Christian says:

Hallo liebe Leute,

regelmäßig erhalten wir Mails, SMS oder Homepage-Kommentare, wo denn der neuste Bericht bleibt. Wir denken dann immer: Wir haben doch vor ein paar Tagen erst geschrieben, wie kann man denn schon wieder einen Bericht haben wollen?! Dann schauen wir auf das Datum und siehe da: es ist doch schon wieder 10 – und nicht bloß ein paar Tage her! Eure Wahrnehmung scheint also auf alle Fälle besser als unsere. 😉

Gerade sitze ich also unter dem Dach einer Raststätte, unter dem wir heute schlafen. Jule schreibt noch Tagebuch und Marcel liegt schon im Bett – also auf unserer Plane.

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Neben uns steht eine Gaslampe, die uns der Besitzer der Raststätte netterweise hingestellt hat. Vielen Dank dafür! Erwähnt werden muss dabei, dass Jule vor allem, was Feuer macht, Angst hat, sich aber doch irgendwie davon angezogen fühlt. 🙂

Wo waren wir also stehen geblieben? Ach ja! In Galata beim Hotel Albizia (welches wir uneingeschräkt empfehlen können). Jule konnte am Morgen des 15. Oktober tatsächlich im Whirlpool auf dem Dach sitzen und den Sonnenaufgang beobachten.

DSCF3289Ich hatte bereits in der Nacht das Vergnügen, wo er allerdings noch deutlich kühler war. Auch konnten wir am Strand vor dem Hotel schön baden gehen, Muschelschätze suchen sowie mit Sand und dem Wasser eines kleinen Baches am Strand spielen. Ich hab einen riesigen Staudamm gebaut, wie in alten Kindertagen an der Ostsee, bloß größer. Hat echt Spaß gemacht. 🙂

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Jule hatte ebenfalls Spaß, denn sie durfte noch eine neue Speiche in ihr Fahrrad einsetzen. (Anm. der Korrekturleserin: das war zwar knifflig, ist aber ein tolles Gefühl, weil ich das bisher noch nicht selber gemacht hab. Und jetzt kann ich das =) Und jetzt wissen wir, dass unser Tourwerkzeug auch richtig taugt. Danke nochmal ans Bikeeck für das Werkzeug und die Last-Minute-Lehreinheit!!)

Nicht vorenthalten wollen wir euch einen Werbeflyer des Hotel Albizia:

„Nessebar

Früher berühmt mit dem Namen Messembria, heute Nessebar nutzt seine griechische, thrakische und romanische Vergangenheit aus.

Die alte Stadt findet sich auf einer felsigen Halbinsel.

Aber heute nur ein Drittel von der alten Nessebar kann man sehen. Der Rest wurde vom Schwarzen Meer verschlungen. Erkannt sehenswürdige Stadt innerhalb von Jahren 1950, die alte Nessebar ist eine eingeschlafene Stadt geworden, wo nur die Verliebten auf den engen Straßen mit Töpfer und Goldshmiede Geschäfte wandern.

Nessebar, der auf seine Vergangenheit stolz ist, geht heute auf die Zukunft in seiner neuen Version – eine moderne Arhitektur, Hotels, die jedes Jahr eine menge von angezogenen von den gerämigen Stränden und fein vergoldeten Sandes Touristen schützen. Seine 2200 Stunden mit Sonne pro Jahr und das tiefe Gefühl, seine Ferien in Nessebar zu verbringen, ist wie ein Stück des Erbes der Menschheit zu probieren. Außer der alten Stadt und den Stränden können sie das archäologische Museum besuchen, indem viele Gegenstände von Messambria – Messembria – Nessebar – Des Altertums, des Mittelalters und der Renaissance ausgestellt sind.“

Was freu ich mich, dass ich mal jemanden gefunden habe, der offensichtlich noch schlechter Deutsch kann als ich. 🙂

Nach einem schönen chilligen Vormittag ging es nun also den Hammerberg, den wir Tags zuvor runtergefahren waren, wieder rauf. Kaum oben, haben wir auch gleich wieder Mittagspause gemacht. Hehe.

Dann noch ein paar Kilometer geschrubbt und nach derer 40 ging es ab in den Waldweg: Schlafplatz suchen und finden. Dort ist nicht mehr viel passiert, außer der Gottesanbeterin, die Marcel weggeschafft hat. Jule hat im Hotel mal die familiäre Notdoktorseilschaft angerufen, danach ein paar Mal Fieber gemessen und festgestellt, dass sie keine Hirnhautentzündung, sondern nur Nacken hat. Nach dem Whirlpool und dem halben Tag am Strand war das dann schon wieder besser, wiederum aber nach dem Hammerberg und dem geschrubbten Nachmittag wieder ziemlich mies. Um ihren Rücken und Nacken wieder in Ordnung zu bringen, muss Jule jetzt immer Turnübungen machen, wenn wir irgendwo ankommen. War ja auch klar: vor der Reise musste sie auch schon immer zum Pilates rennen, um den Rückengott zu besänftigen. Da wäre es ein Wunder, wenn durch eklatant einseitiges Radfahren und nichtgute Nackenhaltungen keine Probleme auftreten würden.

16.10. Rudnik – 10 km hinter Nessebar

Am nächsten Morgen sind auf unserem kleinen Waldweg zwei Pferdekarren entlanggezuckelt. Die Leutchen haben sich sichtlich gefreut, dort campende Menschen zu entdecken.

Für uns gab es nach 8 Tageskilometern bereits die erste Pause. Es stand um 10:30 Uhr ja schließlich ein Pressetermin mitten im Wald an. Nicht, dass da jemand auf uns gewartet hätte. Nein, das lang geplante telefonische Interview mit der Deutschen Welle fand nun also endlich statt. Beim Ausgefragt Werden haben wir aus Effizienzgründen nebenbei gleich noch Pilze gesucht. 🙂

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Aus dem Interview wird im Übrigen ein chinesischer Text verfasst und dann veröffentlicht. Sobald das passiert, werden wir es hier auch posten, auch wenn ihr den Text wohl genauso wenig lesen könnt wie wir.

Zu bieten hatte der Tag heute außerdem wieder Meerblick und leckeres Brot mit eingebackenen Schafskäse für umgerechnet 50 Cent. Ganz toll war auch ein Anstieg, welcher sich über 10km erstreckte und uns 430 Höhenmeter nach oben schickte. Seit dem zweiten Reisetag die größte Herausforderung. Wäre Ena noch dabei, hätte sie wohl gesagt „Das war ein guter Berg“. 🙂

Besonders für Jule, die ja über Nackenschmerzen klagte, war der Berg aber eher eine Qual und wir waren froh, als wir es hinaufgeschafft hatten…

Anmerkung der Redaktion:

Während wir hier unverändert sitzen, hat sich ein riesiger Hund 3 m hinter uns unsere Kekse geschnappt und ist damit abgehauen. Sehr dreist. Mal gucken, was morgen früh alles fehlt.

…Nach dem Anstieg gibt es natürlich auch eine Abfahrt und die hat uns in ein Tourismusgebiet ungeahnten Ausmaßes geführt. Rund um Nessebar steht hier ein Hotel neben dem anderen und es werden immer mehr. Nessebar selbst habt ihr ja auf dem tollen Flyer bereits kennengelernt und es steht auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbe. Klar, dass wir dorthin auch einen Abstecher machen würden. Die Insel, auf der die Stadt liegt, weiß mit schönen Gässchen und für unsere Fahrräder schädlichen Pflastersteine zu überzeugen. Außerdem konnten wir hier Postkarten tanken und diese dann an die lieben Menschen Zuhause versenden.

Nach einem kurzen Aufenthalt ging es unter Einsetzen der Dunkelheit auf die Suche nach einer geeigneten Schlafstelle. Der einzige eingezeichnete Campingplatz entpuppte sich als gammlige Bungalowsiedlung. Der äußerst unfreundliche Besitzer dieser Hüttchen wollte pro Person unfassbare 7,50 € haben und ließ selbst bei einsetzendem Regen nicht mit sich verhandeln. Für das Meerhotel mit Jacuzzi auf der Dachterrasse haben wir nicht mehr bezahlt…. Noch bevor wir uns entschieden hatten, schloss er demonstrativ das Tor vor uns zu und verschwand. Na toll.

Mitten im Tourismuszentrum lässt es sich auch schlecht wildcampen und dennoch haben wir hinter einem Hügel und hinter einer Tomatenplantage nur 20m vom Schwarzen Meer entfernt ein Plätzchen gefunden. Schnell das Zelt aufgebaut und dann rein in selbiges, denn es fing unfassbar an zu draschen und zu gewittern. Geschlafen haben wir im übrigen heute zum ersten Mal zu dritt in Jules Zelt, weil dieses bessere Tarnfarben hat und unser Plätzchen doch nicht ganz versteckt war. Das ist auch der Grund, warum wir am nächsten Morgen einen neuen Startrekord hingelegt haben- zum Sonnenaufgang war Jule schon wieder aus dem Zelt und bei den Mücken.

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Tageskilometer: 78

17.10. Nessebar – Burgas

8:49 Uhr saßen wir bereits in unserem Sattel und auf einer Straße auf der wir zwar nicht hätten fahren dürfen, die aber dennoch sehr gut befahrbar war, ging es nach Burgas, wo wir noch am Vormittag ankamen.

Da Jules Nackenschmerzen noch immer erheblich waren und sie dringend eine längere Pause brauchte, wir jedoch etwas unter Zeitdruck stehen, haben wir uns entschlossen, die verbleibenden gut 300km bis Istanbul nicht mit dem Fahrrad zurückzulegen und dann dort eine längere Pause zu machen. Also haben wir uns nach einer Fähre umgesehen, die in unserer Autokarte eingetragen war. Anscheinend hat selbige aber noch nie existiert, weswegen wir auf den Bus ausweichen mussten. Gebucht war der bereits 12:30 Uhr und nun hatten wir bis 23:30 Uhr in Burgas Zeit. Was macht man nur am Meer bei ca. 25 Grad und Sonnenschein…? Richtig! Man fährt zum Strand, geht baden und setzt sich mit einem Bierchen der Marke Staropramen ins Wasser.

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Anmerkungen der Redaktion: Wir möchten uns bei der Staropramen-Brauerei für das Sponsorengeld bedanken, dafür, dass wir ihren Namen erwähnt haben. 🙂

Nach dem Baden ging es für uns Essen, Trinken und im Internet des Restaurants surfen. Die Bedienung erwies sich als überaus unfreundlich und machte uns deutlich, dass wir gehen sollten, indem sie uns mehrmals die Rechnung auf den Tisch legte. Wir bedankten uns mit dem Klau einer Rolle Toilettenpapier.

Bulgarien ist echt nicht unser Land. Hier hatten wir immer mal mit unfreundlichen Menschen zu tun. Vermutlich hatten wir einfach nur Pech und waren in zu touristischen Gegenden unterwegs. Wir waren allerdings auch etwas verwöhnt von Serbien und Rumänien.

Jedenfalls war es ganz gut, dass wir nun mit dem Bus das Land verlassen würden. Bevor das geschah, galt es jedoch noch das Vorderrad und den Sattel zu demontieren, weil die Räder sonst nicht in den Bus gepasst hätten. Die Busfahrer waren von uns und unserem ganzen Gepäck auch sichtlich genervt. Wir waren es von den Busfahrern, die unsere armen Fahrräder recht lieblos behandelten. Gut, dass wir die empfindlichen Teile der Reiseräder vorher mit unserer Bekleidung eingewickelt hatten. Und dennoch waren wir froh, dass unsere Lieblinge die Busfahrt gut überstanden hatten.

Zuvor gab es aber noch um 02:00 morgens, nachdem man vielleicht gerade ein wenig eingenickt war, an der bulgarisch-türkischen Grenze eine Zollkontrolle, bei der auch das ganze Gepäck aus den Bussen raus musste und durchleuchtet wurde. Was ein Stress für uns, die wir jeder ca. 8 Taschen haben, und für jeden Weg zigfach laufen UND dabei das Gepäck nicht aus den Augen lassen dürfen! Wurde auch nicht angenehmer dadurch, dass alle Ansagen im Bus („Pass her zum Auschecken aus Bulgarien“, „Raus aus dem Bus zum Einchecken in die Türkei“, „Raus aus dem Bus und alles Gepäck in die Durchleuchtemaschine tun“) nur und Ausschließlich auf Türkisch gemacht wurden. Um ca. 03:00 saßen wir wieder im Bus, sind nochmal leicht eingenickt und….

18.10 – 22.10. Istanbul

… 6 Uhr morgens war es soweit: Ankunft am Busbahnhof der Stadt am Bosporus. Überall drängten sich hier Reisebusse aneinander und wir mittendrin auf der Suche nach dem Ausgang. Die Megastadt ist für Radfahrende echt kein Zuckerschlecken, kein Wunder also, dass sich kaum jemand mit diesen Gefährten fortbewegt. Auch wir benötigten im Straßenwirrwarr und den vielen steilen Bergen satte 4 Stunden, um zu unseren Hosts zu gelangen. Diese wohnen im Übrigen auf der asiatischen Seite der Stadt in Üsküdar. Da die beiden Brücken, die über den Bosporus führen, für Pedaleure nicht zugänglich sind, durften wir uns auf eine Fährfahrt über den Bosporus freuen. Unbeschreiblich, wie schön es ist, diese Meeresenge mit dem Schiff zu überqueren (!!!) und die zahlreichen Schiffe begutachten zu können.

DSCF3390 DSC00898Auch die Stadt, welche sich links und rechts des Wassers erhebt, wirkt wirklich einfach einmalig. Fährfahrten gehören mit einem Preis von nicht einmal einem Euro zu den absoluten Highlights dieser Stadt.

Nicht zu den Highlights unserer Reise gehört jedoch Jules zweiter Speichenbruch, welchen sie noch im europäischen Teil erlitten hat. Wir entschlossen uns, dennoch weiterzufahren und nur etwas Gepäck vom Hinterrad zu nehmen und auf die anderen beiden Räder zu verladen.

Morgens um 11 Uhr sind wir also bei unseren Hosts angekommen. Diese haben nach einer durchzechten Nacht allesamt noch geschlafen, weswegen wir auch schnell wieder zu einer ersten Besichtigung der Metropole verschwanden. Meine ganz persönlichen Highlights dieser Stadt sind die chaotischen Straßen, welche sich über die hügelige Landschaft ziehen. Dazu gibt es überall kleine Stände und Lädchen.

DSCF3535Besonders den Süßkram wie Baklava mussten wir immer wieder probieren und von den Ständen mitnehmen. Überrascht waren wir, dass es bei den Dönerständen, die es in Istanbul überall gibt, eigentlich kaum möglich war, etwas vegetarisches zu bestellen, wie es in Deutschland üblich ist. Generell ist es nicht leicht, etwas herzhaftes zu Essen ohne Fleisch zu bekommen.

Gleich am ersten Tag haben wir auch noch zwei kleineren Schlägereien unter Mitarbeitern benachbarter Restaurants miterleben dürfen. Eine echt verrückte Stadt. Ob es wohl daran lag, dass an dem Tag die beiden Istanbuler Fussballclubs Galasataray und Fenerbahce aufeinandergetroffen sind oder wie bei Asterix und Obelix ein Streit wegen mutmaßlich nicht frischem Fisch eskalierte, blieb uns allerdings im Verborgenen. Auch die späten Abendstunden blieben uns im Verborgenen, denn nach der anstrengenden Nacht im Bus schliefen die ersten von uns bereits 20 Uhr ein.

Ansonsten absolvierten wir in Istanbul artig das Touristenprogramm, welches uns unterer anderem Jules Mutti aufgestellt hatte. 🙂

Sightseeing

Zu sehen war die Moschee Hagia Sophia, ein alter Sultanspalast, der Gewürzbasar, die Endhaltestelle des Orientexpresses und auch die Galatabrücke. Es war alles sehr schön, aber leider touristisch teils sehr überlaufen. Nur zur Galata-Brücke möchte ich noch erwähnen, dass uns Jules Mutti hier explizit aufgeschrieben hat: „Bier trinken auf der Galata-Brücke“. Da haben wir uns natürlich nicht lumpen lassen. 😉

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Es sei aber erwähnt, dass Bier trinken in der Öffentlichkeit durchaus unüblich ist. Je nach Stadtviertel, kann es da wohl auch richtig Ärger geben. Zum Glück ist die Brücke in einem weniger streng gläubigen Viertel. Dennoch hab ich vorsichtshalber mal die Sportbügel an die Brille gemacht, zum Wegrennen oder Verprügeltwerden =)

Der Frechschelm

Erwähnt werden soll noch, dass einer der für Istanbul typischen Schuhputzer mich aufs Kreuz gelegt hat. Dem armen Mann ist beim Vorbeilaufen seine Bürste heruntergefallen, also hab ich ihm selbige gereicht, da er es nicht mitbekommen hat. Er war darüber sehr erfreut und hat gleich darauf bestanden, meine Schuhe zu putzen. Nun muss man wissen, dass mein braunes Paar Schuhe völlig kaputt ist und hat einige Löcher hat. Der gute Mann hat sie also gleich mal geklebt – zu meinem Ärger, denn jetzt durchlüften sie nicht mehr so gut! Die Krönung kam zum Schluss, als er auf einmal Geld haben wollte. Nämlich 10 – 20 türkische Lira umgerechnet 4 – 7€! Was für ein Frechschelm!

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Ganz Hip ist auf der Galata-Brücke auch das Angeln. Hier sind alle zwei Meter Angeln ausgeworfen. Unglaublich, diese Anglerdichte. Besonders lustig, dass eine Etage tiefer lauter Fischrestaurants sind, vor denen regelmäßig die Fische hochgezogen werden.

Zwei kleine Italiener

Es ist so, dass man auf dem Donauradweg Richtung Istanbul viele Radreisende trifft, und es haben sich hier ein paar geflügelte Begriffe eingeschliffen: wenn man andere Menschen mit dick bepackten Rädern getroffen hat, hat man gleich gefragt: „Ah, hab ihr auch die beiden Französinnen getroffen? Den 78-jährigen aus Neuseeland? Die beiden Italiener? Das Pärchen aus Köln?“ Man kennt sich!

Als wir so mitten durch die hyper-touristischen Gebiete Istanbuls gelaufen sind, haben wir zwischen ca. 90 Reisebusladungen drei Personen getroffen, die mit dem Rad unterwegs waren. Da dies hier nun wirklich nicht üblich ist, haben wir natürlich genauer hingesehen und die Lowrider (Gepäckträger fürs Vorderrad) entdeckt. Und dann war da noch ein Aufkleber auf der Lenkertasche, den uns schon das ältere Radreise-Pärchen in Rumänien gezeigt hatte.

Diesen Aufkleber wiederum hatten sie von „den Italienern“ erhalten, die wir in Novi Sad bei unserem Host Aleksa nur um einen Tag verpasst hatten.

Und natürlich waren es die beiden auch! Mitten in der 14-20 Mio.-Einwohner-Stadt haben wir „die Italiener“ eingeholt… =)

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Sie waren begeistert, als wir sie ansprachen: „Kommt ihr nicht aus Italien?!“. Das hatte noch keiner zuvor gemacht, denn normalerweise werden alle Radreisenden mit „Kommt ihr aus Deutschland“ angesprochen (Anmerkung der Redaktion: Die meisten Radreisenden sind wohl Deutsche). Der dritte Radfahrer war ein türkischer Radler, welcher den beiden den Istanbul zeigte. Nun gab es natürlich viel zu erzählen. Es wurde sich ausgetauscht und zum Abend verabredet. Dort kamen dann noch ein südkoreanischer Reiseradler und ein weiterer Türke hinzu, der die Fernradwege durch die Türkei etablieren will. Auch da gab es wieder regen Austausch und wir haben wirklich einen sehr schönen Abend verlebt. Lustigerweise haben wir die beiden auch am nächsten Tag noch mal in einem Outdoorladen gesehen. Kaum zu fassen, wie klein doch dieses Istanbul ist.

Die beiden haben im Übrigen vor, 4-5 Jahre um die Welt zu fahren und in allen Kontinenten die höchsten Pässe mitzunehmen. Gerade sind sie auf dem Weg in den Kaukasus und wollen den Winter über in Russland radeln, wo sie mit bis zu -25 Grad rechnen. Sie mögen also vieles, worauf wir eher nicht so scharf sind. Das ändert nichts daran, dass sie unheimlich nette Menschen sind und wir uns freuen würden, wenn sich unsere Wege in der Türkei noch einmal kreuzen würden. Gerne könnte ihr auch mal auf der Homepage oder der Facebookseite der beiden vorbeischauen:

hier link einfügen

Einen weiteren Reiseradler haben wir noch beim Verlassen der Stadt getroffen. Der gute Mann ist, sofern ihn Jule mit ihrem Russisch richtig verstanden hat, ein Jahr lang durch die Welt geradelt und nun auf dem Weg zurück nach Novi Sad. Besonders bemerkenswert war sein altes Rennrad und die (selbstgemachten? wasserdichten?!) Packtaschen, welche an dem Rad festgezurrt waren. Die ganze Erscheinung versetzte uns zurück in die 80er Jahre, in denen wohl alle Reiseradler so oder so ähnlich unterwegs waren.

Shopping:

Istanbul war die bislang teuerste Stadt für uns. Schuld daran war nicht nur das viele tolle Essen und das teure Bier. Auch die Fährfahrten läpperten sich zusammen und nicht zuletzt haben sich Marcel und Jule noch eine neue Jacke und einen Winterschlafsack (für die kommenden Bergetappen) gekauft. Dafür haben die beiden mich durch 6 oder 7 Outdoorläden geschleift. 🙂

(ANMERKUNG DER KORREKTURLESERIN: Christian war vorinformiert und wurde von mir und Marcel, also, äh, von Jule und Marcel nicht gezwungen, auf die Odyssee mitzukommen. Vielmehr habe ich, äh, also hatte Jule den Eindruck, Christian hatte nicht so viel Lust, allein in Istanbul verloren zu gehen. So! ^^)

Unsere Gastgeber:

Einer ihrer ersten Fragen, als unsere Hosts ausgeschlafen hatten und wir von unserer ersten Erkundungstour zurück waren, lautete: „Trinkt ihr Deutschen eigentlich immer zum Frühstück Bier?“ Wir antworteten natürlich mit „Nein“. Erst einen Tag später klärten sie uns darüber auf, dass sie das dachten, weil ich nach unserer Ankunft (11 Uhr) ein Bierchen getrunken habe. Nun ist dass aber bei mir so üblich, nach dem Radeltag ein Bierchen zu trinken und heute war der Radeltag halt schon 11 Uhr zu Ende. 🙂

Auch konnten uns die drei einiges über die Proteste rund um den Taksimplatz letzten Jahres erzählen. Echt spannend zuzuhören, wie sich eine so breite Bewegung ohne großartige Strukturen entwickeln konnte und breite Bevölkerungsschichten vereinte.

Für mich selbst war auch noch die Tatsache, dass alle drei Fußballfans waren, eine sehr feine Sache. Endlich mal jemand mit dem man über dieses wunderschöne Thema fachsimpeln konnte. Außerdem hat an unserem letzten Abend in Istanbul Borussia Dortmund gegen Galasatary in Istanbul gespielt. Das Spiel wurde gemeinsam verfolgt und ging leider zu Gunsten der Dortmunder aus.

An dieser Stelle wollen wir uns noch einmal bei der netten Männer-WG bedanken, dass sie uns 6 Tage lang ihr Wohnzimmer überlassen hat. Die ersten beiden Stunden mussten wir es im Übrigen mit einem Freund der WG teilen, der dort seinen Rausch ausschlief und sich auch nicht davon beeindrucken lies, dass wir unser Gepäck und die Räder ins Zimmer trugen.

Nachtrag: Das hatte ich ganz vergessen: Die Jungs radeln selber immer mal kleinere Touren. Von einer Etappe hat Batu auch ein Video gemacht. Dort sind wir im Übrigen auch langgefahren und ihr erhaltet einen ganz guten Einblick:

Pokémon:

Kenner meiner selbst werden jetzt sagen: „Was fängt denn der jetzt auch noch mit Pokémon an?!“ Ich werde es euch sagen: Dieser wunderschöne Anime wurde in der Türkei nur eine Staffel lang ausgestrahlt. Der Grund dafür war ein türkisches Kind, welches in den Tod stürzte, nachdem es gesagt hatte: „Ich bin ein Pikachu und kann fliegen.“ Eine ziemlich krasse Reaktion der türkischen Regierung, dass die Sendung anschließend nicht mehr ausgestrahlt werden durfte, zumal Pikachu ja eigentlich gar nicht fliegen kann, wie den Kennern der Materie schon aufgefallen sein dürfte. Unsere Hosts (leider habe ich die Namen vergessen, aber ich glaube ihnen geht’s genauso ^^) jedenfalls waren recht wütend auf das Kind, weil sie nicht mehr Pokémon anschauen konnten.

Da fällt mir noch ein: Jules Nacken geht es in zwischen wieder sehr gut. Nur damit ihr Bescheid wisst und euch nicht umsonst Sorgen macht.

23.10. Istanbul – Irgendwo im Wald

Endlich wieder Radeln. Ich freu mich immer nach Pausentagen, dass wir mal wieder auf unseren stolzen Rössern sitzen und einfach dahingleiten. Nun ist Istanbul zwar nichts zum Dahingleiten und die 30km aus der Stadt heraus sind auch sehr anspruchsvoll, aber Spaß macht’s halt trotzdem. Am Ende der Stadt haben wir dann noch mal bei einem kleinen Imbiss gespeist (Cig Köfte, das ist traditionell UND vegan UND lecker!), worüber sich der Besitzer des Lokals sehr freute und gleich mehrere Fotos machte. Auch den ersten Radstreifen überhaupt haben wir noch kurz vor dem Ortsausgang gesehen. Leider war eben jener kaum für Reiseräder geeignet, da er sich durch hohe Kanten an den Straßenüberquerungen auszeichnete. Wir sind also auf der zweispurigen Straße geblieben.

Nach Istanbul ging es dann auf eine Fernstraße (jeweils 2-3 Spuren + Standstreifen) in Richtung Sila. Anfangs wurde es noch sehr eng, da eine Fahrrichtung gebaut wurde. Die Straße war aber bereits geteert uns so haben wir uns für die völlig leere Straßenseite entschieden. Es ging, mal abgesehen von den steilen Bergen, auch supergut, bis wir plötzlich vor zwei Teermaschinen und 6 Dampfwalzen stoppen mussten. Einer der Arbeiter hat uns ein Zeichen gegeben, dass wir zwischen den Fahrzeugen durchfahren sollten. Das taten wir dann schließlich auch, obwohl wir starke Bedenken hatten, mit unseren Reifen über den noch sehr frischen und heißen Asphalt zu fahren.

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Wenn nicht gerade gebaut wurde, war auf der Straße nicht viel los, außer einer unglaublichen Anzahl an Kipplastwagen, welche teilweise dreispurig überholten. Uns störte das nicht, denn auf dem Standstreifen hatten wir unsere Ruhe. Mehr Probleme machten uns da schon die Berge und nach 43 Kilometern waren wir so kaputt, dass wir entschieden, nach der Pause nicht mehr weiter zu fahren. Wir waren gerade an einer Stelle neben der Straße, wo es um die 10 verschiedene Rastplätze gab. Diese waren teilweise sehr liebevoll, schön und ausgefallen und beherbergten kleine Restaurants, ausgefallene Tische, Hängematten, Rutschen und was weiß ich nicht alles. Über einem dieser Restaurants lebte eine Familie.DSCF3593 Bei denen konnten wir für diese Nacht bleiben und unsere Luftmatratzen unter ein kleines Dach legen. Außerdem wurden uns noch 3 Runden Chai (Schwarztee) spendiert und eine Gaslampe hingestellt. Wirklich sehr nett und fürsorglich. Besonders gefreut hat uns auch noch, dass über den Abend verteilt mehrere zusammengefegte Laubhaufen angezündet worden, denn gerade Jule hat sich ja schon seit langem mal wieder ein Lagerfeuer gewünscht.DSCF3610

Hätte ich gestern den Bericht fertig bekommen, dann wäre jetzt hier erst einmal Schluss. So darf ich noch einen weiteren Tag in die Tastatur klimpern. 😉

24.10. Irgendwo im Wald – Büyüg Asag

Heute hatten wir die große Straße nach 20 Kilometern fast für uns alleine. Grund dafür war eine große Erdgrube, zu der die ganzen Kipper gefahren sind. Da standen sie nun in unglaublich langen Schlangen und haben auf Be- und Entladung gewartet. Wirklich sehr beeindruckend, die Dimensionen, wenn auch nicht schön.

Für uns ging es allerdings bald schon auf einer kleinen Küstenstraße weiter, wo wir auch schon bald von einem Mann in Armeekleidung freudig angesprochen wurden. Dieser bestand darauf, ein Foto mit uns zu machen und wir willigten natürlich ein. Nun muss man wissen, dass man in der Türkei eigentlich keine Fotos von der Armee machen darf, deswegen ist das um so lustiger für uns. Lustig war auch der kleine Hund, den wir während der Mittagspause beobachteten und welcher einen Heidenspaß daran hatte, eine Gruppe Gänse zu ärgern. Das Highlight war aber, als er einen gerade abgestellten Mini vor den Augen der Fahrerin anpinkelte. Köstlich! 🙂

Weniger Spaß machen hingegen die Berge hier. (Anm. der Korrekturleserin: Ich find’s tatsächlich sehr schön, ich hab jetzt ja aber auch nicht mehr so viel Gepäck ^^) Die 66km waren bislang vom Höhenprofil die schwierigsten unserer Reise. Durchgängig ging es entweder so steil bergauf, dass wir teilweise schieben mussten oder so steil bergab, dass wir eigentlich bei jeder Abfahrt auf 55km/h kamen und eine Menge bremsten.

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Unser Nachtlager haben wir dann auf der Kuppe eines Berges aufgeschlagen, mit Herr-der-Ringe-Aussicht in alle Richtungen.

DSCF3623Zum Abendbrot gab es einen Orangen-Möhren-Linsengericht und jetzt schlafen die beiden schon wieder, während ich mich mittlerweile auf der sechsten Seite des Berichts befinde. Erwähnt werden kann noch, dass auf dem Berg die Muezzine aus den verschiedenen Himmelsrichtungen gehört werden können. Da bin ich mal gespannt, wie das morgen früh wird, wenn um 6 Uhr deren Gesang ertönen wird.

Jule hat ihr Turnen vor epischer Kulisse absolviert und ihr Körper spielt das Radfahrspiel jetzt auch wieder mit =)

Abschließend möchten wir noch einmal Besserung geloben und hoffen, dass wir künftig einen wöchentlichen Bericht hinbekommen werden. Mal schauen. 😉

Christian

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Jule erzählt was

10.10.

Die Sonne scheint, wir singen und haben das Windschattenfahren optimiert. Alle paarzehn Minuten tauscht der durch, der (oder nat. die) vorne fahren muss, und so sausen wir ab 10:30 mit atemberaubenden Geschwindigkeiten durch Rumänien.

Die Dörfer sehen immer gleich aus, die Landschaft bleibt hügellos, auf unserer rechten Seite sehen wir hin und wieder die Donau- und dahinter das Gebirgchen, das wir auf unserem Weg in die Türkei noch überqueren werden.

„Wo-hin wollen wir radeln- Sieben Jahre lang,

wohin wollen wir radeln? Ist egal!

Wir radeln zusammen- Sieben Jahre lang,

wir radeln zusammen, um die Welt.

Es wird genug für alle seeiiiiin…. ^^“

Am Abend kommen wir wieder in ein kleines Dorf, wenige Kilometer vor der Rumänisch-Bulgarischen Grenze, und klingeln bei der erstbesten Pforte- und siehe da, wieder braucht es zwar ein bisschen, bis man unser Anliegen mit Händen, Füßen und ein paar Brocken Russisch und Rumänisch und Spanisch und so verstanden hat, aber dann werden wir sofort in den Hof geführt, wo wir zwischen Hühnern und Hunden unser Zelt aufbauen dürfen. Ein älteres Ehepaar lässt uns heute Nacht in ihre Welt, leider sind sie aber recht schüchtern und auch keiner Sprache als Rumänisch mächtig, daher zeigen sie uns nur noch den kleinen Gartenpavillion, in dem wir kochen und auf Sesseln! sitzen dürfen, und gehen in ihr Zuhause.

Wir aber haben tierisch Spaß- zunächst sind die Ähnlichkeiten zwischen dem völlig verfilzten Hund und Jules Frisur so eklatant, dass beide sofort den Spitznamen „Teppich“ bekommen und viele, viele Witze darüber gerissen werden. Dann wird aus den vielen vielen Äpfeln Apfelmus gekocht, und die Walnüsse werden dazu geknackt und gereicht. Es folgt in den herrlichen Sesseln noch eine Runde Skat (jaha, ich gewinn schon manchmal, nehmt euch in acht!), und dazu dürfen wir auch im Haus das Badezimmer mit fließend Wasser benutzen- das gefällt allen sehr, sehr gut.

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Teppich 1 und Teppich 2

11.10.

Im Reiseführer stand über die Bulgarische Grenzstadt Ruse, dass viele unterschätzen, wie schön sie ist, und länger bleiben als geplant. So auch wir.

Wir fahren vernachlässigbare 27 km über die Donau und verabschieden uns auf der Grenzbrücke herzlich von ihr. Ein treuer Reisebegleiter war sie jetzt, lange Zeit!

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Dann düsen wir durch Ruse, finden einen Radladen und eine Post und eine Pizzeria mit Internet und Zack! haben wir entschieden, dass wir hier eine Nacht bleiben wollen- die Nacht zu Christians Geburtstag nämlich, da hatte er sich eh gewünscht, dass wir irgendwo mit Internet halt machen.

Wir finden ein herrliches Hostel in Ruse, in dem wir erstmal unsere Wäsche waschen, weil wir seit zwei Nächten so beunruhigend juckende Stiche bekommen, wenn wir schlafen… Und die Hostelbetreiber sind super drauf, zwei sogenannte Aussteiger aus England, ca 10 Jahre älter als wir, bauen ganz viel eigenes Gemüse an und sind zB in Bulgarien gelandet, weil das einfachere Leben ihnen hier sehr gut gefällt. Kann ich sehr bestätigen! Die beiden bauen sogar Tabak selber an, und die Zigaretten, die ich davon rauche, sind wahnsinnig gut! Irgendwo zwischen Zigarre und Pfeife… Ich krieg dann auch Samen mitgegeben, da freu ich mich aufs Aussäen im April in Deutschland!

Chris, Marcel und ich machen dann noch einen Stadtbummel, wobei uns die beiden Hostelbetreiber anbieten, sogar unsere Wäsche aufzuhängen- man fühlt sich ganz wie zu Hause hier =)

Und wir schlendern durch die Gegend, finden einen LIDL und holen uns ein paar Kaltgetränke (und Marcel findet Apfelstrudelchips…. APFELSTRUDELCHIPS), um den Sonnenuntergang an der Donau zu sehen und in Chris‘ Geburtstag rein zu feiern.

Apfelstrudelchips und 2-l-Bierflasche... diese Jungs!
Apfelstrudelchips und 2-l-Bierflasche… diese Jungs!

Es wird ein herrlicher Abend, an dem viel geschnackt und gelacht wird, wo wir ausgelassen durch die Stadt laufen und zum Beispiel einen Kiosk entdecken, in dem es die Brotchips mit Pilzgeschmack gibt, die wir seit…. hmmm… einigen Ländern so mögen und von denen wir Angst hatten, dass es sie in Bulgarien nicht mehr gibt. Aber doch! So kaufen wir alle Kioskvorräte leer. Und dann findet Chris noch lachend Wein, auf dem Radfahrer abgedruckt sind- der muss also auch noch mit. Ich versuche, der lachenden und verdutzten Kioskbetreiberin unser seltsames Verhalten zu erklären…

Als wir fast im Hostel sind, fällt uns allen gleichzeitig auf, dass wir auf den geplanten süßen Milchreis mit Apfel-Birnenkompott (so viele Obstgeschenke!!) nicht wirklich Lust haben- etwas Herzhaftes muss her, und das finden wir, als wir den ganzen Weg wieder in die Innenstadt zurück gehen: mit Käse gefüllten Blätterteig, der uns schon in einigen Ländern über den Weg gelaufen ist.

Im Hostel zurück entwickelt sich dann ein tolles Gespräch mit den Hostelbetreibern, mit viel Lachen und ausgelassener Stimmung. So ausgelassen, dass ich ihnen fast ihren Tabak wegrauche…. Tsss. Chris bekommt dann zu seinem ersten Geburtstag (24:00 bei uns) einen selbst-ausgesuchten LIDL-Kuchen und einen heimlich besorgten Tacho, und geht dann zu seinem zweiten Geburtstag (24:00 in Deutschland) skypen.

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Die Hostelbesitzer wollten uns nicht glauben, dass wir am nächsten Morgen wieder früh auf den Rädern sein wollen, aber…

12.10.

… nachdem Chris und ich erst um 3 oder 4 im Bett waren, sitzen wir vor neun schon wieder am Frühstückstisch. Es wird recherchiert, wie die Route nach Istanbul weiter geht. Wir würden sehr gern über die türkische Grenze fahren und dann auf ein Schiff steigen, um etwas Zeit reinzuholen und die Stadtautobahnen Istanbuls zu umgehen. Es scheint aber so, als ob das einzige Schiff, das eine weite Distanz parallel zur Küste fährt, schon ab Burgas in Bulgarien geht, und wir würden viel lieber mit eigener Muskelkraft über die EU-Außengrenze radeln. Und mal sehen, was die Frontex da so treibt.

Was wir gefunden haben, ist ein türkischer Zug, den wir wohl ca. 150 km hinter der Grenze nehmen werden.

Von Ruse aus geht es durch herrliche Landschaft, die jetzt eben wieder sehr bergig ist. Keinen Meter fahren wir heute einfach platt, immer geht es keuchend etliche Kilometer und Höhenmeter herauf und und dann brausbrausbraus wieder herunter- ich bin (wegen des wenigen Schlafs?) sehr fit und es macht tierisch Spaß. Auch sieht die Landschaft endlich mal wieder anders und eben auch sehr schön aus, und auch die bulgarischen Dörfer machen einiges her.

Dass es Chris‘ Geburtstag ist, merkt man dann aber eigentlich nur noch an den hin und wieder angestimmten Geburtstagsliedern, sonst ist es ein zügiger Radeltag, an dem wir trotz der Berge 80 km machen, bevor wir uns abends an einer kleinen Seitenstraße, hinter Gebüsch und im Sonnenuntergang, einen Zeltplatz suchen. Es wird derbe kalt momentan, beim Teppichhund hat das Thermometer 8 Grad am Morgen angezeigt. Das würde vielleicht 6 Grad in der Nacht bedeuten? Ich friere auch schon in meinem Schlafsack und überlege, mir in Istanbul für die kalten Bergetappen durch die Türkei noch einen fetteren Schlafsack zu kaufen. Wundert mich, weil ich mit meinem Schlafsack auch in Freiburg schon im Frost unter freiem Himmel geschlafen habe (Grüße an die ISE-Crew ^^). Bevor ich aber noch einen teuren und schweren Schlafsack kaufe, werde ich noch ein bisschen testen, ob ich meinen nur falsch benutze, da ich bekannterweise ein großer Freund des auf-dem-Bauch-mit-einem-angeklapptem-Knie-Schlafens bin und das Ding deswegen so selten wie möglich zu mache. Und dann auch noch die Kapuze so zuziehen, dass nur die Nasenspitze rausschaut und man sich gar nicht mehr bewegen kann… Naja, vielleicht gewöhn ich mich dran.

Wir kochen noch eine Runde Nudeln (welch Geburtstagsessen!) mit Sojabolognese (schon besser) und bewundern in der Schweinekälte, die uns den Atem in Wolken vorm Gesicht stehen lässt, den atemberaubenden Sternenhimmel. Weit weg von größeren Menschenansammlungen und elektrischem Licht und (mir nicht einleuchtend) auch unbehelligt vom Mond, der doch gestern noch dick und fast-noch-voll am Himmel stand, breitet sich über uns die Milchstraße mit all ihren Feinheiten und in ihrem Teppich von Schwestergalaxien aus. Oh, wenn es doch nicht so kalt wäre, wenn ich einfach wieder unterm Sternenzelt schlafen könnte!

13.10.

auf dem Weg nach Varna

Obwohl wir nach Einbruch der Dunkelheit mal wieder nicht lang durchgehalten haben und um 22:00 oder 23:00 im Bett waren, schlafen wir ohne Wecker bis um neun. Seit wann schlafen wir so viel? Zu viel Sonne? Zu viel Berge? Zu viel Radeln und Frischluft oder zu viel Nacht? Zu viel Eindrücke, die da im Schlaf sortiert und in kleine, neuangelegte Schachteln eingeordnet werden wollen?

Eigentlich würden wir gern die 110 km bis zum MEER heute schaffen, aber mit dem Start wird das schonmal schwieriger. Auch die Strecke ist so wie die beiden Tage zuvor- ein Hügel und Berg jagt den nächsten, immer wieder von 40m auf 200m auf 40m auf 450m auf 200m…. die Abfahrten machen immernoch Spaß, aber Marcel und ich merken deutlich, dass der vorige Tag schon Spuren hinterlassen hat. Chris, der immer nobel-gemütlich die Berge hochtrullert, ist viel fitter als wir… Aber wir glauben ihm nicht, dass es am Fahrstil liegt! =)

Mittags brauchen wir unser einzig wahres Mittagessen (naaa, wer hat bisher aufgepasst und weiß, was kommt?… genau!), Brot, und halten in einem kleinen Dorf, wo zwei Männern beim Weißeln der kleinen, schmucken Kirche sind. Wir fragen nach einer Bäckerei, die hat aber bis 15:00 Mittagspause, also essen wir das auf, was wir noch haben, und bleiben dabei in der Nähe der Kapelle, weil die beiden Männer so lustige Musik anhaben. Der eine gesellt sich später zu uns und erzählt uns schon wieder eine so unfassbare Geschichte… wie er früher zur See fuhr, dann ein Schiffsunglück passierte, das Schiff entzweibrach („wie die Titanic!“) und er dabei 10 m tief stürzte und sich den Kopf schwer verletzte. Und wie er danach entschied, nicht mehr für sich und das Geld, sondern für Gott zu arbeiten, und nun rund um sein Heimatdorf in den Dörfern Kirchen mit seinen eigenen Händen baue. Dies sei die Dritte.

Als wir ihn später nochmal nach Wegdetails fragen, da holt er aus und erzählt uns, wie kriminell die Stadt sei, in die wir führen, und der Weg dahin, dass wir ja auf der Autobahn (!) fahren sollen, weil es da drum herum weniger gefährlich sei, da sein „weniger Gypsies!“. Und inflationär benutzt er in seinem deutsch-russisch-englisch-Mix den Begriff „ZAPPZERAPP!!“ für Klauen, mit der dazu gehörenden einsackenden Handbewegung. ZAPPZERAPP macht die Regierung, ZAPPZERAPP machen die Gypsies, ZAPPZERAPP machen die Leute in der Stadt! Richtig beunruhigend fanden wir seine Warnungen im Endeffekt nicht, weil er uns noch empfahl, in seinem Dorf zu bleiben, da würden nämlich einmal im Jahr irgendwelche sehr großen geflügelten Wesen Gottes (leider hat er sich unklar / auf Russisch ausgedrückt, ich weiß nicht, ob es Drachen oder Engel oder Außerirdische UFOS waren) bruchlanden und das wäre super, aber von der Polizei geheim gehalten. Nuja. Weiß nicht.

Weiß nicht.

Weiter ging es, berg- und talwärts, super Abfahrten und böse Anstiege. Ziemlich müde haben wir um 17:30 einen Ort gefunden, in dem wir endlich Brot kaufen und Geld abheben konnten, und uns entschieden, auch gleich dort bei Leuten zu fragen, ob wir im Garten zelten dürfen.

Hier jedoch waren alle Menschen recht abweisend. Vielleicht lag es an der schon fast kleinstädtischen Größe des Ortes (in den ganz kleinen Dörfern war es nie ein Problem). Oder passiert in Bulgarien wirklich mehr? (Chris, dessen Familie viel hier im Urlaub war, winkt ab) Oder haben die Leute irgendwie alle Angst voreinander? Auf jeden Fall scheinen sie viel distanzierter (fast deutsch!) als die Rumänen. Ob das was mit dem Wohlstand zu tun hat, der hier auch deutlich größer ist?

Beim dritten Haus wurde unsere Frage auf Brocken-Bulgarisch (ist dem Russischen zum Glück sehr ähnlich) mehr oder weniger verstanden, die gute Dame des Hauses hat aber lieber noch ihre englischsprechende Kollegin angerufen, die dann mit dem Handy zwischen uns dolmetschen sollte. Was rauskam: wir durften zwar wegen Platzmangels nicht im Hof campen, wurden aber auf die Wiese vorm Haus verwiesen. Fühlte sich auch sicher an (nicht zuletzt, weil auch alle Nachbarn uns vom Klingeln schon kannten), und wir wurden eingeladen, uns im Haus zu waschen, wurden gefragt, ob sie uns noch Licht oder Strom raus legen sollen, uns wurde vom Opi Kuchen geschenkt und so weiter und so fort… Sehr nett also! Und auch die Nacht war dann gut, bis auf den Zwischenfall, dass ich irgendwann davon geweckt wurde, dass jemand über die Zeltschnüre stolperte und die Töpfe umwarf. Ich hab mich gleich zu Tode erschrocken, aus dem Tiefschlaf in totalen Alarmmodus mit Puls von 180 und hab den beiden Jungs zugeschrieen „Aufwachen!!“, schon halb auf dem Weg zum Pfefferspray und der Trillerpfeife. Dreh ich mich aber zu den Jungs um, da liegt Chris nicht im Schlafsack… Sondern stolpert grad draußen über Töpfe… Puuuh, Fehlalarm. Hat aber ewig gedauert, bis ich wieder schlafen konnte.

14.10.

Heute- der Tag, an dem wir am Meer ankamen

40 km haben noch bis Varna am Schwarzen Meer gefehlt, als wir gestern Abend unser Zelt aufgestellt haben. Da hab ich doch gleich mal den Wecker auf 7:00 gestellt und morgens ein bisschen Dampf gemacht, dass wir ja schön zeitig am Meer sind =)

Und ja, erstmal ging es…. bergauf und bergab im dicken Nebel… anstrengend heute, mir tun tierisch der Nacken und irgendwie die hinteren Augenhöhlen weh, ich hoffe, ich werd bei der Kälte und den Temperaturunterschieden nicht (allzu) krank! Aber 40 km sind schnell gemacht, auch wenn uns auf dem Weg dahin der Steinwald (ein nicht geklärtes Naturphänomen- doch außerirdische Engelsdrachen?) ablenkte, und die unzähligen Prostituierten, die den Straßenrand bevölkerten.

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Als wir da aber durch waren, da mussten wir uns noch durch die dicke Stadt kämpfen, durch den Park an der Waterfront und…..! Da war es! Das Meer! Rauschig und diesig, mit Meergeruch und Meeraussehen, mit Sand und Salz und Möwen, mit Strandlokalen und Urlaubern und UNS.

In einem Lokal haben wir gleich herrlich gegessen und geschlemmt, die Sonne in der recht kühlen Luft genossen und uns grandios des Lebens gefreut.

Auf unserem Tacho steht übrigens genau und ganzgenau 2500 km bis hier- wenn das nicht ulkig ist =)

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Am Nachmittag wollten wir dann noch 5 km weiter aus der Stadt bis zum nächsten Campingplatz fahren und dort einen halben Pausentag und Sonnenbaden machen, irgendwie sind es aber 20 km und 250 Höhenmeter geworden und die Sonne war schon hinter den Bergen verschwunden, als wir (ganz unten am Fuß der hohen Klippen, auf denen unsere Hauptstraße morgen langgeht!) KEINEN Campingplatz gefunden haben. Klar, ist Oktober, ist keine Saison… Meine Laune war miserabel, ich hatte diese Nacken- und Augen(?!)schmerzen und war müde und schlapp und wollte so gern mal wieder ins Internet gehen und eine warme Dusche… Da fragt der Christian nochmal kurz im Hotel, das da unten ganz einsam steht, ob wir so ein Doppelzimmer (für das mir vorher 30 Euro gesagt wurde) auch zu dritt bevölkern dürften, dann könnten wir es uns gerade so leisten.

Und was sagen sie? Dass das klar geht UND sie mit dem Preis wegen Nebensaison runter gehen, auf 25 Euro… und jetzt haltet euch fest! Wir haben ein fettes Zimmer mit Balkon direkt zum Meer (15 m Luftlinie), sind die einzigen Gäste, haben eben auf der Dachterrasse mit Meerblick Abendbrot gegessen. Und… da oben wird gerade der Whirlpool beheizt, damit wir noch mit Meerblick baden können =)

ich versuch mal sofort gesund zu werden und morgen vor Sonnenaufgang aufzustehen, um den überm Meer (nach Osten! ^^) von da oben (im Whirpool!) erleben zu können…

Jetzt haben wir das Fenster auf, die Wellen rauschen, ich lieg im warmen Bett…. Hmmmm

Was haben wir immer für ein Glück!!

Liebste Grüße

Jule

Chris erzählt euch mal was:

Heut darf ich also mal wieder einen Bericht schreiben. Na mal schauen, wo das hinführt, ist der letzte Eintrag schließlich schon wieder eine Woche her und die Erinnerungen nicht mehr ganz so frisch. 😉

2.10. Srebrno Jezero – Dobra

Wir waren stehengeblieben bei dem kleinen Wohnwagen, in dem wir zu fünft geschlafen haben. Meine Wenigkeit und Katharina hatten die Ehre, im Bett unter Jule zu schlafen. Das ist auch kein Problem, wäre des Bett in der 1. Etage nicht schon halb durchgebrochen. Besonders beim Rein- und Rausklettern wippte und knarzte es bedrohlich. Am Ende ist aber alles gut gegangen und wir konnten unsere Reise fortsetzen. Erst wurde jedoch noch an Marcels Rad geschraubt, um es fit zu machen, bis wir eine Fahrradwerkstadt finden würden. In der Zwischenzeit haben Katharina und ich Frühstücksbrot geholt. Keine leichte Aufgabe in einem Touristenort, in dem außerhalb der Hauptsaison so gut wie kein Mensch wohnt. Geschafft haben wir es aber dennoch und so ging es 12 Uhr gestärkt „On The Road“.

Schon nach wenigen Kilometern musste ich allerdings anhalten. Da standen doch tatsächlich 10 riesige Schirmpilze am Wegesrand. Aus den 10 Exemplaren wurden bei genauerem Hinsehen schnell 40 Stück. Unfassbar! Was tun?! Normalerweise macht man aus den Kappen (welche ca. 30cm messen) Pilzschnitzel. Uns fehlten jedoch die Pfanne, Sojasahne und das Paniermehl dafür. Dennoch haben wir mal lieber 10 Pilze fürs Abendbrot mitgenommen.

Ansonsten sind wir heute ins „Eiserne Tor“, dem landschaftlich angeblich schönsten Teil der Donau eingefahren. Hier ist der Fluss besonders eng und links und rechts ragen die Berge teilweise fast 800m empor. Auch die Straße ist in diesem Bereich in einem guten Zustand.

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Gut voran kamen wir allerdings dennoch nicht, da wir wie berichts gestern heftigen Gegenwind hatten. Am Ende sind wir deshalb auf lediglich 43km gekommen, bis wir uns, direkt an der Donau, auf einem kleinen Campingplatz niedergelassen haben. Ein Besitzer war allerdings weit und breit nicht auszumachen und so haben wir einmal mehr für umsonst gecampt. Ein kleines Boot stand zu unserer Belustigung auch noch vor der epischen Kulisse =)

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Statt des Besitzers kam nach einer Weile noch ein Nachbar vorbei, der uns Licht machte und versuchte, mit uns ins Gespräch zu kommen. Aufgrund unserer nicht vorhandenen Serbischkenntnisse wollte es aber nicht recht gelingen. Immer wieder beeindruckend, wie sich die Menschen, denen wir begegnen, sich davon aber nicht beeinflussen lassen und einfach in ihrer Muttersprache weiterreden.

Erwähnenswert ist auch noch, dass es heute Katharina war, die dazu animierte, das Abendessen zuzubereiten, da alle anderen keine Lust dazu hatten- sehr seltene Konstellation. Kredenzt wurde Kartoffelbrei mit Champignons und Schirmpilzen (wir haben die riesigen Schirme sie letztendlich kleingeschnitten). Echt lecker! 😉

3.10. Dobra – Tekija

Die Landschaft war weiterhin herrlich (worüber sich besonders Ena freute) und außerdem gab es ca. 20 unbeleuchtete Tunnel. Selbst kleine Autos klangen in den dunklen Röhren wie 30-Tonner. Ihr könnt euch vorstellen, was dann ein eben solcher für einen Geräuschpegel erzeugen kann.

Zu unserer Mittagspause haben wir leider kaum Brot gefunden- alle Läden waren ausverkauft, das hat uns ziemlich gewundert. Das Mittagessen musste deshalb mit Pommes verfeinert werden. Während unserer Mittagspause ist zudem ein holländisches Frachtschiff an uns vorbeigefahren. In Katharina und mir kam der Ehrgeiz auf, dieses Schiff noch einmal einzuholen. Leider mussten wir das Unterfangen schon nach wenigen Kilometern abbrechen, weil wir einen Umweg von 10 Kilometern mit der Straße fahren mussten. Aber denkste! Marcel hat sich vor alle anderen gepackt und wir sind im Windschatten hinterhergesaust. Immer näher kamen wir den Holländern und trotz der Berge haben wir sie dann an der engsten Stelle der Donau doch noch eingeholt! Es folgte ein kurzes „Schiff Ahoi“, welches auch erwidert wurde, und dann mussten wir sie an einem besonders langen Berg endgültig ziehen lassen. Während der Auffahrt haben wir auf rumänischer Seite ein ca. 50 Meter hohes, in Stein gemeißeltes Gesicht gesehen. Dieses ist einem alten Herrscher aus dem 2. Jahrhundert zuzuordnen.

Übernachtet haben wir auf dem Gipfel des Berges (200m über der Donau). Hier haben uns ein paar Bergbauern ganz herzlich aufgenommen und uns ein Stück Wiese gezeigt, auf dem wir unsere Zelte aufschlagen konnten. Die Aussicht… herrlich!!

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Tageskilometer waren es im Übrigen 72.

4.10. Tekija – Drobeta Tornu Serverin

Am nächsten Morgen wurden wir vom Wiese Mähen geweckt. Das Aufladen des frisch geschnittenen Grases auf den uralten Traktor hat dann die gesamte Familie (drei Generationen) übernommen. Und vom Bauern wurden wir gebeten, doch bitte kurz anzurufen, wenn wir in der Türkei heile angekommen sind. Dafür hat er Jule seine Nummer gegeben und gestikuliert:

–-Anrufen – Ciao! Sagen – Dobre sagen! – Auflegen! —

Uns bot sich an diesem Morgen ein überwältigender Anblick hinab zur Donau sowie auf die rumänische Seite, auf die hohen Berge hinter uns sowie auf die Bergwiesen, auf denen ein bisschen Vieh grast.

Ähnlich überwältigend (aber eher im negativen Sinne) war der Anblick von Tekija, kurze Zeit nach dem wir losgefahren sind. Der Ort wurde vor kurzem durch eine Schlammlawine komplett verwüstet und die Aufräumarbeiten dauerten bei unserer Durchfahrt noch an. Das einzige Restaurant der Stadt wurde zu einem Versorgungszentrum für die zahlreichen Helfer umgebaut.

Gegen Mittag haben wir die serbisch-rumänische Grenze erreicht. Diese verläuft über die Staumauer eines riesigen Wasserkraftwerks, welches das Wasser der Donau auf einer Länge von 150km anstaut. Die rumänischen Grenzbeamten haben uns an den wartenden Autos vorbeigewunken und nach einem kurzen Blick auf die Reisepässe und Ausweise passieren lassen.

Nun waren wir also wieder in der EU. Zurück lassen wir Serbien, das Land, in dem uns die Menschen bisher am herzlichsten aufgenommen haben. Unglaublich die Gastfreundschaft seiner Einwohner. Allen, die noch nicht dort waren, können wir das Land und seine Menschen nur wärmstens empfehlen.

In Rumänien gab es zunächst einmal viel Verkehr und eine fast parallel zur Straße kreuzende Eisenbahnstrecke. Die wurde Katharina zum Verhängnis und so legte sie sich vor meinen Augen hin. Der erste richtige Sturz auf unserer Tour. Glücklicherweise lief er glimpflich ab und außer ein paar blauen Flecken ist nichts passiert.

Unser Tagesziel war mit Drobeta Tornu Severin, die erste Stadt in Rumänien. Hier haben wir uns nach 38,5 Kilometern ein Internetcafé gesucht und Ena hat in den weiten des World Wide Webs ein Hostel für uns ausfindig gemacht. Als wir vor der Tür standen, stellte sich jedoch leider heraus, dass es nur noch ein freies Zimmer für eine Person gab. Uns, die wir aber auch mit wenig schon zufrieden sind, störte das aber nicht und so haben wir zu fünft (3 im Bett und 2 auf dem Boden) im Zimmer geschlafen.

Die Dusche des Zimmers verdient im Übrigen eine Sondererwähnung. Dieses Gerät hatte sowohl eine gewöhnliche Brause, als auch eine Berieselung von oben und von den Seiten. Zusätzlich hatte die Dusche noch Licht und ein Radio!!!!!! Ja -richtig gehört- ein R-A-D-I-O!!!!!

(Und das für 20 Euro- und zwar pro Zimmer, nicht pro Person ^^)

5.10. – 6.10. Drobeta Tornu Severin

Wir haben 2 Tage in dieser Stadt verbracht, weil von hier aus ein Zug direkt nach Budapest fährt und so die Rückfahrt für Ena und Katharina recht einfach ist. Außerdem konnte Marcels Hinterrad hier in einem Fahrradladen repariert werden (Zur Erinnerung: er hatte ja bereits am zweiten Tag eine Acht).

Passiert ist in Drobeta nicht viel spannendes – außer Einkaufen, in Kneipen was essen und trinken und mal wieder ausgiebig im Internet zu surfen. Außerdem konnte auch mal ein wenige Fernsehen angelunzt werden. War durchaus auch mal wieder schön. Falls es euch mal in die Stadt verschlägt, dann solltet ihr unbedingt auf den Wasserturm gehen, weil es dort eine guten Ausblick auf die Stadt gibt. Katharina hat sogar die Stufen gezählt und es müssten so um die 160 gewesen sein. Bemerkenswert war auch eine Straße, in der die Hälfte der Läden Blumengebinde aus Plaste anbot. Die guten Stücke gab es für 7-10 Lei (1,50-2€). Mir selbst hat es besonders der kleine Markt, auf dem die Bauern und Bäuerinnen ihre Waren feil boten (und seien es nur ein paar Blätter Mangold), angetan. Unglaublich schön das Ganze. 😉

In der zweiten und dritten Nacht haben wir uns im Übrigen den Luxus gegönnt und noch ein weiteres Zimmer gechartert.

7.10. Drobeta Tornu Serverin – Maglavit

Heute hieß es Abschied nehmen von unseren beiden Reisebegleiterinnen Katharina und Ena. Es war ein trauriger Moment, als wir sie nach 5 Wochen gemeinsamer Fahrt zum Bahnhof brachten und 10:40 Uhr die Eisenbahn nach Budapest abfuhr. Auf alle Fälle haben wir uns sehr gefreut über die lange und schöne gemeinsame Zeit und ihr dürft euch herzlich gedrückt fühlen, wenn ihr diese Zeilen lest. Ena wird später auch noch einen Beitrag über die Rückreise auf dieser Internetseite veröffentlichen.

Im Regen und Kälte ging es nun also für die 3 Musketiere Marcel, Jule und Christian weiter gen Osten. Das Pedalen machte bei diesen Bedingungen kaum Freude und auch der starke LKW-Verkehr Richtung bulgarische Grenze tat sein Übriges. Dennoch oder gerade wegen des miserablen Wetters kamen wir blendend voran. Schließlich hatte wir auch keiner Bock irgendwo lange Pause zu machen. 96 km waren es am Ende immerhin, als wir bei Sandra und Costa vor der Tür standen. Sie hatten einen kleinen Hof außerhalb von Maglavit und wir keine Bleibe für die Nacht. Doch das Zelt aufschlagen durften wir bei den beiden nicht. Stattdessen wurden wir hereingebeten und zum Abendbrot eingeladen. Zu Essen gab es Brot, Bohnensuppe, Gurken und Paprika. Es war für uns ein sehr tolles Erlebnis, dass die beiden das Wenige, was sie hatten, mit uns teilten. Wir konnten uns lediglich mit ein paar Zigaretten und einem Bier revanchieren. Sandra und Costa wohnen ohne fließend Wasser, mit gestampftem Lehmboden und Hühnern, ein paar Schafen und einer Kuh. Das Plupsklo- das war gleich über den Hof, hinter der Kuh links. Und Hände Waschen dann in der Waschschüssel- für Deutsche doch tatsächlich wie eine andere Welt.

Äußerst bemerkenswert ist auch, wie viel man trotz unterschiedlicher Sprachen mit Gestikulieren und Aufschreiben miteinander kommunizieren kann. Hilfreich dabei ist freilich auch, dass Jule spanisch kann, eine Sprache, die mit Rumänisch verwandt ist.

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Die beiden haben uns doch tatsächlich 10 Jahre alte Fotos von einem japanischen Radreise-Pärchen gezeigt, die auch bei den beiden geklingelt haben und gelandet sind!! Die Fotos zeigen die beiden Japaner mit einem Tandem und im Winter – und Costa und Sandra zehn Jahre jünger beim Kühe melken.

Geschlafen haben Marcel und ich dann im Übrigen im Essensraum. Jule durfte wiederum partout nicht mit ihrer Matte auf dem Boden schlafen, sondern „musste“ zu Sandra ins herrlich weiche Bett. Costa hat dafür extra auf der mit Stroh gefüllten Couch Platz genommen.

8.10. Maglavit – Zaval

Noch in der Dunkelheit wurden wir von Sandra und Costa geweckt, die sich verständlicherweise um ihre Tiere (Kuh, Schafe, Hühner, Hunde) kümmern mussten. Zum Abschied machten wir noch ein paar gemeinsame Fotos und gaben das Versprechen, dass wir ihnen diese zuschicken werden. Das Pärchen aus Japan, das 10 Jahre zuvor mit dem Tandem bei ihnen gestrandet war, hatte das gleiche gemacht. Vielen Dank noch einmal an diese beiden herzensguten Menschen.

9:10 Uhr, also so früh wie noch die, waren wir an diesem bewölkten Tag bereits unterwegs. Die 77 Tageskilometer sind deshalb auch etwas enttäuschend, aber sei es drum. Der Weg führte uns heute wieder entlang der Donau, wobei wir selbige nur selten zu Gesicht bekamen.

Rumänien präsentierte sich heute außerdem so, wie wir es uns in schlechten Gedanken vorgestellt hatten. Viele Pferdegespanne waren anstatt von Traktoren und Autos unterwegs und die Armut der Menschen war wirklich zum Greifen nahe. Für deutsche Verhältnisse lag auch eine Unmenge von Müll herum, welcher teils vor den Häusern und sogar auf den Ortsdurchfahrten verbrannt wurde. Auch die Straßen boten oft wenig erfreuliches. Zwar gab es heute schon deutlich weniger tote Frösche und Hunde also noch gestern auf den Straßen, dafür lag immerhin ein totes Pferd im Seitengraben.

Mich persönlich faszinieren die Menschen in diesem Land. Sie sind sicher zurückhaltender als die Serben, aber dennoch in der Regel unheimlich freundlich. Oft grüßen wir uns gegenseitig oder klatschen mit Kindern ab. Heute wurde Marcel zudem zweimal angehalten und ihm dann Äpfel beziehungsweise Quitten gereicht. Ein weiteres Highlight war eine Französischlehrerin, welche uns in die Schule mitnahm, wo wir den Wasserkocher nutzen durften, um uns einen Tee zu kochen.

Geschlafen haben wir letztendlich auf dem ersten Campingplatz, den wir in Rumänien gesehen haben. Hier konnten wir uns eine Holzhütte für umgerechnet 10€ mieten. Später kamen hier auch noch rumänische Bauarbeiter vorbei. Einer von ihnen hat uns noch Wein und ein winziges Stück Porree angeboten. Beides wurde dankend angenommen, wenn auch letzteres uns etwas verwirrte. Bemerkenswert waren auch die 5 zeltplatzeigene Hunde, welche unseren Kochplatz belagerten und ständig nach Essen bettelten. In Der Nacht haben diese nervigen Viecher sich dann unsere (veganen!) Schnittabfälle schmecken lassen.

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Im Übrigen haben wir heute den 2000. Kilometer auf unserer langen Meile nach China geschafft. 😉

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9.10. Zaval – Traian

Heut gab es gleich zum Frühstück Nudelreste und zusammengekochtes Quitten-Apfelkompott vom Vortag. Das Kompott ist dabei eine echte Freude, ein Lob dafür an Jule und Marcel. Auch die Hunde haben uns schon wieder genervt und die ganze Zeit um Essen gebettelt. Bekommen haben sie es letztendlich vom Besitzer des Campingplatzes in Form eines Brotes. Überhaupt werden die Hunde hier anscheinend mit Brot gefüttert.

Dann ging es wieder weiter auf unseren Drahteseln, vorbei an den Pferdegespannen, zahlreichen Viehhirten (in unserem Alter- beeindruckend. Ich hab keine Freunde, die Viehhirte sind. Was 2000 km ausmachen!) am Wegesrand und freudig grüßenden Kindern. Was es nur kein bis zwei Mal am Tag hier zu sehen gibt ist die Donau, an der wir ja eigentlich immer noch entlang pedalen. Schade eigentlich, dabei fahren wir ja schon auf dem Donau-Rad-Weg, welcher in Rumänien aber anders als noch in Serbien gar nicht ausgeschildert ist.

Nach ca. 30 km auf unseren Rädern entdeckt Jule in Grojdibodu ein älteres Pärchen, das ebenfalls per Reiserad unterwegs ist. Also nichts wie hin und ein bissel übers Pedalen quatschen. Wie sich herausstellt, sind die beiden aus Köln und von Bratislava, immer die Donau entlang, nach Corabia unterwegs, wo sie in ein Kreuzfahrtschiff steigen und bis Wien fahren werden. Auch eine interessante Perspektive, die Donau noch mal vom Schiff aus zu sehen. Die beiden haben lustigerweise sowohl die beiden Französinnen, die wir getroffen haben, als auch das italienische Pärchen, welches wir um einen Tag bei Alexa in Novi Sad verpasst haben, gesehen. Außerdem hat uns das Kölner Duo noch durch das Tragen von Sicherheitswesten imponiert, dafür verzichteten sie aber auf den Helm. Liebe Eltern und Großeltern: So was wie ohne Helm fahren werden wir natürlich nicht machen. 😉

Erwähnt werden muss an dieser Stelle auch einmal, dass in Rumänien derzeit Wahlen sind. Wir wissen bloß nicht hundertprozentig, wer alles Antritt und wann Wahl ist. Vielleicht kann das ja jemand mal recherchieren und als Kommentar hier hinterlassen? Wir würden uns freuen! Mit Abstand die meisten Plakate hat jedenfalls Victor Ponta. Von ihm hängt auch in jedem Dorf ein Banner über die Straße. An diesen erfolgen dann die Victor-Ponta-Wertungen: Wer hier als erster mit seinem Fahrrad durchfährt, bekommt abends mehr auf den Teller. 🙂

den Victor-Ponta-Punkt konnte Jule nicht einheimsen...
den Victor-Ponta-Punkt konnte Jule nicht einheimsen…

Außerdem ist heute während der Mittagspause ein Dacia mit Victor Ponta-Anhänger und Beschallung vorbeigefahren. Wir natürlich reflexartig gejubelt, bis uns eine Oma anzeigte, dass unser Victor ein schlechter Politiker sei und sich alles nur in seinen Bauch steckt. Vielleicht kann ja auch noch einer der Mitlesenden recherchieren, ob der Victor einer anständigen Partei angehört? Mersi (rumänisch für Danke)!

Nach der Mittagspause hatten wir heut eine besonders starke Phase und sind 44km ohne Unterbrechung geradelt und auch insgesamt waren es heute 99km, bis wir in Traian eingefahren sind. Und gleich im ersten Haus wurden wir von einer netten Familie aufgenommen! Sie haben noch einen spanisch sprechenden Nachbarn rangeholt und dann wurde gedolmetscht. Von unseren Gastgebern auf Rumänisch zum Nachbarn, auf Spanisch zu Jule weiter, dann auf Deutsch an uns anderen beiden. Und wieder zurück! Außerdem erfreute sich wieder das Gestikulieren großer Freude.

Hier gab es wieder Waschschüsseln und ein Plumpsklo und ein großartiges Schwein!

Wo wir uns noch sehr schwer tun, sind die ganzen Lebensmittel, die wir immer angeboten bekommen (hier ein Sack Paprika, ein Sack Walnüsse, Birnen und Äpfel -klar, sackweise-, Chili und auch Dosenfleisch -da konnten wir uns rausreden- und Kaffee…). Wir wissen dann immer nicht genau, wie wir reagieren sollen. Auf der einen Seite wollen wir nicht unhöflich sein, andererseits wollen wir den Menschen, die vermutlich weniger als wir haben, auch nichts wegessen. Letztendlich werden wir dann meistens so lange beredet, bis wir die meisten Sachen mitnehmen. Die Gastfreundschaft der Rumänen ist wirklich überaus beeindruckend. Kaum vorstellbar, dass uns das in Deutschland auch so passiert wäre. Der Fairness halber möchte ich aber erwähnen, dass die beiden Französinnen in Deutschland genau diese positiven Erfahrungen gemacht haben.

Nach zwei Gläsern hausgemachtem Wein von den eigenen Trauben und netten Gesprächen ging es dann zum ersten mal nach einer Woche wieder ins Zelt zum schlafen. Auch mal wieder schön! 😉

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Und zu bemerken: das mussten wir uns fast erkämpfen, denn nach kurzem Kennenlernen sollten wir auch wieder unbedingt im Haus schlafen. Aber, vielleicht kann man es verstehen, hin und wieder braucht’s die Ruhe und Privatsphäre, ja das Zuhause, des Zelts- und nicht NOCH MEHR neue Eindrücke!

Der Sohn des hier lebenden Pärchens arbeitet in Deutschland, um dem Papa eine Operation leisten zu können.

Anmerkung der Redaktion: Während ich diesen Bericht vollende, (es ist Mitternacht) bellen die gesamte Zeit die Hunde aus der Nachbarschaft. Um 0:06 Uhr hat sogar der Hahn noch angefangen zu krähen. Keine Ahnung, wer um diese Uhrzeit aufstehen muss.

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Chris

25.9.

Apatin – Piekswald

Neben dem Unterstand, in dem Haken zum Wildaufhängen und Äxte mit blutigen Handabdrücken uns Guten Morgen wünschen, frühstücken wir am Morgen nach unserer Nacht vor dem Forsthaus. Wieder sind ein paar der Wildhüter da, bieten uns Tee an und führen Ena durch die Geweihsammlung.

Forsthaus und unser Lager
Forsthaus und unser Lager

Wir fahren weiter auf serbischen Landstraßen und ohne einen Pfennig Währung in der Tasche, bisher auch – shame on us – ohne überhaupt zu wissen, mit was man in Serbien denn eigentlich bezahlt. Also müssen wir einen Geldautomaten finden und heben dann einfach mal die Summe ab, die in der Mitte steht. 10.000, und auf den ausgespuckten Scheinen steht Dinar. Aha! Dinar also. Und was ist das jetzt wert? Blick über die Straße gleiten lassen- gegenüber, in diesem treckerbrummenden Dorf, steht doch an dem Café sogar WIFI dran- also rein da und mal Emails runterladen, die wir seit Budapest nicht empfangen haben! Und mal auf der Karte ausspähen, wieviel Dinar zum Beispiel so eine Limo wert ist. Aha- ca. 1:100 (wir recherchieren dann im Web 1:115), soso! Irgendwie saugt das Internet mehrere Stunden aus diesem Tag und wir kommen nicht mehr weit, finden aber einen schönen Platz zum Wildcampen, nämlich ein kleines Wäldchen, das zwar vor Dornen strotzt, uns aber an diesem später noch verregneten Abend Schutz und die Möglichkeit, Mückennetz und Regenplane aufzuspannen, bietet.

26.9. Piekswald – Novi Sad

Weil wir mittlerweile herausgefunden haben, dass wir das serbische Leitungswasser nicht trinken können (es ist gelb und google auto-vervollständigt die Suche danach mit dem Wort „Arsen“), müssen wir ab jetzt Kanister einkaufen. An einem kleinen Lädchen erlebt Christian dann etwas, dass ihn noch wochenlang beschäftigen wird: wie meist möchte er sich eine Flasche Bier für den Abend mitnehmen und geht damit gewohnt schwungvoll zur Kasse, wird gefragt, ob er es dort trinken oder mitnehmen will, antwortet immernoch schwungvoll „mitnehmen!“ und – wird hart ausgelacht! Ausgelacht, weil er eine Flasche Bier kaufen möchte! In einem Laden! In dem es Bierflaschen zu kaufen gibt! Mühsam lässt sich -ungläubig- herausfinden, was das Problem sei: Er darf nur eines mitnehmen, wenn er auch eine leere Flasche abgibt. Grummelnd und sichtlich angeschlagen kramt er also in seinen Taschen nach leeren Bierflaschen, die wir zum Glück tatsächlich oft haben, da wir -sehr deutsch- unseren Glasmüll mitnehmen, bis wir einen Glascontainer finden. Auch wenn das erst 60 km oder auch zwei Tage später der Fall ist. Wir vermuten, dass diese illustre Regelung an der Laden- und Dorfgröße liegt, tauschen eine leere gegen eine volle Flasche und setzen die Reise fort.

Über die platte Kornkammer Serbiens, durch die wir hier an immer und immer gleichen Feldern fahren, ziehen jetzt dunkle Wolken und plötzlich gießt es wie aus Eimern- nur um eine Stunde später wieder sonnig und trocken zu sein. Da kommen wir in der Regionshauptstadt Batscha Palanka an, wo wir direkt an einem großen Supermarkt stoppen, um die Gemüsevorräte für das Abendessen aufzufüllen. Und man mag es kaum glauben… auch in dem Supermarkt muss Christian alle Debattierkünste hervorzaubern, um eine Flasche Bier kaufen zu dürfen! Nur gegen eine leere Glasflasche, ist das Credo… Serbien und seine Beziehung zu Glasflaschen fangen an, uns ernsthaft Kopfzerbrechen zu bereiten.

Da nun die Sonne aber scheint, es Mittag ist und wir grad eh alle Taschen offen haben, um die neuen Lebensmittel zu verstauen, picknicken wir unser Mittagessen direkt auf dem Supermarktparkplatz, was sich als grandioses Erlebnis entpuppt! Zuerst kommt, als wir da gerade alle vier auf dem Boden um unsere Brote, Aufstriche, Tofupackungen und Gemüse herumsitzen, ein Arbeiter vom Hinterhof des Supermarktes, um uns einfach so eine große Flasche Zitronenlimo dazu zu stellen, lachend und grüßend und sich über uns freuend. Wir freuen uns ebenso, er geht gleich wieder und wir schmausen weiter, nun auch mit Zuckerwasser. Danach kommt ein Mädel in unserem Alter an, wir können die Sprachbarriere keinen halben Zentimeter überwinden, aber die bedeutet uns, dass sie mal eben zehn Minuten in den Supermarkt müsse, kein Schloss dabei habe und wir auf ihr Rad aufpassen sollen. Wir. Die wir da so vertrauenserweckend dreckig und sonnenverbrannt auf dem Parkplatz sitzen. Wir sind schon nur noch am Kichern, der Tag ist herrlich amüsant.

Es geht weiter- ein älterer Herr kommt auf uns zu und erzählt uns auf Deutsch, dass er 20 Jahre in Deutschland gelebt hat, singt ein Loblied auf unsere Heimat, freut sich über uns, meint, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, dazu zu gehören, dann seien die Deutschen auch echt ganz doll nette Leute und zeigt und ein Foto seiner Enkelin. Zucker! Und wird von seiner Frau ins Auto zitiert- woraufhin sich uns vier Teenagermädchen nähern („Sorry! Are you foreigners?!“) , von denen eine echt gut Englisch spricht und uns über unsere Tour ausfragt, sich vor Staunen und Cool-finden gar nicht mehr einkriegt, lacht und strahlt und so offen und herzlich ist, dass wir schnell über Lieblingsbands und meine (Jules) Dreads und Piercings und all so teenagerrelevante Dinge reden. Wir machen ein Gruppenfoto und sie freuen sich ganz doll und drücken uns zum Abschied ganz fest. Wahnsinn, so viel Freundlichkeit in einer Stunde!!

the reeeally nice serbian girls we met having a break at the supermarket parking
the reeeally nice serbian girls we met having a break at the supermarket parking

Es geht weiter, als wir zwei Straßen später noch einmal an einem Straßenstand anhalten, um Honig zu kaufen. Auch dort wird uns zum Beispiel sofort jedem ein Probierlöffelchen in die Hand gedrückt, wir werden in geschliffenem Deutsch über die Honigunterschiede aufgeklärt und können uns auch von dieser kleinen Interaktion nur schwer wieder loseisen. Es wird uns noch mit auf den Weg gegeben, dass Studieren etwas von Gerstern sei, man müsse ein ordentliches Handwerk lernen! Imkern, zm Beispiel! Irre freundlich, diese Serben, wir sind völlig von den Socken!

Abends erreichen wir dann unser Ziel, Novi Sad, die zweitgrößte Stadt Serbiens. Dort haben wir über Couchsurfing einen Host gefunden, den Aleksa. Der nimmt uns liebevoll auf, gibt uns sein Gäste- und sein Wohnzimmer mit den jeweiligen Doppel-Ausziehcouches (!) und kocht auch noch veganes serbisches Abendessen für uns (!!) – nämlich angebratene Zwiebeln mit frischen Kartoffelstampf und Nudeln vermischt, dazu reichlich Paprikagewürz. Omnomnomnom! Er erzählt uns über sein Erleben des Nato-Bombardements in den 90ern, das uns hier viel begegnen wird

Aleksa, thanks a lot!
Aleksa, thanks a lot!

Thank you, Aleksa, soo much for everything, for the warm home and warm you and shared stories and warm, delicious meal, the city tour and… And hope to see you on the road, soon, or hope to be your host in Germany

Den folgenden Tag verbringen wir auch noch bei Aleksa bzw. in Novi Sad, alle machen die Stadt-Dinge, die man immer so macht… Rumfahren oder lange Schlafen oder Fahrrad putzen oder Sachen reparieren oder Postkarten kaufen… Und, na klar, gehen wieder unserem Lieblingshobby nach: das Zuhause eines netten Gastgebers mit Wäschenleinenfallen auskleiden und überall ganz viel Chaos machen.

Hier wird jetzt auch die Kette vom Christian getauscht, nachdem sie mit seiner Elberadweg-Tour und unserem jetzigen Abenteuer 2600 km in den Gliedern hat.

28.9.

Novi Sad – Belgrad

Wir schaffen es das allererste Mal in unserer Geschichte, von einem Stadtaufenthalt recht frühzeitig aufzubrechen, weil wir alle wissen, dass wir heute ca. 100 recht hügelige Kilometer fahren müssen, um abends in Belgrad anzukommen. Dort haben wir schon ein Hostelzimmer mit fünf Betten gebucht- fünf! Weil Marcel heut Abend zu uns stoßen wird!! Der sitzt wohl im Zug von Budapest und dümpelt uns entspannt hinterher, die Taschen hoffentlich! wie gewünscht mit veganen und fairen Schokoladen, Brotaufstrichen, einem Rad-Rückspiegel für Jule, Kettenspray etc. pp. vollgepackt!

Die Strecke fährt sich enorm gut, wir sind sehr schnell und weil Jule und ihr Navi noch eine wunderbare Abkürzung ohne Straßenbelag und mit hohem, äh, Spaßfaktor finden (hüstel hüstel) (nuja, Ena und Jule machts sogar wirklich Spaß…), sind es auch nur irgendwas mit 90 km, bis wir nach Belgrad reinfahren. Ist herrlich, dass wir immer im Abendlicht, zur untergehenden Sonne in Städte eintrudeln, das macht es immer episch und wunderschön. Vor allem Belgrads Vororte sind echt sehenswert, mit fast mediterranen, kleinen, steilen und engen Kopfsteinpflasterstraßen an der Waterfront, breiten Spazierpromenaden und tausend kleinen Buden am Donaustrand.

DSCF2951

Belgrad selber bietet eine enorme Burg, die über uns, die wir am Wasser auf dem Donauradweg fahren, thront, und sonst eine echt graue und leuchtreklame-strotzende Front. Aber dafür finden wir unser Hostel sehr schnell und kriegen auch alle Räder irgendwie unter und ein echt schönes Zimmer, mit Hochbetten mit Kojen-Vorhängen und Bettwäsche und kleinen süßen Lämpchen. Leider ist bis zum Abend in dem Hostel noch eine russiche Hockeymannschaft untergebracht, die sich mit Grölen und rechtsextremen Parolen und Landser-Songs einen Namen macht, weswegen wir uns auch einfach flux in Richtung Bahnhof auf den Weg machen, um Marcel eine Überraschung zu bereiten und ihn abzuholen und zu hoffen, dass die sympathischen Hockeyspieler danach auch einfach verschwunden sind.

Wir verpassen Marcel leider am Belgrader Hauptbahnhof, dafür finden wir hier mal nicht Radreisende, sondern Interrailer, mit denen wir auch ein Bierchen trinken und ihnen beim Gitarre spielen zuhören, und die Hockeyfreunde sind auch weg, als wir dann endlich Marcel im Hostel treffen.

Das gab eine Freude und ein Umarmen, geneigte Leserschaft! Der Marcel ist da! (Und er hat Schokolade mitgebracht!)

Den 29.9. verbringen wir dann wieder als Pausentag in Belgrad, und wir machen all die Stadt-Dinge, die man macht.

Belgrad selber ist sehr interessant, hat unglaublich oft die Nationalität gewechselt, wurde unglaublich oft zerbombt, ungefähr von allen, und schmilzt auch viele Kulturen ein. Wäre auch schön gewesen, hier noch ein paar Tage zu verbringen, aber irgendwie zieht es uns ja doch auch immer ganz schön weiter. Da gibt’s noch so viel mehr zu entdecken, da immer weiter nach Osten!

Mahnmal-Ruinen des Nato-Bombardements in den 1990ern, Belgrad
Mahnmal-Ruinen des Nato-Bombardements in den 1990ern, Belgrad

30.9.

Belgrad – Badestelle Kovin

Dann beginnt der erste Fahrtag zu fünft, an dem wir abends gern in einem Dorf bei Leuten im Garten zelten würden, weil es hier nirgends Wälder gibt, in denen wir uns verstecken könnten. Dabei fragen wir auch an einer Schule, an der wir dann leider nicht zelten können, dafür meint der Mann, den wir fragen, dass er uns zu einem Stadtstrand bringt, an dem es sehr schön ist und wo wir zu dieser Jahreszeit umsonst zelten können. Wir fahren ihm also hinterher, er im Auto mit seiner kleinen Tochter immer voraus und er wartet an den Kreuzungen, bis wir ihn eingeholt haben =) So nett, diese Serben! Die Stelle ist dann auch echt schön, mit einem zu der Uhrzeit langsam nebelumhangenen Weiher zum Baden, kleinen Sitzgruppen und viel Wiese, um die Zelte auszubreiten.

Nachdem ich (Jule) mich bisher nicht so sehr mit Ruhm bekleckert habe, was das Baden in kälteren Gewässern angeht (im Balaton war ich auch nur bis zum Bauch ^^), wurde mir dann geholfen, als ein auf dem Tisch stehender Kocher mit kochendem Nudelwasser umgekippt und mir direkt über die Beine ausgegossen ist. Ziemlich panisch bin ich gleich und ohne auf den Schmerz zu warten in den See gesprungen, um mich zu kühlen, und dann, als ich gemerkt habe, dass dank Mückenschutz-Regenhose nur ein kleiner Teil von meinem Knöchel Verbrennungen abbekommen hat, beruhigt und belustigt im nächtlichen See schwimmen gewesen. Unter den Sternen und durch die Nebelschwaden durch, das war noch richtig schön. Und ein Glück, dass diese blöden Mücken mich zur Regenkleidung animiert haben!

1.10.

Kovin Badestelle – Wohnwagen in Srebrno Jezero

In der Nacht hat es die ganze Zeit ganz seltsame, tiefe, dumpfe, gröhlende, sehr laute und ferne und mit hohen Kreischen durchzogene Geräusche gemacht, weswegen Ena und ich dann morgens so neugierig waren, was diese Höllentor-Sounds macht, dass wir uns mit Marcel entschieden haben, nicht der befestigten, sondern der unbefestigten Routenvariante zu folgen. Bisher war das immer nur eine mittelgute Idee, weil die dick bepackten Räder doch im Matsch oder mit fetten Schlaglöchern und viel Gerumpel leiden, man hier und da eine Satteltasche verliert oder auch einfach Kopfschmerzen bekommt. Aber so haben wir Katharina und Chris auf die Straße gelassen und zu dritt mal geschaut, was da so passiert- und, nachdem wir am Ufer der Donau barfuß durch überschwemmte Straßen waten mussten, haben wir dann einen riesigen Kiesbagger von Ferne in der Donau entdeckt.

Holperholperholper später haben wir dann die anderen beiden an der vereinbarten Kirche wieder getroffen, wo sie mit zwei Französinnen saßen, die ebenfalls dick bepackte Reiseräder dabei hatten und von Frankreich aus die gleiche Tour bis Istanbul fahren, die wir hier auch erleben. Das war spannend, weil sie zum Beispiel immer bei Leuten im Garten schlafen können (sind ja auch nur zwei…) und deswegen viel mehr Kontakt zu Einheimischen haben, als das bei uns der Fall ist. Außerdem haben wir uns gewundert, weil eins der Mädels vorne auch die großen Packtaschen hat, die wir nur hinten haben- das ist ungewöhnlich! Und prinzipiell war es einfach schön und spannend, mal wieder andere Radreisende zu treffen, denn die haben wir seit der Donau bei Wien nicht mehr gesehen.

Ach… Wien…. das war auch schön =) Ich hab gestern Abend noch ein paar Fotos gefunden, die ich nachträglich hochladen werde.

Gegen 14:25 sind wir in Stara Palanka eingefahren, von dem uns eine Fähre über die Donau auf deren rechte Seite bringen sollte, weil auf der linken Seite nun Rumänien anfängt und laut dem Radreiseführer die rechte serbische Seite besser zu befahren ist. Außerdem sind wir doch gerade so begeistert von den netten Serben, die immerzu feundlich grüßend hupen und winken und brüllen, wenn wir an ihnen vorbei fahren, und wo uns schon Schulkinder stolz „Hello!!“ hinterher rufen. Leider fuhr die Fähre um 14:15, Christian hat sie noch von hinten gesehen, und die nächste erst wieder 17:15, also haben wir im Restaurant winzige Portiönchen Touristen-Veräppel-Pommes gegessen, danach unser Picknick auf der Wiese daneben aufgeschlagen, weil wir noch so viel Hunger hatten, und haben in der prächtig warmen Sonne gefaulenzt. Das Wetter ist seit Tagen herrlich, wir sind tagsüber manchmal leicht rot und werden immer brauner, nur nachts wird es wirklich schon ziemlich kalt. Aber die Schlafsäcke und Jacken halten, was sie versprechen.

Touristenfallen-Restaurant =)
Touristenfallen-Restaurant =)

Die Fährfahrt im Sonnenuntergang war unglaublich schön, nur leider ist auf der anderen Seite aufgefallen, dass bei Marcels Rad ganz viele Speichen lose sind, und das musste kurz notdürftig repariert werden. Daher mussten wir den letzten Teil bis zum angepeilten Zeltplatz auf den Schlaglochpisten im Dunkeln fahren, bis uns 5 km vor dem Ziel wieder die Mega-Acht in Marcels Reifen zum Schieben gezwungen hat. Wir haben viel hin und her überlegt, ob wir denn lieber wild zelten sollen, als wirklich den Campingplatz anzusteuern, wurden aber mal wieder mit amüsanten Reisedetails belohnt:

Auf dem Campingplatz wurde uns gesagt, dass es billiger sei, zu fünft einen Wohnwagen zu mieten, als die Zelte aufzustellen. Also hatten wir nun für 10 Euro einen kleinen Wohnwagen für uns, in dem wir gestapelt und verzahnt lustig schlafen konnten.

Marcel beim Reparieren und unser Wohnwagen
Marcel beim Reparieren und unser Wohnwagen

Einen Monat sind wir nun unterwegs! Wahnsinn! Und schön ist diese Reise!!