten Stadt angehauen wurde, uns zu hosten. Auch er bekommt SMS von den Truck-Fahrern, wenn die Reiseradler auf der Straße sehen. Von uns, stellt sich später heraus, weiß er auch schon seit einiger Zeit =) Er selber kann uns nicht hosten, hat uns aber mit Mehmet (wir haben uns dazu entschlossen im Iran größtenteils auf die echten Namen zu verzichten, um niemanden in Gefahr zu bringen) in Verbindung gebracht. Mehmet soll perfekt Deutsch sprechen, wir sind gespannt!

Dann treffen wir also noch Marcel bei den Radläden, wo er zwei deutschsprachige Iraner aufgetrieben hat, die uns natürlich auch nochmal zum Tee einladen, und dann treffen wir unseren Host Mehmet. Bei ihm zu Hause ist es wunderschön, er hat noch Freunde da und wir können schöne Gespräche führen. Er selber ist in Deutschland aufgewachsen und hat dann vor 6 Jahren seinen Vater in Tabriz besuchen wollen, seitdem darf er nicht mehr ausreisen, weil der Iran seine deutsche Staatsbürgerschaft nicht anerkennt.

Der Freundeskreis hat sich wie so viele Iranerinnen und Iraner eine Art Parallelwelt aufgebaut. In den eigenen 4 Wänden werden amerikanische Musikvideos angeschaut, die Kopftücher abgenommen und wohl sogar etwas getanzt. Auch Alkohol bekommt man, sofern man das Geld dafür hat, wohl relativ problemlos.

Der Iran: Ein faszinierendes Land voller Widersprüche, soviel steht schon nach 4 Tagen fest!

Hier wieder ich:

25.11.

Heute haben wir mal wieder einen Pausentag eingelegt, da unsere Räder noch gewartet werden mussten. Gegen 13 Uhr besuchen wir Mr. Mohammed Saeed in seinem Radladen um nach unseren Rädern zu schauen. Der etwa 45 jährige etwas kräftigere Mann hockt zusammen mit einigen Fahrern des Tabrizer Radclubs in seiner kleinen Werkstatt (er ist im Übrigen der offizielle Mechaniker des Radclubs, der sich auch an internationalen Wettkämpfen beteiligt). Mein Hinterrad hat er doch tatsächlich wieder flott bekommen und auch Jules sowie mein Tretlager erneuert er vor unseren Augen fachmännisch. Sie hatte angefangen zu wackeln und waren im inneren verrostet. Vermutlich war der Druck, den wir an den steilen Bergen des Schwarzen Meeres ausübten einfach zu groß.

Leider hat sich die Reparatur so arg in die Länge gezogen, dass unser nächster Termin bereits wortwörtlich vor der Tür stand. Die beiden jungen Männer, welche uns drei Tage zuvor vom Fahrrad fahren, zu sich eingeladen hatten, warteten vor dem Laden, da wir uns zum Essen verabredet hatten. Wir mussten die Räder also einmal mehr stehen lassen und machten einen Termin für den nächsten Tag aus. Mit Ali und Murat ging es also im Auto zu ihrem Haus. Obwohl wir versucht hatten ihnen klar zu machen, dass wir Vegetarier sind, hatten wir am Ende eine Wurstpizza vor uns stehen. Da wir das Maß an Unhöflichkeit aufgrund diverser Terminverschiebungen und Absagen aber schon mehr als überspannt hatten und die Pizzen sonst im Müll gelandet wären, haben wir sie ohne etwas zu unseren Gastgebern zu sagen gegessen. Unsere erste Fleischmahlzeit auf unserer Tour. Nunja. Die beiden haben sich aber wirklich alle Mühe gegeben, damit es uns gut geht. Es gab Getränke, Ananas, Nüsse und zu unserer Freude Unmengen von Pistazien aus ihrem eigenen Laden. Auf letztere hatten wir uns schon die ganze Reise lang gefreut und sie waren wirklich so gut, wie ihr Ruf ist. Zum Entzücken Marcels wurde dann auch noch die Wasserpfeife angeschmissen.

Bei vielen Menschen aus dem Iran ist das Thema Hitler fast unvermeidlich. So auch am heutigen Nachmittag, an dem positiv festgestellt wurde, dass eben jener sehr seriös gearbeitet hat. Das „Der Führer“ eine Kackbratze sondergleichen ist, und ein großes Stück Schuld am Leid vieler Millionen Menschen trägt scheint nur den wenigsten bewusst zu sein, beziehungsweise stört nicht weiter. Immer wieder hören wir auch, dass wir (Iran und Deutschland) ja alle arischer Abstammung sind. Auch hat Hitler wohl den Iran unterstützt und die Angehörigen des jüdischen Glaubens haben sowieso nicht den besten Stand im Iran. Ich will wirklich niemanden schlecht machen und die Menschen hier sind wirklich unglaublich interessant und zuvorkommend, aber ich möchte eben auch nichts unter den Tisch fallen lassen. Und gerade für uns, die wir aus Deutschland kommen, ist eine Verharmlosung der Zeit des Nationalsozialismus ein Rotes Tuch. Wir versuchen dass auch in unseren Gesprächen unserem Gegenüber klar zu machen.

Die Zeit mit Ali und Murat Verging jedenfalls wieder wie im Fluge und so haben wir mit unseren beiden Gastgebern ausgemacht, am nächsten Tag noch einmal über den Basar zu schlendern, um noch etwas Zeit zusammen verbringen zu können. Für uns kaum zu glauben, aber wir waren die ersten Ausländer mit den die bereits 24-jährigen gesprochen hatten. Ein paar Pistazien haben wir auch noch geschenkt bekomme. Jeder Versuch dafür etwas zu bezahlen, scheiterte allerdings kläglich. Stattdessen wurden wir noch im Renault zu unserem Host gefahren und das wurde auch höchste Zeit, denn für 20 Uhr hatten wir uns mit Karina und Jan verabredet. Die beiden sind bereits fast 4 Jahre auf der langen Meile unterwegs und gehören zu den ersten die als Individualreisende die Grenze von Myanmar nach Indien überwunden haben. Nun sind sie uns entgegengeradelt und wir sind zufällig am gleichen Tag in Tabriz eingetroffen. Da liegt es natürlich nahe sich einmal gründlich auszutauschen und gemeinsam zu Abend zu essen. Vielen Dank an die beiden noch mal für die vielen nützlichen Informationen, die uns bei der weiterfahrt sicher helfen werden. Auch unser Host Mehmet hat sich sichtlich darüber gefreut, dass so viele deutschsprachige Menschen im Haus waren und er ein bissel in seiner Muttersprache quatschen konnte.

Wer mehr über die Reise von Jan und Karina erfahren möchte kann im Übrigen auch deren Homepage besuchen:

http://www.nie-mehr-radlos.com

Anfang Mai wird es auch die Möglichkeit geben die beiden auf ihren letzten Kilometern in Süddeutschland zu begleiten. Wer weiß, vielleicht ist ja dann auch von uns jemand dabei.

1:30 Uhr ist der Besuch aus Deutschland dann gegangen. Anschließend haben sich Marcel und ich noch eine ganze Weile mit Fateme unterhalten, die uns einen sehr interessanten Einblick in das Leben einer Frau im Iran geben konnte. Durch Menschen wie Fateme und Mehmet bekommt der Iran, welchen wir bisher nur aus den Nachrichten kannten ein Gesicht oder besser gesagt viele Gesichter. Dieses abstrakte Gebilde wird zu etwas greifbaren mit dem wir uns verbunden fühlen.

26.11.

Heute Vormittag war also die Besichtigung des größten überdachten Basars im Iran angesagt. Ein nettes Gewusel, in dem alles mögliche an Dingen angeboten wurde. Neben lokalem Käse, Bekleidung, Porzellan, bergen von Gewürzen, Hygieneartikel und Rinderpfoten in Schubkarren, wurden hier natürlich auch verschiedenste Teppiche angeboten. Am Ende unserer Exkursion haben wir unseren netten Guids Ali und Murat noch den Kontakt zu einigen ehemals in Deutschland lebenden Tabrizern vermittelt, die ihnen vielleicht helfen können, ein Visa für die BRD zu erhalten. Einfach wird das allerdings nicht, denn das wollen sehr viele junge Leute aus dem Iran und das Visa wird nur selten und unter hohen Auflagen vergeben.

Nach dem Einkaufsbummel gingen wir zum Radladen zurück um unsere Fahrräder in Empfang zu nehmen. Bereits vor dem Laden warteten unsere beiden Freunde Julian und Linda auf uns. Wir wollten an diesem Nachmittag noch ein bisschen Zeit miteinander verbringen, ehe es sie nach Esfahan und uns nach Teheran verschlägt. Vorerst hieß es aber Räder abholen und Mr. Mohammed Saeed einen rießen Dank dalassen. Wir musste am Ende tatsächlich nur die neuen Komponenten zahlen und der gute Mann ließ sich nicht davon überzeugen eine Aufwandsentschädigung anzunehmen. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Ausländern ist im Iran wirklich etwas ganz besonderes.

Mit fünf funktionierenden Reiserädern ging es Tee trinken und dann Falafel essen und Kuchen schnabolieren. Abschließend verabschiedeten wir Linda und Julian in Richtung Busbahnhof. Vielleicht sehen wir sie ja noch einmal wieder, ehe die beiden am 10. Dezember zurück nach Deutschland reisen.

Falls ihr lesen wollt, mit wem wir 300km zusammen geradelt sind, dann schaut doch mal auf ihrer Homepage vorbei:

http://radeln-in-den-sonnenaufgang.de

Auch für uns hieß es zusammenpacken und bereit machen zur Verabschiedung von Mehmet und den drei Mädels. Obwohl wir nur zwei Tage mit ihnen verbringen konnten, sind sie uns sehr ans Herz gewachsen und wir hoffen sie eines Tages wiederzusehen um dann in Deutschland ein Bierchen zusammen zu trinken. Lasst es euch gut gehen. 😉

Unser Zug sollte dann 21:30 Uhr in Richtung Teheran abfahren. Bereits 20 Uhr kamen wir am Bahnhof an, wo es auch gleich eine Passkontrolle gab. Nach kurzer Diskussion, ob wir unsere Fahrräder kostenlos mit in den Zug nehmen dürfen, gab sich der Zugbegleiter geschlagen und zeigte uns schon vorab, wo wir sie später hinstellen sollten. Die Bahnhofshalle begann sich nun immer mehr zu füllen und interessanterweise hatten sämtliche Frauen einen schwarzen Umhang an. Alle Frauen?! Nein! Unsere Jule war in blauer Jacke unterwegs und da störte sich auch keiner dran. 🙂

Letztendlich durften wir den Bereich in dem der Zug bereitstand bereits vor den restlichen Passagieren betreten. So konnten wir unsere Räder am Ende des Zuges unterbringen und auch unser Gepäck im Abteil verstauen, ehe der große Ansturm losging. In dem Sechserabteil haben wir es uns letztendlich gemeinsam mit einer iranischen Familie gemütlich gemacht. Diese hat uns neben Tee, Brot und Äpfeln auch Bonbons angeboten und das obwohl es eigentlich der Proviant für ihre Zugfahrt war. Als klägliche Gegenleistung konnten wir lediglich etwas Kuchen anbieten, da unsere Vorräte nahezu aufgebraucht waren. Gegen 0 Uhr haben wir unsere Betten umgeklappt und konnten erstaunlich gut in dem viel zu warmen Abteil schlafen.

27.11.

Aufwachen im Zug und der erste Blick geht gleich zur Uhr, denn die Abteilung für konsularische Angelegenheiten der Deutschen Botschaft schließt bereits um 10:30 Uhr. Letztendlich half alles auf die Uhr schauen nichts und der Zug kam mit reichlich Verspätung nach 14 Stunden gegen Mittag an. Wir entschlossen uns dennoch dazu zur deutschen Botschaft zu fahren und so konnten wir gleich mal wieder Fahrrad fahren in der Großstadt üben. Das ganze auch noch ohne unsere Rückspiegel, da uns diese um Zug geklaut wurden. Der erste Verlust dieser Reise durch Diebstahl. Ich denke das ist durchaus zu verkraften.

Die Botschaft konnten wir dann leicht finden und wir freundeten uns auch gleich mit dem Sicherheitspersonal an. So konnten wir für kurze Zeit sogar mal wieder die Bundesrepublik Deutschland betreten, denn Botschaftsgebäude gehören immer zu dem jeweiligen Land. Nach einem kurzen Toilettenaufenthalt (leider mit türkischer Toilette) betraten wir dann wieder iranischen Boden und warteten weiter auf die zuständige Sachbearbeiterin. Als die Mitarbeiterin dann doch noch auftauchte, konnte sie uns innerhalb einer Stunde die Konsularische Bestätigung über den rechtmäßigen Besitz unseres Reisepasses erteilen, die wir benötigen um das indische Visum beantragen zu dürfen.

Mit dem Scheinchen in der Tasche machten wir uns auf den Weg zur indischen Botschaft, natürlich waren wir auch dort zu spät. Dies mal half auch alles reden und überreden nichts, denn die Visastelle hatte zu und macht erst drei Tage später wieder auf. Für uns heißt das also auf Sonntag 9 Uhr warten, Visum beantragen und dann kann unsere Reise endlich weiter gehen.

Vorerst mussten wir mit dem dichten Teheraner Verkehr vorlieb nehmen. Auf dem Weg zu unserem Host bekamen wir an verschiedenen Orten noch Brot, Muffins und Tee geschenkt.

Die letzten Meter wurden wir von einer Familie (Mutter, Tochter und Tante) begleitet. Das spannende daran war, dass die Tochter ihre Zöpfe offen trug und nur einige Haare bedeckte. In der Öffentlichkeit hatten wir so etwas im Iran noch nicht gesehen. An sich müssen die Haare und insbesondere die Haarspitzen nämlich bedeckt sein.

Unser Host Ali bereitete uns nach unserer Ankunft ein leckeres Abendessen zu und später legten wir uns alle in das Wohnzimmer seiner kleinen, aber schönen Wohnung, um dort zu schlafen.

Obwohl wir nur in der Stadt geradelt sind, hatten wir am Ende doch stolze 27km auf dem Tacho stehen.

28.11.

Richtig lange und gut schlafen! Juhu! Nach dem aufstehen und Frühstücken sind wir mit der U-Bahn n die Stadt gefahren. Begleitet wurden wir von Ali, der uns alles organisierte. Die Metro hatte ein großes Extraabteil für Frauen, damit diese von den Männern nicht belästigt werden. Ob diese Angst berechtigt ist kann ich nicht sagen. Jedenfalls waren die einzigen Männer in den Frauenabteilen fliegende Händler, welche durch die U-Bahn liefen und verschiedenste Waren wie: Türkische Kaugummi, Socken, Gürtel, Spangbob-Luftbalons und Wörterbücher anboten.

Erste Station unserer Sightseeingtour war der Golestan Palast, welcher vor über 100 Jahren erbaut wurde. Besonders famos waren die zahlreichen Spiegel und Spiegelchen, die in ihm verbaut wurden. Interessant auch, dass wir als Touristen den dreifachen Preis zahlen mussten. Das trifft im Iran anscheinend auf viele Museen und Sehenswürdigkeiten zu.

Zum Mittagessen konnten wir erneut eine Falafelbude ausfindig machen. Hier bekam man das Baguette mit 4 Falafelbällchen in die Hand gedrückt und konnte sich dann Salat und Soße selbst nach Herzenslust dazugeben.

Am Nachmittag haben wir dann noch den Avotach Park (bestimmt falsch geschrieben) einen Besuch abgestattet, dass soll wohl der modernste Park der Stadt sein und in der Tat ist er ziemlich beeindruckend. Durch schöne Bepflanzungen weiß er zwar nicht zu überzeugen, aber seine Bauwerke sind dafür umso imposanter. Unter anderem verbindet eine Fußgängerbrücke mit drei Ebenen, die sich immer wieder kreuzen, die beiden Parkteile, welche durch eine große Straße voneinander getrennt sind. Ein plötzliches Unwetter verkürzt unseren Parkaufenthalt allerdings und wir kehren zur Wohnung von Ali zurück um dort gemeinsam Abendbrot zu Essen. Seit langem gibt es mal wieder Kartoffelbrei.

Jule nimmt außerdem noch ein bisschen Farsi-Unterricht bei unserem Host. Nach ein paar netten Gesprächen und der ersten süßen Zitrone unseres Lebens entschwinden wir dann erneut in das Land der Träume. An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner superbequemen Luftmatratze bedanken, die mich jetzt schon drei Monate treu begleitet. 🙂

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11.11. – 21.11. von der Jule

 

Sooo meine lieben Leser, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja! Unsere tapferen drei Radeltiere sind gerade in Trabzon eingelaufen, wo sie sich für ihren Kampf um das heilige Iranische Visum wappnen. Werden sie ihn gewinnen? Werden sie in den Iran einreisen dürfen? Schaffen sie es, ihre Reise vor Einbruch des wirklichen minus-15°C-Winters in den Bergen fortzusetzen? Und werden sie dabei tatsächlich auch nicht ihre gute Laune und ihre schlechten Witze verlieren? Das alles und viele unnötige Nebeninformationen erhaltet ihr, wenn ihr euch durch die nächsten gefühlten 12 Seiten Tagebuch lest…!

11.11.

Haha, Karneval…

und zwar Karneval auf der Iranischen Botschaft. Wir sind früh raus, damit wir auch ja rechtzeitig da sind, denn wir haben schon etwas bammel, dass wir das Visum nicht bekommen. Unser Host hat uns erzählt, dass die letzten Touristen bei ihm ihr Visum erst nach 6 Tagen bekommen haben, und auf unserem Gästebett lag noch eine Notiz von anderen Gästen, dass sie den nächsten Reisenden mehr Glück mit dem Iranischen Visum wünschen, da sie es nicht bekommen haben. Wir hingegen haben unsere straffe Zeitplanung daran ausgerichtet, dass wir nur einen Tag auf unser Visum warten müssen.

Um 15 vor 9 also stehen wir vor dem Tor der Botschaft, ich mit Kopftuch und Christian und ich mit Eheringen am Finger, da das die Familienkonstellation ist, die uns im Iran hoffentlich helfen wird. Nach und nach kommen da weitere Reisende an, die auch heute ihr Visum benatragen wollen: Rok aus Slowenien, der letztes Jahr mit dem Rad nach Indien ist und jetzt Sehnsucht nach diesem inspirierenden Land bekommen hat, Diogo aus Portugal, der schon zwei Jahre auf Reisen ist, und eine französische Familie mit drei Kindern, die im Caravan eine drei-Jahres-Welttour machen… Es ist herrliche Stimmung und unglaublich inspirierend und schön, diese Menschen alle zu treffen.DSCF4246

Wir werden dann in die Botschaft gelassen und eine sehr wenig freundliche Dame empfängt uns, man sitzt mit gesenktem Kopftuchkopf da und fühlt sich ihr völlig ausgeliefert. Nach uns kommt noch ein französisches Reiseradler-Pärchen rein, sie werden direkt abgewiesen und auf nächste Woche vertröstet. Die beiden diskutieren, dass es da in den Bergen, die wir alle auf dem Weg nach Iran überqueren müssen, schon wirklich dramatisch kalt wird, aber das Herz der Dame scheint ähnliche Temperaturen zu haben, denn sie schickt sie genervt und gnadenlos weg. Wir alle, die wir das mitbekommen, sitzen etwas schockiert da und senken den Blick noch etwas mehr. Ein japanisches Pärchen wird einfach so abgewiesen, weil sie aus Japan sind.

Nun bekommen wir mit, dass man eine Kopie der Krankenversicherung abgeben muss, was wir alle nicht auf dem Schirm hatten. Keiner von uns hat das Dokument dabei- wir schwitzen Blut und Wasser. Im Endeffekt aber dürfen wir den Visumsantrag ausfüllen und danach schnell in die Stadt flitzen, um die Dokumente zu kopieren. Das wird ein ganz schönes Gerenne, denn zunächst müssen wir für unseren recht diktatorischen Host Barabaros noch weitere Gäste abholen und zu ihm nach Haue bringen. Das machen wir, dann ist im ersten Kopierladen die Druckerpatrone alle, der zweite hat so was gar nicht und erst beim Dritten wird unser Zeug kopiert. Für wirklich unanständig viel Geld. Ist alles ziemlich unangenehm. Mit den Dokumenten stratzen wir dann wieder den Berg zur Botschaft hoch und geben sie ab- dann ist auch alles recht problemlos, wir bekommen eine Bank gesagt, auf die wir die 75 Euro Gebühr einzahlen müssen, und sollen unsere Visa in vier Tagen abholen.

Vier Tage… das war so nicht geplant und leider ist Trabzon auch keine Stadt, in der man lange bleiben möchte. Weiterhin ist unser Host eben, hm, gewöhnungsbedürftig, und das Gefühl, ihm gleichzeitig dankbar für seine Gastfreundschaft zu sein, aber andererseits mit ihm nicht klar zu kommen, macht auch keine Lust darauf, hier vier Tage zu verbringen.

Zum Glück haben wir diese tollen Menschen an der Botschaft kennen gelernt: Als wir nachmittags ziellos durch Trabzon laufen, treffen wir sie alle wieder und dazu noch einen Exil-Iraner, der wegen seiner politischen Aktivitäten schon dreimal im iranischen Gefängnis war, bevor er in die Türkei ist. Mit all diesen tollen Menschen und noch mehr, die sich ansammeln, gehen wir dann erstmal Tee trinken und haben eine herrliche Zeit. Später dann, als wir zum Host nach Hause kommen, kochen wir für ihn, uns und das französische Pärchen, das auch bei ihm wohnen soll. Als er nach Hause kommt, bringt er dann noch zwei Deutsche (Freiburger!) Reiseradler mit und türkische Freunde, und wir sitzen alle im Wohnzimmer und wie durch ein Wunder reicht auch das Essen =) Ein sehr schöner Abend mit haufenweise Globetrottern, die sich so ihre Geschichten erzählen.

Aaah ja, wichtig und dennoch vergessen: am Nachmittag haben wir unten am Pier, direkt am Meer, einen Kicker gefunden! Das war das erste Mal, seit ich im ISE gekündigt habe, dass ich gekickert hab =) Und natüüürlich, liebe Abteilung, die Zeit mit Euch war nicht umsonst, ich hab auch allein gegen meine beiden Radelfreunde gewonnen. Das fanden sie gar nicht so gut, deswegen haben wir, um den Gruppenfrieden nicht zu stören, lieber von den beiden Siegerfotos gemacht =)DSCF4252

12.11.

Und als wir am nächsten Morgen in Trabzon aufwachen, gehen wir tatsächlich nochmal zur Botschaft, nur um die coolen Leute wieder zu treffen. Mit Rok und Diogo (wir erinnern uns, der Slowene und der Portugiese) und Leo, einem deutschen Reisenden, fahre ich dann per Anhalter in die Berge, um zusammen ein Feuer zu machen, unter den Sternen zu schlafen und ein wenig aus Trabzon rauszukommen. Marcel und Christian bleiben lieber in der Stadt, um die obligatorischen Stunden im Internet zu verbringen. Daher kann ich jetzt nur von den Bergen berichten- wir sind von Trabzon aus zum berühmten Kloster Sümela gestartet. Obwohl wir zu viert waren, wurden wir enorm gut mitgenommen und sind die letzten paar (kalten) Kilometer sogar ganz klassisch auf der Ladefläche eines Pickups gefahren- den Fahrtwind in den Haaren, das Glück, gerade mitgenommen zu werden, der Spaß mit den drei anderen: das war einfach wunderschöne Freiheit.

13.11.

Nachdem wir bei 3 °C unter dem übervollen Sternenhimmel zwischen massiven Bergen geschlafen haben, trampen wir vier wieder zurück- und wer kommt uns da entgegen? Genau, Marcel und Christian auf dem Fahrrad, in Begleitung von Julian und Linda, dem Freiburger Reiseradler-Duo. Alle ohne Gepäck, das sieht man selten, eben einen Tagesausflug machend. Lachend lassen wir den netten Mann, der uns gerade ins Auto geladen hatte, anhalten und begrüßen die keuchenden Radler, dann bin ich wieder in Trabzon und fange an, meinen Internetkram zu machen.

14.11.

Heute ist dann auch schon der große Tag, an dem wir erfahren werden, ob wir in den Iran dürfen. Bis 16:30 müssen wir warten, dann wird wieder das Kopftuch aufgesetzt und wieder treffen wir all die tollen Leute vor den Gittertoren der Botschaft. Als wir eingelassen werden, sind alle ganz schön am zittern… Ist aber auch eine fiese Stimmung in dieser Botschaft… Aber dann geht alles glatt und wir haben diese wunderschönen Visa in persischer Schrift in den Pässen. Das Datum, an dem es fertig gestellt worden war, so sagt uns das Visum, ist übrigens vor zwei Tagen gewesen- aber das nur am Rande.

Als wir alle die Botschaft verlassen, sind wir richtig glücklich und ausgelassen und die französische Caravan-Familie (die Familie Bos oder auch die Bostrotters) eröffnet, dass sie noch dutzende Flaschen Champagner und Wein im Caravan haben, die vor der Iranischen Grenze noch leer werden müssen. So zieht der fröhliche Tross zum Caravan und feiert eine wunderschöne Party auf einem kleinen PKW-Parkplatz. Der Parkplatzwächter kommt ob des Lärms dann auch mal schauen, schimpft aber gar nicht, sondern bringt uns noch extra lecker lecker Kuchen. In dieser Gruppe fühlt es sich jetzt ganz arg nach Familie an, obwohl wir uns alle noch gar nicht lang kennen. Ach, ich kann’s nicht beschreiben, es ist wirklich wunderschön gewesen.

Um 20:00 müssen wir die Party dann aber auch verlassen, weil wir den Abendbus nach Hopa gebucht haben. Wir müssen, wie ihr schon wisst, Kilometer schrubben, um schön viel Zeit im Iran zu haben, und kürzen deswegen die letzten Küstenkilometer ab. Hopa ist die Stadt, von der aus wir in diese sagenumwobenen Berge abbiegen werden. Dort kommen wir dann etwa angeheitert und echt müde um Mitternacht bei unserem Host an- das war so nicht geplant, wir dachten eigentlich, dass wir früher da wären. So haben wir den Host echt lang wach gehalten und dazu war er noch krank; furchtbar schlechtes Gewissen!!

15.11.

Eigentlich wären wir dann (Zeitdruck, Zeitdruck) eigentlich gern früh gestartet, wollten aber unseren Host auch nicht einfach als Hotel missbrauchen, und haben deswegen den Vormittag noch mit ihm gefrühstückt und ihn ein wenig kennen gelernt. Auch wieder ein super sympathischer Mensch, interessant und inspirierend. Und seine Wohnung war der Wahnsinn: siebter Stock und nur eine Querstraße vom Meer, und sowohl in der Küche als auch im Wohnzimmer eine Fensterfront, die bis zum Boden geht. Das war ein atemberaubender Ausblick, mit dem man sich gut von dem liebgewonnen Begleiter Karadeniz / Schwarzmeer verabschieden konnte.

Gegen Mittag sind wir dann auf die Straße, wurden aber gleich wieder hart verzögert, weil einfach zufällig direkt vor der Tür zwei weitere Reiseradler standen, in die wir reingelaufen sind. Das war schon wieder viel zu interessant und angenehm, um einfach aufzubrechen. Die beiden waren aus Großbritannien bzw Kanada und sehr neidisch auf uns, weil sie beide keine Chance auf ein Iranvisum haben. Ihre Website: puncturesandpanniers.com

Nach einem glücklichen Austausch sind wir dann auch tatsächlich mal losgefahren, es war sicher schon nach 12 Mittags, und wie ihr wisst, wird es hier schon um 16:00 dunkel. Und aaaaab ging es in die Berge, Richtung Artvin. Jetzt sind wir plötzlich inmitten von satten Teeplantagen, die wie endlose und ausgepustete Buchsbaumbeete die Hänge bedecken. Endlich in diesen Bergen! Es ist (mal wieder) un- un- unglaublich schön.DSCF4307

Hier bricht mir dann tatsächlich die fünfte Speiche unserer Tour. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich falsch mache, denn ich habe jetzt auf jeden Fall auf der Hinterachse wirklich sehr viel weniger Belastung als Christian, der ja ein baugleiches Rad fährt. Aber irgendwie ist es auch egal, denn das Wechseln der Speiche geht mittlerweile pfeilschnell und auch parallel zur Mittagspause. Marcel schmiert mr Brote und füttert mich, ich werkel eben mal wieder am Hinterrad. Und dann kann es weitergehen.

Als es dann dunkel wird, finden wir einen kleinen Rastplatz bzw. vielleicht eher einen kleinen Imbiss am Straßenrand, der auch ein paar Tische an der Straße stehen hat, und fragen, ob wir dort das Zelt aufstellen dürften. Und na klaaaar, die Türkei wäre nicht die Türkei, wenn das nicht überhaupt kein Problem wäre! Dazu bekommen wir noch Chai und ein paar schöne Unterhaltungsfetzen zusammen und bestellen ein lokales Gericht, das in etwas einem Käsefondue entspricht…. Omnomnom!! Genau das richtige für ehemals vegane Reiseradler mit höchstem Energiebedarf =)

Der Rastplatz liegt direkt flussaufwärts eines riesigen Staudammes und so ist die Aussicht mal wieder… mir gehen superlative Adjektive aus…. richtig gut.

16.11.

Ein mieser Gegenwind versucht, uns unseren nächsten fast-nur-bergauf-Tag noch ein wenig schöner zu gestalten. Wir kriechen dicht hintereinandergedrängt die Berge rauf und an Artvin vorbei, das sich ziemlich hässlich aber beeindruckend an die Bergflanken klebt. Gegen Mittag sind wir wieder an einem riesigen Staudamm und an der Straße steht ein Schild, das nach links einen kleinen Supermarkt verspricht. Weil es hier oben nicht viel gibt, wir aber umso mehr essen müssen, folgen wir dem Schild und landen in einer staatlichen Stadt, die von einem Zaun umgeben und mit einer Schranke gesichert ist. Wir sagen, dass wir zum Supermarkt wollen und werden auch durch gelassen. Im Markt bezahlen wir astronomische Preise, bekommen dafür aber vom Ladeninhaber zu unserer Mittagspause, die wir gegenüber des Ladens abhalten, einen Tee geschenkt. Zwei Kinder schenken uns Mandarinen und Khaki, und ihre Mutter ist hier Deutschlehrerin und erklärt uns, dass das hier eine Stadt nur für die Mitarbeiter und Ingenieure des Staudamms ist. Weiter zieht sich unser Weg, nochmal ein paarhundert Höhenmeter runter und in einem schönen Flusstal wieder rauf, bis es dunkel und kalt wird und wir unser Zelt auf einer sehr hübschen Halbinsel in den Flussauen aufschlagen. Wir kochen ganz schnell und weil es wirklich rattenkalt wird, verkriechen sich die ersten schon um 20:00 ins Bettchen. Ich muss mal wieder mit den Speichen schimpfen und ein wenig hin- und herjustieren, und das mal wieder unter diesem herrlichen Sternenhimmel, dann geht’s auch für mich schlafen. Morgen ist der große Tag- wir wollen über den höchsten Pass unserer bisherigen Reise, und eventuell sogar bis China (das müssen wir noch recherchieren) =)

17.11.

Also stehen wir noch vor Sonnenaufgang auf, um 5:30 wird vor dem Zelt Kaffee gekocht. Mit Sonnenaufgang steigen wir dann auf die Räder und es heißt strampeln, strampeln, strampeln. DSCF43961700 Höhenmeter haben wir zu überwinden und brauchen dafür bis 15:00. Belohnt werden wir von einer Landschaft wie aus dem Bilderbuch, die immer weiter unter uns rückt. Die Berge machen mir Spaß, sie sind wunderschön und man muss nur wenig Blog schreiben, weil man das eh nicht in Worten ausdrücken kann. Dafür haben wir natürlich viele Fotos parat.DSCF4411

 

Als es schon dunkel wird, fahren wir dann wieder ein beachtliches Stück bergab, um noch bis in die Stadt Ardahan zu kommen. Christian wünscht sich nämlich ein Hotel, weil er gern duschen möchte- das passiert sonst auch nicht so oft 😉 Wir bemerken auf der Straße, dass Christians Felge entlang der Bremsenfläche gerissen ist und wissen damit, dass wir mal wieder einen Fahrradladen und eine neue Felge auftreiben müssen- diesmal wenigstens eine 26-Zoll-Felge, das dürfte kein Problem werden. Und so überfahren wir dann saussaussaus unseren 4000. Kilometer =)DSCF4431

Als wir in Ardahan sind und uns auf die Suche nach einem günstigen Hotel begeben, finden sich sofort zwei hilfsbereite Türken (oder Kurden? vielleicht), die das Handy in die Hand nehmen und so lange rumtelefonieren und für uns verhandeln, bis wir ein Zimmer mit vertretbarem Preis gefunden haben. Danke, mensch, ihr seid echt super. Und der eine Helfer ist Restaurantbesitzer und lädt uns ein, später zu ihm auf einen Tee vorbei zu kommen.

Zunächst aber müssen wir noch mit unserem zweiten Helfer das Problem lösen, dass die Räder nicht mit ins Hotel dürfen. Für uns ist es aber nicht vorstellbar, sie einfach auf der Straße zu lassen; zu groß ist der Schaden, falls uns unsere Lastentiere abhanden kommen würden. Im Endeffekt dürfen wir sie gegenüber in ein Einrichtungsgeschäft stellen, wo sie dann zwischen Couchtischen, Sofas und Einbauschränken übernachten.

Wir bekommen ein urgemütliches Zimmer und die Jungs müssen allein den Tee trinken gehen, weil ich mich nach diesem Tag im Schlafanzug viel zu gut fühle und lieber die Aufgabe übernehme, den letzten Blogbericht hochzuladen und mich um die Fotos zu kümmern. Als die beiden dann wiederkommen, bin ich aber doch etwas neidisch: das Restaurant ist wohl das nobelste und beste in der ganzen Stadt (Christian und Marcel im Jogginganzug dort hätte ich gern gesehen) und aus der Einladung zum Tee wurde ein ganzes mehrgängiges Menu. Die beiden kommen mit dicken Bäuchen und sogar noch mit eingepacktem Essen zurück. Alles als Geschenk, nur weil die Menschen so lieb zu uns sind =)

Dann schlafen wir (ich nach einer Dose Bohnen ^^) tief und selig und stolz auf uns, dass wir den 2400m-Pass gemeistert haben!

18.11.

Christian fährt dann morgens mit dem Bus in die nächste Stadt, nach Kars, weil er gern früh ankommen und sofort seine Felge austauschen lassen möchte. Obwohl Christian nicht viel Ahnung von der Radtechnik hat, beschließen wir, dass er das auch allein regeln kann. Dann können Marcel und ich nämlich noch einen Tag durch die Hochebene Westanatoliens radeln.

Hier oben gibt es fast keine Farben mehr, es gibt nur beige-braun-grau und keine Bäume, es gibt endlose Straßen und weite Flächen mit uneingezäunten Pferden, es gibt kleine Dörfer mit vielen Lehmwänden und blauen Plastikplanen überall. Und überall begrenzt irgendeine hohe, meist schneebedeckte Bergkette die Sicht. Und, das finden Marcel und ich beim radeln noch heraus: es gibt Wildschweine! Nur vielleicht 30 Meter vor uns überquert eine Rotte mit vielleicht 40 Mitgliedern die Straße. Uiuiuiui!

Als wir nachmittags nach 90 km in Kars ankommen, wartet Christian schon ziemlich fertig an einer Tankstelle auf uns: Die Radwerkstatt, zu der er sein gelbes Flitzerchen gebracht hat, haben aus seinem kleinen Problem ein großes gemacht.

Als die Männer dort den Ritzelblock abnehmen wollten, haben sie ihn falschrum gezogen, also immer fester. Und dann, weil es in diese Richtung natürlich unmöglich aufzumachen war, haben sie die Nuss, die man zum Abziehen des Ritzels braucht, einfach mal mit dem Hammer weiter reingekloppt. Dabei sind die Kugeln aus dem Lager nur so umhergespritzt, das hat aber keinen mehr interessiert. Als Christian dann ziemlich geschockt angedeutet hat, dass man das andersrum aufbekommt und man dafür eben eine Kettenpeitsche braucht, wussten sie zunächst gar nicht, was gemeint ist. Kurz darauf hingegen hatten sie doch eine organisiert, jetzt aber was das Ritzelpaket schon so mit aller Kraft festgekloppt, dass es sich keinen Millimeter mehr bewegen ließ, auch mit aller Kraft. Im Endeffekt haben wir sogar noch unsere Kettenpeitsche verbogen, als Marcel und ich später dazu kamen.

Irgendwann haben wir das dann aufgegeben und uns entschieden, für Christian ein komplett neues Laufrad, also Felge, Nabe, Ritzelblock, zu nehmen, damit wir weiterfahren können. Natürlich hat nun aber das neue Laufrad im Vergleich zu unseren vorherigen eine wirklich miese Qualität, die Felge ist 2mm breiter und es hat ein Ritzel weniger… Ayayay, da hat sich der Christian geärgert. Zum Glück hatte er dann beim auf-uns-Warten Freundschaft mit dem Tankstellenwart Murat geschlossen, der sich um ihn gekümmert und ihm Tee ausgegeben hat. Und zum Glück ging es dann, mit dem neuen aber schlechteren Laufrad weiter zu unserem Host Taifun. Und der war so toll, dass man den Stress vom Tag gut vergessen konnte. Taifun hat sich wahnsinnig süß um uns gekümmert, hat seine wirklich schöne Wohnung zu unserer deklariert, sein Bett für uns geräumt und auf der Couch geschlafen, hat mit uns einzweiviele Bierchen getrunken und ultra-spannende Einblicke in sein Leben als Kurde, Alevit UND Armenier in diesem Land gegeben. Dazu war er noch lustig und einfach nett… kurz: das war mal wieder ein perfekter Abend.

19.11.

Von Kars aus wollte ich unglaublich gerne nach Ani. Ani war mal vor 1000 Jahren die armenische Hauptstadt und ist heute eine Geisterstadt, nachdem sie immer mal umkämpft und erobert und am Ende in die mongolische Herrschaft gefallen ist, wo sie jedoch keinen Zweck mehr erfüllte und deswegen zerfiel.

Als wir gestern Abend vor dem Haus unseres Hosts auf eben diesen gewartet haben, hatte uns ein Herr angesprochen, der Touristenshuttles dorthin organisiert und eben heute um 7:30 aufbrechen würde. Da war ich dann mit an Bord und hab einen wahnsinnig beeindruckenden Morgen erlebt. Außer mir waren nur 5 andere Beusucher auf dem riesigen Gelände der alten Geisterstadt, über der Steppe herrscht vollkommene Stille, teilweise stehen noch Kathedralen dort, die seit 1000 Jahren jedem Wetter und jedem Erdbeben trotzen, und gleich unterhalb der Stadt liegt der Grenzfluss zu Armenien, an dem hunderte Wohnhöhlen in den Fels getrieben sind. Beim Schlendern durch die Ruinen lagen dann sogar noch menschliche Knochen einfach so in einer Kirchenruine… Huiii, ein faszinierender Morgen.

Als ich dann mittags wieder nach Hause gekommen bin, meditativ-entspannt und glücklich, haben wir alle beschlossen, dass wir noch einen Tag in Kars bleiben, um noch mehr Zeit mit Taifun verbringen zu können und noch einmal auuusgedehnt das Internet zu benutzen, bevor es morgen in den Iran gehen soll. Einmal noch stundenlang mit den Partnern und der Familie skypen, bevor man nicht mehr weiß, ob und wann es Internet geben könnte.

War dementsprechend ein sehr schöner Nachmittag/Abend im Jogginganzug.

Ahja, und in meinem ebook-Reiseführer, dem lonely planet Turkey, hab ich dann noch gelesen, dass genau dieser Touristenguide, der uns gestern Abend zufällig auf der Sraße getroffen hat, empfohlen wird =)

20.11.

Ab in den Bus und nach Dogubayazit und von dort die letzten 30 km nach Iran radeln, das ist der Plan.

Dafür müssen wir um 7:30 mit allem Zeug am Busbahnhof sein. Wie gut, dass Marcel da um 6:50 noch bemerkt, dass er einen Platten hat! Er flickt also, zuerst funktioniert auch die Luftpumpe nicht, alles wird hektisch (zum Glück waren wir wie immer, sehr deutsch, zu früh dran), Christian und ich fahren schonmal zum Busbahnhof vor und fangen an, unsere Räder in einen Bus reinzudiskutieren. Es heißt dann auch, dass das klar geht, wenn wir auch jeweils für die Räder ein Ticket lösen. Das ist durchaus gerecht. Nun kommt auch Marcel um die Ecke gebogen. Also geht das alte Spiel wieder los: Vorderräder rausschrauben, Räder in den Bus tragen, irgendwie auf der Rückbank stapeln und mit unseren zig Satteltaschen den restlichen freien Gepäckplatz auffüllen. Kurz vor Abfahrt sagt uns der Mann von der Busgesellschaft dann noch, dass unsere Räder so viel Platz wegnehmen, dass wir noch mehr Geld auf den Tisch legen sollen, aber das sehen wir nicht ein und diskutieren so lange und so hartnäckig, bis der Bus abfahren will und der Mann aufgibt. Wir sitzen ziemlich fertig im Bus und wollen nur in Ruhe losfahren, da hält der Bus dann nochmal an einem zweiten Busterminal in der Stadt. Der gleiche Mann steigt wieder ein und will nun die Tickets kontrollieren- und wird kalt und heiß, denn nachdem alle Parteien beim Verhandeln irgendwelche Preise auf dem Ticket aufgeschrieben hatten, hat Marcel es nicht mehr gefunden gehabt. Als der Kontrolleur, der uns eh nicht mehr leiden mag, dann aber vor uns steht, zückt Marcel das Ticket einfach. Er hatte es wiedergefunden und einfach nicht als wichtig empfunden, uns das zu sagen…

Nun fahren wir also durch Nebel und karge Felslanschaft in Richtung Dogubayazit. In Igdir müssen wir nochmal umsteigen, dort geht aber alles wirklich problemlos. Es ist zwar ein noch viel kleinerer Bus, der Fahrer will aber nicht einmal Extrageld von uns haben.

Als wir, nachdem wir in Dogubayazit unsere letzten Lira in Käsepide verwandelt haben, dann aufbrechen, ist der Sonnenuntergang nur noch zwei Stunden entfernt. Wir radeln jetzt vorbei an Militärgebieten und Panzern, ein gepanzertes Fahrzeug überholt und, alles ist weiterhin felsig und grau und hässlich. Und da taucht dann plötzlich aus den dichten Wolken der Gipfel von Ararat auf- wahnsinn!!

FOTO

Nun macht Christians neues Hinterrad leider Zicken, es schlägt nach oben aus und es sieht so aus, als ob die Felge völlig gerade sei, aber der Mantel sehr ungleichmäßig. Das wird am Abend genauer angeschaut werden.

Als wir ca. zehn Kilometer vor der Grenze sind, überholen und zufällig die Bostrotters in ihrem Wohnmobil! Das ist eine Freude, die wieder zu sehen, sie halten an und alle liegen sich in den Armen und dann erzählen sie, dass sie heute Nacht an „dem größten Meteoritenkrater der Erde“ schlafen wollen, der nur 2 km vor der Grenze ist. Und das gefällt uns gut, da die Idee, so müde, wie wir sind, noch in der Dämmerung über die Grenze zu fahren und dann dahinter nicht zu wissen, wo wir schlafen können, ziemlich unangenehm war. Also radeln wir dem Caravan hinterher zum Meteoritenkrater. Ich hatte mir bei der Größenausssage vorgestellt, ein wirkliches Tal vorzufinden. Zunächst aber müssen wir an einem Militärposten mit vier schwerbewaffneten Soldaten vorbei, da der Krater genau in der militärischen Sperrzone liegt. Müssen unsere Pässe abgeben. Dann finden wir den Krater- und er ist vll. 15m im Durchmesser und 30m tief. Das kann doch nicht der größte der Welt sein?! Sieht auch irgendwie gar nicht wie ein Einschlagskrater aus. Naja, begeistert sind wir nicht. Nun können wir aufgrund des Sperrgebiets da auch nicht schlafen, also fahren wir mit den Bostrotters zusammen wieder aus der Zone raus, holen unsre Pässe ab, und der Bostrotter-Papa fragt die Soldaten, wo wir denn den Caravan abstellen könnten. Die sagen, hier überall ginge es keinesfalls, wegen der Sicherheitsstufe des Gebiets. Er meint, dann fahren wir eben einen Kilometer außer Sicht und stellen uns dort ab.

Als wir dort stehen und gerade Christians Rad auseinander genommen haben, um uns das Problem des Tages mal genauer anzusehen, kommen die Soldaten natürlich wieder und sagen uns, dass wir hier nicht bleiben können. Wir diskutieren, dass wir das verstehen, aber eben auch keinen anderen Platz wissen, zu dem wir können: 2km weiter ist die Grenze, da können wir ja nun auch nicht bleiben, und auf der anderen Seite ist ein Dorf, in dem der Bostrotter-Caravan von frechen Kindern mit Steinen beworfen wurde. Dort fühlen sie sich nicht sicher. Die Militärs sagen, wir sollten einfach zurück nach Dogubayazit – das sind die 30 km, die wir heute geradelt sind! Also nein! Wir erklären ihnen, dass wir jetzt in der Dunkelheit auch echt nicht mehr weit radeln können- da bestellen sie dann eine Eskorte für uns und rufen in der nahegelegenen Station der Gendarmerie (paramilitärische Polizei) an und sagen, dass wir dort schlafen können. Und so zieht dann im Endeffekt ein sehr unterhaltsamer Tross los, den ich leider nicht fotografieren durfte: zuerst fährt da ein gepanzerter Gruppenwagen mit richtig jemandem oben im Ausguck und so, dahinter wir drei Räder und dahinter die Familie im bunt bemalten Wohnmobil =)

Als wir jedoch an der Gendarmei ankommen, wissen die von nichts und lassen uns auch dort nicht bleiben. Sie sagen, wir sollen nach Dogubayazit fahren. Nein! Und sie sagen, dass etwa 2 km weiter ein bewachter Parkplatz ist, auf dem wir wohl schlafen könnten. Wir glauben das nicht so richtig, deswegen fahren die Bostrotters erstmal mit dem Wohnmobil hin, um das zu checken. Und da meine ich deutlich zu merken, wie unterschiedlich die Leute auf uns mit unseren Rädern reagieren: plötzlich sind die Gendarmen nicht mehr schrecklich abweisend, sondern fragen uns, ob wir nicht reinkommen und was essen wollen. Und einer erzählt uns, dass er nicht weit entfernt wohnt und dass wir auch dort in seinem Haus schlafen bzw. im Hof campen könnten. (Wohlgemerkt, alles irgendwie kompliziert über Smartphones und elektronische Übersetzer, weil hier niemand Englisch spricht). Scheinbar lösen die Bostrotters im Wohnmobil andere Reaktionen aus.

Auf jeden Fall aber kommen sie zurück und sagen uns, dass der Parkplatz gut sei, und so fahren wir dort noch hin. Es scheint eine lange Diskussion gewesen zu sein, bis wir dort schlafen durften, weil der (LKW-)Parkplatz eigentlich geschlossen war. Dennoch trafen wir dort 5 Sicherheitsmänner an, die sich eben nur sinnlos die Zeit vertrieben… verrückt.

Das war dann ein ganz schöner Abend mit der Familie im Caravan, wir haben mit den Kids gespielt und mit den großen geredet, haben zusammen gegessen und am Ende den Esstisch so eingesenkt, dass wir drei auch mit im Wohnmobil schlafen konnten. Zu acht in einem Auto =) War auf jeden Fall mal wieder grandios!!

21.11.

Heute geht’s hoffentlich in den Iran!

Nach dem Frühstück mit den Bostrotters haben wir noch auf die beiden Freiburger Reiseradler Julian und Linda gewartet, die nur wenig hinter uns sind und mit denen wir gerne gemeinsam ein Stück radeln wollen. Und dann ging es mit allen zusammen über die Grenze! War gar nicht so schrecklich, nur etwas verwirrend, weil sowohl der Polizist, der unser Gepäck durchsucht hat, als auch der, der unsere Pässe zum zweiten Mal eingescannt hat, keine Uniform trugen. Deswegen waren wir höchst skeptisch und haben zunächst mal jede Mitarbeit verweigert, konnten dann doch aber jeweils auch von der rechtmäßigkeit überzeugt werden. Noch in dieser Hochsicherheitszone der Grenze kam dann auch eine Dame vom Iranischen Tourismus-irgendwas an und hat sich unsere Namen und Adressen geben lassen, dazu hat ein professioneller Fotograf die ganze Zeit Bilder von uns gemacht…

Und an der Grenze haben wir noch einen anderen Reiseradler aus Prag getroffen!

Und dann- waren wir wirklich im Iran!!

Noch sieht der aber natürlich ziemlich so aus wie die Türkei, nur mit den wunderschönen persischen Schriftzeichen überall.

Im ersten Ort haben wir dann auch gleich wieder die Bostrotters getroffen und Euro in Rial getauscht. Zack, waren wir vielfache Millionäre, denn ein Euro ist 40.000 Rial =) Und dann kam uns noch ein weiterer Reiseradler aus Taiwan entgegen, der uns auch gleich seine Iran-Karte vermacht hat. Das ist ein Wahnsinnsgeschenk, denn detallierte Karten kann man hier nicht kaufen, so wie auch GPS verboten sind.

Und dann sind wir endlich mal wieder ein bisschen geradelt, seit heut morgen ja nun zu fünft. In der ersten Stadt wollten wir Brot kaufen und Mittag essen. Zuerst wurden wir von einem Helfer, der uns aufgegabelt hat, zu einem Imbiss gebracht, wo es aber partout nichts vegetarisches gab. Dann haben wir Brot kaufen wollen, aber das einzige, was es gab, war trocken wie Cracker, groß wie unsere Räder,, dünn wie Papier und wurde verkauft im 30er-Pack. Dennoch haben wir uns dann dafür entschieden und es nicht wirklich überzeugt zum Mittag gegessen. Danach sind wir noch weiter gefahren, bis es dunkel wurde, da wollten wir gerade an einem Haus fragen, ob wir dort campen könnten, da kamen zwei junge Frauen über ein Feld gelaufen und haben sich übelst über uns Touris gefreut. Und als sie unsere Frage nach der Zeltmöglichkeit nicht verstanden haben, haben sie ihren Bruder geholt, der Englisch konnte. So haben wir also Ali und seine Familie kennen gelernt =) Die alle haben uns sofort eingeladen, mit zu ihrem Gewächshaus zu kommen, wo sie gerade ein Wochenends-Familienpicknick abhalten. So wurden wir in einen Innenhof gelassen und sofort wurde uns zugerufen, dass wir die Kopftücher abnehmen sollen. Dann wurden wir in ein kleines Wohnzimmer mit Ofen gebracht, uns wurde Tee gegeben (der iranische ist sogar noch besser als der türkische!!) und die ganze Familie, vielleich 15 Leute, haben sich um uns herum geschart. Bis irgendwie das Thema Tanzen aufkam, da wurde ein mobiler Lautsprecher gebracht und alle sind zusammen in den Hof, um zusammen zu tanzen. Es war richtig ausgelassene Stimmung, alle waren total glücklich und haben sich gefreut, es gab ein Feuer und wir haben ewig zusammen am Feuer gesessen, getanzt und palavert. Ich hab sogar noch der einen jungen Frau eine Dread gemacht, weil sie meine so mochte und weil ihre Schwester Friseurin ist und das mal sehen wollte, damit sie es auch anbieten kann =)

Irgendwann mussten wir dann doch auch mal ins Bett. Dieser erste Abend im Iran hat uns komplett überzeugt =)

03.11. bis 10.11. vom Christian

Ist also doch schon wieder einige Tage her, seit der letzte Bericht geschrieben wurde. Naja, dann aber Feuer!

Bevor es mit dem Bericht losgeht, noch ein paar Anmerkungen zur Homepage, denn die ging in den vergangenen Tagen anscheinend nicht, jedenfalls trifft das auf den Link: immernachosten.de zu. Falls der mal nicht geht, könnt ihr es auch über chrisjulechina.wordpress.com versuchen. Zwischenzeitlich hat Jule aber mit dem Domainhost geredet, müsste jetzt alles wieder passen.

Außerdem sei noch einmal erwähnt, dass ihr auf unserer Startseite links einen Flickeraccount findet. Dort gibt es jede Menge Fotos zu unserer Reise, die auch manchmal unabhängig von dem Hochladen unserer Berichte den Weg ins Internet finden.

Des Weiteren haben wir die Rubrik „Kurz gemeldet“ eingeführt. Hier wollen wir regelmäßig reinschreiben, wo wir gerade sind und was wir machen, ohne dass immer gleich ein ganzer Bericht hochgeladen wird. Finden könnt ihr die Rubrik in der linken Leiste oben.

Außerdem haben wir den Marcel jetzt offiziell auf unsere Homepage mit aufgenommen, da er sich erfreulicherweise dafür entschieden hat, bis Bangkok mitzufahren. Mal seh’n- vielleicht können wir ihn auch noch davon überzeugen, dass Shanghai auch nicht schlecht ist.^^

Und nun noch eine letzte Sache: Sollte eine Postkarte nach 2 Monaten noch nicht bei euch sein, dann gebt uns kurz Bescheid, wir werden euch dann eine Neue schicken.

So nun aber zu unseren Erlebnissen in den letzten Tagen 😉

3.11.

Pausentag also bei Elif. Wie Jule schon erwähnt hatte, war es bei ihr absolut wundervoll. Einziges Manko: Kein WLAN. Also ab in den Empfangsraum eines Hotels und dort etliche Stunden mit Surfen und Skypen zugebracht. Ich glaub, am Ende sind wir den netten Hotelmitarbeitern schon ziemlich auf den Wecker gegangen. Nun ja, sei es drum.

Mit einer Tüte voller Bier ging es zurück zu Elifs Haus. Sie war bereits von Arbeit zurück und auch ihr Mann Yalsin ist heute extra vorbeigekommen, er lebt sonst 70km entfernt. Wir hatten kaum die Wohnung betreten, da meinte Elif, sie hätte eine Überraschung für uns. Was kann das wohl sein? Baklava? Fair-Trade-Schokolade? Oder doch eine Autogrammkarte des allgegenwärtigen Atatürk? NEIN! Weit gefehlt! Sie hat uns ein Video vom Vortag gezeigt, auf dem Marcel zusammen mit den jungen Türken getanzt hat. Eilif hatte in der Mittagspause in der Schule erzählt, dass Deutsche bei ihr zu Gast sind- das haben ihre Schüler mitbekommen und ihr sofort ein Video gezeigt, das sie am Vortrag gemacht hatten. Anschließend hat die ganze Klasse zusammen das Video angeschaut. Na dann Marcel, bald erkennen dich schon all Türken von weitem auf der Straße 🙂

Nachdem Elif am Vortag für uns gekocht hatte, haben wir uns heute mit Nudeln mit zwei verschiedenen Saucen revanchiert. Wir hatten wieder viele interessante Gespräche mit Yalsin und Elif über alle möglichen Dinge. Auch war noch Zeit für eine Probefahrt mit unseren Rädern, denn die beiden haben selbst den Traum, eines Tages auf die lange Meile zu gehen. Wir hoffen, dass sie den Mut haben werden, dass auch wirklich zu machen und uns dann natürlich in Deutschland besuchen. Elif musste uns am Abend dann leider noch in Richtung Ankara verlassen und auch Yalsin ist am nächsten Morgen schon sehr früh abgereist.

Wir ihr unseren Berichten entnehmen könnt, haben wir die beiden aber sehr ins Herz geschlossen und hoffen, sie eines Tages wieder zu sehen. So viel sei vorweggenommen: Eine Woche später zur Demo in Trabzon war das nicht der Fall, denn wir erreichten die Küstenstadt trotz größter Anstrengungen leider erst einen Tag zu spät.

4.11.

Vom heutigen Tag gibt es eigentlich nicht viel zu berichten, außer dass das Fahrrad Reparieren und Besorgungen Machen so lange gebraucht hat, dass wir uns dafür entschieden haben, noch einen weiteren Tag in Gerze zu bleiben. Wir fühlten uns dort ja auch mittlerweile wie Zuhause, zumal Elif uns ihr Haus überlassen hatte und wir ganz allein dort waren.

Nicht unerwähnt möchte ich Marcels tollen Wortwitz „In Gerze macht man kene Scherze“ lassen.

Ich überlege wirklich gerade, was es von diesem Tag noch berichtenswertes gibt, aber viel ist es einfach nicht.

Es sei noch erwähnt, dass wir wieder in Schichten im Internet waren in verschiedenen Cafés und die Jule sich in dem einen wohl beim Skypen mehr als 3 Bier in den Hals gestellt hat.

Eine Sache noch, dann ist aber wirklich Schluss für den Tag: In der Küche war heute Herrentag und während ich einen Tomatensalat mit unverschämt viel Zwiebeln zubereitet habe, hat unser „Veganer“ (Marcel) Käse in einer Pfanne zum schmelzen gebracht und selbigen in einer unnachahmlichen Art und weise anbrennen lassen.

5.11.

Heute also nach langer Zeit mal wieder eine richtige Radelstrecke von fast 100 km. Dank feinst ausgebauter Straßen sind wir entlang des Schwarzen Meeres nur so dahingeschossen. Der türkische Präsident Erdogan ist mit Sicherheit ein streitbarer Mensch und die meisten, die wir getroffen haben, mögen ihn auch nicht sonderlich, aber schöne Straßen und Tunnel lässt er schon bauen. Zumindest dafür ein kleines „Tesekkür ederim“ (Danke). 🙂

Bei nahezu keinem Verkehr ging es über die zweispurige Straße, die sogar noch einen Standstreifen besaß, auf den wir uns verkrümelten und den wir bis Trabzon (460 km später) kaum noch verlassen sollten.

Die Radstrecke war heute jedenfalls wenig spektakulär und kurz nach der Stadt „19. Mai“ (muss wohl was mit Atatürks Kampf für eine freie Türkei zu tun haben) haben wir auf einem Grundstück direkt am Meer gezeltet. Es wurde in den Abendstunden allerdings schon empfindlich kalt und das Kochen (Reis und Bohnen) hat herzlich wenig Spaß gemacht. Jedenfalls war es schön, nach langer Zeit mal wieder zu zelten

6.11.

Früh morgens kam Jule mit einem Blatt um die Ecke gebogen, auf dem sich Raureif abgesetzt hatte. Oha! Nun ist es also anscheinend langsam wirklich kalt. Die Sonnenstrahlen heizten uns aber sogleich mächtig ein. Unser Frühstück schleppten wir zum 100m entfernten Schwarzmeerstrand. Hier, direkt auf dem Sand, konnten wir die erste Stärkung des Tages zu uns nehmen, um dann die 21 Kilometer bis nach Samsun auch zu schaffen. 🙂

Samsun ist mit über 600.000 Einwohnern die größte türkische Stadt am Schwarzen Meer. Es soll wohl außerdem die am schnellsten wachsende türkische Stadt sein. Wenn man sich die ganzen Häuser anschaut, die hier aus dem Boden gestampft werden, ist das auch gut vorstellbar. Die neuen Häuser haben hier im Übrigen zwischen 5 und 10 Stockwerken. Im Grunde sind sie plattenbauähnlich, bloß kürzer und mit deutlich größeren Wohnungen. Unsere Hosts (allesamt Medizinstudenten) wohnten zusammen mit 4 Katzen in einer 5-Zimmerwohnung. Wir waren die ersten Gäste, die sie überhaupt gehostet haben, und durften gleich ihr ganzes Wohnzimmer in Beschlag nehmen. Außerdem gab es ein leckeres Abendessen, welches wir gemeinsam mit Charles (einem Franzosen, der von einem Freund der WG gehostet wurde) eingenommen haben. Seltsamerweise haben unsere Gastgeber aber nichts mit gegessen und auch von dem Bier, welches wir für alle mitgebracht hatten, haben sie nichts getrunken.

Kleiner Zeitsprung noch mal zurück:

Unser Radeltag war heute schon gegen 11 Uhr beendet. Wie meistens hab ich mir nach so einem anstrengenden Tag erst mal ein Bierchen redlich verdient.^^ Dann hab ich mich mit Marcel auf in die Innenstadt gemacht, um dort die von Aytac (den wir in Istanbul kennen gelernt haben) für Marcel bestellte Felge in Empfang zu nehmen. Und da gehen die Probleme auch schon los, denn die Innenstadt ist satte 10km von dem Ort entfernt, an dem wir uns gerade befinden. Also ab aufs Fahrrad und losgesaust. An der Paketstation war leider niemand der englischen Sprache mächtig. Glücklicherweise konnten wir noch einen Iraker auftreiben, der ein ganz passables Englisch sprach und obendrein auch noch türkisch konnte. All das half aber nichts, denn die Menschen, die in der Paketstation arbeiteten, konnten uns nicht weiterhelfen, da wir den Absender nicht kannten. Nun konnte nur noch eine Person auf der ganzen Welt weiterhelfen: JULE! Und die kam glücklicherweise gerade mit der Tram in die Innenstadt, hatte alle wichtigen Daten auf ihrem Handy und konnte eben jene in der Paketstation vorzeigen. Schnell stellte sich heraus, dass wir an der falschen Paketstation waren und zu einer anderen mussten, wo dann tatsächlich die neue Felge auf ihren glücklichen Besitzer wartete. Von Jule wurde sich wieder verabschiedet und Marcel und ich machten uns auf den Weg zu einem Fahrradladen, den wir auf dem Weg in die Innenstadt gesehen hatten. Dort konnte uns allerdings keiner weiterhelfen und wir wurden zu einer Werkstatt verwiesen, die alles mögliche zu reparieren schien, aber mit dem Einspeichen eines ganzen Rades auch überfordert war. Wie der Zufall es so wollte, hat uns genau in dem Moment ein Deutsch-Türke angesprochen und seine Hilfe angeboten. Der Bielefelder hat uns erst einmal mit zum Elektronikgeschäft seines Onkels genommen und zusammen mit seinem Bruder, der ebenfalls aus Bielefeld kommt, haben wir 2 Runden Cay getrunken, ehe er uns in das Viertel geführt hat, in dem mehrere Läden Fahrräder anboten. Hier sind wir dann auch tatsächlich fündig geworden und konnten Marcels Fahrrad zur Reparatur abgeben.

7.11.

Die Hauptfrage für den heutigen Tag: Würde Marcels Fahrrad wieder funktionieren? Und glücklicherweise kam Marcel auch gegen Mittag mit einem reparierten Fahrrad nach Hause. Vielleicht haben sich mit der neuen Felge ja auch seine Hinterradprobleme, welche schon seit Beginn der Reise existieren, erledigt.

Eigentlich hatten wir überlegt, gegen Mittag loszufahren. Da sich radeln mit lediglich 3 Stunden Sonnenlicht aber kaum lohnt, haben wir entschieden, doch noch einen Tag in Samsun zu verweilen. Unsere Hosts habe uns dann auf unseren Wunsch hin in die Innenstadt begleitet und uns zum Atatürkschiff gebracht. Mit diesem Boot soll der türkische Staatsgründer zusammen mit seinen 18 Freunden von Istanbul nach Samsun gefahren sein, um dort den Freiheitskampf zu beginnen. Das Schiff war dann leider relativ unspektakulär, dafür war das Stadtmuseum aber recht interessant. Am Abend wollten wir dann noch einen von Marcels großen Träumen erfüllen und eine Wasserpfeife in der Türkei rauchen. Leider stellte sich aber heraus, dass wohl seit neustem Wasserpfeifen in der Innenstadt verboten sind und 10km wollten wir wegen einer Wasserpfeife nicht fahren.

Am Ende ging es zurück in die Wohnung unserer Hosts, wo wir mit Charles, der heute auch den ganzen Tag dabei war, noch ein wenig quatschten. Unsere türkischen Freunde saßen leider wieder in einem anderen Raum als wir, was ein bisschen schade war, denn wir hätten doch gerne noch mit ihnen gequatscht.

Erwähnen muss ich auch definitiv noch die Katzen der WG. Einem der flauschigen Gefährten hatte man wie einem Pudel das Fell kurz rasierte und eine andere hatte einen echt fiesen, man könnte auch sagen hässlichen Gesichtsausdruck. Ich mochte das Tier aber irgendwie, denn es bettelte nicht wie die anderen Katzen um Aufmerksamkeit und war generell sehr faul. Der Name der Katze war lustigerweise Gandalf. 🙂

8.11.

Heute sollte also der große Tag sein. Da wir gestern nicht geradelt sind, haben wir uns für heute 150km vorgenommen. Also 5:30 Uhr aus den Federn gekrochen und 7:10 Uhr saßen wir schon auf unseren Rädern.

Die Kilometer flutschten an diesem Morgen nur so unter uns hindurch und teilweise ging es mit fast 30km/h die Straße entlang. Diese präsentierte sich völlig flach und mit Seitenstreifen. Gegen 10:30 Uhr machten wir schon unsere erste Essenspause und bei der zweiten Teepause um 13 Uhr hatten wir bereits 100km unter den Rädern. 30 Kilometer vor Ordu gab es dann aber doch noch einen Berg. Diesen sind wir regelrecht hochgeflogen und dann mit Einbruch der Dunkelheit in die Abfahrt Richtung Ordu gegangen. Am Ende sind wir 164 km gefahren. Zugegebenermaßen waren wir echt richtig derbe Stolz auf uns! 🙂

Das einzige, was zu unserem Glück jetzt noch fehlte, war unser Host Erdi. Dieser kam auf seinem Drahtesel und in voller Radmontur 15 Minuten nach unserer Ankunft um die Ecke gebogen. In seiner Wohnung leben neben ihm noch 9 Wellensittiche, wobei einer immer mal aus seinem Käfig raus darf und von ihm geküsst wird. Aufgrund von mangelnden Englischkenntnissen sind wir schnell in das Restaurant eines Freundes von Erdi gegangen. Eben jener war der englischen Sprache mächtig und auch Erdi taute nun langsam auf. Beide sind im Übrigen Mitglieder des Orduer Radclubs. Wir bekamen eine große Pizza, Pommes und Cola ausgegeben. Fastfoodherz, was willst du mehr?! 🙂

Nach dem Essen kommt das Schlafen und das durften wir im Wohnzimmer von Erdi, wo er seine Vöglein extra herausräumte.

9.11.

Nachdem wir spät aufgestanden sind, hat uns auch gleich noch ein junger Mann in der Orduer Fußgängerzone angesprochen. Ich hatte ihn einige Tage zuvor bei Couchsurfing angeschrieben, er hatte unsere Anfrage aber leider ablehnen müssen. Nun hatte er uns an unseren Rädern erkannt. Also erst einmal wieder Rad abstellen, einen Tee trinken und quatschen.

Und nun noch einmal ein Beispiel für die türkische Gastfreundschaft: Der arme Kerl hatte kein Bargeld bei sich und sowohl Geldabheben am Automaten als auch EC-Kartenzahlungen gingen aufgrund eines Stromausfalls nicht. Wir wollten also die 4 Tee (ca. 5€) gerne zahlen, haben viel diskutiert, doch es war unmöglich. Er bestand darauf, dass er bezahlt („Sit down – or I’ll shoot you!“ ^^ ) und ist erst noch mal in die Innenstadt gegangen, um dort irgendwie Geld aufzutreiben.

12 Uhr ging es dann nun doch endlich mal für uns los. Passiert ist auf den 76 Kilometern, die wir immerhin noch geschafft haben, aber nicht viel.

Mit dem Finden des Schlafplatzes haben wir uns heute etwas schwer getan, da wir teilweise stark unterschiedliche Vorstellungen vom Wildcampen haben. Während ich am liebsten völlig abseits der Zivilisation campe, legen Marcel und Jule eher Wert auf einen landschaftlich schönen Platz zum Zelten. Auch die Anfragen bei den Häuslebesitzern, ob wir bei ihnen übernachten könnten, waren außergewöhnlich erfolglos. Nach 4 gescheiterten Anfragen hat sich dann noch ein Restaurant gefunden, bei dem wir im Biergarten campen durften.

Im Restaurant selbst haben wir dann noch gespeist und als wir uns gerade ins Zelt begeben wollten, da kam der Besitzer des Restaurants um die Ecke gebogen und der bestand darauf, dass wir noch Tee auf seine Kosten mit ihm tranken. Als Krönung hat er mir dann auch noch am Bart gezogen. Also 3 Cay reingewürfelt, bissel Smalltalk betrieben und dann ab in die Heia.

10.11.

Auch heute hieß es wieder vor um 6 aufstehen. Belohnt wurden wir für diese Heldentat mit einem Frühstück direkt am Meer mit wunderbarem Ausblick.

7:30 Uhr waren wir dann „On The Road“. Die Mittagspause haben wir bei einem Cay an einem Busrestaurant gemacht. Die Besitzerin hatte Jule vom ersten Moment an ins Herz geschlossen und auch ihr Mann konnte sich später an Jule und Marcel erfreuen, als diese hinter dem Bus schliefen.

Als Holzkohle dienten dem Pärchen im Übrigen verkohlte Haselnussschalen. Diese Nüsse werden in der Türkei und insbesondere an der Schwarzmeerküste massenhaft angebaut.

Kurz vor Trabzon wurden wir dann noch von einem älteren Rennradfahrer überholt, welchen wir in der Abfahrt aber wieder einholen konnten, um dann 10km mit ihm zusammen zu fahren und mit ihm zu plaudern. Dabei sind wir unter anderem am Neubau des Stadions des legendären Fußballverein Trabzonspor vorbeigekommen.

Nach 109km sind wir dann auch auf Arbeit unseres Hosts Babaros angekommen. Dieser führte uns dann gleich mit voll bepackten Rädern durch die dicht belaufenen Straßen der Stadt und am Ende stellte sich auch noch heraus, dass wir mit unserem ganzen Gepäck und den Fahrrädern erst etliche Stufen hinunter zum Haus und dann 5 Etagen nach oben krabbeln mussten.

Nachdem dieses Martyrium geschafft war, haben sich Jule und Marcel noch mal neue Passfotos gemacht. Morgen wollen wir nämlich Iran-Visa beantragen, da will man lieber gut vorbereitet sein!

Rückreise – Gastbeitrag von Ena

Soooo... hier veröffentliche ich dann auch mal Enas Gastbeitrag. Den hatte ich schon länger im Posteingang, aber hier ist immer so viel zu tun... =)

Zum Abschluss möchte ich doch auch noch ein paar Worte verlauten lassen. Denn die fleißigen Berichterstatter Jule und Christian haben an unserer Rückreise glücklicherweise ja nicht teilgenommen. Schön, dass für euch drei die Reise weitergeht, Marcel, Jule und Chris! Katharina und ich reihen uns dafür nun bei den neugierigen Mitlesern ein. : )

Unsere Recherche am Bahnhofsschalter am Sonntag hatte ergeben, dass wir Fahrkarten erst am Morgen des Abreisetags erwerben sollten, wo uns auch mitgeteilt würde, ob wir in Timisoara umsteigen müssen, oder es in einem Zug durchgeht. Wir sind also vorsichtshalber am Dienstag zwei Stunden vor Abfahrt am Bahnhof aufgeschlagen. 165 lei pro Person von Drobeta Turnu Severin bis Budapest, knapp 40 €. Beide Male, als wir am Schalter mit einer Bahnangestellten kommuniziert haben, die des Englischen nicht mächtig war, kam ein hilfsbereiter Fahrgast aus der Nähe angesprungen und half durch Übersetzungen. : ) Fahrradkarten sollten wir beim Schaffner im Zug erbitten. Also hoben wir vorsichtshalber noch ein paar lei ab und nutzten die verbleibende Wartezeit alle gemeinsam für ein ausgiebiges Frühstückspicknik in der Bahnhofshalle. Mit Laterne und Tischtuch.

Im folgenden kommen einige Informationen, die für einen Großteil der Leser sicherlich zu detailliert sind, zukünftigen Radreisenden, die gedenken, ebenfalls Zug zu fahren, sicherlich aber von Nutzen sein können. Offiziell gibt es in rumänischen Zügen keinen Platz für die Fahrradmitnahme. Wir haben unsere aber ganz am Ende des Zugs, wo nicht so viele Leute vorbei mussten, an einem Gepäckgitter festgeschnallt. Dadurch ist es wohl auch eher selten, dass jemand ein Fahrrad mit auf eine Zugreise nimmt und der erste Schaffner wüsste gar nicht, was er kassieren soll, hat telefonisch einen zweiten herbeigebeten, der telefonisch eine Preisliste organisiert hat, anhand derer dann der Preis ermittelt wurde. In unserem Fall 30 lei pro Zweirad, knapp 7 €. Auf der Liste habe ich erspäht, dass dieser Preis kein Fixpreis ist. Es wird von der rumänischen Bahn pauschal davon ausgegangen, dass ein Fahrrad 15 kg wiegt, was dann mit einem kg-Preis in Abhängigkeit von der Fahrstrecke multipliziert wird. Von unserem Startpunkt bis zur rumänisch-ungarischen Grenze ergab das eben 2 lei/kg. Maximal geht dieser Preis bei >400 km auf 3 lei/kg hoch.

Sowohl die Anzeige am Zug als auch unsere Sitzplatzreservierung wiesen darauf hin, dass uns diese Eisenschlange bis nach Budapest befördern würde. Wir freuten uns, dass alles so unkompliziert laufen sollte und überlegten, ob wir vielleicht rechtzeitig, also vor 20 Uhr, bei Zoli in Budapest ankommen würden, um im Regionallädchen unten im Haus noch Honig erstehen zu können. Aber ganz so reibungslos sollte es dann doch nicht laufen.

An der innereuropäischen Grenze gab es zwei Grenzkontrollen. Erst durch die rumänische und anschließend durch die ungarische Grenzpolizei. Insgesamt standen wir sicher eine gute Stunde rum. Wir schrieben unseren Honigkauf schon ab.
Aber aufreibend wurde es erst, als der ungarische Schaffner kam, der nur wenige Brocken Englisch mitbrachte. Auf unsere signalisierte Aussage, wir wollten für unsere beiden Fahrräder Fahrkarten kaufen, reagierte er "bicycles, no! bicycles, out!" Na toll. Aber in Rumänien durften wir die mitnehmen und haben sogar Tickets dafür! Vorzeigen. "bicycle tickets?!" yes. Er schien sich geschlagen gegeben zu haben, machte keine weiteren Anstalten, dass wir die Fahrräder von Bord werfen sollten. Bei den Türen, die beim Anfahren nicht automatisch schließen, könnte es ja sogar sein, dass sie sich während der Fahrt öffnen lassen... Aber dafür "this train no Budapest." Was? Der Zug fährt nicht nach Budapest? Aber das steht doch an der Anzeige. Und auf unserem Ticket auch! "this train no Budapest. this train Szolnok. bus Szolnok. bus no bicycles." Aha! Schienenersatzverkehr! Bus von Szolnok nach Budapest? Nein. Die Ungarnkarte lag sowieso vor uns ausgebreitet auf dem Tischchen, also konnte er uns zu verstehen geben, dass es von Szjajol nach Szolnok Schienenersatzverkehr gab, in dem wir die Fahrräder nicht mitnehmen konnten, im Zug von dort nach Budapest dann jedoch schon wieder. Dazwischen wären 25min Zeit. Damit ging er weiter. Wir versuchten abzuschätzen, wie weit die beiden Bahnhöfe auseinander liegen, ob wir radelnd den Anschlusszug erreichen könnten. Vielleicht 15 km? Könnte knapp werden. Auf seinem Rückweg fingen wir den Schaffner wieder ab. Er sagte, es seien 6 km. Okay, das wäre machbar. Außerdem waren es doch 40 min Zeit. Und anschließend kämen stündlich weitere Züge, die uns auch nach Budapest bringen würden. Gut, somit wussten wir, dass wir auf alle Fälle an dem Tag noch unser Ziel erreichen konnten. Mussten wir nur noch feststellen, wie wir den richtigen Bahnhof finden konnten, scheinbar mussten wir dafür im Dunkeln auf einer autobahnartigen Schnellstraße fahren. Keine schönen Aussichten. Also gab's jetzt Spekulatius als Nervennahrung. Ansagen gab's im Zug keine, so dass auch die anderen Fahrgäste nicht so recht wussten, was sie machen sollten und reichlich irritiert und zögerlich ausstiegen. Ausladen, aufsatteln. Vor dem Bahnhof standen haufenweise Bahnangestellte herum, die uns auch, als wir etwas zaghaft zwischen ihnen uns den Bussen hin und her blickten, mitteilten, dass wir die Fahrräder nicht mit in den Bus nehmen konnten. Wir fragten, wie wir nach Szolnok radeln konnten, da schüttelten sie energisch mit den Köpfen und einer, der so wirkte, als hätte er was zu sagen, wechselte drei Worte mit dem Busfahrer, bad einen Fahrgast, sich woanders hin zu stellen und wies uns den beweglichen Kreis im Ziehharmonikateil des zweigliedrigen Busses zu. Absatteln, einladen. 20 min Busfahrt ohne Zwischenstopps - das waren definitiv mehr als 6 km! Ausladen, aufsatteln. Der erste englischsprechende Bahnangestellte dirigierte uns - wieder mal die letzten, die fertig mit aussteigen waren - zum richtigen Gleis: treppab, treppauf. Wir fanden im zweiten Zug des Tages ein Kinderwagenabteil, in das wir die Fahrräder puzzleten. Der englichsprechende Schaffner kam vorbei und fragte "ok?" Yes, okay. Als der Schaffner von vorher vorbei kam fragte Katharina "Okay?" Und er ließ sich zu einer undefinierbaren Bewegung zwischen Kopfschütteln und Nicken herab. Der nimmt seine Arbeit ernst und versucht, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, dass wir Fahrräder mitnehmen, was er uns am liebesten nicht erlaubt hätte. Ist ihm aber nicht geglückt. Es hat geklappt! : D Schlussendlich war das alles ganz einfach, aber zwischendurch gab es ganz schön Aufregung.

In Budapest fanden wir auch aus anderer Richtung problemlos zu Zolis Wohnung. Dreiviertel neun. Und das Lädchen hatte noch offen! Dort wartete sogar der Wohnungschlüssel auf uns. Und es gab Honig. Und Äpfel. Und Frischkäse. Und und und. Sinnvolle Investition der letzten Forint. Diese Straße, der Innenhof und die Wohnung fühlten ich stark nach "fast zu Hause" an. Toll! Zoli hat einen neuen Mitbewohner, der uns in Empfang nahm. Jemand, der in zwei Tagen von Leipzig nach Budapest radelt. Der Geographie studiert hat, jetzt seit Jahren Fahrradrahmen schweißt. Menschen gibt's! Die kurze Nacht endete vor um vier, der Zug nach Hause sollte keinesfallt vor uns ablegen! Lang, aber entspannt war diese Fahrt. Ohne unangenehme Zwischenfälle. Im Fahrradabteil waren unsere zwei Drahteselchen fast die ganze Zeit allein. Erst gegen Ende erhielten sie Gesellschaft, und wir zugleich Gesprächspartner, die uns den letzten Reiseabschnitt kurzweiliger machten: Ein Spanier und ein Mexikaner, in Berlin wohnhaft, die von Magdeburg nach Prag geradelt sind. Ihre erste derartige Tour - sie waren begeistert.

Nach zwei Tagen Rumsitzen brauchte ich erstmal Bewegung. Eine kleine Runde laufen musste genügen. Denn für uns beide ging das Zugfahren in unterschiedlichen Richtungen am nächten Tag gleich weiter - Familien.

Die Erinnerungen an die Radreise sind lebhaft. Und ich für meinen Teil werde sie in Zukunft durch viele weitere ergänzen. Don nun ist es erstmal schön zu Hause zu sein. Viele Aufgaben warten auf Zuwendung und neue Ideen auf Umsetzung.

Gute Weiterreise, Christian, Jule und Marcel! Danke, dass wir dabei sein durften!

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25.10.

Der Tag hält für uns unglaubliches Bergpanorama bereit- dafür müssen wir natürlich ordentlich hoch und wieder runter strampeln, aber langsam ist man tatsächlich trainiert. Es ist herrlich, sag ich euch. Kleine Serpentinen und große Berge.

Inmitten dieser Berge geht der gelegentliche Nieselregen, mit dem der Tag angefangen hat, in einen ordentlichen Regenguss über, dass uns die Tropfen beim Bergabsausen nur so ins Gesicht peitschen. Die Mittagspause wird also schnell vorgezogen und unter der Markise eines kleinen Gemischtwarenlädchens abgehalten. Kaum dort untergestellt, kauft ein gerade ankommender Kunde uns drei Kaffee, einfach so. Die Türken sind so wahnsinnig, wahnsinnig nett zu uns.

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Wie die Pinguine also stehen wir da in den eklig am Körper klebenden, kalt werdenden Kleidern und schmieren uns unsere Brote, danach regnet es auch tatsächlich weniger und wir nehmen die nächsten Berge in Angriff, bis wir am Nachmittag in flachere Gefilde düsen. Luftlinie fahren wir jetzt zwei Kilometer neben dem Meer. Es dämmert und wie so oft, seit wir nurnoch zu dritt sind, fragen wir beim ersten Haus im Dorf, ob wir dort im Garten unser Zelt aufstellen können. Das Wort „Zelt“ wird von dem Ehepaar, das gerade ihre Kühe in den Stall bringt, nur weggewischt und wenig später sitzen wir drei frisch geduscht in dem Wohnzimmer der Familie, glücklich, warm, trocken und mit obligatorischem Tee in der Hand. Es wird für mich einer der schönsten Abende bisher: zwar versteht niemand mehr als drei Brocken Englisch, aber mit dem Laptop auf dem Schoß und Übersetzungsseiten schaffen wir es, eine kleine Konversation zu betreiben. Man stellt uns Börek vor die Nase, das sind Blätterteigschnecken und in diesem Fall frisch aus dem Ofen und mit Käse und Zwiebeln und Kartoffeln gefüllt. Wir lachen viel, Christian kriegt auch gleich das Baby auf den Arm und später zieht die ganze Familie auf eine Decke auf dem Fußboden um, auf der dann zusammen frisch gesammelte und geröstete Esskastanien in der Mitte stehen. Man knackt gemütlich Kastanien, palavert mit Händen, Füßen und google translate und wir freuen uns unglaublich, hier gelandet zu sein.

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Der Vater und die Mutter der Familie bedeuten uns irgendwann, dass sie jetzt nochmal für eine Stunde weggehen, sie ziehen sich fein an und wir fragen mit all unseren Ideen von der türkischen Gesellschaft, ob sie jetzt in die Moschee gehen- „Nein, tanzen!!“ ist die Antwort, mit entsprechender tanzender Körpersprache dazu =)

Zum Schlafen bekomme ich als Dame ein Extrazimmer, und das ist tatsächlich das erste Mal seit zwei Monaten nun, dass ich allein in einem Raum schlafe.

Es ist die Nacht der Zeitumstellung. In Deutschland würde ich mich jetzt tierisch freuen, dass ich eine Stunde länger schlafen kann, bis ich zur Arbeit muss. Unser Tagesablauf aber hält sich nicht an die Uhr, sondern an die Sonnenstunden. So müssen wir ab jetzt eine 6 vor dem Komma auf dem Wecker einstellen, wenn wir den Tag gut nutzen wollen, denn um 17:00 wird es schon dunkel.

26.10.

Am Morgen bekommen wir von den netten Menschen auch noch frisch vom Strauch gepflückte Mandarinen mit auf den Weg und freuen uns dann tierisch über 30 sonnige Kilometer im Flachland. Links von uns ist das Meer in seiner ganzen meerigen Herrlichkeit, rechts von uns erheben sich die grünen und teilweise herbstbelaubten Berge bis in die Wolken. Sehr gerne wollen wir zur Mittagspause an einem Strand sein, gerade Christian will unbedingt baden – leider landen wir aber das nächste Mal, wo wir nicht mehr auf Klippen 60 m über dem Meer fahren, an einem Hafen, haben zu viel Hunger zum Weitersuchen und mit dem Baden wird es nichts. Schön ist es dennoch, wunderschön, aber Christian ist doch sehr geknickt. Wird nicht besser, als er eine Stunde nach der Mittagspause bemerkt, dass er seinen einen Schuh irgendwie dort vergessen hat! Zunächst will er noch zurückfahren, hat auch schon das Gepäck abgesattelt, uns zurückgelassen und ist nochmal auf dem Weg zurück, überlegt es sich dann aber anhand der bald einsetzenden Dunkelheit anders, kommt zu uns zurück und wir setzen die Reise ohne Christians Lieblingsschuhe fort. Was flucht er über sich selbst!

Aber weiter geht es, und zum Abend erreichen wir nach 93 Kilometern Eregli, wo wir einen Couchsurfing-Host aufgetan haben. Der hatte zuvor geschrieben, dass wir uns in der Innenstadt treffen. Als wir uns gerade zum Zentrum durchfragen, hält vor uns mitten auf der Straße ein Auto an, ein Mann steigt mit seiner Tochter aus und erzählt uns ganz aufgeregt, dass er auch Fahrrad fährt =) Er zeigt uns auf dem Handy Fotos von sich auf dem Mountainbike und fragt, ob er uns ins Zentrum eskortieren soll, aber auf der stark befahrenen Straße wehren wir das vehement ab. Als wir dann wenig später im Zentrum sind, hat er sein Auto dort wieder abgestellt und bestätigt uns nochmal, dass wir im Zentrum sind. Dann ruft er für uns noch bei unserem Host an und macht eine Verabredung in einem Café aus, und dann schmeißt er wirklich den Warnblinker rein, sperrt uns Kreuzungen ab und eskortiert uns zum Café. Und dort setzt er uns hin und bestellt auf seine Rechnung zwei Runden Tee für uns, bis Ibrahim, unser Host, ankommen soll, holt uns aus dem Auto noch eine Packung Kekse und verabschiedet sich. Wahnsinn.

Dann kommen zwei junge Männer zu uns, die Freunde von Ibrahim sind und eigentlich einen Erste-Hilfe-Kurs gehabt hätten. Als sie aber erfahren haben, dass Ibrahim Gäste aus Deutschland hat, haben sie den abgesagt. So sitzen wir dann mit den beiden und mit Ibrahim erst dort und trinken Tee, dann bringen sie uns in ein Café, wo wir noch mehr Tee trinken und seine Salsa-Freunde kennen lernen, von unserer Reise erzählen und ganz viel Staunen ernten. Und dann gehen wir noch etwas essen, Türkische Spezialitäten, die ich ganz toll finde, die Christian aber nicht begeistern können.

Jetzt, als wir nach den 93 km und mit einem dicken Bauch ordentlich faul werden, eröffnet uns Ibrahim, dass es zu ihm nach Hause auch nochmal 6 km den Berg hoch geht. So kommen wir dann noch auf 99 km an diesem Tag =)

Mit den Jungs ist es dann auch noch wirklich nett, sie finden es okay, dass wir ein paar Bier bei ihnen zu Hause trinken, wir unterhalten uns, haben Spaß, und später führt Christian auch noch eine sehr angeregte Debatte über die Kurden mit den Jungs, während Marcel schon schläft und ich mit Zuhause skype.

27.10.

Am Morgen kommen wir wegen Zeitumstellung, Bier und angeregten Gesprächen bis in die Nacht erst sehr spät los und dann auch direkt wieder in ordentliche Berge. Der erste geht direkt von Eregli los und der Anstieg zieht sich die ganze erste Stunde, 10 km nur hoch, hoch, hoch. Uns läuft der Schweiß aus allen Poren. Oben angekommen treffen wir einen Mitarbeiter eines Asphaltwerkes, der fragt, was denn mit den Deutschen los sei- zweimal seien hier schon welche vorbei gekommen, die nach einem Schlafplatz gefragt haben. Haben wir denn nichts besseres zu tun?

Nein. Das hier ist super =)

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3000 km – 3 Räder und 3 Nullen =)

Wer 500 Meter hoch fährt, darf die dann auch irgendwann wieder runter. Wir fahren also noch recht lange auf den Bergrücken lang und haben momentan oft das Glück, dass eine Seite der mehrspurigen Straße neu gemacht wird, und dann fahren wir auf der gesperrten Seite ganz allein und ganz entspannt. Die Ausblicke sind wieder der Wahnsinn. Und: hier fahre wir dann unseren 3000. Kilometer =)

Am späteren Nachmittag wird es ganz grandios, als wir auf der Steilküste direkt über der Brandung fahren und in unserem Rücken die Sonne untergeht. Un- un- unglaublich schön!DSCF3780 Aber halt? Sonnenuntergang? Eigentlich wollten wir heute noch sehr viel weiter kommen, aber so (blöde Verwirrung durch die Zeitumstellung) ergibt es sich, dass wir mitten in der Stadt Zonguldak sind, als es dunkel wird. Zonguldak ist die Partnerstadt von Bottrop. Ein hässliches Industriemoloch und völliges Verkehrschaos. Da stehen wir dann auf dem ersten Fußweg im Zentrum und versuchen, etwas zum Schlafen aufzutreiben. Zwei Stunden lang gehen wir abwechselnd zu Hotels, um nach den Preisen zu fragen und nach Internet Ausschau zu halten, um vielleicht noch einen spontanen Warmshowers-Host zu finden.

Auf dieser Tour gibt es sehr wenig Stress, geschweige denn Panik, wir harren einfach der Dinge, die da kommen und wissen alle aus unseren Erfahrungen, dass sich schon irgendetwas ergeben wird. Und genau, irgendwann steht ein breit gebauter Mann vor uns, der hervorragend Deutsch spricht, Nachtclubs betrieben und bei der Security gearbeitet hat und wahnsinnig nett und hilfsbereit ist. Er ruft den Hotelbesitzer des nächsten Hotels an, der ein Bekannter von ihm ist, und handelt den Preis für uns runter. Inzwischen kommt Christian von seinem Hotel-Erkundungszug zurück. Er hat kein gutes, günstiges, freies Hotel gefunden, in das wir die Räder mit rein nehmen können. Dafür wird er nun von zwei Jungs begleitet, die ihn durch dolmetschen und Ortskundigkeit tatkräftig unterstützen. Wir kriegen noch ein paar Mandarinen geschenkt und eine junge Frau, die nur „How are you“ auf Englisch herausbekommt, kauft uns drei Schokoriegel, dann zieht der nun schon beachtliche Tross aus drei Reiseradlern und drei Helfern zum Hotel. Es erwartet uns in, nunja, dem Preis angemessener schlichter Anmut. Der Straßenlärm ist ziemlich präsent und wir verspüren leichten Widerwillen, uns in die Betten zu legen. Als dann ab 20:00 noch nebenan ein riesiger Bagger anfängt, das Haus abzureißen, das mit unserem die Außenwand teilt, und Christian DANN feststellt, dass er in seinem Postfach eine Couchsurfing-Einladung für genau diesen Ort nicht gelesen hat, ist der Zonguldak-Abend an tragischer Komik kaum noch zu überbieten. Bis nach Mitternacht erzittert das Haus immer wieder, wenn im Haus nebenan die Trägerwände eingerissen werden. Ich muss dazu (eben wegen der tragischen Komik) jedes Mal so lachen, dass ich erst recht spät zu unserem wDSCF3808ohl verdienten Schlaf komme

 

28.10.

Und wieder beginnt unser Tag mit einem laaangen Anstieg, nachdem wir im Hotel noch super türkisches Frühstück bekommen haben. Das besteht im übrigen aus dem leckeren türkischen Tee, Brot, Aufstrichen, Gurken, Tomate und weißem Käse. Omnom! Und wir langen für eben diesen laaangen Anstieg ordentlich zu. Achso, und dann kaufen wir Christian noch neue Schuhe und bekommen den Tip, nicht direkt an der Küste, sondern etwas weiter ins Landesinnere zu fahren. Das seien wohl ein paarzehn Kilometer mehr, dafür sei aber die Steigung sehr viel humaner. Und so ist es, der lange Anstieg geht in eine nicht enden wollende Abfahrt über und die wiederum in eine richtige Flachlandetappe. Seit Ewigkeiten fahren wir mal wieder Windschatten! Und machen dann in einem kleinen Ort an der Straße auf einem Spielplatz/Park rast.DSC01291 Hier breiten wir die Plane aus und essen unser Picknick, und in kürzester Zeit haben sich wieder einige Menschen eingefunden, die sich für uns interessieren und uns gutes tun wollen. Ein Deutschtürke, der in Northeim aufgewachsen ist und gelebt hat, unterhält sich sehr nett auf Deutsch mit uns und übersetzt seinen Dorffreunden. Zigmal werden wir noch gefragt, ob wir aus dem Dorf noch irgendwas gebrauchen können, aber tatsächlich sind wir wunschlos glücklich und düsen weiter. Immer nach Osten.

Am Abend klingeln wir nach 96 Kilometern bei einem Haus und dürfen sofort das Zelt in den Garten stellen und werden auch zum Essen reingebeten. Langsam wird es Christian etwas zu viel Eingeladerei, der möchte schon seit Tagen und Tagen wieder Nudeln mit Tomatensauce essen =) Aber natürlich ist es wahnsinnig nett und auch das Essen lecker, und bei Chai und Keksen versuchen wir dann noch, etwas Konversation zu betreiben. Englisch oder Deutsch spricht leider niemand, man freut sich aber sehr über unsere Pantomimen-Fähigkeiten. Und auch zum Zelt werden wir kaum zurück gelassen, sondern sollen am liebsten im Wohnzimmer schlafen. Aber nein, heute Nacht wollen wir mal wieder im Zelt wohnen, sonst schleppen wir es ja ständig umsonst mit

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29.10.

Zum Sonnenaufgang sind wir schon wach, kommen aber erst recht spät los, weil wir bei den netten Menschen noch zum Tee reingebeten werden. Das kann ich schlecht ablehnen =)

Danach kommt…. ein laaanger Anstieg, der uns zurück zum Meer führt. Als wir die dicke Straße wieder runtersausen, liegt dann da schräg unter uns die malerische Stadt Amasra im Wasser. Aufgrund der uns trennenden 100 Höhenmeter beschließen wir aber, sie nur von oben anzusehen und derweil von den vielen Marktständen lecker lecker türkischen Honig zu kaufen. Unser Lieblingsimker aus Deutschland hat uns zwar davon abgeraten, aber ich hab den türkischen Honig so gern, dass ich das Damoklesschwert über mir in Kauf nehme. (wie schreibt man Inkaufnehmen nach neuer deutscher Rechtschreibung?!)

Weil wir im Amasra nicht zum Meer gefahren sind, machen wir im nächsten Ort, der wieder im Tal und am Meer liegt, eine lange Mittagspause. Hier gehe ich tatsächlich auch kurz baden, auch wenn es heut nur ca. 18 Grad sind und ich mich als (beim Umziehen kurz) nackige Frau am Rande des Dorfes sehr unpassend fühle. Auch das Gefühl, die einzige im Bikini zwischen lauter Kopftüchern zu sein, überzeugt mich nicht.

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Überall, wo wir hinkommen, werden wir jetzt übrigens angeschaut wie bunte Hunde, Leute am Wegesrand schreien uns Einladungen zum Tee hinterher und in Dörfern und Städten bleiben immer Menschen um uns herum stehen.

Stehen bleiben… Am Nachmittag bei einer besonders sausigen Bergabfahrt bleibt Marcel plötzlich stehen, weil ihm eine Speiche aus der Felge gerissen ist – er hat also ein großes Loch im Innenkreis der Felge, die Speiche hält nicht mehr und er hat eine dicke Acht. So ein Mist! Dafür gibt es keine Notfallreperatur, also auf jeden Fall keine, die wir kennen oder jetzt ausprobieren wollen. So ist der Plan, bis in den nächsten größeren Ort zu kommen, dort zu schlafen und vielleicht eine Felge, eine Werkstatt oder einen Bus in die nächste Stadt aufzutreiben. Marcel schiebt also die nächsten 12 Kilometer bis nach Kurucaside, Christian und ich sind aber wegen der wirklich höllischen Steigungen gar nicht sooo viel vor ihm da, vielleicht eine ¾-Stunde.

Wir kommen in einem kleinen Hotel unter, im viiiiieeeerten Stock, müssen also nachdem wir bis in die Dunkelheit Berge bezwungen haben auch noch zigmal hoch und runter und unseren ganzen Kram hochtragen. Dafür gibt es ein schönes Zimmer mit Meerblick, einer sehr lustigen Dusche (einfach in das voll ausgekachelte Bad irgendwo in die Mitte einen Duschkopf gehangen und Zack!, fertig ist die Nasszelle) und einen Balkon ohne Geländer, auf dem Christian endlich seine lang ersehnten Nudeln kochen darf. Marcel müssen wir zum Essen dann schon wecken, der ist völlig erschöpft umgefallen.

30.10. Die Busetappe

Marcel steigt um 07:00 in den Bus nach Cile, der nächsten größeren Kleinstadt. Christian und ich drehen uns noch ein paar mal in den Laken, essen lecker Frühstücks-Restenudeln, packen zusammen und zuckeln dann mit dem Rad hinterher. Das ist jetzt tatsächlich das erste Mal, das „Chris & Jule“ stimmt, wir sind das erste Mal zu zweit unterwegs =) Und unterhalten uns prächtig, über die Revolution und die Welt und die Menschen, und zack! Sind wir auch schon in Cile.

Hier finden wir den Marcel am Busbahnhof. Leider gibt es keine neue Felge, dafür hat aber eine Werkstatt ein Stück Metall hinter das Loch in seiner Felge gedengelt, das neue Stück Metall durchbohrt und die Speiche so wieder befestigt. Prinzipiell ist das wahrscheinlich keine schlechte Lösung, wir müssen nur feststellen, dass die Felge auch an zwei weiteren Speichen ausreißt. Dementsprechend können wir mit Marcels Rad jetzt weiterfahren, möchten die Felge aber so schnell wie möglich austauschen. Das wird sich jetzt als problematisch erweisen, weil Marcel nicht auf Christians gut belesenen Rat gehört hat und sich kein 26-er Rad für die Tour zugelegt hat. Marcel fährt mit 28-Zoll-Rädern, was in Deutschland durchaus üblich ist, aber scheinbar schon ab der Türkei etwas ziemlich exotisches ist. 26er-Felgen bekommt man hier überall, nach einer 28er werden wir noch lange suchen.

Nun strampeln wir also wieder zu dritt, Berge hoch und Berge runter, das Panorama ist immernoch unglaublich schön, aber das Wetter wird schlechter. Es nieselt und nebelt und ist schrecklich ungemütlich. Beim Radfahren merkt man es zum Glück gar nicht so sehr, weil einem immer recht warm ist und man sich so sehr auf die ollen Steigungen konzentrieren muss, aber bei jedem Stehenbleiben wird bewusst, dass jetzt Ende Oktober und wirklich Herbst ist. Das Wetter hier ist genau wie Ende-Oktober-Wetter in Deutschland, man möchte sich fast einen geschnitzten Kürbis auf den Gepäckträger schnallen. Und am Kamin sitzen. Hmmmm… Wohnzimmer… Nicht drüber nachdenken!

Gegen Abend (nuja, gegen Dämmerung, das ist ja jetzt leider schon 16:50) kommen wir an ein kleines Dorf, das auf der linken Seite der Straße, direkt auf den Klippen über dem Meer liegt. Hier fahren wir zu drei Häusern, vor denen ein Stück Wiese wirklich direkt an der Klippe ist, klingeln und fragen, ob wir dort ein Zelt aufstellen dürfen. Nun kommt innerhalb der nächsten halben Stunde regelrecht das ganze Dorf zur Beratung zusammen, weil wohl die Wiesen-Nutzungsrechte nicht ganz klar auf der Hand liegen, und man diskutiert, telefoniert und dolmetscht, bis wir fast schon keinen Schlafplatz mehr brauchen, weil wir erfroren sind. Im Endeffekt aber dürfen wir in der Garage einer hilfsbereiten und resoluten Frau schlafen. Mit uns kommen noch drei Menschen in die Garage, wuseln rum, fegen aus, bringen und Tische und Stühle bis die Garage fast so voll ist, dass wir keinen Platz mehr finden, bringen uns frisch vom Baum gezupfte Granatäpfel und Mandarinen und eine Glühbirne. Und dann kommt die liebe Frau nochmal raus und bringt uns Käse in frittiertem Teig (soooo gut) und Bohneneintopf. Wir schauen kritisch auf den Teller und sagen vorsichtig, dass wir Vegetarier sind, und uns wird versichert, dass da kein Fleisch drin ist. Nun hab ich ja nicht so die Ahnung von Fleisch und so, aber das, was da zwischen den Bohnen aussieht wie Rindfleisch, das schmeckt auch verdächtig nach Rindfleisch.

Hoffen wir mal für uns und unseren ständigen Konflikt mit der Veganerpolizei, dass das einfach nur richtig gut gemachter Fleischersatz aus Seitan oder Tofu war =)

Wir kochen noch Reis mit Bohnen, spielen eine Runde Skat und gehen dann früh schlafen. Die Kälte, die frühe Dunkelheit und die Berge ermüden uns scheinbar heftig. Um 22:00 dreht der letzte die Glühbirne raus. Es ist recht kalt auf dem Betonfußboden und ich hole das erste mal meinen in Istanbul mühsam erworbenen Daunenschlafsack raus- und freu mich prächtig, denn da hab ich einen Hochleistungsofen gekauft, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Bei vielleicht höchstens 10 Grad musste ich mit offenem Schlafsack und Beinen und Armen rausgestreckt schlafen, sonst wär es zu warm gewesen. Heftige Berge mit Schnee in der Osttürkei- kein Problem, ich komme!

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31.10.

Es regnet heftig, als wir aufstehen und uns aus unserer Garage schälen. In voller Regenmontur geht es auf die Straße und wir ziehen heftig durch, weil wir bei jeder Pause zu sehr auskühlen würden. Die 40 km bis zur Mittagspause werden also „durchgerockert“, wie man bei uns so sagt, und ziemlich erschöpft kommen dann in einem kleinen Ort bei einer Teestube an, in der wir Mittag essen dürfen und unsere nassen Kleider auf die Heizung hängen. Nicht, dass die während der Stunde Pause trocknen würden, aber so sind sie wenigstens warm-nass, wenn wir sie zum Weiterfahren wieder anziehen müssen.

Es ist ja nun so, dass wir das Türkei-Level in der uns vorgegebenen Zeit höchstwahrscheinlich eh nicht durchspielen können. Am 18. November möchten / müssen wir in den Iran einreisen. (Wir hätten so gern mehr Zeit für die ganze Reise…) Daher müssen wir in der Türkei wohl eh irgendwann einmal eine Etappe mit dem Bus fahren. Dementsprechend wird nun diskutiert, ob sich dieses Busfahren jetzt gerade anbieten würde: Wir haben ein kaputtes Rad, es regnet ekelhaft, ein Pausentag ist sehr überfällig und wir fahren alle etwas aus den Reservekräften, und zwischen uns und der Stadt Sinop, wo wir Pause machen wollen, liegen noch mehr heftige Berge und mindestens 4 Tage. Im Endeffekt entscheiden wir uns aber, noch bis Inebolu, dem nächsten größeren Ort, mit dem Rad zu fahren. Bis dahin sind es nochmal 33 Kilometer (im Flachen sind 77 Kilometer kein Problem, aber mit diesen 10%-Bergen und der Kälte kommen wir an die Schmerzgrenze) und wir kommen im Dunkeln an.

DSC01422Fahren direkt zum Busbahnhof, um herauszufinden, wann der nächste Bus nach Sinop geht. Dort bildet sich die obligatorische Menschentraube um uns herum und es wird heftig diskutiert, in welchen Bus wir eventuell die Räder mitnehmen können. Eine Frau spricht uns auf Deutsch an, sehr energisch und tatkräftig. Leider ist sie irgendwie etwas verpeilt, auf jeden Fall mündet das ganze darin, dass wir erstmal mit ihr Abendessen, Tee trinken, noch drei Tee trinken, und nochmal Tee trinken und uns ihre sehr schwer verständliche Lebensgeschichte mehrmals recht unzusammenhängend anhören, bevor sie zustimmt, mit uns nach dem Ticket zu gucken. Dafür gehen wir dann auch nicht den Busticket-Verkäufer fragen, sondern ihren Onkel, der am Busbahnhof einen kleinen Laden hat. Hier bete ich zigmal wieder runter, was wir wollen: Bus, mit Platz für drei Räder, so schnell wie möglich, so günstig wie möglich, nach Sinop. Ewige Diskussionen folgen, dann immer wieder eine Nachfrage: wohin nochmal? Sinop…. Wann? Am liebsten morgen…. Und immer wieder: „Kein Problem! Ach, doch…“ Das Problem scheint zu sein, dass sie ziemlich verwirrt ist oder sich schlecht konzentrieren kann, und obwohl ich tierisch dankbar bin, dass sie versucht uns zu helfen, macht sie es irgendwie nur schlimmer. Irgendwann dreht sie sich zu mir um und sagt: „Aber, nach Sinop sind es doch nur 170 km, das könnt ihr doch auch mit dem Rad fahren? Mein Onkel sagt, in ca. 3 Stunden seid ihr da!“ Da fall ich fast um, denn ich hab doch die letzten zwei Stunden damit zugebracht, ihr zu erklären, warum wir jetzt gerade nicht mehr Rad fahren wollen (Rad kaputt, heftige Berge, große Erschöpfung…) und 170 km in diesen Bergen machen wir auch nicht in 3 Stunden, sondern in 2 oder 3 Tagen! Hui. Als ich ihr das sage, meint sie, jetzt ist sie verwirrt und geht wieder Tee trinken. Ich geh dann allein nochmal zum Ticketschalter, irgendjemand zaubert einen englischsprechenden Menschen am Handy hervor und so wird zwischen mir und dem Busticket-Verkäufer übersetzt. Ich verstehe jetzt, dass die großen Reisebusse zwar prinzipiell genug Platz für die Räder haben, morgen aber Samstag und somit Basar-Tag ist und der Bus auf der Strecke viele Menschen mit viel Gepäck einsammeln wird. Somit möchte er den Bus nicht mit unseren Rädern blockieren. Dementsprechend können wir morgen nicht fahren, dafür aber übermorgen. Okay! Danke!

Weil Christian sich erinnert, dass einer der Männer in der Traube am Anfang meinte, er könnte uns am nächsten Tag wohl irgendwie in einem der Minibusse mitnehmen, entschließen wir uns, jetzt ein Hotel zu suchen und am nächsten Morgen einfach früh wieder zum Busbahnhof zu kommen. Die gute Frau sagt, dass sie uns bei der Hotelsuche helfen kann, und prinzipiell ist das supernett, aber sie bestellt sich erstmal noch ein paar Tee, raucht ein paar Zigaretten… uns wird ziemlich kalt, weil wir in den feuchten Radelklamotten die ganze Zeit draußen sitzen. (Christian hat sich mitten auf dem Busbahnhof umgezogen und dabei gelernt, dass es in der Türkei nicht problemfrei ist, kurz beim T-Shirt-Wechsel oben ohne dazustehen, er wurde ziemlich angeblafft.) Als wir dann sagen, wir seien sehr dankbar für ihr Angebot, jetzt würde uns aber zu kalt und wir würden einfach allein auf die Suche gehen, kein Problem, kommt sie doch und sagt, sie muss sich nur kurz ein Taksi bestellen, das vor uns her zu dem präferierten Hotel fährt. Okay, darauf können wir natürlich noch warten. Ah!, sagt sie, eine Sekunde, sie würde noch gern beten gehen drüben in der Moschee, ob wir vielleicht kurz….? Nein, sage ich, wir fahren jetzt einfach los, ist schon okay, vielen Dank für die Hilfe! Da kommt sie dann aber mit, ich hab ein schlechtes Gewissen, weil wir sie vom Beten anbgehalten haben, aber sie meint, dass das kein Problem ist. Das bestellte Taxi hält wenige Minuten später vor uns. Ich sage ihr noch kurz, dass das Taxi langsam vor uns herfahren müsste, weil wir halt nicht so schnell sind. Christian meint lachend, da ist er ja mal gespannt- und zzzuuuuummmm, mit quietschenden Reifen ist das Taxi außer Sichtweite an der nächsten Kreuzung abgebogen =)

Wir finden es aber wieder, und nun fährt es auch langsam und obwohl Marcel seeehr skeptisch ist, dass uns das jetzt irgendwas bringt, wird es ein riesiger Glücksgriff, für den wir unserer etwas anstrengenden Helferin unglaublich dankbar sind: Sie bringt uns zu einer Pansiyon, die direkt direkt direkt am Meer liegt, wo die Wellen sozusagen in den Garten schlagen, und wo die Besitzerin perfektes Deutsch spricht (sie ist in Garbsen aufgewachsen und kennt somit natürlich auch meine kleine Heimatstadt Barsinghausen ^^) und uns aus purer Menschlichkeit einfach das Zimmer für die Nacht schenkt! Wir versuchen uns später noch ein wenig mit ihr zu unterhalten, weil sie sehr interessant ist und eben auch so tolles Deutsch spricht, dass man mal über tiefere Themen reden kann, aber leider ist unsere Helferin immer sehr schnell dabei und erzählt wieder von sich und ihrer Lebensgeschichte. Somit bleibt uns irgendwann nichts anderes, als sehr, sehr dankbar und glücklich in das schöne Zimmer zu gehen und zu schlafen. Am nächsten Morgen ist die Hotelbesitzerin leider nicht da und wir können ihr nur ein kleines Briefchen hinterlassen, das sicher nicht ausdrücken kann, was für eine Freude sie uns gemacht hat.

01.11. Die zweite Busetappe

Als wir dann am nächsten Morgen zum Busbahnhof gehen, ist da wirklich ein Minibus, in den wir unsere Räder und all unser Gepäck reindiskutieren (und reinbezahlen…) können. Er bringt uns bis nach Türkile und dort geht das gleiche Diskutieren wieder für den Anschlussbus nach Sinop los. Im Endeffekt müssen wir immer für ein paar Plätze mehr bezahlen, weil unser Gepäck den halben Bus füllt, irgendwie läuft es aber schon. Busfahren fühlt sich einerseits ziemlich schrecklich an, weil es eben geschummelt ist, andererseits ist es sehr schön, einfach entspannt da zu sitzen, den Regentropfen auf der Scheibe zuzugucken und sich in sich rein zu freuen, wenn der Bus im zweiten Gang die 10%-Steigungen hochjuckelt.DSC01437 DSC01436 DSCF3927

Für Christian und mich war es schon im Vorfeld der Reise klar, dass wir aufgrund der knapp bemessenen Zeit hie und da mal einen Bus oder Zug nehmen würden, und vor der Reise habe ich auch noch gesagt, dass ich da nicht allzu peinlich ehrgeizig bin. Jetzt aber fällt es ziemlich ziemlich schwer, tatsächlich in den Bus zu steigen. Nuja. In mir reift schon der Gedanke, dass diese Reise eventuell nur eine erste „Probetour“ ist und ich dann, später, irgendwann noch einmal nach Vorbild der großen Reiseradler ein paar Jahre um die Welt will. Es macht einfach tierisch Spaß- und ohne Zeitdruck stell ich es mir paradiesisch vor. An jedem Strand mal einen Tag verweilen… Mit jedem interessanten Menschen so lange reden, wie man sich was zu erzählen hat… Zu jedem historischen Ort fahren und tief in Geschichte und Kultur vordringen… Die Sprachen lernen…. Huja, das will ich =)

Wo war ich?

Ahja- Bus. Da kommen wir in Sinop an und suchen dann direkt einen Radladen, bei dem es 28er-Felgen gibt. Ist ein Problem! Irgendwo in der Stadt hat dann tatsächlich eine Hinterhofwerkstatt eine 28er-Felge da und wir freuen uns halb tot. Der junge, ca. 16-jährige Mann, der da arbeitet, meint, dass er zwei Stunden für das Neu-Einspeichen braucht, und so gehen wir irgendwo einen Tee trinken, Skat spielen und unsere Emails checken, ob sich hier ein Couchsurfer gemeldet hat, bei dem wir schlafen können. Wir haben 16 Menschen angeschrieben und sind deswegen recht guter Hoffnung.

Nach zwei Stunden Skat spielen, Tee trinken und Baklava essen gehen wir zurück zur Werkstatt und es wird uns gesagt, dass wir in wiederum 2 Stunden wieder kommen sollen. Jetzt gehen wir unsere Einkäufe machen und treffen dabei einen 67 jährigen Mann, der tolles Englisch spricht, weil er hier in Sinop jahrelang für eine amerikanische Textilfirma gearbeitet hat. Jetzt bessert er sich wohl seine Rente mit Schuhputzen auf. Der Mann mit den schwarzen Fingern, wachen Augen, dem gepflegten graumelierten Bart und der Bassstimme scheint bei allem im Ort beliebt zu sein, jeder, der vorbei kommt kennt ihn und wechselt ein paar Worte. Er gibt uns auch einen Tee aus, wir rauchen eine zusammen, erzählen ein bisschen, bis dann bei dem Thema Religion bzw. Gottglaube die Sprachbarriere erreicht ist.

Dann gehen wir wieder zur Werkstatt und müssen mit Entsetzen feststellen, dass der junge Mann gerade wieder Marcels alte, kaputte Felge einbaut. Er erklärt mit Händen und Füßen und google translate, dass die andere Felge die falsche Speichenanzahl hatte. Mist, da haben wir gar nicht dran gedacht! Es wird noch eine lange Diskussion mit den Werkstattbesitzern, in der sie uns erklären, dass es solche Felgen höchstens in Istanbul gibt und sie sie bestellen könnten, das würde ca. 4 Tage dauern. Wir überlegen hin und her und entscheiden dann, erstmal ein Hotelzimmer zu suchen und eine Nacht drüber zu schlafen. Leider hat sich von den 16 Couchsurfern nur eine Frau gemeldet, die aber leider 40 km außerhalb wohnt, das schaffen wir heute nicht mehr. Uns wurde aber eine schöne Pension empfohlen, von einer Familie betrieben, die ihren ausgestopften Hund in der Rezeption stehen hat, und hier bekommen wir günstig ein Zimmer.DSC01443 Das Zimmer liegt im 3. Stock, wir sind genau am Hafen und schauen aus zwei Seiten Fenstern auf das Wasser und die Boote, es gibt rosa Bettwäsche und heißes Wasser und wir fühlen uns gleich wohl. Ist nur ziemlich kalt, die türkischen Häuser sind miserabel isoliert, der Wind pfeift uns heftig durch das Badezimmerfenster und die Balkontür und ich bin recht schnell im Schlafsack.

Bis zum Schlafen aber finden wir noch heraus, dass die beiden Italiener IMMERNOCH in Istanbul sind und sie und Aytac, den wir damals in Instanbul beim Abendessen getroffen haben, gerne bereit sind, uns bei unserem Felgenproblem zu helfen. Es sieht so aus, als ob nun Aytac in einem türkischen Fahrrad-Internetshop eine Felge bestellt und sie zu einem Freund nach Samsun schicken lässt. Das Schicken sollte ca. 3 Tage dauern, und wir brauchen da auch ca. 3 Tage hin, also sind wir mal gespannt, ob das alles so klappt!

!!! Tesekür ederim, Aytac !!! Vielen Dank !!!

02.11.

Die Couchsurferin Elif, die 40 km von Sinop entfernt wohnt, klingt nach einen äußerst interessanten und feinen Menschen, und so beschließen wir, die 40 km heute entspannt zu fahren und dann bei ihr einen ganzen Pausetag, also zwei Nächte zu bleiben. Weil sie tagsüber wandern gehen möchte, schickt sie uns tatsächlich eine Nachricht, in der sie beschreibt, wo sie den Schlüssel für uns versteckt, wie wir uns in ihrem Haus zurechtfinden und wo Kuchen und etwas zu Essen auf dem Herd steht. Ist das nicht der Wahnsinn?! Für völlig fremde Menschen! Ich liebe Couchsurfing und diese Reise =)

Nachdem wir also lange ausgeschlafen haben, im Bett noch etwas gelesen, gemütlich gefrühstückt und mit Aytac kommuniziert haben, fahren wir Richtung Gerze, wo Elif wohnt. Das Wetter ist verrückt, Regen und Sonne und Regenbogen über dem Meer, Kälte und frierende Hände. DSCF3971Als wir schon in Gerze sind, halten wir an einem kleinen Laden, um uns zu der genauen Adresse durchzufragen. Der Besitzer wohnt seit 40 Jahren in Saarbrücken und in der Türkei, spricht perfektes Deutsch und lädt uns auf einen Tee ein. Während Christian und ich da stehen und reden und den Tee annehmen und uns freuen, tanzt Marcel spontan ein paar Meter die Straße runter mit einer Gruppe junger Männer, die auf der Straße Trommel- und Flötenmusik spielen, ausgelassen tanzen und mit Türkeifahnen feiern. Der Ladenbesitzer erklärt, dass da gefeiert wird, dass einer der jungen Männer zum Militär geht. In der Türkei, erklärt uns Elif später, gibt es keinen Weg, am Militärdienst vorbei zu kommen. Jeder junge Mann muss mindestens sechs Monate hin, so auch ihr philosophie-lehrender Ehemann, der bekennender Anti-Militär und Pazifist ist. Er hat seit seinem Dienst beim Militär heftige psychische Schwierigkeiten.

Es setzt heftiger Regen ein und auf den letzten paar Metern zu Elifs Haus werden wir noch furchbar nass und kalt. Zum Glück ist sie schon zu Hause und wir kommen dankbar in die gute Stube, in der der Ofen bollert. Wir waschen endlich mal wieder unsere stinkenden Kleider, bekommen hervorragende Linsensuppe, selbstgebackenen Kuchen, eingelegtes Gemüse aus dem eigenen Garten usw usf, und führen mit Elif sehr interessante Gespräche. Sie ist Aktivistin, zB gegen die Privatisierung von Wasser in dieser Region (nächste Woche fährt sie zu einer großen Konferenz und Demonstration in Trabzon, wenn wir uns sputen, können wir da mit ihr demonstrieren ^^) und gegen den geplanten Bau der ersten 3 türkischen Atomkraftwerke. Sehr kritisch schaut sie auf die Flasche Efes Bier, die der Christian aus der Tasche holt- denn Efes möchte genau hier, in dieser schönen Stadt, eine Raffinerie bauen. Auch über den Kurdenkonflikt, über Utopien und die weltweite Revolution, die jetzt echt mal überfällig ist, über selbstverwaltete Ökodörfer in Deutschland und das Wesen der Menschheit können wir sabbeln- es ist herrlich bei Elif.

!!! Tesekür ederim, Elif !!!